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Rezension (5/5*) Erwartung von Jussi Adler-Olsen

Dieses Thema im Forum "Krimis & Thriller" wurde erstellt von Dani, 11. März 2015.

  1. Dani

    Dani Bekanntes Mitglied

    Registriert seit:
    24. Februar 2015
    Beiträge:
    24
    Zustimmungen:
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    In Zeiten, in denen über die politische Korrektheit der Namensgebung einer Zigeunersoße diskutiert wird, erreicht Jussi Adler-Olsen mit seinem fünften Band um den knurrigen Polizisten Carl Mørck eine tagesaktuelle Brisanz. Organisierte Kriminalität im Milieu der Roma und Sinti, Korruption in Zeiten der Finanzkrise, das immer wachsame Auge von Mørcks syrischem Assistenten Assad – das sind nur einige Stichworte dessen, worum es in „Erwartung“ geht.

    Marco ist fünfzehn und hasst sein Leben in einem Clan, dessen Mitglieder von ihrem gewalttätigen und zynischen Anführer Zola in die Kriminalität gezwungen werden. Als er sein Sklavendasein nicht mehr aushält und flieht, stößt er ganz in der Nähe von Zolas Wohnsitz auf eine Männerleiche …

    Die Suche nach dem Mörder führt Carl, Assad, Rose und Gordon, den Neuen im Sonderdezernat Q, tief hinein in das Netzwerk der Kopenhagener Unterwelt, in den Sumpf von Korruption und schweren Verbrechen in Politik und Finanzwelt- und sie zieht Kreise bis in den afrikanischen Dschungel.

    Adler-Olsen schafft es, die verschiedenen Settings und Handlungsstränge kunstvoll, aber mühelos miteinander zu verflechten. Der Beginn in Afrika erstaunt, doch schon bald wird klar: Alles hat mit allem zu tun. Und im Zentrum steht der fünfzehnjährige Marco, der zu einer Bande krimineller Roma und Sinti gehört und sich nichts mehr wünscht als das ganz normale Leben eines Jugendlichen seines Alters. Seine Aufgewecktheit und insbesondere sein Bildungshunger sind Zola schon lange ein Dorn im Auge, so dass Marcos Flucht aus seiner Bande zu einem frühen Zeitpunkt der Erzählung nur folgerichtig erscheint. Damit erreicht die Handlung sofort eine Dynamik, die es schwer macht, das Buch wieder aus der Hand zu legen.

    Carl, Assad und Rose schlittern, wie so oft, mehr zufällig ins Geschehen, bevor sie die Ermittlungen aufnehmen. Das ganze Drama entspinnt sich um einen Vermißten namens William Stark, über dessen Leiche Marco bei seiner abenteuerlichen Flucht stolpert. Bei Stark laufen die Fäden zusammen, der im Finanzsektor tätige Mann war seinerzeit nach einem Afrika-Aufenthalt verschwunden. Seinen Mördern ist es natürlich ein Dorn im Auge, dass Marco von der Existenz der Leiche weiß – gleichzeitig ohne sich ihrer Bedeutung bewusst zu sein. Allerdings sind jetzt alle hinter ihm her: seine eigene Bande und korrupte Banker. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

    Die Spannung ist gleich zu Beginn der Handlung hoch und verliert auch im weiteren Verlauf nicht mehr an Intensität. Das liegt vor allem an Marco, dessen erwachendes moralisches Bewusstsein ihn früh zum Sympathieträger macht. Seine zerrissene Figur ist jederzeit glaubwürdig und zieht den Leser mit einem gewitzten Charme auf seine Seite. 
Das Lesevergnügen wird daneben aber auch durch Mørcks knurrigen Sarkasmus hochgehalten, denn der resignierte Kommissar kommentiert wie immer die Ereignisse in seinem Umfeld gedanklich bissig und witzig zugleich:

    Nicht viele im Präsidium wagten es, ihm so persönliche Fragen zu stellen. Allerdings gab es auch nicht viele, die eine Antwort erwarten durften. Und schon gar nicht einer von diesen Grützköpfen hier.


    Aber neben personellen Veränderungen in der polizeilichen Führungsetage macht auch Assistent Assad Mørck das Leben schwer – sei es mit Gleichnissen von Kamelen oder nahöstlicher Musik:

    Und bevor Carl auch nur hätte Piep sagen können, dröhnte flächendeckendes Klangbombardement durch das winzige Büro. 
„Donnerwetter“, rief er und schaute sehnsüchtig zur Tür. 
„Das sind Kazamada. Die spielen gemeinsam mit allen möglichen Musikern aus der arabischen Welt“, rief Assad zurück. 
Carl nickte, das bezweifelte er nicht. Das Problem war vielleicht nur, dass Kazamada mit ihnen allen gleichzeitig spielten. Vorsichtig drückte er auf die Stopp-Taste.
Die Stille war ohrenbetäubend.


    Wie schon in der Vergangenheit schreibt Adler-Olsen pointiert, witzig, spannend und dabei anspruchsvoll. Einzig zum Ende hin verstrickt er sich ein wenig in den sich überschlagenden Ereignissen, so dass stellenweise sowohl die Logik als auch der Stil einige Brüche hinnehmen müssen. Letzteres mag durchaus auch der Übersetzung geschuldet sein. Beides fällt jedoch nicht stark ins Gewicht. 
Überraschender erscheint da das beinahe unrealistisch positiv gefärbte Ende, vor allem im Gegensatz etwa zum Ende des ersten Teils der Reihe, „Erbarmen“. Darin war ein fröhlicherer Ausgang leichter zu erreichen gewesen und deshalb schmerzlich zu vermissen, während Adler-Olsen in „Erwartung“ das Ruder sehr stark herumreißen muss, um die entstandene Misere aufzufangen. Nichtsdestotrotz werden alle Fäden aufgelöst und der Leser legt das Buch zufrieden und bestens unterhalten aus der Hand.​
     
    #1 Dani, 11. März 2015
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 27. Juni 2017
  2. supportadmin

    supportadmin Administrator

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    Hey Dani, ich habe mir erlaubt das Buch zu ergänzen.
     
  3. Dani

    Dani Bekanntes Mitglied

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    Klar, gerne ... wie geht das denn? Ich oute mich mal als nichtwissend ...
     
  4. Christer Tholin

    Christer Tholin Bekanntes Mitglied
    1. Christer Tholin

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  5. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Forumlegende

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  6. Christer Tholin

    Christer Tholin Bekanntes Mitglied
    1. Christer Tholin

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    Hallo Helmut,

    Dies ist ja eine Reihe, auch wenn jedes Buch einen unabhängigen Fall schildert. Ich würde daher mit dem ersten anfangen, damit du die persönliche Geschichte von Carl und den Kollegen von vorne mitbekommst: "Erbarmen" ist das Erste.
    Dann hat Jussi noch ein paar andere ausserhalb der Mørck-Reihe geschrieben - die kenne ich aber nicht (ich bin ein Serien-Fan).
     
  7. Helmut Pöll

    Helmut Pöll Forumlegende

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