4. Leseabschnitt: Teil V (Seite 153 bis 193)

Literaturhexle

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Alicia steht offenbar unter besonderer Beobachtung wegen Suizidgefahr- eine Maßnahme, die sie längst kennt. Sie wirkt überhaupt so reflektiert und überlegen, dass man kaum glauben kann, dass sie sich freiwillig eingewiesen hat. Wo ist der Leidensdruck, der dazu geführt hat? Kam sie mit dem Koma ihres Bruders doch schlechter zurecht, als es scheint, oder brauchte sie schlicht Aufmerksamkeit und einen Gesprächspartner?
Der Therapeut muss glauben, dass die Patientin die Ärztin ist. Dass sie die Wahrheit über sich selbst enthält. 155
Andererseits verabscheut sie angeblich Menschen, die sie reparieren wollen. Das passt nicht so richtig zusammen.

Es geht um den Zwerg, das Unterbewusstsein und um Träume. Der Zwerg hat was Beleidigendes. Der Vergleich mit den Delfinen, die angeblich zwei Gehirne haben...

In Alicias Vita wird deutlich, welch ein Wunderkind sie ist. Universitätsabschluss in nur zwei Jahren. An der Promotion scheitert sie, weil sie ihr keinen Rahmen setzen kann, weil sich in ihr immer neue Fragen und Theorien auftun... Sie hat ein Gehirn, dass offenbar nie zur Ruhe kommt. Die mathematischen Exkurse kann ich nicht wiedergeben. Nur dieses hübsche Zitat dazu:
Wenn man zwei Tomaten mit zwei Tomaten multipliziert, erhält man nicht vier Tomaten, sondern zwei Tomaten hoch zwei. 167
Ein Stipendium an der IHES fängt Alicia auf, endlich hat sie Kollegen, mit denen sie auf Augenhöhe reden kann. Hochinteressant, wenn auch im Kern nichts Neues, ihre Ausführungen zu ihren Nachteilen als hochbegabte Frau 171. Man darf nicht vergessen, wir befinden uns im Jahr 1972.

Auch Dr Cohen erzählt einiges Persönliche aus seinem Leben. Er gibt zu, dass er nicht allen Patienten helfen kann.

Alicias Familie war problematisch, stammte ursprünglich aus Rumänien. Der verrückte Onkel steigt zu ihr ins Bett, die Großmutter ist überfordert, der Bruder der Beschützer. Liebt Alicia ihren Bruder? Dieses "Nein. Es war umgekehrt", "Kein Inzest. Nur eine Sehnsucht", lassen darauf schließen, zumal sie das Thema anschließend wieder abwendet.
Ihr Bruder scheint nicht unter denselben Dämonen zu leiden wie Alicia.

Beklemmend die Auseinandersetzung mit verschiedenen Todesarten. Den Wassertod hat sie bis ins Detail ausgearbeitet... Man darf nicht zuviel wissen, wenn man sich umbringen will, scheint mir. Wer will schon in Panik ersticken?!
Ich hatte immer die Vorstellung, dass ich nicht gefunden werden wollte. Dass es, wenn jemand stirbt und niemand es weiß, fast so ist, als wäre man nie hier gewesen. 184
Naive Vorstellung. Was ist mit den ewig suchenden, in Ungewissheit lebenden Angehörigen? (Insider: Das Zitat erinnert mich an Jinn aus den Kuchenanwendungen;))

Den Archatron gibt es nur in diesem Buch. Eine mordende Phantasiegestalt?

Prof. Jung in seinem Burghölzi wird erwähnt. Auch den haben wir jüngst "Im Ungewissen" getroffen. Was sind wir für belesene Leute! (Leider mit mageren Mathematik-Kenntnissen...)

Insgesamt hat mich dieser Abschnitt etwas weniger gefesselt. Aber ich bin gespannt, wie es weitergeht, welches Ende sich McCarthy für sein Opus magnum ausgedacht hat. Ob er alles offen lassen wird?
 

Eulenhaus

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Das Archatron habe ich so verstanden, dass sie es nur einmal gesehen hat. Es ist das Guckloch mit Torwächtern und Schrecklichem dahinter. Es ist wie der Zwerg wohl auch eine Halluzination.
Ihre extreme Einsamkeit und ihr Pessimismus sind wohl auch eine Erklärung für ihren präzise durchdachten Selbstmordversuch auf dem Lake Tahoe.
 

Eulenhaus

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Mit 14 ist sie leidenschaftlich in ihren Bruder verliebt. Sie geht „flittchenhaft“ angezogen mit ihm aus und erklärt anderen gegenüber, dass sie verheiratet seien. Als sie Bobby von ihren intimen Träumen mit ihm erzählt, lehnt er eine solche Beziehung ab, oder doch nicht so ganz?
Jetzt bin ich gespannt auf das letzte Gespräch.
 
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Naibenak

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Bin gerade mittendrin in dieser Sitzung und es ermüdet mich zusehends bzgl der Themen. Das illusorische "ich" beispielsweise kapiere ich nicht. Dann die Ausführungen zur Topologie (S. 164/165)...uffz. Auch der Zwerg interessiert mich irgendwie wenig. Ach Mensch, schade. Ich lese jetzt trotzdem mal weiter ;)
 

Naibenak

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Den Wassertod hat sie bis ins Detail ausgearbeitet...
Diese Szene habe ich quergelesen. Gruselig. Man bekommt einen erneuten Einblick in den analytischen, nie zur Ruhe kommenden Geist. Der Hinweis auf den Unterschied zwischen der bewussten Entscheidung zu sterben (z. Bsp. beim Freitod durch ertrinken) und dem Sterben durch das Abstürzen in den Bergen, was nicht bewusst geschieht im Moment des Sturzes, fand ich allerdings spannend...
 

Naibenak

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und ihr Pessimismus sind wohl auch eine Erklärung für ihren präzise durchdachten Selbstmordversuch auf dem Lake Tahoe.
Ja, sie hat einen extremen Pessimismus in sich, der wohl - so nehme ich an- von ihren mathematischen, metaphysischen Erkenntnissen und Erscheinungen herrührt. Sie glaubt, dass alles auf der Welt, jede Religion etc, auf dem Dach des Bösen besteht. Das Böse ist der eigentliche Ursprung der Welt. So verstehe ich es. An solchen Glaubenssätzen würde ich auch zugrunde gehen :/
 

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Diese Szene habe ich quergelesen. Gruselig. Man bekommt einen erneuten Einblick in den analytischen, nie zur Ruhe kommenden Geist. Der Hinweis auf den Unterschied zwischen der bewussten Entscheidung zu sterben (z. Bsp. beim Freitod durch ertrinken) und dem Sterben durch das Abstürzen in den Bergen, was nicht bewusst geschieht im Moment des Sturzes, fand ich allerdings spannend...
Krass- ich glaube, man muss schon sehr verzweifelt sein, sich so eingehend damit auseinanderzusetzen und unterschiedliche Todesarten gegeneinander abzuwägen...
 

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Bei den spezifischen Mathediskursen bin ich raus. Hallo - ich habe Mathe nach der 12 abgewählt - aus gutem Grund. Ich glaube, Aliisa ist hochintelligent. Hochbegabte sind wohl auch deswegen einsam, weil niemand ihnen folgen kann. Sie müssen sich ja permanent unverstanden fühlen.
Ich dachte lange, wieso geht es hier so viel um Mathe und so wenig um Alicia? Doch das täuscht, immer wieder werden Infos eingestreut.
Die Selbstmordphantasien sind beängstigend konkret. Gut, wenn man gefestigt ist und dieses Buch liest. Nicht auszudenken, was ein solches Buch mit einer psychisch labilen Person möglicherweise machen kann? Der Gedanke kam mir gerade so.
 
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Literaturhexle

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Hochbegabte sind wohl auch deswegen einsam, weil niemand ihnen folgen kann. Sie müssen sich ja permanent unverstanden fühlen.
Da sagst du was sehr Richtiges! Vielleicht ist es gerade das, was McCarthy damit auch den weniger Mathematik-Begabten zeigen will. Die hochkomplizierten Denkmuster Alicias werden sehr klar. Sie kann sich nicht einfach mal freuen oder genießen..., weil sofort der Denkapparat anspringt und alles Einfache zunichte macht.
 

Irisblatt

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Sie wirkt überhaupt so reflektiert und überlegen, dass man kaum glauben kann, dass sie sich freiwillig eingewiesen hat. Wo ist der Leidensdruck, der dazu geführt hat?
Da nehme ich Alicia beim Wort. Sie sagt irgendwann relativ zu Beginn, dass sie nicht wusste, wo sie hingehen sollte. Niemand aus ihrer Familie lebt noch ( außer dem Bruder, der im Koma liegt). Freund:innen hat sie keine. In Stella Maris war sie bereits früher einmal. Vielleicht genügt das als Anreiz. Vielleicht hat sie die Hoffnung auf eine Wende in ihrem Leben auch noch nicht aufgegeben - oder ihr Unbewusstes gibt sich nicht mit der Todessehnsucht zufrieden und hat sie dorthin geführt - schließlich ist unser archaisches, unbewusstes Gehirn auf Überleben gepolt.
Vielleicht spielt hier "Stella Maris" auch symbolisch eine Rolle. Stella Maris ist der rettende Stern, der die Richtung weist. Schutzpatronin der Seeleute und all derer, die Orientierung suchen.
Kam sie mit dem Koma ihres Bruders doch schlechter zurecht, als es scheint, oder brauchte sie schlicht Aufmerksamkeit und einen Gesprächspartner?
Beides.
Andererseits verabscheut sie angeblich Menschen, die sie reparieren wollen. Das passt nicht so richtig zusammen.
Sie möchte nicht "repariert"/ therapiert werden, aber sich noch über einiges (was? Ob sie sich umbringen soll?) klar werden.
Den Archatron gibt es nur in diesem Buch. Eine mordende Phantasiegestalt?
Darüber und über seine Deutung/Bedeutung wüsste ich gerne mehr. Wahrscheinlich erfahren wir darüber aber nichts mehr. Warum stehen da Wächter? Wer wird eingelassen? Wer nicht?
Das Archatron habe ich so verstanden, dass sie es nur einmal gesehen hat. Es ist das Guckloch mit Torwächtern und Schrecklichem dahinter.
Stimmt - aber was hat sie da gesehen bzw. von welcher Art "Schrecklichem" sprechen wir hier?
Ihre extreme Einsamkeit und ihr Pessimismus sind wohl auch eine Erklärung für ihren präzise durchdachten Selbstmordversuch auf dem Lake Tahoe.
Das sehe ich auch so.
 

Irisblatt

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Krass- ich glaube, man muss schon sehr verzweifelt sein, sich so eingehend damit auseinanderzusetzen und unterschiedliche Todesarten gegeneinander abzuwägen...
Ich bin mir gar nicht sicher, ob man dafür prinzipiell verzweifelt sein muss. Für einen so analytischen Verstand wie Alicia ihn hat, ist es eigentlich logisch alles zu durchdenken. Warum also nicht auch unterschiedliche Todesarten. Natürlich gibt es speziell bei ihr den Anlass, dass sie tatsächlich über Suizid nachdenkt.
 

Irisblatt

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Den Zwerg finde ich weiterhin eine kuriose Figur. Im Passagier gibt es immer wieder Abschnitte, in denen Alicia mit dem Zwerg und den anderen agiert. Hier wird lediglich verkürztauf diese Szenen verwiesen. Die Auftritte des Zwerges und die Dialoge, die sich zwischen Alicia und dem Zwerg entspinnen, sind abgedreht - sie waren für mich das Beste am Passagier, haben mir richtig gut gefallen. Ich werde sie gezielt noch einmal lesen auch vor dem Hintergrund, welchen Zweck der Zwerg in Alicias Leben einnehmen könnte.

Auf S. 161 sagt Alicia: "Das Unbewusste ist schlicht ein System zum Betrieb eines Tieres. (...) Das meiste von dem, was wir tun, geschieht unbewusst. Das Bewusstsein mit Aufgaben zu betrauen, ist riskant." Das sagt ausgerechnet Alicia, die alles durchdenkt. Vielleicht zögert sie deshalb zu handeln? Erhofft sich eine Erkenntnis aus dem Unbewussten? Etwas, das sie retten könnte?
Auf S. 165/166: "Ich habe erlebt, dass mir Lösungen für Probleme einfach überreicht wurden. Aus dem Nichts". Es ist nicht bekannt, wie das Unbewusste arbeitet - ein Mysterium, das immer wieder geniale Lösungen bereithält. Und schon wieder bin ich an dem Punkt, dass Alicia in Stella Maris auf eine "Lösung" ihres Problems hofft. Ist das verständlich, was ich meine?
 

Literaturhexle

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Und schon wieder bin ich an dem Punkt, dass Alicia in Stella Maris auf eine "Lösung" ihres Problems hofft. Ist das verständlich, was ich meine
Klar! Das hast du gut hergeleitet! Es wird eine Verquickung mehrerer Gründe sein. Sie hat ja nichts zu verlieren gehabt, wenn die Alternative Selbstmord heißt. Auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es nicht an. Vielleicht wollte sie sich einfach noch eine Chance geben - wie unwahrscheinlich eine Lösung im Vorfeld auch ausgesehen hat.

Dinge in Worte zu fassen für einen (unbeteiligten) Dritten hilft ja manchmal. Nicht umsonst haben Leute in Zügen unglaublich intensive Gespräche.
 

Irisblatt

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Dinge in Worte zu fassen für einen (unbeteiligten) Dritten hilft ja manchmal. Nicht umsonst haben Leute in Zügen unglaublich intensive Gespräche.
Passt auch zur ersten Sitzung, in der Alicia klarstellt, dass sie ihre Einwilligung zu Gesprächen, nicht zur Therapie gegeben hat. Da geht es zwar um die Erlaubnis aufzuzeichnen, aber ich übertrage das mal allgemein als expliziten Wunsch "nur" Gespräche führen zu wollen.
 

Sassenach123

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Alicia kann nichts vergessen, sie kann aus jedem je gelesenen Buch zitieren. Zuerst dachte ich, diese Fähigkeit ist erstrebenswert, aber je mehr ich den Dialogen mit Dr. Cohen und ihr folge, umso bewusster wird mir, dass es das nicht ist. Sie kommt überhaupt nicht zur Ruhe, alles muss analysiert werden, selbst banale Ereignisse. Ich stelle mir das schrecklich vor.
Ob sie wirklich eine psychische Erkrankung hat wird immer zweifelhafter. Ich habe auch schon daran gedacht, dass sie diese Halluzination wegen ihres Schlafentzuges hat. Sie schläft ja wirklich wenig, bis überhaupt nicht. Das kann nicht gesund sein, und dem Geist sicherlich so manches vorgaukeln.
Allerdings sehe ich momentan keine Lösung für ihr Problem, da es zwar Medikamente gibt die das abmildern, sie aber keine nehmen möchte. Eine reine Gesprächstherapie lehnt sie ja ebenfalls ab, wobei eine Unterhaltung mit dem Arzt ja eigentlich einer Therapie gleichzusetzen ist. Sage ich jetzt mal einfach so mit meinem Laienwissen
 

Sassenach123

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Sie wirkt überhaupt so reflektiert und überlegen, dass man kaum glauben kann, dass sie sich freiwillig eingewiesen hat. Wo ist der Leidensdruck, der dazu geführt hat?
Einsamkeit vermute ich
Ihr Bruder scheint nicht unter denselben Dämonen zu leiden wie Alicia.
Es wirkt nicht so, allerdings bekommen wir ja nur die Eindrücke von Alicia. Sie wirkt auf mich zwar nicht wie ein unzuverlässiger Erzähler, aber wer weiß……
Ja, sie hat einen extremen Pessimismus in sich, der wohl - so nehme ich an- von ihren mathematischen, metaphysischen Erkenntnissen und Erscheinungen herrührt.
Sie ist ja auch fast ausschließlich damit beschäftigt alles zu hinterfragen. Ich kann mich kaum an normale Dinge erinnern die sie erzählt. Wie auch….Freunde hat sie nicht, da bleibt wieder nur die Fachsimpelei
 

Literaturhexle

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Ob sie wirklich eine psychische Erkrankung hat wird immer zweifelhafter
irgendwas stimmt nicht mit ihr. Primär sehe ich ihre Hochbegabung in der Verantwortung. Begünstigt durch Trauer, wenig Schlaf, Ängste vor Dämonen,...
(Ist aber auch Küchenpsychologie;))

zwar nicht wie ein unzuverlässiger Erzähler,
Das meinte ich nur in dem Sinn, dass sie ausschließlich ihre eigene Perspektive kundtut, die nicht objektiv sein kann.