4. Leseabschnitt: Seite 246 bis Ende

Anjuta

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8. Januar 2016
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Essen
Auch im 4. LA zweifle ich an der Glaubwürdigkeit der Romankonstruktion. Da lesen wir zB in einem Rückschaukapitel, in dem Carola auf Brecht trifft
Carola schaut nervös zur Tür. Sie redet für Moskauer Verhältnisse entschieden zu offen, aber zu Brecht hat sie unendliches Vertrauen.
Aber: Wir erfahren diese Aussagen nicht im Rahmen eines vertraulichen Zweiergesprächs zwischen Neher und Brecht, sondern uns wird die Fiktion zugemutet, dass das, was wir hier erfahren ziemlich direkt den Verhören von Kusnezow entspringt. Jedenfalls lesen wir immer wieder von den Reaktion Kusnezows auf die jeweilige Sitzung sowohl an deren Enden als auch zu Beginn der jeweils nächsten.
So bleibt Kusnezow und mit ihm das Personal und die Situation im sowjetischen Gefängnis farblos und blutleer. Der Autor hat zu Ihnen in meiner Wahrnehmung keinen wirklichen Zugang gefunden. Die immer wieder eingesprenkelten russischen Einwortsätze, mit denen der Autor irgendwie versucht Authentizität zu erzeugen wirken dabei reichlich armselig und ebenfalls blutleer.
Über den penetranten Vierkantschlüssel, der schon mehrfach hier zitiert wurde, kann man sich zudem bin zum Ende des Romans ereifern.
Trotz alledem erfahren wir in dem Roman etwas über ein wirklich interessantes Künstlerleben voller Brüche und unerwarteter Wendungen. Dass die Nazis es letztendlich waren, die sie (sehenden Auges) in das sowjetische Lager und damit in den sehr wahrscheinlichen Tod geschickt haben, erlebte ich als interessante Wendung. So mussten sie selbst sich die Hände gar nicht schmutzig machen (schmutzig genug waren sie allemal) und konnten sich einfach des Instrumentariums ihres neuen "Freundes" Stalin bedienen.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Der letzte Abschnitt hat mir am besten gefallen. Hier wurde deutlich, dass Carola wirklich zu unrecht in dieser Zelle sitzt. Die Tatsache, dass sie ausgebürgert wurde, wurde hier somit zum Verhängnis. Das es damals dazu kam, geschah auch mehr, weil sie sich hat beeinflussen lassen.
Als sie zum Schluss hoffte ausgewiesen zu werden, tat sie mir unendlich leid, als man ihr mitteilte, dass für sie im Grunde kein Deutscher mehr verantwortlich ist. Die letzten Monate glichen dann ein Odyssee des Grauens.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Geht mir auch so, der letzte Abschnitt ist der stärkste.
Dennoch: es bleibt wohl unbegreiflich, warum diese Frau, die alles erreicht hatte, Wohlstand und Ruhm, sich mit einem Lover und seiner naiven Weltschau hat einlullen lassen und mit ihm in die Sowjetunion ging. Und noch unbegreiflicher ist, warum sie nicht wieder zurück ging, nachdem sie die Verhältnisse begriffen hatte.
Allerdings hatte man weder Internet noch besonders viele Informationen aus der Sowjetunion und Karola war ein spontaner Mensch. Sie wollte ein Abenteuer und dieses Abenteuer hat sie das Leben gekostet. Ein tragisches Schicksal.
Wie tragisch kommt auch im letzten Abschnitt nicht richtig zum Tragen. Ich bleibe dabei, die gewählte Erzählweise, Transport von Informationen fast nur durch Dialoge, bricht dem Roman das Genick. Hier hätten sehr wohl die Gedenken des Autors mir einfließen müssen, die ja interessant sind - wie das Nachwort zeigt, das das Beste am ganzen Buch ist und dessen Wertungen, auch das hätte interessiert.
War sie wirklich so tapfer, warum hat sie das Angebot, zur spionieren in den Westen zu gehen abgelehnt - oder wurde es zurückgezogen?
Wir wissen zu wenig und vielleicht ist auch die Quellenlage zu Carola Neher zu dünn gewesen, um einen relevanten Roman über sie zu schreiben.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Ach Herr Haase, hätten Sie nicht den ganzen Roman so schreiben können, wie das letzte Viertel? Sie haben ja Figuren dazuerfunden, dann hätten sie hie und da auch ruhig mal Fünfe gerade sein lassen können.
Der Griff in die Dunkelzelle und die damit verbundenen Rückblenden Nehers passten so viel besser in die Erzählweise und erst jetzt kam mir die Schauspielerin menschlich näher, das hätte schon sehr viel früher passieren können.
Kusnezow meinte es so gut mit Neher, aber die blöde Ausbürgerung hat alles über den Haufen geworfen.
Das sie aus Prag zurück in die Sowjetunion ist, kann ich als Frau und Mutter einigermaßen nachvollziehen. Zudem war sie ja gerade frisch Mutter und da spielt der Hormonhaushalt noch "verrückt". Da hätte es diesen Griff in die Adelskiste und der Warnung eigentlich nicht bedurft.
Überhaupt scheinen Sie, Herr Haase, nicht viel mit dem Gefühlsleben einer Frau anfangen zu können und haben deutlich nur aus den Fakten und den daraus resultierenden männlichen Schlussfogerungen gesprochen. Schade, aber nun ja!

Aber ich sehe, ich rutsche schon ins Fazit ab, dann werde ich mich mal dahinbegeben.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Dennoch: es bleibt wohl unbegreiflich, warum diese Frau, die alles erreicht hatte, Wohlstand und Ruhm, sich mit einem Lover und seiner naiven Weltschau hat einlullen lassen und mit ihm in die Sowjetunion ging. Und noch unbegreiflicher ist, warum sie nicht wieder zurück ging, nachdem sie die Verhältnisse begriffen hatte.
Obwohl auch ich den letzten Abschnitt am stärksten fand, begreife ich so einiges nicht. Was faszinierte Carola derart an Anatol? Bei Klabund lesen wir seitenweise darüber, bei Anatol sind es ein paar Halbsätze. Bereits in Rumänien hätte sie ihn durchschauen müssen.

Mir wurde auch nicht klar, warum Carola unbedingt Mutter werden wollte, es ergibt sich für mich nicht aus der Charakterisierung der Figur.

Als sie zum Schluss hoffte ausgewiesen zu werden, tat sie mir unendlich leid, als man ihr mitteilte, dass für sie im Grunde kein Deutscher mehr verantwortlich ist. Die letzten Monate glichen dann ein Odyssee des Grauens.
Sie war eine tragische Figur, aber da ich mich nie wirklich in sie hineindenken konnte, fiel auch mein Mitleid geringer aus, als zu erwarten gewesen wäre.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Damit ist wohl gemeint, dass sie durch einen gelungenen Haarschnitt wieder ein bisschen ansehnlicher geworden ist. Kennen wir doch alle, dass wir uns nach dem Friseurbesuch wieder "schön" fühlen.
 
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Emswashed

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Wer kann mir folgende Passage erläutern:
"Der Frisör versteht sein Handwerk. Routiniert verpasst er ihrem kurzen Haar einen Herrenschnitt, gibt ihr damit ein Stück verloren gegangener Weiblichkeit zurück." (S. 399)
??????

Sie hat doch mit ihrer knabenhaften Figur auch Männerrollen gespielt... oder der Männerhaarschnitt war "in".
 
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Renie

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So, ich bin durch. Und vorbei ist es mit meinem Good-Will.
Dieser letzte Abschnitt konnte zwar noch Boden gut machen, denn glücklicherweise ließen die detaillierten Beschreibungen der Garderobe der Damen nach. Vielleicht gab es auch diesbezüglich nicht mehr viel zu berichten. Schließlich verlagert sich das Geschehen nach Osteuropa, wo andere Verhältnisse herrschten als in der Glanz und Glamour Szenerie, in der sich die gute Carola vorher bewegt hat.
Was ich zu meinem Erschrecken feststelle ist, dass so etwas Banales wie ein Schlüssel (egal wie viel Kanten) und Klamotten mir ein Buch vermiesen können. Doch genau das ist passiert. Erinnert mich ein bisschen an einen tropfenden Wasserhahn, der einen mit seinem Tropfgeräusch in den Wahnsinn treiben kann.
Was hat den Autor nur dazu getrieben? Wollte er es als Journalist besonders gut machen bei dem Versuch, seine literarischen Ambitionen zu Papier zu bringen? Und wo ist das Lektorat, wenn man es braucht?
 

Renie

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ch bleibe dabei, die gewählte Erzählweise, Transport von Informationen fast nur durch Dialoge, bricht dem Roman das Genick.
Wohl wahr. Der Herr Haase hat es damit echt übertrieben. Daher finde ich merkwürdig, dass der letzte Abschnitt lesbarer ist. Man sollte meinen, dass wir es hier mit zwei unterschiedlichen Schriftstellern zu tun haben.
Was faszinierte Carola derart an Anatol?
Das war mir auch nicht klar.
Mir wurde auch nicht klar, warum Carola unbedingt Mutter werden wollte, es ergibt sich für mich nicht aus der Charakterisierung der Figur.
Der Mutterwunsch war für mich auch nicht nachvollziehbar. Vorher hat sie ihre Karriere über alles andere gestellt und auf einmal strebt sie ein Familienleben an, mit einem Anatol als Vater, von dem wir so gut wie gar nichts wissen.
 

ulrikerabe

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Ja, das letzte Viertel war das beste am Buch. Ich stimme überein.

Was ich an dem Buch wirklich schade finde, dass die unwirklich wirkenden Verhörstunden dem Schicksal der Neher die Tragik nimmt. Wir schütteln den Kopf und sagen, der Autor könnte das besser. Aber nichtsdestotrotz ist hier eine Frau im stalinistischen Straflager verstorben. Wo sie wahrscheinlich zu Unrecht war. es wird dem Schicksal der Frau nicht gerecht. Ob ich die Neher unsympathisch oder berechnend oder dumm finde, ist völlig unerheblich. Sie war Schauspielerin, konnte in Rollen schlüpfen. Sie hat sicher viele zu ihrem Vorteil versucht, aber hat sie dabei anderen geschadet? Mir scheint, dass sie nicht sehr eigenständig gedacht hat, hat sich oft an den Ratschlag anderer gehalten. Sehr zu ihrem Nachteil wie sich letztlich herausstellt. Sie war ein Spielball. Von den Nazis unerwünscht, weil sie mit Kommunisten gemein war und von den Sowjets verurteil, weil sie nie Mitglied der KPD war. Mir tut sie leid und auch ihr Sohn Georg.

Vielleicht hätte sie einfach öfter mal nein sagen sollen
 
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ulrikerabe

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Dass die Nazis es letztendlich waren, die sie (sehenden Auges) in das sowjetische Lager und damit in den sehr wahrscheinlichen Tod geschickt haben, erlebte ich als interessante Wendung. So mussten sie selbst sich die Hände gar nicht schmutzig machen (schmutzig genug waren sie allemal) und konnten sich einfach des Instrumentariums ihres neuen "Freundes" Stalin bedienen.
Perfide gelöst.
Aber selbst, hätten die Sowjets sie ausgewiesen, was wäre mit ihr zurück im Deutschen Reich passiert. Als vermeintliche Kommunistin wäre sie ins nächste Konzentrationslager gewandert. Hilfe von Freunden wäre wohl weder zu erwarten noch erfolgreich gewesen sein. Wohin hätte sie gehen können. Brecht war schon im Ausland, aber der hat auch während ihrer Inhaftierung nicht für sie gesprochen (wir ihm zumindest angelastet)
 
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luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Ich kann euch nur zustimmen - wäre der Roman so lesbar wie der letzte LA gewesen, dann hätte es vielleicht was mehr mit uns werden können. Auch wenn mich ebenfalls der Vierkantschlüssel weiter nervte und ich wie @Renie ohne die ausschweifenden Beschreibungen der Badekostüme in Le Lavandou hätte auskommen können, hat mich dieser Teil doch sehr viel mehr interessiert und mitgerissen. Die politischen Zusammenhänge und Anliegen der KPD waren mir zwar zu üppig, aber die Darstellung des Lebens im Moskau der 30er Jahre und die Verblendung der naiven Genossen aus Deutschland, deren Eifer mit aus heutiger Sicht unzumutbaren Lebensverhältnissen "belohnt" wurde und meist mit einem Gerichtsverfahren endete, haben mich schon sehr interessiert. Tatsächlich hat mir auch der dazu erfundene Portier gefallen und endlich wird aus dem Komfort-Knast auch das Sowjet-Gefängnis, das eher den landläufigen Vorstellungen entspricht.

Ich habe das Schicksal der Neher durchaus als tragisch empfunden - eine Frau, die sich zu oberflächlich für Politik interessierte, die Männer für sich nutzte, aber dann abschließend sich für den falschen Mann entschied. Dass wir Anatol nicht wirklich kennenlernen, ihre Vernarrtheit /Hörigkeit (?) ihm gegenüber für uns nicht nachvollziehbar gemacht wird, erscheint mir eher wie eine Stärke des Texts. So wird der Fokus zurück auf die Neher gelenkt und darauf, dass sie eigentlich immer allein war.

Auch bin ich der Ansicht: egal, was für ein toller Hecht ihr zweiter Ehemann war, gute Gründe für einen Umzug ins Sowjetreich gibt es keine. Aber wie @ulrikerabe schon feststellte: ob Ausweisung oder nicht - das war nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Bereits zu Anfang des Romans - als das Butyrka noch der Sterne-Knast war - hatte ich mich schon gefragt, ob eine Auslieferung an Nazi-Deutschland etwas sei, auf das Carola hoffen sollte. Wäre sie bloß nach Zürich gegangen...