5. Leseabschnitt: Teil III - Kapitel 1 bis 12 (Seite 269 bis Ende)

GAIA

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27. Dezember 2021
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Thüringen
Der letzte Abschnitt hat mir fast am meisten gefallen. Hier wird deutlich, wie stark Everett nun vom Original inhaltlich abweicht. Natürlich bezogen auf die große Klammer, dass im Original Jim bei der Flucht geholfen wird, weil ihm Huck hilft und letztlich ganz frei wird, weil es im Testament von von Miss Watson steht. Also eine passive Freiheiterlangung. Hier allerdings taucht ab einem bestimmten Punkt, der nun eindeutig als solcher benannter, Sohn von Jim/James, Huck, gar nicht mehr auf. James befreit sich mit eigenen, durchaus brutalen Mitteln selbst und seine Familie gleich mit. Huck kommt auch nicht mit nach Norden. James weiß, dass Huck als - auf den ersten und zweiten Blick - Weißer (von dem im ort bekannt ist, dass die Mutter und der Vater beide Weiße waren), auch ohne ihn zurecht kommen wird. Und hier kommt auch die Verzahnung wieder zu den originaltitelgebenden "Abenteuern des Huck Finn": S. 291 "Willst du als Sklave gelten? Das willst du nicht, das kann ich dir sagen. Niemand will das. Das ist kein lustiges Abenteuer, Huck." ... Nein, ist es wahrlich nicht!

Seine Frau und die Tochter wären jedoch dem (wahrscheinlich langsamen und grauenvollen) Untergang auf der Farm des "Züchters" geweiht. Ich muss zugeben, obwohl ich schon einige Literatur zur Sklaverei gelesen habe, habe ich bisher noch nie von gezielten "Zuchtfarmen" gelesen. Eigentlich ist es eine vollkommen logische Konsequenz daraus, dass Sklaven/Schwarze Tieren gleichgestellt wurden und es damit auch Vermehrer gegeben hat, die nur damit ihr Geld verdient haben. Bisher ist mir allerdings nur die Variante untergekommen, dass Kinder quasi "nebenbei" auf Plantagen entstanden sind und dann bereitwillig weiterverkauft wurden.

Ein bisschen merkwürdig finde ich das Stilmittel der Träume (in diesem Abschnitt ab S. 298) in diesem Roman. So richtig wollen sie sich für mich nicht in den Gesamtstil einfädeln. Der Traum scheint ja dem Autor wichtig zu sein. Ebenso die Cunégonde und dass diese "am Ende der Geschichte wiederkommt". Hier musste ich googlen und habe gefunden, dass es sich um eine Figur in einem Voltaire-Roman handelt:
Man könnte nun meinen, dass gemeint ist, dass James seine Frau wiederfinden wird. Oder? Irgendwie kann ich mit der Traumsequenz nicht so viel anfangen, wie damit scheinbar etwas angefangen werden sollte.

Später stellt Everett noch einmal heraus, wie beängstigend, weil machtgefährdend die Sprache/Wissen/Bildung für die Unterdrücker war S. 316: "Ich hatte noch nie einen weißen Mann so von Angst erfüllt gesehen. [...] meine Sprache, der Umstand, dass ich nicht seinen Erwartungen entsprach, dass ich lesen konnte."

Und auch wichtig, neben einigen anderen Stellen in diesem LA, ist, wie James auf S. 324 die auf der Zuchtfarm Angeketteten als "Männer" bezeichnet, "Erstens, weil sie Männer waren, und zweitens, weil sie es hören mussten." Die Feststellung,dass sie keine Zuchtbullen, sondern Männer/Menschen sind und, dass man dies durchaus vergessen kann, wenn man so behandelt wird und das so angesprochen werden schon einen wichtigen Unterschied macht.

Letztlich ist die eigene Bezeichnung, nicht als beliebige Kurzform und "Verniedlichung" (sage ich jetzt einfach mal, weil mir gerade keine bessere Beschreibung einfällt) "Jim", der Sklavenname, sondern "James", ein würdevollerer, selbstgewählter Name, der runde Abschluss für diesen Roman, der letztlich nicht mehr viel mit der Vorlage zu tun hat.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
2.294
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Thüringen
Es entspricht dem natürlichen ? Gerechtigkeitsempfinden, wenn aus James ein Racherambo wird
Meinem "natürlichen" GFerechtigkeitsempfinden entspricht es nicht. Ich fand es schade bzw. mir hat es leid- oder wehgetan (finde gerade nicht das richtige Wort dafür), dass James dazu greift. Ich hätte ihn als Leserin natürlich gern als jemanden erlebt, der über der Gewalt der Weißen steht und anders aus der Situation rauskommt. Aber das entspricht nicht den damaligen Gegebenheiten. Es galt die Selbstjustiz für Weiße, aber nicht für Schwarze. Die andere Variante wäre nur der Tod für unseren Protagonisten gewesen (was die realistischste wäre, aber wir haben hier ja ein fiktives Werk vor uns) oder auf die Gunst von Weißen zu hoffen (siehe Originalende). Everett hat seinen Protagonisten nicht sterben lassen wollen, also folgt als Umkehrschluss, dass er selbst Gewalt anwendet, um frei zu kommen.
Was ist die Botschaft?
Vielleicht, dass eben auch Sklaven nicht ethisch-moralisch frei von aus unserer heutiger Sicht "falschen" Verhaltensweisen sind. Dass sie, wenn es die Umstände erforderten, genau zu den Verhaltensweisen greifen, die auch die Weißen immerzu ihnen gegenüber angewandt haben, weil die Alternative wäre, dass sie selbst (in unserem Falle Jim/James) mit großer Wahrscheinlichkeit umgekommen wären.
Als "Rache" sehe ich hier übrigens "nur" die Szene mit Hopkins (hieß er so? der Vergewaltiger?). Den hätte er nicht umbringen müssen, um zu überleben. Den Züchter allerdings schon, der hätte ihn sonst als Erster erschossen. In der Szene mit Hopkins wird beschrieben, wie Jim/James mittlerweile es vollkommen egal ist, dass er einen menschen erwürgt und dass genau das das Angsteinflößenste für Hopkins ist. Diese Gleichgültigkeit. Vielleicht wollte Everett darauf hinaus: Wenn du einen Menschen so viel Leid und Gewalt erfahren lässt, dann entsteht so eine Abspaltung von Gefühlen und bringt ihn näher an ebensolche brutalen Taten. Dass es irgendwann zu viel ist und er über die Kante geschubst wurde, durch das Erlebte und Mitangesehene. Im Englsichen fällt mir da nur das "It pushed him over the edge." ein.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Ich hätte ihn als Leserin natürlich gern als jemanden erlebt, der über der Gewalt der Weißen steht und anders aus der Situation rauskommt
Dann wäre der Roman völlig zu einem Märchen geworden.
Vielleicht wollte Everett darauf hinaus: Wenn du einen Menschen so viel Leid und Gewalt erfahren lässt, dann entsteht so eine Abspaltung von Gefühlen und bringt ihn näher an ebensolche brutalen Taten. Dass es irgendwann zu viel ist und er über die Kante geschubst wurde, durch das Erlebte und Mitangesehene
Ja. Objekt brutaler Gewalt zu sein macht niemanden zu einem besseren Menschen. Wie auch?
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Ich muss zugeben ,dass mich das Ende befriedigt hat. Ich konnte James‘ Rachefeldzug verstehen und billigen. Ich war früher ein Anhänger von Pazifismus. Doch die Realität hat mich gelehrt, dass man dadurch zwar ein besserer Mensch ist, aber die Welt überhaupt nicht besser wird.
James ist selbst erschrocken über sich, wie gefühllos er geworden ist. Aber nur in Bezug auf seine Peiniger. Für seine Familie tut er weiterhin alles, riskiert beständig sein Leben.
Auch dass er Norman nicht retten konnte, belastet ihn.
Was will uns Everett sagen? Verlass Dich nicht darauf, dass Dich jemand rettet. Auch der Krieg hat andere Ziele verfolgt. Die Abschaffung der Sklaverei war zweit - oder drittrangig.
Du musst selbst Deine Fesseln lösen und für Deine Freiheit kämpfen.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Interessante Gespräche zwischen Jim und Huck, aber alles nur kurz angerissen. Irgendwie rauscht das alles an mir vorbei.

Der liebe Huck will den Verletzten der Schiffskatastrophe helfen, was natürlich nicht geht. Er möchte auch wissen, warum Jim ihn gerettet hat und nicht Norman. Die Auskunft, dass er sein Sohn sei, irritiert Huck und wirft weitere Fragen auf, z.B. nach der Identität. Huck fragt sich und Jim, ob er jetzt ein Nigger ist – Frage nach der Identität. Schöne Antwort, aber ein bisschen zu klischeehaft: 'Du kannst sein, was du willst.' (274) - 'Lebe einfach. Du kannst frei sein, wenn du dich dafür entscheidest. Du kannst weiß sein, wenn du dich dafür entscheidest.' (276). Ich glaube nicht, dass es so einfach ist.

Auch die Frage nach dem Krieg und nach dem Töten von Bösen wird angerissen und nicht weiter verfolgt. Allerdings ähnelt die Bemerkung 'jeden Tag dem Tod ins Auge sehen und tun, was einem andere sagen' der Sklaverei. - 'War es böse, Böses zu töten?' (308)​
 

Federfee

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13. Januar 2023
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obwohl ich schon einige Literatur zur Sklaverei gelesen habe, habe ich bisher noch nie von gezielten "Zuchtfarmen" gelesen.
In dem Zusammenhang ich auch nicht, aber die Nazis hatten das ja auch.
Irgendwie kann ich mit der Traumsequenz nicht so viel anfangen, wie damit scheinbar etwas angefangen werden sollte.
Ich auch nicht, habe aber auch keine Lust stundenlang darüber nachzudenken, wie Everett es gemeint haben könnte.
wie beängstigend, weil machtgefährdend die Sprache/Wissen/Bildung für die Unterdrücker war
Das ist sie, die Bildung, immer und zu allen Zeiten. Wenn es eine Chance auf Besserung gibt, dann das: mehr Wissen, mehr Bildung!
Es entspricht dem natürlichen ? Gerechtigkeitsempfinden, wenn aus James ein Racherambo wird - dem Geist der Vorlage entspricht es nicht.
Einen Vergleich mit der Vorlage kann ich nicht ziehen (ist zu lange her), aber ich glaube auch, dass die meisten ein solches Empfinden haben. James bzw. Everett stellt ja selbst diese Frage, ob es böse sein, Böse zu töten.
Ich muss zugeben ,dass mich das Ende befriedigt hat. Ich konnte James‘ Rachefeldzug verstehen und billigen.
Es gibt viele Bücher (vor allem Krimis und Thriller), wo auch immer diese Frage auftaucht und - mich jedenfalls - den Leser in ein Dilemma stürzt. Für mich habe ich das so beantwortet, dass Selbstjustiz rechtlich zu verurteilen, menschlich aber meist verständlich ist.
Ich war früher ein Anhänger von Pazifismus. Doch die Realität hat mich gelehrt, dass man dadurch zwar ein besserer Mensch ist, aber die Welt überhaupt nicht besser wird.
Es tut mir richtig gut, zu lesen, dass du zu dieser Erkenntnis gelangt bist, ich nämlich auch. Und ich hadere immer noch ein bisschen damit, dass ich meine Meinung ändern musste.
Verlass Dich nicht darauf, dass Dich jemand rettet. Auch der Krieg hat andere Ziele verfolgt. Die Abschaffung der Sklaverei war zweit - oder drittrangig.
Ich finde es ein bisschen schade, dass Everett diese Frage (Krieg, Abschaffung der Sklaverei) nur kurz anreißt, aber es würde wahrscheinlich den Rahmen des Buches sprengen, sich näher damit zu beschäftigen. Eine Demontage des hehren (angeblichen) Ziels der Abschaffung der Sklaverei?
Du musst selbst Deine Fesseln lösen und für Deine Freiheit kämpfen.
DAS könnte die Botschaft sein.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Rein inhaltlich konnte ich mit dem letzten Abschnitt am meisten anfangen. Jim bekennt seine Vaterschaft zu Huck, was ja schon die ganze Zeit angedeutet wurde. Außerdem nähert er sich seiner Heimat und sieht ein, dass er wohl keine Chance hat, seine Frau und seine Tochter zurückzukaufen. Seine Abgeklärtheit kehrt zurück und auch sein Mut für weitere Pläne.
Nun klingt Jim eher wie ein Mensch, der genug Leid erfahren hat und anfängt sich zu wehren.
Was denkt ihr, warum ist der Schluss so, wie er ist?
Der Schluss macht Hoffnung auf "bessere Zeiten" für alle Unterdrückten, aber gleichzeitig ist er auch eine Warnung an die Unterdrücker, dass irgendwann die Zeit der Rache da ist.
Warum verlangt man von Opfern immer, dass sie die besseren Menschen sind?
Wohl nicht. Aber Opfer sind jetzt Menschen mit entsprechenden Erfahrungen und werden zukünftig anders handeln. Vielleicht nicht unbedingt besser, aber anders.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Ja. Wenn man den Opfern übel nimmt, dass sie mit den gleichen Mitteln zurückschlagen.
Äh ... kommt jetzt drauf an. Du redest jetzt vom Buch - nicht von RL?
ich denke da z.B. an den Prozeß Bachmeier, war es Bachmeier, als die Mama den Täter im Gerichtssaal erschossen hat.
Gemeint im Buch ist, dass von den Opfern mit der Forderung, sie sollen vergeben, bzw. auch mit dem TäterOpferAusgleich auch vom Opfer noch einmal Entgegenkommen verlangt würde. Aber man kann es auch anders sehen. Vergebung ist nicht leicht, bringt aber auf lange Sicht Seelenruhe. Davon abgesehen liegt der Fehler darin Vergebung zu fordern/zu verlangen. Vergebung kann nur geschenkt werden. Und vor allem: nicht sofort.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Jetzt seht mal, was ich in einer James-Rezension gefunden habe:
"An keiner Stelle wirkt dieser Roman wie eine Nachahmung. Ganz im Gegenteil: Es drängt sich mir der Eindruck auf, jedenfalls in seinem längst überfälligen Perspektivwechsel, seiner erschreckenden Aktualität, und politischen Dimension, d i e s müsse das Original sein und Die Abenteuer des Tom Sawyer das Remake."
What did I say?
Natürlich haben "die Kinder von heute" nicht mehr viel Hintergrund - Weltliteratur ist nur noch als Wort (vielleicht, wenn man Glück hat) vorhanden - echtes Wissen (Kennen) gar nicht.
Zur Unterhaltung über OriginalErsetzung oder nicht von @Literaturhexle und mir. Klar - es ist eine Einzelstimme. Aber denkt euch jetzt - das Buch wird in der Schule gelesen ... wo Kids sowie so nicht mehr viel lesen.
Ach ja ... verbrennt doch gleich alles Alte.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Jetzt seht mal, was ich in einer James-Rezension gefunden habe:
"An keiner Stelle wirkt dieser Roman wie eine Nachahmung. Ganz im Gegenteil: Es drängt sich mir der Eindruck auf, jedenfalls in seinem längst überfälligen Perspektivwechsel, seiner erschreckenden Aktualität, und politischen Dimension, d i e s müsse das Original sein und Die Abenteuer des Tom Sawyer das Remake."
What did I say?
Natürlich haben "die Kinder von heute" nicht mehr viel Hintergrund - Weltliteratur ist nur noch als Wort (vielleicht, wenn man Glück hat) vorhanden - echtes Wissen (Kennen) gar nicht.
Zur Unterhaltung über OriginalErsetzung oder nicht von @Literaturhexle und mir. Klar - es ist eine Einzelstimme. Aber denkt euch jetzt - das Buch wird in der Schule gelesen ... wo Kids sowie so nicht mehr viel lesen.
Ach ja ... verbrennt doch gleich alles Alte.
Was wäre das Problem, wenn Kinder heute in der Schule Everett lesen? Vielleicht hätten dann dunkelhäutige Kids eine Identifikationsfigur in einem Buch .
Das Problem ist, dass heute nur noch wenige lesen. Und nicht, dass die Klassiker vernachlässigt werden.
Davon abgesehen ist der Kanon der Weltliteratur eindeutig weiß und männlich. Wenn man in einer veränderten Welt den Blick auf andere Perspektiven zulässt, ist das nur recht und billig.
Mark Twain wird nicht aus den Bibliotheken verbannt. Wer will, kann ihn lesen. Wer Everett lesen möchte, darf das auch. Unsere Welt wird das aushalten.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Mark Twain wird nicht aus den Bibliotheken verbannt. Wer will, kann ihn lesen. Wer Everett lesen möchte, darf das auch. Unsere Welt wird das aushalten.
Darum gehts doch gar nicht. Mir nicht. Müsstest du eigentlich wissen. Es geht darum, dass es eine Bewegung gibt, die die Weltliteratur nicht so aushalten kann, wenn es schon um Aushalten gehen sollte, wie sie nun einmal entstanden und gewesen ist.
Der nächste Schritt wäre dann folgerichtig, die rückwirkende Geschichtskorrektur - so wie man es ja auch in Russland macht.
 

Emswashed

Bekanntes Mitglied
9. Mai 2020
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Davon abgesehen ist der Kanon der Weltliteratur eindeutig weiß und männlich. Wenn man in einer veränderten Welt den Blick auf andere Perspektiven zulässt, ist das nur recht und billig.
Da stimme ich Dir zu. Allerdings kann ich den James nicht ohne Twains Huck lesen (zumindest ansatzweise kennen), denn dann wären in James Sprünge und Ungereimtheiten drin, die jetzt mit Parodie erklärt werden.
James ist eher eine Fan-Fiction.