7. Leseabschnitt: Anfang bis Mitte von "Juli/August 1946" (Seite 308 bis Seite 368)

alasca

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13. Juni 2022
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Konrad kommt wieder zu sich: "... endlich lebe [ich] wie ein Mensch, nicht wie ein gehetztes Tier..." S. 323 "... nach zwei Wintern in Cholod, unter diesen Menschen, die von Stalins Existenz und der Sowjetunion nichts wissen, die gern kämpfen, jagen und weinen, bin ich aufgelebt." S. 324

Mehrfach schon hat er seine Rolle beim Bau des sowjetischen Systems reflektiert und bedauert. S. 323 unten und S. 358.

Die Ljandis praktizieren das System der Gewaltenteilung - Rezis (König) und Wajawadas (Häuptling?) regieren die Gemeinschaft gemeinsam, wobei die Dorfversammlung dem Parlament entspricht.

Ljubow integriert sich komplett durch ihre Liaison mit Wesunas jr., wird sogar schwanger. Krasse Szene mit dem Suizid von Intael, W´s früherer Geliebten. Ljubow erlangt dadurch Respekt und wird künftig gefürchtet. Sie ist das Beispiel für tierhafte Grausamkeit, bedingt durch Notwendigkeit, nicht durch Sadismus. Ist sie ein Mensch?

Amüsiert hat mich die Haltung der Ljandis gegenüber modernen Errungenschaften wie dem Kino: Wie, man guckt anderen beim Leben zu, statt selbst zu leben? (Muss in einem früheren LA gewesen sein, ich finde es gerade nicht.)

Viel Raum nimmt die Diskussion um Sewjer oder Seweras ein, das Land, das auf russischen Karten nicht vorkommt. Das geschilderte Tier klingt wie ein Dinosaurier.

Die Darstellung der schamanischen Riten, insbesondere die (Selbst-)Opferung von Unmun; wie Konrad lapidar ihren Erfolg feststellt: Am nächsten Tag kamen die Rentiere wieder.

1940 nach meiner Rechnung taucht der Flieger zum ersten mal auf, 1941 landet er und Konrad sabotiert das Flugzeug. Ich bin sehr gespannt, was sich daraus alles ergeben wird.

In diesem LA wird der Schwachsinn des Nationalstolzes vorgeführt - was die Ljandis alles für sich reklamieren - es stellt sich raus, ihre Kultur ist, wie jede Kultur, aus Versatzstücken anderer Kulturen zusammengesetzt. Auschra ist die Stimme der Vernunft in Cholod, eine starke Figur.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Ich muss zugeben, dass mich die Geschichte ab hier anfängt zu langweilen.
Twardoch hat hier viele Informationen über Volksgruppen zusammengefasst. Die verschiedenen Mythen gibt es , hier treten sie allerdings gehäuft auf.
Eine Alternative zum Sowjetsystem sind sie für mich nicht.
 

dracoma

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16. September 2022
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... und mich hat der Roman ab hier mit Wucht gepackt.

Das Leben in Cholod wird deswegen so ausführlich geschildert, weil dieser Ort für Widuch zur Heimat wird. Er lernt die Sprache und passt sich den Sitten an. Er erkennt die festen und tradierten Strukturen des Dorfes an, und er erlebt zum ersten Mal seit seiner Trennung von Frau + Töchtern ein menschliches Miteinander. Die Gebräuche sind teilweise archaisch und grausam, und sie folgen desten Riten, wie man an der Opferung von Ullum sieht.
Und zum ersten Mal hört er von dem sagenhaften Sewer, ein vulkanisches Land, das von Mammuts bewohnt wird. Dieses Sewer erinnert mich an das himmlische Jerusalem und das Land, in dem Milch und Honig fließen; ein Traumziel, ein Paradies.

Direkt witzig fand ich die Schilderung, dass auch dem Schamanen - aus dem doch die Seelen des Volkes etc. sprechen - nicht alles geglaubt wird, was er von sich gibt. Wenn den Menschen seine Meinung nicht passt, stimmen sie darüber ab. Eine sehr selbstbewusste Meimnungsfindung! Kein Kadavergehorsam!

Sehr spannend fand ich die Art und Weise, wie die Gefahr Russland in diese festgefügte Gemeinschaft einbricht. Erst die russische Zeitung, dann der Helikopter und ein Jahr später landet schließlich ein Doppeldecker.
Widuch und Ljubow haben beide Angst, und wieder wird der Leser erinnert an den schrecklichen Holodomor, dieses Mal den in der Ukraine (S. 358 ff.).

Die Ljaudis leben zwar abgeschieden, aber sie sind nicht autark. Auschra beschreibt ganz nüchtern den kulturellen Austausch, den sie mit anderen Gemeinschaften pflegen und was sie übernommen haben: Jagd, Hausbau, Bootsbau und so fort.
So etwas lese ich persönlich sehr gerne :) , weil ich Vielfalt und Austausch als Chance sehe.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Diese Gesellschaft scheint mir auch nicht besser als andere, auch wenn die Männer schluchzen dürfen. Aber auch sie quälen Gefangene fürchterlich (313). Wie sie mit den Zähnen die Hoden von Rentieren zermalmen hätte ich auch nicht wissen müssen, auch nicht, dass die Beine eines alten, am Kopf geschlagenen Mannes noch 'lustig' im Schnee zappelten (328). Konrad wird sehr widersprüchlich dargestellt: das findet er lustig, Sklaverei lehnt er ab. Aber so sind sie, die Menschen...

Die Geschichte mit dem Verschwinden der Rentiere und den Maßnahmen danach finde ich wieder zu langatmig und dass die Rentiere zurückkehren – unglaubwürdig. Aber ich war froh, dass diese Episode damit endlich ein Ende hatte.

Und dann wird Konrad wieder ordinär, so oft wie er das Wort 'Fötzchen' benutzt, Damenf... Ach, wie niedlich.

Dass Twardoch den Russen verständlicherweise nicht wohlgesonnen ist, kommt jetzt immer stärker durch (359 u.) und bezieht sich sicherlich auf den heutigen Krieg mit der Ukraine: '...hinterlässt nichts als Brandreste und Knochen... 360 o.)​
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Diese Gesellschaft scheint mir auch nicht besser als andere, auch wenn die Männer schluchzen dürfen. Aber auch sie quälen Gefangene fürchterlich (313). Wie sie mit den Zähnen die Hoden von Rentieren zermalmen hätte ich auch nicht wissen müssen, auch nicht, dass die Beine eines alten, am Kopf geschlagenen Mannes noch 'lustig' im Schnee zappelten (328). Konrad wird sehr widersprüchlich dargestellt: das findet er lustig, Sklaverei lehnt er ab. Aber so sind sie, die Menschen...

Die Geschichte mit dem Verschwinden der Rentiere und den Maßnahmen danach finde ich wieder zu langatmig und dass die Rentiere zurückkehren – unglaubwürdig. Aber ich war froh, dass diese Episode damit endlich ein Ende hatte.

Und dann wird Konrad wieder ordinär, so oft wie er das Wort 'Fötzchen' benutzt, Damenf... Ach, wie niedlich.​
Auch mir wird das zu viel. Der Mensch ist böse, ich habe es verstanden.
Völlig. Dabei will Twardoch Religion doch ad absurdum führen.
Dieses ganze WildesvolkDing ist mir zuwider
Mir auch. Was mir anfangs notwendig erschien, widert mich mittlerweile an. Ich mag keine weiteren Grausamkeiten mehr lesen.
 

Anjuta

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8. Januar 2016
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Essen
Eine Alternative zum Sowjetsystem sind sie für mich nicht.
Aber als genau das beschreibt drr Autor Cholod. Im 7. LA wird die Sowjetunion zunehmend als Gefahr für alle und jeden geschildert. Als Ausbund des Bösen, vor dem man sich unbedingt retten muss. Cholod ist dabei die Rettung für Konrad und Ljubow. Die Forscher, die die Siedlung mit dem Flugzeug entdecken, sind Bedrohung allein weil sie die gekappte Verbindung zum Sowjetsystem wieder herzustellen drohen. Die Besonderheit von Cholod - die absolute Abgeschiedenheit - erscheint als einziger Weg sich vor diesem vernichtenden System zu retten. Ist diese Schilderung des absoluten Bösen nicht etwas reichlich platt und simpel. Ja, irgendwie schon, aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Ljubow hat da ein recht überzeugendes Beispiel:
das habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie in Kuban, wo man einen trockenen Halm in den Boden stecken kann und er wächst und bringt Früchte, so fruchtbar ist dort die Erde, wie in Kuban die Menschen vor Hunger starben …. Aber in diesen Feldern standen bewaffnete Reiter … so kommt Russland, so hat es sich auch uns geholt, Russland holt sich alle auf dieselbe Art, verdaut sie und scheißt sie aus….
Und doch - bei allem, was wir derzeit mit Russland erleben, muss ich diese Zuspitzung im Roman noch verarbeiten und drüber grübeln und auch, ob die reichlich ausufernde Schilderung Cholods aus den beiden LAs zuvor durch diese absolute Aussage gerechtfertigt werden kann. Mal sehen, wie es sich auf das Ende des Romans zubewegt.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Twardochs Ton und Erzählweise gefällt mit immer weniger. Ficken und Fotzen nehmen überhand.
Die "magischen Momente", als die Rentiere verschwinden und ein Opfer dargebracht werden soll, lösen sich wieder in Gewalt und Sex auf. In diesem Spiel darf Konrad sogar noch einen "Helden" spielen, indem er nicht mit Ullum schläft und "Verständnis" hat. Überflüssigerweise ausgewalzt, lässt diese Schilderung den "Wahrheitsgehalt" schrumpfen.
Überflüssig auch Konrads Gedanken an die 58erin der Ljubow. Er sinniert darüber, was passiert wäre, wenn er sie lebend angetroffen und vielleicht Ljubow hätte umbringen müssen. Er lässt diesen Gedanken wieder fallen, als ihm einfällt, dass sie lesbisch war... also für ihn unbrauchbar?!

Einigermaßen "lustig" fand ich die Überlegungen Konrads, als er die Zeitungsausschnitte interpretiert. Er sieht Moskau "näherrücken", wünscht den Polen aber nicht mit Stalin zu paktieren, nichtsahnend, was ein Herr H. mit den Polen vorhat.

Und nun kommen die Russen. Cholod ist dem Untergang geweiht. Das wissen Konrad und Ljubow. Sie verstecken sich und sabotieren das Flugzeug. Aktionfilmtauglich natürlich der Fund der Walther PP samt Munition... warum muss ich an James Bond denken?
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
... und mich hat der Roman ab hier mit Wucht gepackt.
Ich beneide dich. Für mich ist er eine einzige Qual. Schon lange hat mich ein Roman so überhaupt nicht erreicht - wobei ich die kunstvollen Sätze durchaus bewundere. Inhaltlich versuche ich, die Gewalt und die Fäkalsprache nicht an mich heranzulassen. Das Märchen zum Beispiel: Was soll das? Ekelhaft und für mich sinnfrei. Und selbst wenn ich einen Sinn erkennen würde (ich versuche, nicht darüber nachzudenken), ich wollte es nicht lesen.

Diese Gesellschaft scheint mir auch nicht besser als andere, auch wenn die Männer schluchzen dürfen.
Keinen Deut, auch wenn die Folklore vordergründig davon abzulenken versucht. Für einzelne vielleicht, aber die gab es bei Stalin auch.

Ich mag nicht mehr! :apenosee
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Das Märchen zum Beispiel: Was soll das? Ekelhaft und für mich sinnfrei. Und selbst wenn ich einen Sinn erkennen würde (ich versuche, nicht darüber nachzudenken), ich wollte es nicht lesen.
Ja, auch das. Warum?
Ich mag nicht mehr
Das kann ich nachvollziehen. Ich habe mich bei fortschreitender Lektüre tatsächlich oft gefragt, wie es Dir wohl dabei geht. Du warst ja wie ich angetan von dem Roman.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Die Besonderheit von Cholod - die absolute Abgeschiedenheit - erscheint als einziger Weg sich vor diesem vernichtenden System zu retten
Klingt logisch. Du gibst den ausufernden Episoden zumindest einen tieferen Sinn.
ob die reichlich ausufernde Schilderung Cholods aus den beiden LAs zuvor durch diese absolute Aussage gerechtfertigt werden kann
Bestimmt liegst du mit deiner Interpretation richtig. Mich würde interessieren, wie ein Leser, der gerne Abenteuerromane wie "In die Wildnis" oder "Seewolf" liest, diese lang gestreckten Szenen empfinden würde. Für diesen Roman sind wir zu zart besaitet.
Das Märchen zum Beispiel: Was soll das?
Zum Glück habe ich es nur quer gelesen. Denn anschließend sagte Kontad ja selbst, dass es keinen Sinn habe.


Ich bin leiderleider im Team Ruth/Barbara/Federfee. Die Russlandkritik sticht hervor. Gefahr ist im Verzug. Das ganze Drumherum liest sich ungemein quälend. Dieses unbekannte Land könnte eine Zuflucht werden.
 

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