4. Leseabschnitt: Kapitel XV. bis Ende (Seite 235 bis 307)

Literaturhexle

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2. April 2017
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Das hat mich emotional schon in eine ähnliche Stimmung gebracht, wie das Leky mit ihren Büchern geschafft hat.
Wir lesen eben alle unterschiedlich. Ich mochte das Okapi-Buch nicht, deshalb hatte ich hier auch keine ähnlichen Eindrücke.
Ehrlich gesagt, finde ich die Idee mit dem Gift sehr abenteuerlich.
Es ist auch nur eine Idee von mir, weil ich die Reaktion Jinns, die im Grunde keinen Rückweg zulässt, doch eben sehr extrem finde - psychologisch ungeschult, wie ich bin. Es gibt aber keine diesbezüglichen Referenzen im Text. Deshalb ist das nur eine (wilde) Spekulation.
Wenn es die Autorin anders geschrieben hätte, wäre es ein anderes Buch geworden."
Stimmt. Wobei die Autorin manches vielleicht auch bewusst nicht auserzählt. Wir haben nur Jinns Sichtweise der Abläufe. Der Raum wird meines Erachtens bewusst offen gelassen für Spekulationen.
Ihr meint jetzt aber nicht die Doppelungen, im Sinne von Wiederholungen,
Nein, die meine ich nicht. Es gab ein paar Sätze, die man nochmal lesen musste, um sie zu verstehen, völlig okay. Was ich meine, sind wirklich eindeutige Fehler, wiederholte Artikel, falscher Satzbau und so etwas. Einmal wurde Biss statt Bissen verwendet, einmal hieß es "er aß immer Mittag zum Salat" (oder so ähnlich). Man konnte es immer verstehen mit etwas gutem Willen. Es ist aber ungewöhnlich gewesen. Wie gesagt, zunächst habe ich es ignoriert und mir auch keine Zeichen gemacht.
Danke dir!
Als sie sich aus dem Staub macht, hat sie diejenige Lösung gewählt, mit der sie ihre Familie zufriedenstellt (Reichtum für die Sippe), nicht mit ihrer Familie brechen muss, als gute Tochter in Erinnerung bleibt, aber dennoch ein eigenes Leben führen kann.
Deine ausführliche Erklärung hilft mir tatsächlich, Jinn Handlungen besser nachvollziehen zu können. Eine verqueere Psyche hatte sie ja tatsächlich schon vor der Erbschaft. Auch das lässt die Autorin wie nebenbei fallen. Ihre Erzählkunst sucht schon ihresgleichen. Sie findet das Mittel zwischen leichtem Zugang und dennoch literarischem Anspruch.
Mir ist ehrlich gesagt aufgefallen gar nichts aufgefallen,
Männer halt! (Klischeekiste wieder zu :p)
 

Die Häsin

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11. Dezember 2019
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Es gab ein paar Sätze, die man nochmal lesen musste, um sie zu verstehen, völlig okay. Was ich meine, sind wirklich eindeutige Fehler, wiederholte Artikel, falscher Satzbau und so etwas. Einmal wurde Biss statt Bissen verwendet, einmal hieß es "er aß immer Mittag zum Salat" (oder so ähnlich). Man konnte es immer verstehen mit etwas gutem Willen. Es ist aber ungewöhnlich gewesen. Wie gesagt, zunächst habe ich es ignoriert und mir auch keine Zeichen gemacht.
Falls es dich tröstet - mir ist das auch aufgefallen, vor allem im letzten Drittel. Ich habe mir aber auch keine Vermerke gemacht.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
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Ich habe hier einen lustigen Artikel für Euch, der aber irgendwie doch nicht lustig ist:
Danke für den Link. Dort explizit in Bezug auf unseren Roman aufgefallen ist mir Punkt:

9. In der Stadt einen Drachen steigen lassen​

(Formatierung meine verhasste Freundin)
Obwohl es im Roman heißt, dass Sukhin und Jinn in einem Park oder am Strand Drachen haben steigen lassen, frage ich mich, ob auch das eine Anspielung der Autorin auf die Reglementierungen in Singapur sein könnte. Sie hat davon so viele in ihrem Roman versteckt, wir werden wahrscheinlich nicht alle knacken, aber auch das könnte zur Liste gehören.
 

Lesehorizont

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29. März 2022
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So etwas fällt mir normalerweise nicht auf. Aber hier war es nicht zu übersehen. Falls es eine zweite Auflage gibt (wofür wir sorgen wollen;)), sollte man das ausbügeln. So ein wunderschönes Buch mit Fehlern drin - geht gar nicht.
Mir sind diese Fehlerchen leider auch immer wieder aufgefallen. Schade!"
Eine ganz tolle, eindringliche Szene! Daran sieht man, wie wichtig es ist, über nonbinäre Sexualität zu sprechen. Dieser Junge fühlte sich vielleicht zum ersten Mal verstanden.
Da stimme ich Dir vollkommen zu. Fand ich auch eine sehr wichtige und schöne Stelle.
Dazu passt auch nicht das fast traumatische Zusammentreffen mit der Schwester an Weihnachten. Jinn war dermaßen verstört, ängstlich und verzweifelt. Da MUSS doch mehr gewesen sein?! Das wird mir zu simpel aufgelöst. Die plötzliche geistige Gesundung kann ich mir in Folge nur dadurch erklären, dass das Gift wieder abgesetzt wurde. Wenn Jinn wirklich geisteskrank war, verliert sich das nicht ruckzuck, schon gar nicht einsam im Park.
Da bin ich leider auch überhaupt nicht mitgekommen. Was hat es mit diesem Verstand-Verlieren und der späteren Gesundung genau auf sich? Ich glaube fast, ich müsste das Buch noch einmal lesen...
Genauso ist es. Wir dürfen das, was die Autorin schreibt, nicht nach unseren europäischen Maßstäben bewerten. Singapur ist eines der sichersten Länder der Welt. Platt ausgedrückt: Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass man in Deutschland umgebracht wird als in Singapur
Das dachte ich auch sofort. Mir ist dies aus asienbezogenen Forschungen bekannt. Leider tendieren wir oft schnell dazu, fremde Kulturen durch unsere eigene Brille zu betrachten.
 

Irisblatt

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15. April 2022
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Den magischen Realismus meinte ich auch gar nicht, sondern die Atmosphäre. Mir ist klar, das die Geschichte eine ganz andere ist, aber wie die Autorin erzählt, sodass man irgendwie trotz aller Sonderbarkeiten der Personen und deren Probleme trotzdem irgendwie sich warm und positiv fühlt beim Lesen. Das hat mich emotional schon in eine ähnliche Stimmung gebracht, wie das Leky mit ihren Büchern geschafft hat.

Ja genau den meine ich, aber der wird zum Ende hin wie zu einer Nachricht direkt an Jinn. Die Schwester ergänzt, dass es keine Dingsdabums-Blumen (habe vergessen, welche) geben wird auf der Beerdigung bzw. am Grab. Das ist für mich ein direkter Hinweis an Jinn, dass ihre Schwester weiß, dass Jinn "mitliest". Denn Sukhin könnte mit der Blumeninfo gar nichts anfangen.

Danau das vermute ich aber tatsächlich. In Zusammenhang mit den kursiven Textabschnitten etc. wirkt es auf mich schon so. Wir haben es nicht direkt erfahren, aber meines Erachtens wird es angedeutet.

Naja, es hat ja schon eine gewisse Karanzzeit gegeben, in der sich ihre dissoziativen Symptome verstärkt haben. Ich habe es nicht als aus einer Laune heraus empfunden. Tatsächlich war das für mich von der psychologischen Seite her gar nicht so abwegig hergeleitet. Vielleicht etwas kurios formuliert mit dem konkreten "ich bin verrückt geworden"-Ding.

Auch die lief nicht so plötzlich ab. Ich denke Sukhin hatte durch seine Regelmäßigkeit im Kontakt und vor allem sein Vorgehen, was (meistens mal abgesehen von dem Ausrutscher, als er die Schwester zu Weihnachten einlud) sehr respektvoll war und Jinn alle Freiräume gelassen hat, die sie brauchte und wollte, über die vielen Monate hinweg ihr die Stabilität gegeben, die ihre Familie ihr zuletzt überhaupt nicht gegeben hat.
Ehrlich gesagt, finde ich die Idee mit dem Gift sehr abenteuerlich. Aber natürlich, nichts wird konkretisiert, deshalb kann man auch verschiedene Ideen dazu haben.

Ich glaube deine Ungereimtheiten werde ich nicht mehr ausräumen können. :p Aber hier meine Gedanken dazu: Sie war eine emotional sehr schwankende Person als Jugendliche/junge Frau, die schon vollkommen over the top reagiert hat, als sie zur Hochzeit der Schwester rein sollte (und das ist nur ein Beispiel), da kann so eine drastische Reaktion durchaus im Verhaltensrepertoire liegen. Etwas was für uns eher abwegig erscheint, für sie aber nicht unbedingt. Selbst wenn sie auf ihr Erbe verzichtet hätte, der Schaden war schon entstanden. Selten erholt sich ein Familiengefüge nach so etwas wieder.
Kurz vor dem Tod der Großmutter und den damit einhergehenden Erbstreitigkeiten, gab es den plötzlichen Tod ihres Kollegen und die Kündigung, nachdem sie seine Aufträge noch zuende brachte. Sie war dadurch sowieso schon in einer sehr labilen Phase.... Das genügt doch um den "Verstand zu verlieren".
 

Irisblatt

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15. April 2022
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Danke für den Link. Dort explizit in Bezug auf unseren Roman aufgefallen ist mir Punkt:

9. In der Stadt einen Drachen steigen lassen​

(Formatierung meine verhasste Freundin)
Obwohl es im Roman heißt, dass Sukhin und Jinn in einem Park oder am Strand Drachen haben steigen lassen, frage ich mich, ob auch das eine Anspielung der Autorin auf die Reglementierungen in Singapur sein könnte. Sie hat davon so viele in ihrem Roman versteckt, wir werden wahrscheinlich nicht alle knacken, aber auch das könnte zur Liste gehören.
Stimmt die Drachen gehören auch zu den verbotenen Dingen, die trotzdem Realität sind. Auch Jinns Karton-Haus auf der Straße dürfte gemäß der Gesetzte in Singapur schlicht Müll und Grund für eine Bestrafung sein.
Obdachlosigkeit wird geduldet, wenn es als Camping definiert wird bzw. ist dann auch keine Obdachlosigkeit mehr, sondern Freizeitvergnügen.
 

Irisblatt

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15. April 2022
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Da bin ich leider auch überhaupt nicht mitgekommen. Was hat es mit diesem Verstand-Verlieren und der späteren Gesundung genau auf sich?
Jinn findet eine Aufgabe, die sie erfüllt: das Retten von Lebensmitteln, Kochen für Nachbarn, Freunde, Bedürftige. Sie ist niemandem mehr Rechenschaft schuldig, muss den gesellschaftlichen und familiären Anforderungen nicht mehr genügen. Sie hat gute Freunde ... Das sind doch stabile Voraussetzungen für ein zufriedenes Leben.
Und tatsächlich ist sie ja viel ausgeglichener als früher - mit Ausnahme ihrer Reaktion an Weihnachten, die ich aber nachvollziehen kann.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Sukhin befreit sich letztendlich vom Meeresgrund und Jinn hat es schon vor langer Zeit getan. Sie haben beide gemerkt, dass das wahre Leben ansonsten vorübereilt. Sukhin hat es sich von Jinn vormachen lassen... ein Happy End.
Die Jinn auf dem Gedenkstein, das ist die Jinn, die ihr Erbe angetreten hätte. Ich bin so froh, dass sie "überlebt" hat. Sukhin konnte nichts Besseres passieren, als sie wiederzutreffen.
Wie Ping "drauf" ist, hat man ja auf der Weihnachtsfeier gesehen. Ihre vermeintliche Wohltätigkeit dient nur ihrer PR. Allerdings glaube ich, dass Ping inzwischen weiß, dass Jinn lebt. Sie hat sich indirekt im Brief an Sukhin an sie gewandt:" Das ist das Ende, nehme ich an.... Kleines, ich kümmere mich selbst um die Blumen." Jetzt kann sie das Erbe der Großmutter antreten und kann sich gewiss sein, dass es Jinn recht ist. Alles ist fein.

Jinns Reaktion, unterzutauchen kann ich nachvollziehen. Ein früherer Arbeitskollege konnte von heute auf morgen seine Wohnung nicht mehr verlassen. Panikattacken! Mit seiner Therapie verließ er auch seinen sicheren Arbeitsplatz und später arbeitete er in einer, für uns undenkbaren und unpassenden Branche. Bekannte erzählten, dass er finanziell zwar schlechter stehe, aber glücklich sei.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Jinn wurde alles zu viel, das sagt man schnell mal ebenso, wenn etwas stressig oder anstrengend ist. Aber ich glaube, dass man dieses Gefühl, das diese Menschen dann haben, nur nachvollziehen kann, wenn man es tatsächlich selbst erlebt hat. Das Jinn sich einen Sack überstülpen musste, um den Gang, der immer länger wurde, unüberwindbar sonst für sie, durchlaufen zu können. Es muss schrecklich sein so zu empfinden, und es ist toll, dass Jinn aus eigenem Antrieb herausgekommen ist. Und wenn man ehrlich ist, steckt in jedem von uns ein klein wenig von Jinn, aber auch von Sukhin.
Mich hat diese Geschichte ein wenig geerdet. Man sollte sich öfter mal wieder das Leben um einen herum bewusst machen. Die Liebesbeziehung der beiden stand für mich nie im Mittelpunkt,obwohl ich sonst gute Antennen für so etwas habe.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Nur um uns in die Irre zu führen, damit wir die ganze Zeit denken sollen, Sukhin baut Jinn ein Luxusheim aus Kartons? :oops:
Zu Anfang dachte ich tatsächlich, dass er ihr diese Kartonvilla baut, um ihr zu imponieren, ihr zu zeigen, dass er ihr Tun toleriert. Doch die Geschichte drumherum, dass sie als junge Erwachsene viele Stunden an etwas ähnlichem getüftelt haben, ließ mich dann erkennen, wie wichtig Jinn für Sukhin ist, und auch immer war.
Eine andere Welt als bei uns.
Das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Auch wenn vieles der europäischen Kultur ähnlich ist, gibt es dennoch große Unterschiede. Das hat mir ebenfalls gut gefallen am Roman, der Einblick in einige Sitten, auch wenn die meist ist Kuchen verbunden waren :cool:
Sie hat davon so viele in ihrem Roman versteckt, wir werden wahrscheinlich nicht alle knacken, aber auch das könnte zur Liste gehören.
Wahrscheinlich empfinden wir das Buch ganz anders, als jemand aus dieser Kultur. Aber es funktioniert trotzdem, auch wenn wir das ein oder andere nicht durchschauen, weil wir die nötigen Hintergrundinformationen nicht haben
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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aber auch z.B. diese schöne Sache mit dem zeitgenössischen, singapurischen Gedicht über das homosexuelle Paar und wie wichtig diese mehrfache, öffentliche Besprechung des Gedicht auch und besonders für Dennis war. Also ist die Figur des homosexuellen Dennis nicht einfach nur Beiwerk gewesen, sondern hatte in letzter Konsequenz sogar eine wichtige Verdeutlichung inne. Wenn ich das also richtig sehe, hat die Autorin keins der angebrachten Themenbereiche einfach nur angeschnitten und den Roman geworfen, sondern alle richtig integriert ins Geschehen.
Ein wunderschönes Gedicht und hier zeigt Sukhin, dass er sich verändert hat. Er hat den Mut, ein solches Gedicht im Unterricht zu behandeln, ohne Rücksicht auf die Folgen.

Und ja, die Autorin packt nicht einfach ein paar angesagte Themen in ihren Roman, sondern diese spielen eine wesentliche Rolle.

Was für ein toller Roman! Eine wunderschöne Liebesgeschichte ohne jeglichen Kitsch ( und ohne jede Sexszene).

Eine Hauptfigur, die eine glaubwürdige Entwicklung durchläuft, der man gerne folgt. Eine rätselhafte Geschichte, die bis zum Schluss seine Spannung hält.
Jede Menge kluge Sätze, z.B. „ Aber wenn wir nicht versuche , bessere Menschen zu werden, fangen wir an, schlechtere Menschen zu werden.“
Ein ganz feiner Humor!
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Und wenn sie nicht auf den ersten Blick wie jemand aussieht, der auf die Straße gehört, könnte sie diesen imaginären Schutzmantel getragen haben
Jinn wirkt zwar abgezehrt, aber nicht verwahrlost und sie ist sehr darauf bedacht, unter dem Radar anderer zu leben. Und das scheint ihr zu gelingen.
Vor allem aber auch, weil er zumindest einen Schüler damit so erreicht und berührt hat
Genau deshalb sollte dies auch Thema im Unterricht sein. Und nicht als sachliche Information, sondern so wie hier mit einem poetischen Text. So wird auf der emotionalen Ebene Verständnis geschaffen.
Sie war eine emotional sehr schwankende Person als Jugendliche/junge Frau, die schon vollkommen over the top reagiert hat, als sie zur Hochzeit der Schwester rein sollte (und das ist nur ein Beispiel), da kann so eine drastische Reaktion durchaus im Verhaltensrepertoire liegen.
So sehe ich sie auch, als eine sehr emotionale Frau, die gerne mal überreagiert. Und wie Sukhin sagt: „ Sicher ist jeder ein bisschen verrückt?“ Er überlegt ja sogar, ob Wahnsinn die Lösung seiner Probleme wäre. Vielleicht war es das für Jinn in dem Moment auch.
An irgendwelcher kriminellen Aktivitäten habe ich nicht gedacht. Schließlich sind eigentlich alle Figuren in dem Roman etwas schräg.
Es ist ein außergewöhnliches Buch, mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Die Figuren haben alle ihre Macken und Jinn eben auch eine, vielleicht etwas größere... :p
Genau!
Als sie sich aus dem Staub macht, hat sie diejenige Lösung gewählt, mit der sie ihre Familie zufriedenstellt (Reichtum für die Sippe), nicht mit ihrer Familie brechen muss, als gute Tochter in Erinnerung bleibt, aber dennoch ein eigenes Leben führen kann.
Das ist einleuchtend.
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
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Danke für den Link. Dort explizit in Bezug auf unseren Roman aufgefallen ist mir Punkt:

9. In der Stadt einen Drachen steigen lassen​

(Formatierung meine verhasste Freundin)
Obwohl es im Roman heißt, dass Sukhin und Jinn in einem Park oder am Strand Drachen haben steigen lassen, frage ich mich, ob auch das eine Anspielung der Autorin auf die Reglementierungen in Singapur sein könnte. Sie hat davon so viele in ihrem Roman versteckt, wir werden wahrscheinlich nicht alle knacken, aber auch das könnte zur Liste gehören.
Schon allein, dass sie Obdachlosigkeit, Armut und Homosexualität zum Thema ihres Romans macht, ist mutig. Lauter Dinge, die in Singapur verboten sind bzw. die es garnicht gibt.
Das würde neben ihrem literarischen Können auch ein Grund sein für den großen Erfolg dort.
 

parden

Bekanntes Mitglied
13. April 2014
5.289
5.920
49
Niederrhein
www.litterae-artesque.blogspot.de
Auch die Schwester von Jinn, Ping, ist den Bedürfnissen von Jinn gefolgt und hat sie für tot erklären lassen nach sieben Jahren. Ich habe es so verstanden, dass Ping (vielleicht durch die Drohnenaufnahmen vom Weihnachtsevent) mitbekommen hat, dass Jinn am Leben ist und Kontakt hat zu Sukhin, deshalb der abschließend an Jinn gerichtete Brief, der dem Tagebuch beilag.
Es wurde hier ja schon richtiggestellt, dass der Brief durchaus an Sukhin gerichtet ist, nur der letzte Absatz scheint Jinn selbst anzusprechen. Das fand ich sehr berührend, weil es zeigt, dass Ping verstanden hat und sie Jinns Entscheidung akzeptiert.

Gefallen hat mir das Bild des "außerhalb der Box"-Denkens zum Schluss. Das Büro von Sukhin war auch wieder nur ein Karton, den er auch hinter sich lassen konnte bzw. seinen eigenen Bedürfnissen folgen.
Ich bin mir nicht sicher, wie ich das verstehen soll. Hat Sukhin jetzt nur seine Beförderung abgelehnt oder gleich ganz gekündigt?

...dass die Autorin genau dieses Thema "Das Leben auf der Straße" im Roman doch recht einfach und problemfreier als es ist dargestellt hat. Außer dem Ereignis mit dem fanatischen Christen, hatte Jinn keinerlei beängstigende Erlebnisse.
Ich glaube, dass solche Dinge (nicht nur Belästigungen und Bedrohungen, sondern z.B. auch die Frage: was ist im Falle einer Krankheit oder der Notwendigkeit, einen Zahnarzt aufzusuchen - nicht ganz abwegig bei z.T. exzessivem Kuchenverzehr - etc.) nur von dem abgelenkt hätten, worum es der Autorin eigentlich ging: das Hinterfragen von Tabus in Singapur. Insofern kreide ich dem Roman kein bisschen einen fehlenden Realitätsbezug an, die Darstellung musste reduziert bleiben. Zumindest sollte klimatisch gesehen der Aufenthalt im Freien in Singapur kein solches Problem sein wie hierzulande - selbst nachts gibt es das ganze Jahr über Temperaturen von über 20° Celsius. Gegen die Hitze am Tag Schatten, gegen den Regen Unterstellmöglichkeiten. Dass Jinns Kartonhaus so lange gehalten hat (jeden Tag Regen bzw. Gewitter), grenzt da an ein Wunder.

Natürlich habe ich diese schreckliche Entscheidung der Großmutter, so ziemlich alles Jinn zu vererben, noch nicht erwähnt. Das muss doch der Großmutter klar gewesen sein, dass sie in so einer Familie damit nur Unmut sät. Was war ihr Anliegen damit.

Gibt es ja immer wieder, nicht umsonst kommt es so häufig zu Erbstreitigkeiten. Hier ging es der Autorin vermutlich darum zu zeigen, wie sich Jinns psychische Situation immer mehr zuspitzte. Dass sie immer schon Schwierigkeiten hatte, sich damit zu arrangieren, dass es von allen Seiten immer nur Erwartungen gab, die sie zu erfüllen hatte (auch in der damaligen Beziehung zu Sukhin), war ja schnell klar. In Singapur scheint es ein enges Korsett für jedes Individuum zu geben, in das es sich einzufügen hat - sei es bei der Berufswahl oder bei der Eheschließung, immer gibt es da jemanden, der sagt, was man zu tun hat. Der Tod des Kollegen machte Jinn schon das ewige Hamsterrad unter "Fremdbestimmung" mehr als deutlich - wo bleibt da das eigentliche Leben? Und das Erbe der Großmutter schürt da ganz unterschiedliche Erwartungen: von der Großmutter, dass sie das Erbe zu achten und zu pflegen habe, von der Familie, dass sie sich der Ungerechtigkeit entgegenstellen soll oder aber mit der Ächtung leben muss. Was bleibt da noch, außer eben radikal auszusteigen?
 

parden

Bekanntes Mitglied
13. April 2014
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Die Regenmaschine ist natürlich süß, dennoch streift der Roman hier dann vielleicht doch ganz leicht die Kitschgrenze. Nicht gravierend, aber auch keine Stärke.
Das brachte für mich tatsächlich etwas Spannung in die Erzählung. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was Sukhin da baute, mache mir fast schon Sorgen, weil er so obsessiv daran gearbeitet hat. Selbst als Jinn sofort erfasste, was das sein sollte und so begeistert reagierte, hatte ich ??? im Kopf. Aber der Bogen zu der Theateraufführung in der Schule mit den langen Nachmittagen gemeinsamen Tüftelns und Übens, der ließ mich dann erkennen, dass diese perfekte Regenmaschine einfach eine riesengroße Liebeserklärung war - vermutlich der einzige Weg, wie Sukhin sich ausdrücken konnte, denn etwas verschroben ist er ja schon, und vielleicht auch der einzige Weg, auf dem Jinn diese Liebeserklärung annehmen konnte, ohne sich gleich wieder bedrängt zu fühlen. Was zeigt, wie sensibel Sukhin auf Jinn eingeht und versteht, was diese verschrecken könnte... Mir hat es gefallen.

Richtig stark fand ich hingegen, wie sich die kursiven Abschnitte samtweich in die Erzählung gefügt habe, so dass letztlich alles passen müsste.
Ja, abolut!

auch z.B. diese schöne Sache mit dem zeitgenössischen, singapurischen Gedicht über das homosexuelle Paar und wie wichtig diese mehrfache, öffentliche Besprechung des Gedicht auch und besonders für Dennis war. Also ist die Figur des homosexuellen Dennis nicht einfach nur Beiwerk gewesen, sondern hatte in letzter Konsequenz sogar eine wichtige Verdeutlichung inne. Wenn ich das also richtig sehe, hat die Autorin keins der angebrachten Themenbereiche einfach nur angeschnitten und den Roman geworfen, sondern alle richtig integriert ins Geschehen.
Eine große Stärke des Romans, und der Einsatz des Gedichts war wirklich eindrucksvoll. Auch für mich ein Gänsehautmoment...

Ich habe hier einen lustigen Artikel für Euch, der aber irgendwie doch nicht lustig ist:
Das erklärt jetzt auch, weshalb hier im Roman Drachen auftauchen. Noch ein Symbol für Freiheit / freie Entfaltung. Die Strafen für das Urinieren in Aufzügen bzw. die Sensoren in den Aufzügen, die Urin erkennen, finde ich dagegen richtig gut! :p
Nein, die meine ich nicht. Es gab ein paar Sätze, die man nochmal lesen musste, um sie zu verstehen, völlig okay. Was ich meine, sind wirklich eindeutige Fehler, wiederholte Artikel, falscher Satzbau und so etwas. Einmal wurde Biss statt Bissen verwendet, einmal hieß es "er aß immer Mittag zum Salat" (oder so ähnlich). Man konnte es immer verstehen mit etwas gutem Willen. Es ist aber ungewöhnlich gewesen. Wie gesagt, zunächst habe ich es ignoriert und mir auch keine Zeichen gemacht.
Ja, diese Fehler sind mir auch aufgefallen. Aber ist es nicht seltsam, dass die sich hier niemand notiert hat? Das zeigt doch, wie faszinierend der Roman an sich ist...

Obdachlosigkeit wird geduldet, wenn es als Camping definiert wird bzw. ist dann auch keine Obdachlosigkeit mehr, sondern Freizeitvergnügen.
Ah, deshalb also diese Zeltstadt? Jinn ging da offensicht noch einen Schritt weiter...

Das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Auch wenn vieles der europäischen Kultur ähnlich ist, gibt es dennoch große Unterschiede. Das hat mir ebenfalls gut gefallen am Roman, der Einblick in einige Sitten, auch wenn die meist ist Kuchen verbunden waren :cool:
Ja, dieser Einblick hat mir auch gut gefallen, und die Artikel-Links von @Renie helfen da auch bei der Einordnung in die Kultur des Landes.

Ein wunderschönes Gedicht und hier zeigt Sukhin, dass er sich verändert hat. Er hat den Mut, ein solches Gedicht im Unterricht zu behandeln, ohne Rücksicht auf die Folgen.

Und ja, die Autorin packt nicht einfach ein paar angesagte Themen in ihren Roman, sondern diese spielen eine wesentliche Rolle.

Was für ein toller Roman! Eine wunderschöne Liebesgeschichte ohne jeglichen Kitsch ( und ohne jede Sexszene).

Eine Hauptfigur, die eine glaubwürdige Entwicklung durchläuft, der man gerne folgt. Eine rätselhafte Geschichte, die bis zum Schluss seine Spannung hält.
Jede Menge kluge Sätze, z.B. „ Aber wenn wir nicht versuche , bessere Menschen zu werden, fangen wir an, schlechtere Menschen zu werden.“
Ein ganz feiner Humor!
Gut auf den Punkt gebracht, da kann ich mich komplett anschließen!

Schon allein, dass sie Obdachlosigkeit, Armut und Homosexualität zum Thema ihres Romans macht, ist mutig. Lauter Dinge, die in Singapur verboten sind bzw. die es garnicht gibt.
Das würde neben ihrem literarischen Können auch ein Grund sein für den großen Erfolg dort.
Absolut! Ein wirklich starker, ungewöhnlicher, mutiger Roman.
 

luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Vielleicht ist es aber auch so, dass Yeoh Jo-Ann hier bewusst Lücken lässt.
Meines Erachtens ja. Es geht ihr nicht um eine authentische Abbildung von Obdachlosigkeit, sondern um das Ausbrechen aus Konventionen. Der Schritt ist auf vielen Ebenen in seiner Aussage schon so groß, mutig und bedeutsam - die Regelstrukturen sind in Singapur viel enger als bei uns - dass es kein Für und Wider und keine Gefahren der Obdachlosigkeit zu diskutieren gibt. Das würde für mich die Aussage des Romans auch verwässern. In seiner letzten Konsequenz erinnert mich der Text in seiner Aussage so an die Achtsamkeit-Literatur à la John Streleckys "Café am Rande der Welt" usw.
Wir befinden uns in Singapur, der sichersten Stadt (oder einer der sichersten) der Welt. Ergo: Es gibt keine/wenig Kriminalität. Es muss ja erst mal saufende, randalierende, gewaltbereite Menschen geben, die die Hilflosigkeit von Obdachlosen ausnutzen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Kultur in Singapur weit kontrollierter und sauberer (auch im übertragenden Sinn) ist. Ich halte daher Jinns Aussage für realistisch. Ich sehe keine Bagatellisierung der Autorin.
Genau so ist es: weder Obdachlosigkeit noch Kriminalität sind ein Thema in Singapur. Immerhin hat der Stadtstaat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten der Welt und meist handelt es sich um (Taschen)Diebstahl. Man muss der Autorin da also auch zugute halten, dass es aus ihrer Sicht keine Gefahren oder Bedrohungen zu berichten gibt - es ist halt nicht Hamburg, Berlin oder Frankfurt a.M. bei Nacht.
Dennoch halte ich ihn nicht für den stärksten, was man sich ja vielleicht in einem Finale ansonsten erhofft.
Ich auch nicht. Für mich leider etwas anti-klmaktisch und einen Hauch zu interessiert daran, den Roman rund und mit klarer Aussage über die Ziellinie zu bringen, daher empfange ich wohl auch diesen Hauch von "Zen-"Vibes.:rofl

Die Schwester ergänzt, dass es keine Dingsdabums-Blumen (habe vergessen, welche) geben wird auf der Beerdigung bzw. am Grab.
Chrysanthemen! Ganz wichtig - das sind die "Spinnen-"Blumen aus dem Rückblick, die Jinn nicht mag! Allerdings in Asien das Symbol für ein langes Leben...Interessant, wenn man bedenkt, dass Jinn keine auf ihr Grab bekommen soll. In vielen asiatischen Kulturen sind Symbole ja viel stärker aufgeladen und verbreitet als bei uns - wir kennen gerade so noch die rote Rose als Symbol der Liebe... :joy
Schon allein, dass sie Obdachlosigkeit, Armut und Homosexualität zum Thema ihres Romans macht, ist mutig. Lauter Dinge, die in Singapur verboten sind bzw. die es garnicht gibt.
Ganz meine Meinung. Genau darüber habe ich auch schon nachgedacht - dass der Roman so erscheinen darf, ist wahrscheinlich schon eine kleine Überraschung.