6. Leseabschnitt: Buch Drei, Erster Teil (Seite 317 bis 392)

Irisblatt

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15. April 2022
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Bis sie dann nach Dakar ? ging und die Verse fand, die Siga D. an Hütteinnenwände schrieb.
Ich finde es auch schwer in diesem Abschnitt die unterschiedlichen Erzählfäden nicht zu verlieren bzw. nicht durcheinander zu bringen. Ich dachte, die Verse an den Hüttenwänden seien von der haitianischen Schriftstellerin. Mhh? Wie auch immer - letztendlich haben sich die beiden dadurch gefunden, wer auch immer da geschrieben haben mag. :apenosee
 

Barbara62

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19. März 2020
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Die politische Lage im Senegal ist aufgeheizt. Diégane verspricht seinem aktivistischen Freund "einen großen politischen Roman" zu schreiben. Ist das die Inspiration, die er braucht? Ist das das Buch, das uns vorliegt? Er erkennt, dass die Literatur das Wichtige in seinen Lebensgleichungen ist.
Es muss schon ätzend für Diégane sein, wer ihm alles wie in sein Schreiben hineinredet: Aida, Chérif, senegalesische Facebook-Follower, die französische Literaturkritik... Dabei gibt es nur einen, von dem er sich beeinflussen lassen möchte:

"Ich bin hierhergekommen, um den Schriftsteller zu suchen, von dem ich lernen will, was für ein Schriftsteller ich sein werde." (S. 369)

Ich war auch überrascht, dass wir Diégane nun noch einmal in den Senegal begleiten. Meiner Ansicht nach möchte uns Sarr hier verdeutlichen, was es heißt, Schriftsteller in der Fremde zu sein. Zwei Nationen üben Kritik, jede zerrt ihn in eine andere Richtung.

Ich hadere etwas mit den Zeitangaben, die mir gar nicht logisch erscheinen. Nach dem 2. Weltkrieg reist Elimane durch Deutschland, Dänemark, Schweden usw. und beginnt mit der Suche nach wem auch immer. 1949 kommt er in Argentinien an und bleibt dort bis 1969. 1969 hat er nach eigener Aussage 20 Jahre gesucht und laut Seite 384 war er 30 Jahre in Lateinamerika. Als ob das Buch nicht auch ohne diesen Kuddelmuddel der Zeitangaben schon komplex genug wäre.

Ansonsten lese ich gern weiter und bin gespannt wie ein Flitzebogen auf das Ende. Mein Bauch sagt mir, dass er weder Charles noch seinen Vater oder seine Mutter sucht. Aber wen dann???

Überhaupt ist das große Hauptthema des Romans nicht die Literatur und das Schreiben, wie ich lange dachte, auch nicht Rassismus und Heimatlosigkeit, sondern die Suche. Denn eigentlich suchen doch alles nach irgendwas oder irgendwem.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Schriftsteller in der Fremde zu sein. Zwei Nationen üben Kritik, jede zerrt ihn in eine andere Richtung.
Sehr schön herausgearbeitet. Er zeigt das aber nebenbei, ohne Pathos in seinen Geschichten.
Als ob das Buch nicht auch ohne diesen Kuddelmuddel der Zeitangaben schon komplex genug wäre.
Stimmt. Ich erspare mir diese Rechnerei generell.
sondern die Suche.
Ja. Das hat schon jemand gesagt und es stimmt.
Er hätte auch einen anderen Beruf ergreifen können, wenn es ihm so nicht gefällt.
Oooch Wanda. Sei doch nicht immer so "fix und fertig". Es ist ein Roman. Sarr hat ihn so geschrieben. Dein Vorschlag ist nicht zielführend und dass du das Buch nicht so magst, haben wir verstanden.

Es kommt deutlich zum Ausdruck, dass Diegane die Schriftstellerei als Berufung empfindet.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Dein Vorschlag ist nicht zielführend und dass du das Buch nicht so magst, haben wir verstanden.
So stimmt das aber gar nicht. Ich finde die Idee einer Buchsuche generell albern, aber dennoch habe ich Sarrs Roman ganz gerne gelesen, sein Labyrinth war anregend. Also kann man nicht sagen, dass ich das Buch nicht mag, aber ich mag gewisse Dinge daran nicht.
Ausserdem hat sich gerade dieser Beitrag gar nicht auf das Buch bezogen, sondern auf die Leserin; denn tatsächlich, wenn man einen Beruf ergreift, bei dem man in der Öffentlichkeit stehen wird, wird man immer mit Kritik rechnen müssen. Egal woher, es kommt welche. Es ist deshalb falsches Mitleid.
 
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Barbara62

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denn tatsächlich, wenn man einen Beruf ergreift, bei dem man in der Öffentlichkeit stehen wird, wird man immer mit Kritik rechnen müssen. Egal woher, es kommt welche. Es ist deshalb falsches Mitleid.
Ich denke schon, dass sich dieses Problem bei Autorinnen und Autoren mit zwei Kulturkreisen noch einmal anders darstellt. Es braucht kein Mitleid, denn das ist natürlich auch eine Chance, aber Verständnis, und dem bereitet Sarr den Boden.
 

petraellen

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Wie Elimanes Buch in Senegal aufgenommen wurde, wissen wir gar nichts.
Das ist richtig. "Elimanes Werk habe aufgrund seines kurzen Lebens in der französischen Literatur (er beharrte ausdrücklich auf der -französischen -) im Senegal nicht entdeckt werden können. " (S. 19) Offensichtlich ist dem Literaturbetrieb in Frankreich erfolgreich gelungen, ihre Herrschaft im Senegal vertuschen zu können. So zu tun, als ob Frankreich nicht Kolonialsatoren waren? Und warum soll das nun mit zwei Kulturkreisen nichts zu tun haben? Hätte Senegal gesagt das stimmt nicht? Das hat sehr wohl etwas mit beiden Kulturkreisen zu tun.
 

Barbara62

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Wie Elimanes Buch in Senegal aufgenommen wurde, wissen wir gar nichts. Oder? Also zieht das mit den beiden Kulturkreisen nicht.
Aber welche Erwartungen an Diégane als in Frankreich lebender Schriftsteller im Senegal gestellt wurden - politische Positionierung während der Krise - sehr wohl. Meine Posts bezogen sich auf Diégane.

Und Elimane hat seiner Mutter und seinem Onkel in seinem Brief versprochen, als erfolgreicher Schriftsteller zurückzukehren, was ja so auch nicht funktioniert hat.
 

milkysilvermoon

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13. Oktober 2017
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Uff, Sarr macht es uns aber nicht leicht. Kurz vor dem Endspurt noch mal ein verwirrender und wenig geschmeidiger Abschnitt. Ich hatte mir etwas mehr Zug erwartet. Tatsächlich fand ich diesen Teil dann aber recht anstrengend.

Auch inhaltlich gibt es im Roman interessantere Abschnitte. Ich hatte mehrfach das Gefühl, den roten Faden zu verlieren. Dennoch sind meine Erwartungen an den letzten Abschnitt nun hoch.
 

Die Häsin

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11. Dezember 2019
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Kann mir vielleicht jemand helfen? Ich stehe noch ganz am Anfang dieses LA, weil auf S. 321 der Name Fatima Diop auftaucht und ich spontan sicher war, dass von ihr früher schon mal die Rede war. Ich habe das ganze Buch nochmal durchgeblättert und mir ein paar Notizen gemacht, den Namen aber nicht gefunden. Erinnert sich jemand, ob Fatima Diop schon in einem früheren LA vorkam?
 
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Die Häsin

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Rhönrand bei Fulda
"Ein bisschen viel von allem", wie es weiter oben einmal hieß, wird es mir jetzt auch. Andererseits gefällt es mir, dass nun endlich auch mal im Senegal der Gegenwart Anker geworfen wird - das war mir jedenfalls wichtiger als der Strang in Lateinamerika, auf den ich vielleicht ganz gut hätte verzichten können. Mich stört die beharrliche Bezeichnung "die haitianische Dichterin" - für mich ist es immer etwas störend, wenn wichtigen Figuren kein Name gegönnt wird, obwohl es ein interessantes Stilmittel sein kann. Und vor allem hat es mich geärgert, wie der Charakter Gombrowicz' ausgewalzt wird. Immerhin ein Mensch, den es wirklich gegeben hat ... *

"Wie dem auch sei, über das Exil gibt es nichts zu sagen. Ich kenne kein langweiligeres Thema auf der Welt. (...) Die meisten Exilanten hassen diese Frage. MIch interessiert sie eigentlich nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Und jetzt, liebes Mädchen von der schönen und heißblütigen Insel Haiti, lass uns vögeln ..."
(S. 346)
Hätte ein europäischer Autor so etwas geschrieben, würde er vermutlich in der Luft zerrissen, und Sarr legt diesen Satz einem europäischen Autoren (nämlich Gombrowicz) in den Mund. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll, vielleicht ist es ironisch gemeint, aber mir wäre lieber gewesen, wenn eine von Sarr erfundene Figur das gesagt hätte. In diesem fast letzten LA, wo politische Tragödien immer mehr Raum einnehmen, empfinde ich die Liebesgeschichten ganz allgemein zunehmend als Fremdkörper.

Elimanes Vater bzw. Ziehvater ist also als "tirailleur" verheizt worden. Ich vermute, dass der Brief irgendwo in der Nähe des Soldatenfriedhofs an offizieller Stelle aufbewahrt wurde. Es gibt sicher für viele dieser Friedhöfe eine Art Depot, wo persönliche Habseligkeiten gefallener Soldaten, die nicht an Hinterbliebene zugestellt werden können, gelagert sind. Mir hat diese Stelle gut getan, ich hatte nämlich kurz vorher schon Zweifel, ob Elimane überhaupt als Person existiert. Es gibt da in den Erinnerungen der haitianischen Dichterin eine Stelle, wo sie eindringlich beschreibt, wie groß und breit Elimane sei - da hatte ich endgültig ein Gefühl der Unwirklichkeit, und wenn am Ende herauskäme, dass Elimane so etwas wie der ewige Jude oder eine Art Golem ist, hätte mich das nicht mehr gewundert.


*) "Ferdydurke", das - abgesehen von den Tagebüchern - als Gombrowicz' Hauptwerk gilt, habe ich noch auf der Bucketlist für schlechte Zeiten, aber der Sarr hat dieses Buch nun ein Stückweit nach oben rutschen lassen. Ich habe es mir auf die Wunschliste gelegt. "Die Besessenen" von Gombrowicz habe ich sogar zweimal gelesen, es ist ein sehr originelles, witziges Buch.
 

luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Ich habe irgendwie wahnsinnig lange für diesen Abschnitt gebraucht, weil ich ihn ehrlich gesagt recht zäh fand. Es ist ein ehrenwertes Anliegen Sarrs den Blick auch auf die politische und gesellschaftliche Situation im Senegal zu richten und ich kann es nachvollziehen. Doch für mich ist es insgesamt zu viel von allem.
Ganz mein Empfinden. Habe ich im vorangegangenen Abschnitt heute Morgen noch den fünf Sternen entgegengejubelt, bin ich nun doch etwas ernüchtert. Dieser Abschnitt hat mich über weite Strecken gelangweilt, weder fand ich die Erzählstimme der haitianischen Dichterin noch die inhaltlichen Eskapaden in Buenos Aires oder das politische Geschehen im Senegal wahnsinnig aufregend oder inspirierend. Ich habe den Roman in diesem Teil als etwas redundant und dabei inhaltlich zu ambitioniert empfunden. Als müsse Sarr sich nun doch noch aufraffen etwas aktuelle Politik einzubringen - er ist wie Diégane eben kein politischer Autor ;) - (und als habe er weder so recht Lust dazu, noch eine rechte Idee) - es wirkt für mich "abgehandelt", da Elimane an diesem Punkt schon ziemlich auserzählt ist. Sollte das Objekt seiner Suche sich uns endgültig nicht erschliessen, dann war es tatsächlich hinsichtlich Elimanes überflüssiger Abschnitt. Denn ich erfahre über ihn doch nur im Biographem etwas wirklich Interessantes (wenn auch nichts Neues). Ich hoffe, dass Sarr den Roman jetzt zumindest stilsicher über die Ziellinie bringt, sonst werde ich für LA 1&2 und diesen doch Abzüge bei den Sternchen in Erwägung ziehen.

Und warum eigentlich Argentinien? Weil Südamerika auch die Heimat des magischen Realismus ist?

Am stärksten fand ich diesmal das Biographem.
Ich auch. Das hätte mir als LA gereicht!;)