4. Leseabschnitt: Buch Zwei, Zweiter Teil (Seite 195 bis 266)

Die Häsin

Bekanntes Mitglied
11. Dezember 2019
4.018
13.861
49
Rhönrand bei Fulda
Mir geht's als Nachzüglerin nicht anders als vielen hier, ich werde immer verwirrter. Und dass Sarr die Erzählebenen nicht in der konventionellen Weise trennt - durch eindeutige Absätze, Kursivdruck oder Zitat-Gänsefüßchen - macht es noch schwieriger. Ich muss oft überlegen, wer nun eigentlich gerade das erzählende Ich ist, Siga oder Brigitte Bollème oder die Gemini-Verlegerin oder wer immer.

Als ich las, Elimanes Vater (oder Onkel) sei "trailleur" gewesen, habe ich den Begriff mal gegoogelt. Es gab in den Kriegen, in die Frankreich seit der Kolonialzeit verwickelt war, offenbar immer wieder Senegalesen, die für Frankreich gekämpft haben. Zum Teil hat man die Leute mit dem Versprechen der französischen Staatsbürgerschaft geködert. Zum Teil wurden diese Soldaten Opfer rassistischer Verbrechen durch die Wehrmacht (wenn sie in Gefangenschaft gerieten), zum Teil wurden sie nach ihrer Rückkehr auf den afrikanischen Kontinent von Kolonialbeamten interniert und/oder ermordet (siehe bei Wiki unter Thiaroye-Massaker).

Vielleicht wird dieser Vorgang noch thematisiert.

Was das Thema Rassismus betrifft, habe ich aber (vielleicht bin ich nicht die einzige?) den Verdacht, dass der Erzähler, oder der Autor, hier auch wieder mit Augenzwinkern gewisse Klischees bedient. Elimane als schwarzer Superpopper - aber hallo. Und auch das Frauenbild, speziell das Bild schwarzer Frauen ist keineswegs klischeefrei - die monumentale dunkelhäutige, sexuell unersättliche Göttinnenfigur, klingt irgendwie nach Riger Haggard ...

Ich finde den Roman spannend und lese gerne weiter, aber dass er mich, wie es hier auch angesprochen wurde, emotional mitnimmt, kann ich nicht behaupten. Ich weiß nie so richtig (von Anfang an schon), was ernst gemeint ist und was nicht. Das ist lustig zu lesen, erzeugt aber natürlich Distanz zum Stoff.
 

luisa_loves-literature

Aktives Mitglied
9. Januar 2022
670
2.700
44
Jede Schlüsselfigur des Romans dreht sich um Elimane, dem eigentlichen Protagonisten, wenn man so will.
Richtig - das Reizvolle daran ist, dass er selbst jedoch nicht in Erscheinung tritt, sondern nur gefiltert durch Erinnerungen und Zuschreibungen, Spekulationen und Projektionen auftritt. Sehr spannend und faszinierend gemacht.
Witzig fand ich zudem, wie Diégane über Elimanes Brief urteilt: "Was für ein Mist!"
Ich auch - vor allem, weil Diégane sich zu Beginn des Romans selbst gern in der Pose des intellektuell überlegenen Dichters gesehen hat.
Ich kann mir vorstellen, dass die Beschreibung ein breites lesendes Publikum anspricht, dann aber nicht alle mit der Lektüre klarkommen.
Ich sehe das Problem in den ersten 120 Seiten über die man erstmal hinaus lesen muss, damit man sich im "Labyrinth" verfängt. Ich bin kein Abbrecher, aber ich glaube schon, dass der Roman mit seinem ersten LA eine ziemliche Hürde aufbaut.
Weder der Name Ledig noch Josef noch Engelmann dürften zufällig gewählt sein (wobei der Name des Offiziers fast jüdisch klingt...).
Den Gedanken hatte ich auch, zumal Engelmann, Elimane und Ellenstein alle mit E beginnen (eigentlich bei Romankomposition eher ein verwirrungverursachendes No-Go - es sei denn, man hat eine Absicht) und phonetisch sind sich Engelmann und Elimane ja auch gar nicht mal so unähnlich.
Man hat ihn auf sein Schwarzsein reduziert, ihn als Jahrmarktattraktion ausgestellt, weil er dem gängigen Stereotyp des ungebildeten, dumpfen Afrikaners nicht entsprach. Elimane fühlt sich und sein Werk unverstanden, das ist das Schlimmste für ihn.
Aber das ist es nicht nur - es ist auch der (zum Glück) mittlerweile nicht mehr so ausgeprägte, aber doch in weiten Teilen leider oftmals noch vorhandene Wunsch, ein Werk durch die Vita des Autors erklären zu wollen.
Tatsächlich merke ich bei diesem Roman, dass ich diesen emotionalen Bezug nicht brauche.
Den brauche ich hier ausnahmsweise auch überhaupt nicht.
Ich muss oft überlegen, wer nun eigentlich gerade das erzählende Ich ist, Siga oder Brigitte Bollème oder die Gemini-Verlegerin oder wer immer.
Ich empfinde den Roman auch weniger als Puzzle, eher tatsächlich als Labyrinth oder noch besser als Schachtelansammlung. Verschachtelte Sätze, verschachtelte Erzähl- und Inhaltsebenen. Es ist gerade noch so, dass man es zusammenhalten kann, aber man muss aufpassen und sich immer wieder vergegenwärtigen, welche Schachtel gerade offen ist. Zum Ende des aktuellen Abschnitts wird es ganz verwirrend, da spricht Sina als Brigitte mit sich selbst, Diegane meldet sich zu Wort und dann ist sie wieder Siga. Sie spricht sich als Brigitte mit Mademoiselle an und zwei Zeilen weiter ist sie quasi noch im selben Atemzug ich als Siga (habe es absichtlich so verwirrend dargestellt, wie es auch ist.) Dass ich dem Autor das nicht stärker ankreide, liegt daran, dass ich in seinem Roman sehr angekommen bin und Inhalt und Erzählstil mittlerweile ausgesprochen unterhaltend finde.
 

Neu in "gemeinsam lesen"