4. Leseabschnitt: Kapitel 18 bis 24 (S. 170 - 228)

Emswashed

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9. Mai 2020
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Als Fahnenträger erreicht Henry endlich den so heiß ersehnten Ruf eines Helden, doch kaum ist der Schlachtenlärm verklungen, piesaken die unrühmlichen Verfehlungen sein Gewissen.
Ich bin nicht schlau geworden aus dem ganzen Hin und Her und Henrys Gedanken waren auch nicht tiefgründig, sondern schwankend, aufschneiderisch, feige und verwirrend.
Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Schlacht einen Mann aus ihm gemacht hat.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Das letzte Kapitel ist unerträglich schwülstig.

So. Geht es um Henry? Oder geht es um uns? Weiß noch jemand, wie Henry mit Nachnamen heißt, ich habs mal gelesen, aber nicht notiert.

Henry hat einen kurzen hellen Moment, in dem er sieht, was er ist und was er getan hat. Statt sich dazu zu bekennen, greift er wieder zu den alten Rechtfertigungsmechanismen und schiebt diese Erkenntnis beiseite. Ich fürchte, Henry war "früher" auch nicht anders. Und ich fürchte, die meisten Menschen sind genau so.

Mag sein, dass eine extreme Situation (und Krieg, weil Krieg und Schlacht extreme Situationen per se sind) einen Menschen zur Selbsterkenntnis bringen. Zwingen?

Aber die Moral von der Geschicht ist, dass der Mensch diese Selbsterkenntnis nicht aushält. Oder nur die ganz Großen. Und Henry ist halt nun mal kein Großer. Sondern ein ganz normaler Kleiner.

Ich kann ihm nicht böse sein. Aber ich mag ihn auch nicht.

Ganz anders sieht es mit dem Autoren aus. Aber ich will ja nicht verraten, was ich erst in die Rezension schreiben werde.
 

Anjuta

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8. Januar 2016
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Essen
Im 4. LA geht die Schlacht für Henry richtig los. Bisher hatte sich seine Truppe verteidigt und aus Verteidigungszwecken gekämpft, nun aber wird seine Truppe als Kanonenfutter ausgewählt und in den angriff geschickt. Henry weiß darüber vor allen anderen Bescheid, weil er ein Gespräch der Kommandanten über diesen Plan belauschen kann. Das was er als Heldentum verstanden hat, ist also beliebiges in den Kampf werfen?!? Die starke Diskrepanz der SIchtweise der Oberen auf den Krieg (das, was bisher in der Literatur verarbeitet worden war) und seiner Sichtweise (die nun Crane zum Inhalt seines Romans macht) wird hier enorm deutlich. Aber auch wenn Henry schockiert ist über das Gehörte, schwächt das sein Tun in diesem wahnsinnigen Angriff auf den Feind in keine Weise ab. Gemeinsam mit seinem Freund scheinen sie sich in so etwas wie einen Fahnenrausch hineinzusteigern. Schwer erträgliche Kost für mich als Leserin!
Aber als die Schlacht dann vorbei ist, erfahren wir auch, dass wir Henrys Handeln im Krieg tatsächlich nicht so ganz ernst nehmen sollten, denn er ist in diesen Szenen nicht ganz Herr seiner Sinne:
[zitat]Er spürte auch, wie sein Bewusstsein einem langsamen, doch unwiderruflichen Wandel unterzogen wrde. er brauchte eine WEile, um seine kriegerischen Reflexe abzustellen und wieder den vertrauten Gedankengängen Platz zu machen. Doch Schritt für Schritt verzog sich der Pulverdampf aus seinem Hirn und eröffnete ihm die Möglichkeit, seine Situation mit der notwendigen Distanz zu reflektieren.[/zitat]
[zitat]Er hatte ein Land besucht, indem das Rot des Blutes und das Schwarz des Rausches regierten, ein Land, in dem der Einsatz von Gewalt zu den seltsamsten Verwerfungen führt. [/zitat]
Alles, was zuvor geschah und wir gelesen haben, müssen wir demnach als einen rausch verstehen. Henry stand unter einer Droge, der Kriegsdroge, nur so ist sein Handeln, das uns sicher manchmal unverständlich erschien, verstehbar. der Krieg ist ein Tier, der den Menschen nicht er selbst sein lässt, sondern bis tief in seine Gefühle, Gedanken, Werte und Handlungen hinein den Menschen verändert, lenkt, steuert. So verstehe ich dieses "Aufwachen" Henrys am Ende des Romans, wie es uns von Crane geschildert wird.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Ich kann ihm nicht böse sein. Aber ich mag ihn auch nicht.
Seit wann muss man einen Protagonisten mögen???
Über das Lesestadium bist du doch wohl hinaus: Ich kann den Prota nicht leiden, deshalb mag ich das ganze Buch nicht:p
Die starke Diskrepanz der SIchtweise der Oberen auf den Krieg (das, was bisher in der Literatur verarbeitet worden war) und seiner Sichtweise (die nun...) wird hier enorm deutlich
Genau. Das, was wir am Anfang des Romans vermisst haben: Die Befehlshaber und Strukturen. Henry hat ja fast Verständnis, dass man im Feld den Überblick auch nicht haben KANN.
Übrigens verständigen sich die Vorgesetzten mit Signalen - mangels Telefon.
Menschenverachtend natürlich der Begriff Maultiertreiber. "Wir werfen ihnen alles entgegen, was wir haben". Dieser Satz zeigt, das der Einzelne NICHTS zählt. Soldaten sind austauschbar wie Kanonen. Das gilt im Grunde für alle Kriege.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
20.029
51.992
49
Dieser letzte Abschnitt hat mich wieder sehr fasziniert!
Die Schlacht, das auf und nieder der Emotionen, der Geräusche...
Die Gedanken des Jungen sind nachvollziehbarer geworden. Er fühlt sich beleidigt und geringgeschätzt. Daraus zieht er aber Mut und Energie: denen zeige ich es jetzt!. "Er sah aus wie der Inbegriff des wahnsinnig gewordenen Söldners." (179)

Die Metaphern liebe ich zum großen Teil.
Der Gesang der Kugeln, die Stimmen der Kanonen, ein immerwährendes Dröhnen- all das Formulierungen, die zur Lage passen.
"Ihre Beine waren schwer wie Blei, weil sie auf den geschundenen Schultern den Sarg ihrer verlorenen Ehre tragen mussten." (198) Gefällt mir.
Ehre, Mut und Mannsein sind im Krieg ganz wichtig. Die alten Lateiner fassten das alles mit der Vokabel "virtus" zusammen (meine Lehrerin hielt einst einen Vortrag darüber, der fiel mir gerade ein;)).

Eine verfehlte Metapher habe ich entdeckt: Wie Blumen würden seine Wunden verheilen 227 :eek:. Stehe ich auf dem Schlauch? Blumen? heilen?

Auch der Junge sieht den Gegner nicht als Menschen: Eine graue Uniform nach der anderen knickt im Kugelhagel ein. Erst gegen Ende, als man sich mit einem der Gefangenen gut unterhalten kann, bekommt der Feind etwas Menschliches.

Ein friedliches, versöhnliches Bild zum Abschluss. Die Mordmaschine wird wieder zum Menschen. Das hat mir auch gefallen. Insgesamt beschließe ich die Lektüre mit einem guten Gefühl und bin gespannt, wie Henry auf diese Zeit zurückblickt (Der Veteran).
 

Yolande

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13. Februar 2020
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Uff, das war ja mal ein intensiver letzter Abschnitt. Ich hatte fast das Gefühl einer klassischen Symphonie. Die Geschichte hat sich immer mehr in das Kriegsgeschehen hineingesteigert bis hin zum furiosen Finale, als der Feind in die Flucht geschlagen und die Fahne erobert wurde. Danach noch ein paar Töne in Moll und aus :).
Ich hatte mich in einem der vorherigen Abschnitte mal gefragt, warum dieses Buch so erfolgreich war, ich glaube, ich habe es jetzt verstanden. Erst ist Henry feige davongelaufen und dann aber wieder zurückgekehrt, um sich dann sogar heldenhaft hervorzutun, danach reflektiert er zwar noch seine Flucht, aber seine Handlungen danach wiegen diesen Moment der Schwäche wieder auf.
Die Perpektive so eine Schlacht nur aus dem Blickwinkel des kämpfenden Soldaten zu erzählen, war damals mit Sicherheit etwas total Neues. Man hat keinen Überblick über das gesamte Geschehen. Mal denkt man, alle sind geschlagen, der Feind hat gesiegt, plötzlich wechselt das Kampfglück und man sieht sich wieder obenauf.
Die Frage ist nur, was haben die Truppen im Endeffekt erreicht? Sie ziehen sich wieder in ihre erste Stellung auf der anderen Seite des Flusses zurück, hat diese ganze Kämpferei überhaupt etwas gebracht?
 

Wandablue

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18. September 2019
10.320
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Brandenburg
Seit wann muss man einen Protagonisten mögen???
Über das Lesestadium bist du doch wohl hinaus: Ich kann den Prota nicht leiden, deshalb mag ich das ganze Buch nich

Übertreib nicht ;-). Ich habs halt mal erwähnt.

Die Metaphern liebe ich zum großen Teil.

*schüttelkrampf*
Ihre Beine waren schwer wie Blei, weil sie auf den geschundenen Schultern den Sarg ihrer verlorenen Ehre tragen mussten.

Hab ich mir auch notiert. Als Negativbeispiel. *Nervenzucken*
Ich hatte fast das Gefühl einer klassischen Symphonie. Die Geschichte hat sich immer mehr in das Kriegsgeschehen hineingesteigert bis hin zum furiosen Finale, als der Feind in die Flucht geschlagen und die Fahne erobert wurde. Danach noch ein paar Töne in Moll und aus

*zustimm*. Auch wenn ich die Bilder für überspannt und pathetisch halte und denke, sie sind dazu da als Gegengewicht, zeigen das Idealisieren des Krieges als Gegengewicht zur erschreckend anderen Realität - malt der Autor dennoch ein Bild. Was vermutlich an "Fackeln im Sturm" und anderen Fernsehproduktionen liegt, die wir abrufen.
hat diese ganze Kämpferei überhaupt etwas gebracht?

Ja. Aber darum gehts in dem Roman nicht.

danach reflektiert er zwar noch seine Flucht, aber seine Handlungen danach wiegen diesen Moment der Schwäche wieder auf.

Das sehe ich nicht so, dass das Buch deshalb erfolgreich war. Sondern, weil es um einen Antihelden geht, einen Deserteur. Aber ich habe den Schluß noch nicht gelesen, es ist also eine vorläufige Ansicht.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
20.029
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Ich hatte fast das Gefühl einer klassischen Symphonie.
Man müsste sich Beethovens Eroica wieder mal anhören. War sie nicht Napoleon zugeeignet?
Dennoch denke ich, die Perspektive ist eine andere. Die Symphonie verherrlicht den Krieg. Der Kanonendonner ist nur Hintergrund für den ruhmreichen Sieg.
Der Aufbau weist aber Parallelen auf. Muss ich wirklich mal reinhören, ist lange her.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Der letzte Leseabschnitt war intensiv. Da wurde mir bewusst, wie sich so eine Schlacht anfühlen muss. Man nimmt seine Umwelt nur noch partiell wahr, denkt nichts mehr, sondern handelt wie im Rausch. Man registriert die Verletzten, die Toten neben einem, aber ohne Emotionen. Keine Überlegungen, keine Zweifel- das kommt erst wieder danach.
rst gegen Ende, als man sich mit einem der Gefangenen gut unterhalten kann, bekommt der Feind etwas Menschliches.
Vorher sieht man nur die Farbe der Uniform oder die Richtung, aus der der andere kommt. Sieht man den Menschen, wird es schwerer ihn zu töten.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Das Gespräch zwischen dem General und dem Offizier ist an Zynismus nicht zu überbieten.
„ Gehen Sie mal davon aus, dass die wenigsten Ihrer Maultiertreiber überleben“, rief ihm der General noch nach. Der Offizier brüllte ein paar unverständliche Worte zurück und grinste.“ ( S. 174f.)
Die Soldaten sind nicht mehr als Kanonenfutter. Und die Ironie dabei: Henry will den Gegenbeweis antreten, um sich so an dem General zu rächen. Das würde dem nur ein müdes Lächeln abringen, denn so hätte sein Gerede ja sein Ziel erreicht.
Die Antwort darauf müsste desertieren sein, weil man merkt, wozu man benutzt wird.
 

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