5. Leseabschnitt: Teil III - Kapitel 1 bis 12 (Seite 269 bis Ende)

Julea56

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7. Juli 2023
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Ich finde es ein bisschen schade, dass Everett diese Frage (Krieg, Abschaffung der Sklaverei) nur kurz anreißt,
Ich glaube auch, dass Everett das eben gerade deshalb nicht betonen möchte, weil es sozusagen "egal" ist, genau wie es James egal ist. James kann nicht darauf warten, dass sich irgendwelche Umstände ändern, er muss selbst für Veränderung sorgen und aktiv werden.
 

dracoma

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16. September 2022
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und nach dem Töten von Bösen wird angerissen und nicht weiter verfolgt.
Was das angeht, lässt er John Locke für sich sprechen. Und der erlaubt das Selbstverteidigungsrecht (s. o.).
Ich finde es ein bisschen schade, dass Everett diese Frage (Krieg, Abschaffung der Sklaverei) nur kurz anreißt, aber es würde wahrscheinlich den Rahmen des Buches sprengen, sich näher damit zu beschäftigen. Eine Demontage des hehren (angeblichen) Ziels der Abschaffung der Sklaverei?
Je genau; das war nicht das eigentliche Ziel des Sezessionskrieges, aber es machte sich so gut, weil es so edel und nobel klang!
Ich kann verstehen, dass Everett den Krieg so gut wie außen vor lässt; das hätte zu weit geführt. Jim führt seinen persönlichen Krieg.

Mir war nur aufgefallen, dass die Unionssoldaten eher mitleidsvoll gezeichnet werden, mit Kindergesicht etc. Es heißt sonst immer, dass sie sengend und mordend durch den Süden zogen und Zivilisten nicht schonten. Bei Everett könnte man ein anderes Bild bekommen.
 

dracoma

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16. September 2022
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Ich hadere mit dem Schluss. Jim/James als der große Rächer mit einem schlauen Plan - die reinste Räuberpistole. Ich habe zwar keine andere Idee :party, und der Autor ist vielleicht auch nicht so glücklich mit der amerikanischen Schießerei.

Allerdings relativiert er Freiheit auch hier (wie schon vorher mehrmals): James trifft im freien Iowa auf Misstrauen. Frei ist James also noch lange nicht.
 

Literaturhexle

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Ihr habt so viele kluge Dinge gesagt, die ich unmöglich alle kommentieren kann. Mit meiner Meinung über das Buch befinde ich mich bei der Mehrheit, ich habe es sehr gerne gelesen und kann Wandas Kritik ehrlich gesagt überhaupt nicht nachvollziehen. Spätestens in der Danksagung, in der der Autor auf das langersehnte Mittagessen mit Mark Twain hinweist, wird deutlich, dass Everett den Autor eher als Vorbild wahrnimmt und dessen Werk mit Sicherheit nicht diskreditieren will.

Der Kriegsanfang gibt uns ein wenig Hoffnung auf ein gutes Ende für James und seine Familie. Das Ende finde ich wunderbar!
Etwas sonderbar indessen, dass Huck James´ Sohn sein soll. Ich glaube, den Twist einigermaßen zu verstehen, finde ihn aber überflüssig. In dem Punkt hätte man beim Original bleiben können, diese Vater-Sohn-Geschichte hätte ich nicht gebraucht.

Der Perspektivenwechsel indessen ist eine Bereicherung. Diese Sklavenzeiten waren unglaublich hart und wurden getragen von einer Meute räudiger Sadisten, die Spaß daran hatten, Schwarze zu quälen, zu demütigen und zu schikanieren. Es ist derselbe Sadismus, der im Nazi-Deutschland aus vermeintlich normalen Menschen hervorquoll, wenn sie Juden vor sich hatten. Beraubst du eine Menschengruppe ihrer Menschenrechte, erwachsen Unterdrücker, die Freude am Sadismus haben. Das wird in diesem Roman sehr ungeschönt und deutlich gezeigt. Mit dieser Historie müssen die Amerikaner (die ja überwiegend aus eingewanderten Europäern bestanden) zurecht kommen. Leider wirkt da vieles bis in die Gegenwart nach.

Mit der Zuchtfarm macht Everett einen Bereich auf, den ich noch nicht kannte, dessen Existenz aber völlig logisch klingt. Ihr habt ja nachgeschaut, dass es die Farmen wirklich gab. Es wundert mich, dass die Aufseher gar keine Angst hatten, dass sich ihr überlegenes Erbgut mit dem der Untermenschen mischt. So weit haben sie nicht gedacht, sondern den kurzen Moment der Ekstase genossen.

Die Dialoge machen James Position überaus deutlich. Kluge Sätze aus seinen Büchern fließen ein. Herrlich, dass er Hopkins zur Strecke bringt, Richter Thatcher eine Lehre erteilt und letzten Endes seine Familie befreien kann. Sein Zorn ist im Verlauf der Geschichte kontinuierlich angewachsen. Dass das Ende geschönt und nicht wirklich realistisch ist (ist es das nicht;)): geschenkt!

Im Buch sind Jim und Huck eine ganze Zeit getrennt. Huck ist mit den beiden falschen Adligen unterwegs, die von einem Betrug zum nächsten schlittern und letztlich den falschen Bruder mimen, um an ein großes Erbe zu kommen. In dieser Zeit haben wir uns in Teil 2 und 3 befunden. Ein interessanter Coup des Autors!
 

dracoma

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16. September 2022
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Der Kriegsanfang gibt uns ein wenig Hoffnung auf ein gutes Ende für James und seine Familie.
Da muss ich Dir leider bisschen widersprechen, auch wenn ich die Textstellen nicht mehr finde. Everett differenziert hier nämlich, was mir gut gefällt.
Jim spricht davon, dass sie nie komplett frei (wie es seine Dialogpartner im Traum formulieren) sein werden. Er setzt keine Hoffnungen auf den Krieg, weil er erkennt, das der Krieg andere Ursachen und andere Ziele hat.
Woher er das weiß? Bleibt offen.
Für mich und mein Seelchen war das der perfekte Schluss.
Na gut, dann will ich Dir das gönnen.
Ich habe ja leider auch keine andere Idee.
 

Literaturhexle

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Everett differenziert hier nämlich, was mir gut gefällt.
Das habe ich auch wahrgenommen. Er bleibt realistisch. In gewisser Weise hält "der Rassen-Krieg" ja auch bis heute an und Everett will ein zeitgenössisches Werk liefern. Ich denke, das halbwegs versöhnliche Ende ist wirklich dem Original geschuldet, dem Abenteuerroman.
 

RuLeka

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Deswegen denke ich, dass Jim sich in seinen "Träumen" so etwas wie eine Legitimation seiner Gewaltanwendungen holt. Und damit seine Skrupel überwindet.
Das klingt einleuchtend.
Jim macht sich nochmals klar, dass nur Gewalt das System der Sklaverei gestützt hat.
Wie bei jedem autoritären System.
Ich finde es sehr unrealistisch, dass Jim hier durchblickt: "Ich sah deutlicher, klarer, weiter" (S. 312).
Es passt zu dieser intelligenten reflektierten Figur. Und gleichzeitig glaube ich auch, dass schon damals viele Sklaven gemerkt haben, dass es nicht in erster Linie um ihre Befreiung ging.
dem Punkt hätte man beim Original bleiben können, diese Vater-Sohn-Geschichte hätte ich nicht gebraucht.
Fand ich auch überflüssig. Warum hat Everett diesen Twist gebraucht.
Vielleicht für dieses Gespräch zwischen den beiden auf S. 276
Es wundert mich, dass die Aufseher gar keine Angst hatten, dass sich ihr überlegenes Erbgut mit dem der Untermenschen mischt. So weit haben sie nicht gedacht, sondern den kurzen Moment der Ekstase genossen.
Diese Rassenmischung war den weißen Männern doch egal. Wie viele schwarze Kinder gab es, die einen weißen Vater haben? Unendlich viele.
Everett differenziert hier nämlich, was mir gut gefällt.
Ja, Everett siedelt seine Geschichte zeitlich zwar näher an den Bürgerkrieg , doch für ihn war der keineswegs die große Sklavenbefreiung.
 

dracoma

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dass Everett den Autor eher als Vorbild wahrnimmt und dessen Werk mit Sicherheit nicht diskreditieren will.
Nein, auf gar keinen Fall. Everett bewundert die Erzählkunst Marc Twains, und für mich ist "James" auch eine Geste des Respekts vor diesem Autor.
Wie bei jedem autoritären System.
Ja... auch heute... ich darf an die vielen Hinrichtungen von jungen Leuten im Iran gar nicht denken.
doch für ihn war der keineswegs die große Sklavenbefreiung.
Genau, und das weiß Everett natürlich ganz genau. In den Südstaaten gab es die sog. Black Codes, die die Sklavenbefreiung de facto wieder aufhoben.
Everett lässt Jim selber auch eine neue Form der Versklavung erkennen: die Schuldknechtschaft.
Mir gefällt die ruhige und unaufdringliche Art, wie Everett differenziert.
 

Sassenach123

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(Zuchtfarmen)
Diese Zuchtfarmen gab es tatsächlich. Der Hintergrund ist der, dass ab dem frühen 19. Jhdt der "Import" von Schwarzen nachließ, weil Großbritannien und auch die USA den Handel verboten. Sklaven wurden also zur Mangel"ware" und mussten im Lande "produziert" werden.

Jim sieht diesen kapitalistischen Hintergrund sehr genau, wenn er (Traum von Cunegonde) den Sklaven als Vermögenswert bezeichnet.
Ich hatte vorher noch nie etwas darüber gehört, und gehofft, dass der Autor sich hier ein paar Freiheiten herausgenommen hat.
 
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Sassenach123

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Obwohl der Roman ja immer wieder die abenteuerlichen Elemente des Originals von Twain aufgreift, kommt unheimlich viel Tiefgang durch. Hier im letzten Abschnitt habe ich das besonders stark wahrgenommen. Jim wurde nie als gewaltätig beschrieben, doch jeder Mensch kann diese Grenze überschreiten, wenn ihm nur genug schlimmes passiert. Mitanzusehen wie Katie geschändet wird und nichts tun zu können, hat wohl den ersten Schalter umgelegt. Das Thatcher ihn erwischt hat war Pech, geplant war das von Jim ja nicht in mitzunehmen und am Baum zu fesseln, und außerdem gehe ich davon aus, dass er sich selbst befreien kann, oder gefunden wird.
Der Besitzer der Farm hätte auch nicht gezögert Jim zu töten, alles in allem alles Taten, die nachvollziehbar und der Situation geschuldet waren.
 

Sassenach123

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Was ist die Botschaft?
Für mich ist es die, dass jeder Mensch selbstbestimmt Leben und entscheiden können darf. Realistisch hierbei ist, dass der Autor am Ende klar macht, dass dies für Jim/James immer noch nicht erreicht ist
Was denkt ihr, warum ist der Schluss so, wie er ist?
Der Schluss wirkt ja auf den ersten Blick positiv, wenn da nicht ein paar Andeutungen wären. Der Autor packt wohl die Zukunft mit hinein.
Ja. Objekt brutaler Gewalt zu sein macht niemanden zu einem besseren Menschen. Wie auch?
Nein, das sieht man ja hier an James. Er hätte ohne seine Erlebnisse diese Taten wohl nie begangen
Huck fragt sich und Jim, ob er jetzt ein Nigger ist – Frage nach der Identität
Ja, aber ich habe mich in Bezug auf Huck gefragt, ob es für ihn nicht besser gewesen wäre nicht zu erfahren, dass Jim sein Vater ist. Jim hat ihm zwar gute Argumente geliefert warum Huck dort bleiben soll, ist sicher auch das Beste, er hat als „Weißer“ dort ja tatsächlich nichts zu befürchten. Aber es muss schrecklich für den Jungen sein, dass Gefühl zu haben, dass Jim nur Sadie und Lizzie als echte Familie ansieht und nur mit ihnen zusammen sein will
Der nächste Schritt wäre dann folgerichtig, die rückwirkende Geschichtskorrektur - so wie man es ja auch in Russland macht.
Das erinnert mich jetzt an 1984
 

Literaturhexle

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Obwohl der Roman ja immer wieder die abenteuerlichen Elemente des Originals von Twain aufgreift, kommt unheimlich viel Tiefgang durch.
Ich habe das Hörbuch zum Original jetzt durch, was zum Ende hin in einen Abenteuerklamauk mündet, der die Zielgruppe begeistern dürfte. Tom taucht wieder auf und die beiden Kinder sprühen vor Ideen. Jim spielt dabei eine dümmlich-naive Rolle, er muss jeden Scheiß mitmachen, den sich "Master" Tom ausdenkt. Er wird gekettet und gebunden in einem Verschlag untergebracht wie ein Hund. Seine furchtbare Sprache erwähnte ich schon. Seine Eigentümerin hat ihn im Testament quasi befreit, Familie scheint er nicht zu haben. Die Figur ist zwar herzensgut angelegt, aber langweilig und dumm. Jim spielt eben eine Nebenrolle, denkt selten eigenständig.
"James" ist ein völlig anderes Buch geworden, das einen anderen Fokus hat, den wir hier vielfältig zusammengetragen haben.
 

Wandablue

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Brandenburg
Vielleicht eine Message im Sinne von "Alle Menschen sind Brüder"?
Oder: die Wahrheit ist immer die bessere Entscheidung. Der Leserundendiskussion zufolge nur logisch. Wenn James Selbstermächtigung der Sinn ist, dann doch auch die von Huck. Er muss selbst über sein Leben (und dessen Teile) bestimmen können, das kann er nur, wenn er alles über sich weiß.
 

RuLeka

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Jim spielt dabei eine dümmlich-naive Rolle, er muss jeden Scheiß mitmachen, den sich "Master" Tom ausdenkt. Er wird gekettet und gebunden in einem Verschlag untergebracht wie ein Hund. Seine furchtbare Sprache erwähnte ich schon. Seine Eigentümerin hat ihn im Testament quasi befreit, Familie scheint er nicht zu haben. Die Figur ist zwar herzensgut angelegt, aber langweilig und dumm. Jim spielt eben eine Nebenrolle, denkt selten eigenständig.
Wie mag es sich für schwarze Leser / Kinder/ Jugendliche angefühlt haben, dann diesen Klassiker zu lesen?
 
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Literaturhexle

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Wie mag es sich für schwarze Leser / Kinder/ Jugendliche angefühlt haben, dann diesen Klassiker zu lesen?
Man darf sich ja generell nicht mit jeder Romanfigur identifizieren, auch wenn sie Parallelen mit einem selbst aufweist. Der Jugendroman ist ein Spiegel seiner Zeit, der die Willkür der Sklaverei abbildet (allerdings wird vom Hängen und Peitschen nur gesprochen). Es gibt auch bescheuerte Weiße - man sollte sich nicht alles zu eigen machen.

Zumindest Everett scheint aber ein Unbehagen empfunden zu haben, was ihn zu "James" inspiriert hat.
 
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RuLeka

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30. Januar 2018
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Zur Frage, warum Everett James zu Hucks Vater gemacht hat:
Ich habe das Original bisher noch nicht zu Ende gelesen, aber im Wikipedia- Artikel steht folgendes: Das ist das erste Mal, dass Jim etwas für einen weißen Menschen fordert. Huck erklärt sich das folgendermaßen: „Ich wusste immer, dass er innerlich weiß ist, also ist das in Ordnung.“
Wenn Twain, als Erklärung für Jims Verhalten einem Weißen gegenüber, meint, Jim sei innerlich weiß, macht dann Everett Huck zu einem Weißen mit schwarzem Vater .
Ich weiß nicht, ob ihr meine Gedankengänge nachvollziehen könnt, oder ob das etwas weit hergeholt ist.