4. Leseabschnitt: S. 172 bis Ende Teil 2 (S. 225)

Literaturhexle

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Hier diskutieren wir ab Seite 172 ("Eins der Probleme sieht so aus:...") bis zum Ende von Teil 2 auf Seite 225.
 

Literaturhexle

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Susan flüchtet sich immer mehr in den Alkohol. Sehr eindringlich und authentisch werden Episoden geschildert, die das verdeutlichen. Der Autor spricht den Leser jetzt nicht mehr an, sondern setzt ihn selbst bin die Rolle des Protagonisten ("Du stellst fest, dass die Flasche halb leer ist..."). @Querleserin wird wissen, wie man das nennt ;)

So richtig klar wird die Ursache dafür nicht. ( Der Pespektivwechsel beginnt auf S. 135. Kurz nach dem Besuch von Maurice, dem Kollegen ihres Mannes. Ich wunderte mich schon, dass wir über den Inhalt des Gespräches nur wenig erfahren).
Vielleicht leidet sie wirklich unter dem Verlust ihrer Familie - wobei sie auch vor der Beziehung zu Paul keine inniges Verhältnis zu ihren Töchtern gehabt zu haben scheint (da Paul aber nur SEINE Erinnerungen schildert, kann der Eindruck täuschen).

Paul versucht ihr zu helfen. Doch sie arbeitet nicht mit, sie will keinen Entzug, keine Hilfe. Sie will sich zu Grunde richten.
[zitat]"Nur dass dieses wilde, wechselhafte Seelenwetter jetzt durch das Gehirn einer erwachsenen Frau zieht.[/zitat]
Barnes hat Sätze zum Niederknien! Ebenso nachvollziehbar seine Ausführungen über den traurigen Sex und die Schlussfolgerungen.

Paul verschafft sich Freiräume. Er bezieht eine kleine Einzimmerwohnung. Ohne wirklich auszuziehen. Mitbewohner Eric ruft ihn bei Bedarf an. Zwei Freundschaften zu jungen Frauen scheitern.
Am Ende des Abschnitts sind gefiedert bewaffnete Männer in ihr Haus eingedrungen.... Sie hat die Polizei gerufen, wurde mit einer Schnittwunde ins Krankenhaus eingeliefert..... Der Verstand scheint ihr abhanden zu kommen.

Paul sieht die Situation klar, fühlt sich aber so schuldig, dass er sich nicht befreien kann. Er hatte ihr doch immer einen Platz in seinem Herzen versprochen ...

Mit dem Weglauffonds mietet er sich ein paar Tage im Hotel ein, bestellt sich Prostituierte, denkt nach:
[zitat]Aber du fragst dich allmählich (...) ob es noch sein Gutes hat, wenn man weniger empfindet. (S. 225)[/zitat]

Das Zusammenleben mit einem süchtigen Menschen ist Horror. Die Ambivalenz zwischen Liebe/Verantwortung und Abneigung/Selbstschutz wird aus meiner Sicht hervorragend herausgestellt.
 

Querleserin

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Das Zusammenleben mit einem süchtigen Menschen ist Horror. Die Ambivalenz zwischen Liebe/Verantwortung und Abneigung/Selbstschutz wird aus meiner Sicht hervorragend herausgestellt.
Ich finde auch, dass Barnes die verschiedenen Stufen einer solchen Beziehung hervorragend darlegt. Die Entschuldigungen, die Paul für die Geliebte findet. Die Erklärungsversuche, das Verständnis, das er ihr entgegenbringt. Dann der Versuch ihr zu helfen, mit ihr zum Arzt, zum Psychologen zu gehen. Die allmähliche Frustration, aber auch die Scham, ihr nicht helfen zu können. Bis er schließlich erkennt, dass ihr Verstand "verloren" geht und sie letztlich fallen muss. Sehr tragisch und man leidet förmlich mit diesem jungen Mann mit, der der Situation ziemlich hilflos gegenüber steht.
Die DU-Perspektive, wie ich schon im 2.Abschnitt vermutet habe, ist meines Erachtens sein Versuch sich vom Geschehen zu distanzieren. Als sei es ein anderer Paul, dem dies alles zugestoßen ist.
Als Erklärung liefert Paul nur den Begriff Koabhängigkeit - mir ist nur nicht klar, ob das in Bezug auf Gordons Alkoholkonsum gemeint ist, oder ob sich Susan völlig von Paul abhängig gemacht hat, indem sie ihre Familie aufgab. Und deshalb trinkt?
Glaube aber eher ersteres...
 

kingofmusic

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Ich bin überwältigt von der Intensität dieser Geschichte, die so "unspektakulär" begonnen hat und sich jetzt in eine Achterbahn der Gefühle verwandelt hat.
Was die Koabhängigkeit anbelangt, liebe @Querleserin , bin ich ganz bei dir. Ich hatte es ebenso verstanden, dass Barnes sich hier auf die Alkoholsucht von Gordon bezieht. Oder gar auf die von Joan? :confused:;)
 

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Die Achterbahn der Gefühle, das hast du gut ausgedrückt @kingofmusic. Vor allem die Trauer überwiegt, wenn Paul erkennt,
[zitat]dass man nicht unbedingt glücklich wird, wenn man sich liebt. [/zitat] (183)
Trotzdem klammert er sich an den Gedanken, seine Situation sei interessanter als die seiner Freundin, dabei scheint er sich nach einer "normalen" Beziehung zu sehnen.
"Ihr seid beide wund vor Schmerz." (188)

Interessant ist der erneute Perspektivwechsel zum Ich-Erzähler, wenn es um sein Notizbuch geht. Schreibt er von seiner Beziehung zu Susan und seinen Gefühle zu ihr erzählt, distanziert er sich, daher "du". Sein Notizbuch ist jedoch so persönlich, dass der Ich-Erzähler wieder zum Vorschein kommt, genau wie bei der Episode mit Anna, auch da ist das Ich wieder präsent.

Und dann dringt Susan in seinen Gedanken ein, so dass er nicht mehr darin schreiben kann und es wechselt wieder zum "Du" (195), dem sich verschiedene negative Szenen in den "Gedächtnisspeicher" (199) einbrennen und dessen Erwartungen inzwischen auf ein Minimum beschränkt sind - sehr traurig, auch weil Paul nicht wahrhaben will, dass Alkoholismus keine moralischen Krankheit, sondern eine körperliche Abhängigkeit ist.
 
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Literaturhexle

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Interessant ist der erneute Perspektivwechsel zum Ich-Erzähler, wenn es um sein Notizbuch geht. Schreibt er von seiner Beziehung zu Susan und seinen Gefühle zu ihr erzählt, distanziert er sich, daher "du". Se
Gut beobachtet! Das habe ich gar nicht gesehen.
Ich fand den zweiten Teil auch unglaublich intensiv! Das ganze Dilemma, in dem Paul steckt wird deutlich. Ich bin gespannt, wie ihr den dritten Teil empfindet . Nach der Gefühlsachterbahn war ich enttäuscht....
Aber dazu werdet ihr euch auch noch äußern.
 
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Jetzt kommt das Leben aber vollkommen. Und vollkommen heftig!!!

Und aus seiner Liebe zu Susan wird eine Koabhängigkeit von Susan/ihrer Alkoholsucht. Paul ist hier echt zu bedauern. Und die Phasen, die er durchmacht sind echt gut beschrieben. Seine Liebe muss wirklich tief gewesen sein. Ich denke dass so ein Trauerspiel nicht jeder mitmacht.

Warum Susan in die Alkoholfalle rauscht. Hhmm. … Alkohol wird vorher schon eine Rolle gespielt haben. Jetzt in ihrer Einsamkeit, ihr geächtet sein im Ort. kein Tennis, keine Arbeitsstelle, kein sonstiger Kontakt zu anderen. Der Druck durch ihren Mann, durch ihre Töchter. Vieles wird sie Paul vielleicht auch nicht kommuniziert haben, über alles redet man halt dann doch nicht. Erst war der Alkohol der kleine Tröster und dann steuert er Susan. Schlimm!!! Und es ist sicher schwer dies zuzugeben.

Ganz besonders merkt man wie tief seine Gefühle für Susan immer noch sind, merkt man wie er Anna ziehen lässt und danach das Fluchtgeld auf den Kopf haut.
 

renee

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Barnes hat Sätze zum Niederknien! Ebenso nachvollziehbar seine Ausführungen über den traurigen Sex und die Schlussfolgerungen.
Definitiv ein Künstler in der Sprache!!!

Die Sätze zum traurigen Sex sind so perfekt!

Ebenso herrlich fand ich die Ausführungen zu "Alle Alkoholiker sind Lügner." und "Alle Liebenden sagen die Wahrheit.".
 

renee

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Ich bin überwältigt von der Intensität dieser Geschichte, die so "unspektakulär" begonnen hat und sich jetzt in eine Achterbahn der Gefühle verwandelt hat.
Was die Koabhängigkeit anbelangt, liebe @Querleserin , bin ich ganz bei dir. Ich hatte es ebenso verstanden, dass Barnes sich hier auf die Alkoholsucht von Gordon bezieht. Oder gar auf die von Joan? :confused:;)
Für mich klingt das nach der eigenen Ko-Abhängigkeit von Paul. Er selbst macht durch seine Liebe zu Susan erst diese Schwere der Erkrankung möglich. Am Anfang erfindet er alle Möglichkeiten der Erklärung für seine Geliebte, anstatt schon am Anfang aktiv dagegen vorzugehen, wo er vielleicht noch die Möglichkeit hätte zu Susan durchzudringen. Nur wenn sie selbst aktiv da raus will hat sie eine Chance.
 
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Ich finde auch, dass Barnes die verschiedenen Stufen einer solchen Beziehung hervorragend darlegt. Die Entschuldigungen, die Paul für die Geliebte findet. Die Erklärungsversuche, das Verständnis, das er ihr entgegenbringt. Dann der Versuch ihr zu helfen, mit ihr zum Arzt, zum Psychologen zu gehen. Die allmähliche Frustration, aber auch die Scham, ihr nicht helfen zu können. Bis er schließlich erkennt, dass ihr Verstand "verloren" geht und sie letztlich fallen muss. Sehr tragisch und man leidet förmlich mit diesem jungen Mann mit, der der Situation ziemlich hilflos gegenüber steht.
Das hat Barnes echt richtig gut beschrieben. Man erkennt in was für einem Drama sich der Geliebte einer Alkoholkranken befindet. Tragisch!!!
 

Literaturhexle

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Am Anfang erfindet er alle Möglichkeiten der Erklärung für seine Geliebte, anstatt schon am Anfang aktiv dagegen vorzugehen, wo er vielleicht noch die Möglichkeit hätte zu Susan durchzudringen
Da ist auch was dran. Man muss ihm natürlich seine Jugend zugute halten. Die Abgründe des Lebens sind einem da noch nicht so vertraut. Zumal "ein bisschen Suff" damals ( in Deutschland) zumindest etablierter war und unkritischer gesehen wurde als heute.
 
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Da ist auch was dran. Man muss ihm natürlich seine Jugend zugute halten. Die Abgründe des Lebens sind einem da noch nicht so vertraut. Zumal "ein bisschen Suff" damals ( in Deutschland) zumindest etablierter war und unkritischer gesehen wurde als heute.
In so eine Spirale kann aber jeder geraten, ich denke auch die Tiefe der Gefühle zu jemandem ermöglichen dies, vielleicht kann man da nicht mehr so adäquat denken. Vielleicht ist der Wille zur Hilfe größer. Weiß nicht. Auf jeden Fall ist die Co-Abhängigkeit sehr weit verbreitet. Leider.
 

Literaturhexle

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Weiß nicht. Auf jeden Fall ist die Co-Abhängigkeit sehr weit verbreitet
Bestimmt. Das glaube ich dir (Zumal du beruflich mit derlei Dingen zu tun zu haben scheinst). Es ist für mich nur schwer nachvollziehbar, dass ein junger Mann sich derart in Probleme verstricken lässt, die nicht seine eigenen sind. Noch dazu bei einer soviel älteren Partnerin, die doch eigentlich die Vernünftigere sein sollte. Aber der Verstand scheitert an Sucht und Gefühl.... Außerdem muss man die Geschichte so, wie der Autor sie erzählt, annehmen.
 

Helmut Pöll

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Barnes hat Sätze zum Niederknien! Ebenso nachvollziehbar seine Ausführungen über den traurigen Sex und die Schlussfolgerungen.
Mich hat lange kein Buch mehr sprachlich so begeistert wie dieses.

Irgendwie kann man sich diesen präzisen, aber auch unbarmherzigen Sätzen, die sogar noch jeden Versuch der Verschleierung aufdecken, nicht entziehen. Der Ohnmacht und Zerissenheit von Paul folgt man als Leser beinahe atemlos. Bei den Bildern, die da in meinem Kopf enstanden sind, habe ich sofort an einen Hollywood-Film mit Meryll Streep in der Hauptrolle denken müssen ;).
 

Helmut Pöll

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Ebenso herrlich fand ich die Ausführungen zu "Alle Alkoholiker sind Lügner." und "Alle Liebenden sagen die Wahrheit.".
Irgendwie entdeckt Paul auch im Rückblick, dass die schwarz-weißen Überzeugungen der Jugend unter dem ständigen Ansturm der Realität zu einem Mosaik aus Grautönen werden. Für ihn ist es eine Vetreibung aus dem Paradies, durch die er endgültig erwachsen wird.
 

Leseglück

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gendwie kann man sich diesen präzisen, aber auch unbarmherzigen Sätzen, die sogar noch jeden Versuch der Verschleierung aufdecken, nicht entziehen
Das bringt es für mich genau auf den Punkt. Das ist auch genau das, was mir an dem Autor gefällt.

Die DU-Perspektive, wie ich schon im 2.Abschnitt vermutet habe, ist meines Erachtens sein Versuch sich vom Geschehen zu distanzieren. Als sei es ein anderer Paul, dem dies alles zugestoßen ist.
Ja, genau so sehe ich das auch. Hier kann man auch wieder das Wort "Scham" bemühen. Paul schämt sich für seine Lügen, für Susan, für die schlimme Situation, die er auch vor anderen verbergen will und vor sich. Die Lösung lautet: nicht ich mache das, es geschieht eben...da passt die DU- Perspektive. Ich habe mich an mein Berufsleben erinnert gefühlt. Suchtkranke sprechen oft von "man" wenn sie von sich sprechen.
 

Literaturhexle

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, genau so sehe ich das auch. Hier kann man auch wieder das Wort "Scham" bemühen.
Ich finde aber, dass das "Du" auch den Leser unmittelbarer anspricht. Es ist eben kein "man", kein "Ich" und kein "er".
Ich habe den Drittklässlern eine Jugendbuchreihe angedient, in der der Leser selbst Entscheidungen treffen durfte. Die Anrede war "du".
Das schützt in diesem Fall unseren Erzähler, nimmt den Leser aber stärker ins Boot, so dass sich die Frage aufdrängt: "was hättest du getan?".
 

Querleserin

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Ich finde aber, dass das "Du" auch den Leser unmittelbarer anspricht. Es ist eben kein "man", kein "Ich" und kein "er".
Ich habe den Drittklässlern eine Jugendbuchreihe angedient, in der der Leser selbst Entscheidungen treffen durfte. Die Anrede war "du".
Das schützt in diesem Fall unseren Erzähler, nimmt den Leser aber stärker ins Boot, so dass sich die Frage aufdrängt: "was hättest du getan?".
Beim Jugendbuch Stimme ich dir zu, in dem Fall steigert sich die Distanz durch den Wechsel der Persoektive: Vom Ich zum Du zum Er, der Erwachsene Erzähler distanziert sich zunehmend von seinem jüngeren Ich.
Als Leserin habe ich mich nicht angesprochen gefühlt - vielleicht lag es aber auch an der Thematik.
 
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