4. Leseabschnitt: Kapitel 15 bis 19 (Seite 224 bis 293)

Literaturhexle

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Bei der Szene, als Mr. Reindl eingesperrt ist, wird deutlich, wie sehr sich die Familie vor ihm fürchtet.
Mrs Reindl umwölkt ja irgendwie etwas Geheimnisvolles. Offenbar stammt sie auch aus besserer Familie. Mary hat das beobachtet - anhand von Haltung und Sprache. Wie ist sie zu diesem Proleten gekommen?!
Wir werden es nicht erfahren.
 

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Dieser Abschnitt war handlungsreicher, auch kamen die Folgen der Krise besser heraus.
Sylvie ist wirklich schwanger, womit es zwischen Walter und Rose engültig aus ist. Und was sich bereits abzeichnete, dass das zwischen Eustace und Melanie Liebe ist, wird hier auch deutlich. Melanie entscheidet sich gegen diese Verbindung, allerdings auch gegen ihre Liebelei mit Terry. Sie wirkt hier tatsächlich modern, legt Wert auf ihre Freiheit.
Sehr gut gelungen fand ich hier in dem Abschnitt die Darstellung der Nachbarschaftsbeziehungen. Es wird sehr gut deutlich, dass man niemand hinter die Stirn schauen kann und dass Dinge oft anders sind als scheinen. Mary ist meines Erachtens eine Schlüsselfigur. Sie möchte gerne mit jedermann klar kommen und eine Stütze sein. Doch an Mrs Reindl, die letztlich stirbt, schweitert sie.
In diesem Abschnitt merkt man die Krise u.a. an Lebensmittelknappheit und an den Verhältnissen in Krankenhäusern.
Für mein Leseempfinden steigert sich das Buch, es bleibt aber dennoch für mich persönlich etwas mühsam zu lesen. Es lebt von einem ruhigen, ausufernden Erzählstil. Ich glaube, ich bin bei @GAIA, wenn mir etwas mehr Tempo sehr Recht wären.
 

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Alle kleine und größere Aufregungen werden so dahinerzählt, alles passiert irgendwie gleichwertig nebeneinander her und ich frage mich, ob der Roman überhaupt einen Spannungsbogen hat. Ich persönlich kann keinen entdecken
Ich entdecke auch keinen, hätte auch gerne ein klein wenig mehr "Dramatik" oder "Tempo". Das ist aber eine persönliche Vorliebe. Ohne den sehr ruhigen, ausufernden Erzählstil, wäre das Buch ein anderes. Ich sehe es schon auch als Leistung, implizit mit viel Feingefühl, die Stimmungen der Zeit widerzuspiegeln und die Charaktere für sich sprechen zu lassen. Hier hat Lewis, wie ich finde, eine große Gabe, ihre Charaktere sehr empathisch und authentisch zu zeichnen.
Die Reindlsache ist ein bisschen dick aufgetragen. Wie kann eine alte Frau jeden Kontakt nach aussen verhindern und warum sollte sie? Diese Beschreibungen, die Alte hat eine Hakennase und tiefliegende (gemeine) Augen - sind furchtbar übertrieben
Ja, da gebe ich Dir Recht. Die Autorin arbeitet hier bewusst mit Sterotypisierungen, um die Reindl schlecht aussehen zu lassen. Der Nebeneffekt dabei ist, dass Mary umso besser weg kommt. Etwas schwarz-weiß Zeichnung an der Stelle.
Damals gab es noch keine Pille. Verhütung war unsicher, Männer ließen gerne mal schwangere Mädchen sitzen - Resultat ein ruiniertes Leben. Sie ist zu vernünftig (und nicht verliebt genug), um es dazu kommen zu lassen.
Und sie sieht halt im unmittelbaren Umfeld, wohin dergleichen letztlich führt...
Was mir insbesondere gefällt ist weiterhin die Schreibweise. Der Roman lebt von der ausführlichen ruhigen Sprache. Der Raum der Natur wird atmosphärisch erfasst. „Mit den Regen werden die Berge langsam wieder grün. In den feuchten Gärten erblühten üppig die Lilien, mit dem Duft, der an Wildblumen in Schottland erinnerte“ (S. 256) Man fühlt sich mittendrin in der Natur, man sieht das Grün und riecht den Duft.
Würde man die Schreibweise als "naturalistisch" bezeichnen? Jedenfalls ist es genau das, womit ich mich etwas schwer tue - nicht nur hier, sondern ganz grundsätzlich. Es sei denn, das Verhältnis zum Geschehen bleibt ausgewogen.
 

petraellen

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Würde man die Schreibweise als "naturalistisch" bezeichnen? Jedenfalls ist es genau das, womit ich mich etwas schwer tue - nicht nur hier, sondern ganz grundsätzlich. Es sei denn, das Verhältnis zum Geschehen bleibt ausgewogen.
Unter dem Begriff "Naturalismus" würde ich, die Literaturepoche in der Zeit von 1880 bis 1900, diesen Roman nicht einordnen. Der Naturalismus wollte das Hässliche, soziale Missstände zeigen und aufdecken und die Wirklichkeit so detailliert und wirklichkeitsgetreu wie möglich darstellen. Hier in diesem Roman sehe ich die Naturbeschreibungen als sehr angenehm an. Hier wird die Raumgestaltung des Textes hervorgehoben: die Natur, der Ort, die Menschen, deren Ambiente, Arbeitsplatz, Denken, Sprechen und Handeln etc., detailreich beschrieben. Das ist es, was den Roman ausmacht. Mit der Veränderung der Natur findet auch eine Veränderung des Lebens statt. Dies hat die Autorin wundervoll in Szene gesetzt. Irgendwo kam hier in unserer Diskussion die Frage auf: welchen Zeitraum der Roman einnimmt. Keiner konnte es auf Anhieb direkt beantworten. Das zeigt, dass der Leser die Veränderung als natürlich wahrgenommen hat. Ruhig und im Fluss findet das Schreiben der Autorin statt. Das muss man können.
 
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Barbara62

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Mrs Reindl umwölkt ja irgendwie etwas Geheimnisvolles. Offenbar stammt sie auch aus besserer Familie. Mary hat das beobachtet - anhand von Haltung und Sprache. Wie ist sie zu diesem Proleten gekommen?!
Wir werden es nicht erfahren.
Schade, ich hatte noch Hoffnungen auf den letzten Leseabschnitt... :sad Aber wir sollen offenbar nicht mehr erfahren als Mary.
 

Literaturhexle

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Mitleid wegen des Blinddarmleidens gab es auch nicht.
Hm. Wobeikoch seine Argumentationskette: alleine ist das Geld zu knapp, zu zweit klappt es besser, auch schräg fand. Das klingt ja so, als ob er nur aus finanziellen Motiven die Ehe sucht.
Das Kistenschleppen wird mit Gastfreundschaft vergolten;)
Du hast nicht ganz Unrecht, aber Mitleid hatte ich auch keins mit ihm...
 
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Sassenach123

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Mit Eustace hatte ich in diesem Abschnitt richtig Mitleid. Melanie nützt ihn ohne Bedenken aus. Er darf die Kisten schleppen, mehr nicht. Mitleid wegen des Blinddarmleidens gab es auch nicht. Ich verstehe, warum sie ihn nicht heiraten will, aber etwas mehr Achtung hätte er verdient.
Ich denke es lief von Anfang an nicht in die richtige Richtung, nur keiner beiden konnte oder wollte es sehen. Eustace hätte ihr zeigen müssen, dass er sie mag, dass er nie mehr unternommen hat, wirkt so, als ob er sie nur für den Haushalt wollte. Melanie selbst hätte sich auch früher eingestehen müssen, dass der Funke nicht übergesprungen ist. Ob es etwas geändert hätte, wenn Eustace sich anders verhalten hätte, kann man nicht wissen. In dem ganzen Dilemma tut mir auch am meisten Leid, Melanie steckt das besser weg, sie war ja auch diejenige die es beendet hat, aus recht plausiblen Gründen
 

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Ja, sowas von! Ich kann nachvollziehen, dass sich Mrs. P. Vorwürfe macht, dass sie nicht hartnäckiger war. Aber andererseits hat sie es im Gegensatz zu anderen Nachbarn immer wieder versucht - und kaum einen Dank erhalten.
Das so ein Drama geschieht konnte sie aber nicht ahnen, und genau das ist es wahrscheinlich, was ihre Gewissensbisse so groß macht.
Immer wieder häufen sich Anzeichen, die auf die schweren Zeiten hinweisen. Auch wenn Familie P. nicht stöhnt und lamentiert - sie wurden omnipräsent in das Geschehen eingeflochten:
Mittlerweile ist es das wirklich, auch wenn es nur kleinere Andeutungen sind. Aber mir reicht es, obwohl ich zu Beginn schon davon ausgegangen bin, dass der Fokus stärker darauf liegt. Der Klappentext mal wieder…….
Erstaunlicherweise ist sie dann doch ganz gut informiert, was Sex angeht und scheint sich nicht in Schwierigkeiten gebracht zu haben.
Wenn man so ein Buch hat……
Als meine Mutter in die Kurzzeitpflege musste, weil wir bei ihr umbauen mussten, das Bad musste behindertengerecht werden, habe ich im Schlafzimmer auch so ein Büchlein gefunden, war wohl früher sehr beliebt. War ein komisches Gefühl……..
 

Sassenach123

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Mir gefällt der Roman nach wie vor sehr gut.
Ein wenig gewundert habe ich mich, dass man zu dieser Zeit noch nichts darüber wusste, dass Diabetes und Schwangerschaft wohl Aufmerksamkeit brauchen. Aber vielleicht wollte Mary Sylvie nicht ängstigen und es ist ja alles gut ausgegangen.
Das Walter seine Verantwortung zu übernehmen scheint finde ich gut, sicher war ich mir da nicht.
Erschreckend empfinde ich die Schilderung des Gesundheitssystems. Es war mir zwar bekannt, dennoch könnte es in Eustace Fall zum Beispiel gefährlich werden zu warten, bis er genug Geld zusammen hat.
Lediglich Lem kam mir in diesem Abschnitt zu kurz…
 
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