4. Leseabschnitt: Seite 309 bis Ende

dracoma

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16. September 2022
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ch meine eher den Hinweis, dass die Autorin ihre Figuren in Gerechte und Ungerechte überhaupt einteilt. Das könnte künftige Leser:innen noch früher als uns auf die Spur bringen, wer letztlich überlebt und wer nicht. Und ja, selbst dass Dick stirbt, erfährt man eigentlich erst, wenn man das Buch liest.
Ich verstehe jetzt genauer, was Du meinst. Da müsste ich die Rezension fast komplett umschreiben, aber wieso nicht.

Ich glaube, ich persönlich würde es rausnehmen, aber ich will auch nicht an deiner ansonsten ja wirklich schönen Rezension herumkritisieren.
Jedenfalls hast Du meinen Text gelesen und Dich damit auseinandergesetzt, und das freut mich schon mal. Das empfinde ich nicht als "herumkritisieren".
 
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Barbara62

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19. März 2020
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Er war ein Liberaler. Und er durchschaute die Leute. Allein schon deswegen hätte Kennedy ihn leben lassen können:sad.
Sir Gifford war ein Liberaler. Mr. Siddal war für mich höchstens ein Klugscheißer, der mal so, mal so redete. Geistreich war er ohne Frage, aber hat er die Welt irgendwie weitergebracht? Wenn er wenigstens schlaue Bücher geschrieben hätte, aber selbst dazu war er zu bequem. Nein, es tut mir nicht leid um ihn, sorry.

Mrs. Coves Reise nach London zeigt, dass sie jetzt nicht nur eine emotiomale Distanz, sondern auch eine räumliche Distanz zwischen sich und die Töchter legt.
Und schon bin ich wieder zufrieden :).
Sie hat Mrs Ellis die Gefahr geglaubt und meinte, sie für sich ausnutzen zu können. Sie hoffte, dass die Töchter während ihrer Abwesenheit begraben würden - falsch gedacht. Es ist gar nicht so leicht, drei Töchter loszuwerden... ;)
 

Barbara62

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19. März 2020
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Ihr habt wieder alle so klug geschrieben - und ich setzt nur dagegen, dass ich das Happy End genossen habe und es meine sommerlich-leichte Stimmung beflügelt hat. Man ist also doch nicht umsonst anständig :).

Die politische Diskussion hat mich nicht gelangweilt, im Gegenteil, denn Margaret Kennedy hat eben doch mehr drauf ein "Lädchenbuch". Wie sie im letzten Abschnitt immer wieder das Wort "Riss" einflicht, hat mir sehr gut gefallen, beispielsweise hier:

"Ich glaube nicht, dass der Mensch noch lange existieren wird. Es gibt diesen fatalen Riss in unserer Konstruktion, eine Art moralischer Undurchlässigkeit der Wahrheit, die wir mit dem Verstand durchaus erkennen können." (S. 355)

Dass es lose Fäden gibt, stört mich ebenfalls nicht. Entweder es wäre zu schön geworden, oder man hätte mit dem Ein oder Anderen gehadert. So kann ich mir selbst ausmalen, wie ich es gerne hätte.

Nancibels Weigerung, zu Brian zurückzukehren, hat mich begeistert. Eine Frau, die weiß, was sie will. Sie wird irgendwann den Richtigen finden - oder eben nicht, und trotzdem zufrieden sein. Sie ist modern genug, alleine glücklich zu werden.
 

dracoma

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16. September 2022
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aber hat er die Welt irgendwie weitergebracht?
(Mr Siddal)
Die Welt sicher nicht, aber er hat einige Figuren "weitergebracht", in dem er ihnen philosophisch-moralische Unterstützung gab: Mrs. Paley und Evangeline, wenn er ihnen die Unterschiede zwischen Geduld und Unterwürfigkeit bzw. zwischen Stolz und Selbstachtung klar machte. Beide können dadurch ihr Verhalten anders bewerten und anders leben. Meiner Meinung nach befreit er sie.
der mal so, mal so redete.
An was denkst Du da? Widerspricht er sich?
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Ich bin etwas spät dran und habe jetzt mal all eure versierten Beiträge gelesen. Was ihr da alles gesehen habt! Hut ab! Die Sache mit den 7 Todsünden zum Beispiel... und dass es am Ende tatsächlich 7 Tote gibt. Da wäre ich nie draufgekommen!
Andererseits war mir völlig klar, warum Mrs Cove ihre Töchter im Hotel zurücklassen wollte... So nimmt jeder andere Dinge auf, aber insgesamt habt ihr unheimlich viel zusammengetragen, was das Buch m.E. in Summe weit über einen "unterhaltsamen Sommerkrimi" hinaus befördert. Er hat viel mehr Tiefe, als es zunächst den Anschein hat.

Eure Kritik kann ich weitgehend nicht nachvollziehen. Das "Gelage" mit den unterschiedlichen Gesprächen, die immer lauter und diffuser werden, hat mich auch etwas gelangweilt. Da geht es u.a. um zeitgenössische Fragestellungen, die sich uns nicht o.W. erschließen und Philosophie - beides nicht meine Steckenpferde.

Aber der Rest ist doch prima! Was sollen die beiden Pfarrer nochmal auftreten? Niemand kennt die Verschiedenen so gut wie wir! Ihre Nachrede hätte nur allgemeiner ausfallen können. Nancibel emanzipiert sich von den Männern, zuerst einmal. Mrs Paley kann vielleicht jetzt die Mutter der Cove-Kinder werden. Gerry und Evi werden glücklich, können neu anfangen ohne Ballast im Rücken. Mr Gifford "verlässt" seine Frau und kann trotzdem die Kinder (einschl. Hebe!) behalten. Und so weiter. Was soll man da noch auserzählen? Es wurde alles gesagt. Mehr Details brauche ich nicht;)
 

Literaturhexle

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Schade, dass der Schluss so lahm ist.
Finde ich aber überhaupt nicht! Mir gefällt diese Dramaturgie. Wir wissen ja von Beginn an, was passiert. Dadurch findet man überall kleine Schnipsel der Bestätigung. Auch die Tiere, die die Flucht ergreifen - einfach wunderbar!
Diese Passagen konnten die damaligen englischen Leser wohl besser einordnen.
Das vermute ich eben auch.
Das muss der Leser sich selbst ausdenken. Ich meine, es hätte den Rahmen des Buches gesprengt und es wäre vielleicht kitschig geworden. Es bleibt eben offen wie im wirklichen Leben auch.
Ja. Und viele Lösungen werden mehr als angedeutet, finde ich. Die Cove Kinder wären ohne Mutter z.B. zu bedauern. Aber wir wissen, dass Mrs Paley nichts lieber tun wird, als sie aufzunehmen und dass sie dort eine weitaus bessere Zukunft mit viel Liebe haben werden.
Und was macht Mrs Cove in London?
Hat Barbara schon beantwortet. Die Schlange will aus der sicheren Entfernung den Tod ihrer 3 Blagen beobachten. Wie schon auf dem Todesfelsen...
Mrs Paley verabschiedet sich sehr merkwürdig von Ihrem Mann:
Ja. Der siebte Sinn blitzt hier und da auf. Das hat mir gut gefallen. Auch der Traum oder die beklemmenden Gefühle von Mrs Siddal... Als Leser spürt man das Unheil heranrollen...
Um auf Lots Geschichte zurückzukommen: dann ist es hier tatsächlich so, dass die paar Unschuldigen - die Cove-Kinder - die anderen vor dem Tod retten.
Hervorragend gesehen!
Das könnte künftige Leser:innen noch früher als uns auf die Spur bringen, wer letztlich überlebt und wer nicht. Und ja, selbst dass Dick stirbt, erfährt man eigentlich erst, wenn man das Buch liest.
Ich als einfacher Geist wäre auf die Idee mit den 7 Todsünden niemals gekommen. Es war mir auch am Ende gar nicht soooo wichtig, wer überlebt und wer nicht. Hauptsache, die Sympathieträger leben weiter;)
Ich hatte da einen völlig anderen Fokus als die meisten von euch und bin in diesem Fall froh, etwas hinterher gehinkt zu haben.
Ihr habt wieder alle so klug geschrieben - und ich setzt nur dagegen, dass ich das Happy End genossen habe und es meine sommerlich-leichte Stimmung beflügelt hat. Man ist also doch nicht umsonst anständig :).
Hach ja, Barbara. Man muss es sich doch nicht immer unnötig kompliziert machen, oder???
 

RuLeka

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An was denkst Du da? Widerspricht er sich?
Irgendwo steht, dass er auch genau das Gegenteil überzeugend behaupten hätte können. ( Bin zu faul, die Stelle rauszusuchen.)
Er gefiel sich darin, kluge Reden zu schwingen. Belesen war er, aber seine Klugheit konnte er nicht sinnvoll einsetzen. Ansonsten hätte er eine andere Position in der Familie gehabt, bzw. die ganze Familie wäre anders dagestanden.
 

Wandablue

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Irgendwo steht, dass er auch genau das Gegenteil überzeugend behaupten hätte können. ( Bin zu faul, die Stelle rauszusuchen.)
Er gefiel sich darin, kluge Reden zu schwingen. Belesen war er, aber seine Klugheit konnte er nicht sinnvoll einsetzen. Ansonsten hätte er eine andere Position in der Familie gehabt, bzw. die ganze Familie wäre anders dagestanden.
Merke: öffne alle deine Briefe!
 

RuLeka

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Und so weiter. Was soll man da noch auserzählen? Es wurde alles gesagt. Mehr Details brauche ich nicht
Genau. Das, was wir wissen, reicht aus, um die Geschichte weiterzuspinnen.
Was ihr da alles gesehen habt! Hut ab!
Da sieht man mal wieder, was die Diskussion in einer Leserunde bringt. Ich werde mir das Buch auf jeden Fall vormerken für meinen Lesekreis.
Mir gefällt diese Dramaturgie. Wir wissen ja von Beginn an, was passiert. Dadurch findet man überall kleine Schnipsel der Bestätigung. Auch die Tiere, die die Flucht ergreifen - einfach wunderbar!
Sehr gut konstruiert . Der Anfang liefert zwar schon das Ende, aber nur so wenig, dass eine durchgängige Spannung bleibt.
Als Leser spürt man das Unheil heranrollen...
Ja . Im Nachhinein gibt es doch oft Anzeichen, die ignoriert werden. Doch nur, wenn man das Ergebnis kennt, kann man die Anzeichen richtig deuten. Das lehrt uns die Geschichte. Trotzdem ist der Mensch später, bei ähnlichen Konstellationen, genauso uneinsichtig. (Denke hier gerade an die Wahlen, bei denen immer mehr AfD- Politiker gewinnen. )
 

Federfee

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Mr. Siddal war für mich höchstens ein Klugscheißer, der mal so, mal so redete. Geistreich war er ohne Frage, aber hat er die Welt irgendwie weitergebracht?
Für mich war er eine der höchst unsympathischen Personen, klug ohne Zweifel, aber arrogant und überheblich. Er hält sich für überlegen, was er intellektuell wahrscheinlich auch ist, aber er 'lässt es raushängen' und verachtet alle, die nicht so intelligent und eloquent sind wie er. Mir gefällt auch nicht, wie er mit seinem Sohn umspringt, der für ihn den Müll (die gesuchten Briefe) wieder zusammenkehren soll.
Man ist also doch nicht umsonst anständig
Solche Bestätigung braucht man manchmal: das Gute siegt!!
Dass es lose Fäden gibt, stört mich ebenfalls nicht. Entweder es wäre zu schön geworden, oder man hätte mit dem Ein oder Anderen gehadert. So kann ich mir selbst ausmalen, wie ich es gerne hätte.
Ich denke, nur in einem Krimi muss alles aufgelöst werden; Romane dürfen so enden wie das Leben: es geht nämlich immer weiter.
Nancibels Weigerung, zu Brian zurückzukehren, hat mich begeistert.
Nancibel hat mich überhaupt begeistert, in allem.

Die Sache mit den 7 Todsünden zum Beispiel... und dass es am Ende tatsächlich 7 Tote gibt. Da wäre ich nie draufgekommen!
Ich auch nicht. Da sieht man wieder, dass Foster Recht hat mit Symbolik (How to read literature...)
 

Literaturhexle

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Er hält sich für überlegen, was er intellektuell wahrscheinlich auch ist, aber er 'lässt es raushängen
Ich halte ihn für lebensuntauglich. Er hatte doch sein Geschäft/seinen Beruf (war er nicht Anwalt, wegen der jur. Bibliothek?) aus irgendeinem Grund verloren. Nun sitzt er im Hotel seiner Frau. Er wäre nicht der erste, der eine Art Depression bekommt, die in völliger Tatenlosigkeit mündet. Er flüchtet sich in Bücher und kluges Geschwätz, ist ein Faulhaufen, aber kein Tyrann. Er ist nicht mal in der Lage, den Brief systematisch im Müll zu suchen. Mit dem angerichteten Chaos ist er schlicht überfordert. Er ruft Duff nicht aus bösem Willen, glaube ich. Er schafft es schlicht nicht. Vielleicht ist er auch wirklich herzkrank. Oder nierenkrank. Sowas kann einem hemmungslos die Energie rauben.
Ich stehe ihm ziemlich neutral gegenüber. Aber da er ohnehin eine Art Lebensüberdrüssigkeit empfand, bedaure ich sein Ableben auch nicht.
 

Literaturhexle

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Da sieht man wieder, dass Foster Recht hat mit Symbolik (How to read literature...)
Dazu muss man ein Buch aber erst einmal in die Literatursparte einordnen und offen sein für die Symbolik. Ich habe den Hamburger Literaturhaus/Abendblatt Podcast gehört (RuLeka hat ihn empfohlen). Rainer Moritz ist knallhart: Entweder etwas ist Literatur oder nicht. "Das Fest" zählt für mich unbedingt dazu!