4. Leseabschnitt: Kapitel 28 bis 38 (Seite 224 bis Ende)

RuLeka

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Auch der Versuch der Selbsterwürgung muss für Lena ein sehr einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Schmerz und schlechtes Gewissen macht sie weitgehend mit sich alleine ab. Dabei kann sie nicht anders handeln. Sie hat für ihren Vater getan, was sie konnte.
Beide Elternteile sind doch ziemlich egoistisch. Sehen nur ihre eigene Sicht. Auf Toni hat das abgefärbt. Er ist ein schwieriger, engstirniger Zeitgenosse geworden, der nicht nur sich selbst, sondern auch andere unter Druck setzt.
Schwieriges Familienerbe.
Auch dieser Vater ist so gefangen in seiner Situation, dass er garnicht darüber hinaussieht. Ein Perspektivwechsel erfordert Empathie, dazu ist er nicht in der Lage.
 

Nosimi

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Auch wie es ihm einfach nicht gelingen will, Bastian ein guter Vater zu sein, obwohl er es reflektiert, mit einem Kollegen darüber spricht, sich schämt ... hier zeigt Hartmann sehr schön, dass auch die Erkenntnis einem nicht unbedingt hilft, aus einem Muster auszubrechen.
Das ist nicht zu unterschätzen, da hast du völlig recht. Letztlich bedarf es nicht nur der Erkenntnis, sondern auch eines sehr starken Willens, um lange gepflegte Verhaltensweisen zu ändern. Und das klappt halt auch nicht immer und nicht bei jedem. manche können einfach nicht aus ihrer Haut. Ich habe es auch sehr schmerzhaft empfunden, wie wenig sich Toni ändern konnte, gerade weil er mit sich gehadert hat.

Das passiert, weil er sich nie innerlich von Martha emanzipiert hat, was seinem Bruder ja weitgehend gelungen ist.
Ja, sie hatten stets ein sehr schwieriges Verhältnis. Auf der einen Seite der "weniger geliebte" Sohn, der so sehr um die Anerkennung und Aufmerksamkeit der Mutter gekämpft hat. Auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite unfähig, sich von den Leistungsvorstellungen der Mutter zu lösen.
Dass Bastian Zugang zu Martha findet, sogar Zuneigung entwickelt, das ist eine schöne, versöhnliche Wendung. Er hört zu, ohne zu urteilen, und Martha kann sich öffnen, wenn auch immer nur kurz.
Mit dem Abstand, den Bastian zu seiner Großmutter hat, kann er sich auch deutlich besser auf sie einlassen und das hat mir auch gut gefallen. Martha ist nicht einfach zu lieben, die gleiche Härte und Strebsamkeit, die sie sich selbst gegenüber auferlegt hat, wünscht sie von ihren Nächsten, Nicht mehr, aber definitiv auch nicht weniger. Erst mit dem Abstand einer Generation kann Bastian darüber hinweg sehen und sich auf sie einlassen.
Am Ende ein Lichtstreif am Horizont. Ferdi und Bastian haben Ziele, die sie verfolgen wollen, eine positive, vielleicht glückliche Zukunft ist denkbar.

Ein schönes, hoffnungsvolles Ende.
Ja, es scheint, als könnten sie sich endlich aus dem Zwang der Familie, es unbedingt "zu Etwas" bringen zu wollen lösen und ihr Leben leben. Das Ende hat mir auch gut gefallen, weil es trotz allem einen versöhnlichen Ausblick und eine Hoffnung gibt.
Mit Toni wird das nichts mehr: Herzinfarkt, Frühpensionierung. Er weiß nichts mit sich anzufangen und noch nicht mal seine Söhne interessieren ihn. Auch die Erkundung der Schweiz mit dem Zug ist nur ein Strohfeuer. Ein zutiefst unglücklicher Mensch.
Es hat sich so schlimm angefühlt, beim Lesen zu beobachten, wie Toni zunehmend in sein Unglück rennt! Zig Attacken von Angina pectoris ignorierend arbeitet er weiter auf einer Position, der er einfach nie gewachsen war, ist dabei noch nicht mal beliebt oder von den Vorgesetzten anerkannt, bis ihn endgültig der fulminante Herzinfarkt ins Krankenhaus bringt. Gut man muss natürlich auch noch sagen, dass die Therapie des Herzinfarktes in den 1970er Jahren aus Aspirin nehmen und ins Bett legen bestand. Die Folge war eine schwere Herzschwäche, zunehmend Wasseransammlungen in Beinen und der Lunge und immer wiederkehrende Lungenentzündungen und Atemnotsattacken. Dass nach so einem Herzinfarkt keiner mehr arbeiten konnte, ist verständlich. Aber so traurig für Toni, der dann auch noch jeglichen Lebensmut verloren hat.
Hartmann ist nicht der Versuchung erlegen, aus Martha eine Heldengestalt zu machen.
Ja, das habe ich mir auch schon im ersten Leseabschnitt gedacht. Er hätte so viel "sanfter" über seine Großmutter schreiben können und hat sie doch sehr real und reflektiert dargestellt. Sie war einfach nicht der liebenswerte, zugängliche, mütterliche Typ. Und trotzdem ein besonderes Leben.
Jedenfalls war ihr Weg bis zum Ende hart und beschwerlich, vielleicht der bestmögliche für sie als Verdingkind, welch ein Schicksal, trotz all der Mühen, nicht wahr?
Es war, meiner Meinung nach, auch der einzige Weg, der für sie gangbar war. Durch die emotionale Kälte in der Kindheit und Jugend an der Seele verkrüppelt, gab es für sie immer nur den Weg raus aus der Armut, hin zu stabilem Wohlstand. Alles andere musste sich dem unterordnen. Wieviel Schaden die emotionale Kälte bei ihren Kindern angerichtet hat, war ihr nicht bewusst. Wie sollte sie es auch spüren, sie hat es nie gelernt.
 

Nosimi

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Beide Elternteile sind doch ziemlich egoistisch. Sehen nur ihre eigene Sicht. Auf Toni hat das abgefärbt. Er ist ein schwieriger, engstirniger Zeitgenosse geworden, der nicht nur sich selbst, sondern auch andere unter Druck setzt.
Das ist wahr. Und doch glaube ich, dass es sowohl Martha, als auch Lenas Vater sich dessen nicht bewusst sind. Sie haben sich immer um das Fortbestehen der Familie, des Betriebes oder des Hofes kümmern müssen, sich keine Zeit für eigene Bedürfnisse genommen. Martha hat Bedürfnisse emotionaler Art mit Geschenken "behandelt", nachdem sie den entsprechenden Wohlstand erreicht hatte. Nachdem beide ihre Aufgabe verloren haben und in den Heimen waren, haben sie sich nutzlos gefühlt und sich nicht mehr auf die Zeit mit ihren Angehörigen gefreut, sondern sich nur noch mit sich selbst und dem, was sie verloren haben beschäftigt. Ich könnte mir vorstellen, dass das diesen egoistischen Zug befeuert hat. Sie haben ja auch nichts mit dem sie sich außerhalb ihrer Arbeit beschäftigt haben. Das ist wirklich traurig.
Wie schade, dass auch Toni seine Kraft nicht auf etwas anderes umlenken konnte und trotz der Musik, die ihm immer wichtig war, letztlich nach Webrechen der Aufgabe langsam verlischt.
Schwieriges Familienerbe.
Auf jeden Fall! Und umso beeindruckender, dass Bastian seinen Weg da raus gefunden hat. Dass er trotz des Erbes eine Möglichkeit gefunden hat, ohne große Verbitterung an Großmutter und Vater zu denken, ihr Leben zu porträtieren, ohne sie zu verzärteln oder über sie den Stab zu berechen und dennoch den eigenen Weg zu gehen.
 

Nosimi

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Genauso schrecklich finde ich es, wenn sich Berufstätige über sog. "Nur-Hausfrauen" abfällig äussern. Jedes Lebensmodell sollte respektiert werden .
Prinzipiell sehe ich das auch so. Jeder sollte das Modell leben, das für ihn/sie passt.
Natürlich. Nur sollte man sich der Folgen seiner Wahl bewusst sein und vor diesem Hintergrund frei wählen dürfen. Ich habe leider viele Fälle erlebt, in denen die Altersarmut von Zeitlebens nicht außer Haus tätigen Frauen eine große Bürde war auf den letzten Metern…
Das ist für mich der wichtigste Punkt! Auch in der Ehe müssen doch beide Partner für die Rente vorsorgen.
Gut, da sollte man 1950 von 2020 trennen, denn damals war es nicht nur viel gebräuchlicher, dass Frauen zu Hause waren und Hausfrauen waren, während der Mann gearbeitet hat, man hatte auch - zumindest offiziell - nur ein Drittel der Scheidungen von heute. Damals wurde es wahrscheinlich auch einfach erwartet, wenn der Mann genug verdient, dass die Frau dann zu Hause bleibt und die Kinder und den Haushalt versorgt.
Heute ist es zum einen doch eine Absprache zwischen den Partnern, wer welchen Teil der Arbeit erledigt, zum anderen Teil sollte aber doch auch mal über das Thema Altersarmut gesprochen werden. Und dann können doch entsprechende Maßnahmen getroffen werden.
Und letztlich können auch beide weiter arbeiten und sich beide um die Kinder kümmern. Dann muss nicht der eine die Rente des anderen bezahlen und beide haben auch Zeit für und mit ihren Kindern. Das ist ja auch eine gemeinsam Entscheidung.
Ah ja. Genau das meinte ich. Hauptsache, Mann/Frau ist zufrieden mit dem, was er/sie tut.
Auf jeden Fall muss man auch daran denken, was für einen selbst wichtig und gut ist. Und nicht was andere davon halten.
 

RuLeka

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Mit dem Abstand, den Bastian zu seiner Großmutter hat, kann er sich auch deutlich besser auf sie einlassen und das hat mir auch gut gefallen. Martha ist nicht einfach zu lieben, die gleiche Härte und Strebsamkeit, die sie sich selbst gegenüber auferlegt hat, wünscht sie von ihren Nächsten, Nicht mehr, aber definitiv auch nicht weniger. Erst mit dem Abstand einer Generation kann Bastian darüber hinweg sehen und sich auf sie einlassen.
Das ist doch öfter zu beobachten, dass die Enkel mehr Zugang finden zu der Großelterngeneration. Zum einen sind die Großeltern weniger hart zu ihnen, als sie zu den eigenen Kindern waren und die Enkel haben einfach mehr Abstand zu ihnen. Beide können unbelasteter miteinander umgehen.
Das ist wahr. Und doch glaube ich, dass es sowohl Martha, als auch Lenas Vater sich dessen nicht bewusst sind
Sie haben ihre Kinder vor dem Armenhaus bewahrt, ihnen einen gewissen Aufstieg ermittelt, das sagen sie als ihre Aufgabe an. Mehr war einfach nicht drin.
 

Nosimi

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Das ist doch öfter zu beobachten, dass die Enkel mehr Zugang finden zu der Großelterngeneration. Zum einen sind die Großeltern weniger hart zu ihnen, als sie zu den eigenen Kindern waren und die Enkel haben einfach mehr Abstand zu ihnen. Beide können unbelasteter miteinander umgehen.
Ja stimmt natürlich. Hab ich ja auch so erfahren. Und ich bin sehr dankbar darum, dass ich so ein gutes Verhältnis zu meinen beiden Omas hatte.
Sie haben ihre Kinder vor dem Armenhaus bewahrt, ihnen einen gewissen Aufstieg ermittelt, das sagen sie als ihre Aufgabe an. Mehr war einfach nicht drin.
Das ist auch eine enorme Leistung, aber halt leider nicht alles im Leben. Ich musste mehrmals während der Lektüre an die Experimente bzgl. psychischen Hospitalismus denken: Auch wenn Kinder alles zum überleben haben, gehen sie nicht gänzlich unbeschadet aus ihrer Kindheit, wenn ihnen die Zuneigung und persönliche Zuwendung fehlt.
 

Sassenach123

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Der letzte Abschnitt rundet den Roman hervorragend ab, und ich konnte das Buch zufrieden zu klappen. Es gefällt mir, dass Bastian und Ferdi durchaus Hoffnung auf ein schöneres Leben haben als Toni oder Martha.
Es ist erschreckend wie sich einige Erlebnisse und Lebensumstände durch die weiteren Generationen fressen. Heute weiß man darum, was sicher in einigen Fällen dabei hilft zu verarbeiten, zu verstehen und aus diesen Mustern auszubrechen. Immer gelingt es allerdings nicht, zumal einige Verletzungen nicht so offensichtlich sind wie hier.
Ich frage mich, wie Marthas Leben und das ihrer Kinder verlaufen wäre, wäre ihr Vater nicht gestorben. Es ist schon erschreckend, was dieser Tod scheinbar ausgelöst hat. Ich frage mich aber auch, ob ihr Verhalten, ihr Ehrgeiz, nicht sogar gut für sie war. Vielleicht wäre sie ansonsten innerlich zerbrochen, was hätte das für Folgen gehabt? Eine Antwort dazu gibt es nicht, bleiben nur Vermutungen, wie so oft im Leben.
Lena blüht auf, das hat mich sehr gefreut. Ihre Beziehung zu Toni war nie wirklich glücklich, und in der heutigen Zeit, hätte sie sich wahrscheinlich früh von ihm getrennt, doch dann gäbe es Bastian jetzt nicht, und Ferdi, und diesen Roman auch nicht :)
 

Sassenach123

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Berührend fand ich in diesem LA die Szene, in der Bastian seinen Vater im Krankenhaus besucht und die widersprüchlichen Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen. Trotz des zurückgenommenen Schreibstils wird klar, er liebt seinen Vater.
Ja, stimmt, ihm zu erlauben zu sterben und dann gleich das schlechte Gewissen wie er sowas nur wünschen könne…..
Ihr Schicksal ist prägend für die nächsten Generationen. Und es ist wirklich traurig zu sehen, wie lange es dauert, bis so etwas aufgearbeitet worden ist.
Teilweise reicht es ja, wie man heute weiß, über mehrere Generationen. Ich glaube es gibt fast keine Familie wo nicht irgendetwas ist, sicher nicht immer so ausgeprägt, aber viele Großväter aus meiner Generation waren im Krieg usw, was sicher auch solche Narben mit sich brachte
Das habe ich zweimal in den letzten Jahren bei Nachbarinnen erlebt. Plötzlich werden aus miesepetrigen, verschreckten Frauen richtig nette Nachbarinnen - nur, weil der Haustyrann weg ist.
Eine Frau leidet ja auch unter den Verhältnissen, kann mir das sehr gut vorstellen, das, wenn der Grund weg ist, die Lebensfreude wiederkommt. Schrecklich
Mir kam es so vor, als hätte stets nur ein Bestreben gehabt: Bloß kein Rückfall in die Armut. Dem Ziel ordnete sie alles unter.
Manchmal glaube ich allerdings, dass dieses Ziel sie gerettet hat. Denn ohne das, wäre sie innerlich zu Grunde gegangen. Das es natürlich im weiteren Verlauf solche Nachwirkungen haben wird, dessen war Martha sich wohl nicht bewusst.
Unbedingt muss das bedacht sein. Aber die Spezies der Hausfrauen stirbt sowieso aus.
Es hat sich ja seit der Zeit einiges geändert. Die Männer helfen heutzutage ja größtenteils auch im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder, so dass für die Frauen auch der Raum bleibt, sich beruflich zu orientieren.
 
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claudi-1963

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29. November 2015
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Es ist schon erschreckend wie Toni seinen eigenen Sohn oft behandelt. Hier spiegelt sich wieder, was er als Kind selbst mit seiner Mutter erlebt hat. Er kann einfach ebenfalls keine Liebe zeigen, weil es es nicht von seiner Mutter erfahren hat. Und trotzdem wundert es mich, wie sehr er an Martha hängt. mehr noch wie Peter, der doch viel weniger herzlos erzogen wurde wie Toni.

Mich hätte echt interessiert, wie alt die Väter geworden sind. Den sie müssen doch noch recht jung gewesen sein als sie starben.

Der Zerfall von Toni nach seinem Herinfarkt hat mich doch etwas schockiert. Ob er sich da einfach aufgegeben hat? Vielleicht weil er das Gefühl hatte das er nicht mehr arbeiten kann? Den auch Martha hat ja von da an abgebaut, als sie nicht mehr arbeiten konnte. Man könnte meinen auch hier setzt sich alles fort.

Mir hat es nur für seine Söhne leid getan, das sie so wenig von seiner Vaterliebe bekommen haben. Warum nur konnte sich Toni da nie überwinden? Es ist schon erschreckend zu sehen wie sich diese fehlende Liebe von Martha durch die ganzen Generationen zieht. Obwohl er sicherlich was anderes für seine Familie gewollt hat.
Das Lena nach Tonis Tod aufblüht, kann ich gut verstehen. Den auch sie war ja eine Gefangene in ihrer Ehe gewesen, von Liebe war da wenig zu spüren.

Mich hätte nur interessiert, ob der Autor es bei seiner Familie anders gemacht hat?
 

claudi-1963

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29. November 2015
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Berührend fand ich in diesem LA die Szene, in der Bastian seinen Vater im Krankenhaus besucht und die widersprüchlichen Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen. Trotz des zurückgenommenen Schreibstils wird klar, er liebt seinen Vater.
Da hatte ich nie Zweifel daran, das er ihn nicht liebt, er hat nur gegen seine Wesensart rebelliert. Und er sagte ja später auch, das er nicht einmal mehr weiß warum er mit ihm gestritten hat. Vielleicht war es einfach auch die Pubertät, die da Bastian rebellieren lässt?
 
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