Rezension (4/5*) zu Einfach unvergesslich: Roman von Rowan Coleman

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Gast

Unfassbar, aber Claire ist erst 40 Jahre alt, als sie die niederschmetternde Diagnose erhält: Alzheimer. Da gibt es nichts, auf das sie sich allmählich einstellen kann, denn lange hat sie es durch ihre Intelligenz geschafft, die bereits vorhandenen Symptome der Erkrankung zu kompensieren. Nun schreitet die Krankheit rasch fort und droht ihr Leben zu zerstören.
Sie muss ihren geliebten Beruf als Lehrerin aufgeben, verliert zunehmend ihre Selbständigkeit und den Bezug zur Realität.

"Die Welt um mich herum liegt in Trümmern." (S. 27)

Doch nicht nur Claire ist betroffen von der Alzheimer-Erkrankung, auch ihr Umfeld leidet zunehmend unter den Symptomen. Ihr Mann Greg, mit dem sie erst seit einigen Jahren verheiratet ist, wird ihr immer fremder, sie beginnt ihm zeitweise sogar zu misstrauen. Ihre älteste Tochter Caitlin, Anfang 20, die zwar erwachsen ist, aber zwischendurch immr noch Claires Unterstützung braucht, sieht sich plötzlich in der umgekehrten Situation, für ihre Mutter verantwortlich zu sein. Claires Mutter Ruth gibt ihr eigenes Leben auf, um für Claire zu sorgen. Und Claires und Gregs kleine Tochter Esther - wie lange wird Claire wirklich noch die Aufgaben einer Mutter für sie übernehmen können?

"Wird die Nebelwand heranrollen? Wird sie das, was ich wissen muss, verschlucken? Nicht zu wissen, was ich nicht weiß, verdirbt mir die Lust, überhaupt irgendetwas zu tun. Alles, was ich anfasse, ist potenziell zum Scheitern verurteilt. Und doch bin ich in dieser Sekunde immer noch ich. Mein Geist ist intakt. Wann wird er das nicht mehr sein? Wann werde ich nicht mehr ich sein?" (S. 85)

Rowan Coleman hat für diesen Roman einen schönen Aufbau gewählt. Sie erzählt kapitelweise aus wechselnden Perspektiven von den Ereignissen um Claire, wobei Claire und ihrer älteren Tochter Caitlin der Hauptanteil der Erzählung zukommt. Im Anschluss an fast jedes Kapitel findet sich zudem ein Auszug aus dem gemeinsamen 'Erinnerungsbuch', das ich für eine schöne Überlegung halte. Dort kommt fast jeder einmal zu Wort, und die Erinnerungen der einzelnen sind wirklich etwas ganz besonderes.
So gelingt es Coleman, zum einen die große Verwirrung, die Ängste, die Niedergeschlagenheit, die Zweifel Claires authentisch und glaubwürdig zu schildern, und auch ihr Bemühen darum, noch als Mensch wahrgenommen und nicht auf ihre Erkrankung reduziert zu werden. Zum anderen wird aber genauso deutlich, dass die Betroffenheit nicht einseitig ist, dass sich alles für alle ändert, und dass auch das Umfeld sehr zu kämpfen hat mit der Alzheimer-Erkrankung und ihren Folgen. Ignorieren, Leugnen, Wut, Trauer, Resignation - alles findet hier angemessen seinen Ausdruck.

"Es wäre wirklich eine Hilfe, wenn ich (...) mit fortschreitender Krankheit immer durchsichtiger würde, bis ich schließich nur noch so eine Art Gespenst wäre. Das wäre wirklich praktisch, das würde es mir und allen anderen erleichtern, wenn mein Körper einfach analog zu meinem Geist verginge." (S. 151)

Die Schreibweise ist flüssig, und gut gefallen hat mir, dass das Buch nicht in Tristesse badet, dass neben der Dramatik, die die Alzheimer-Erkrankung einfach mit sich bringt, auch ausreichend Platz blieb für humorvolle Situationen.

"Fröhlich winkt sie mit den Blumen. 'Duftdinger! Sind die nicht schön?' " (S. 61)

Allerdings habe ich bemerkt, dass mich das Buch anfangs zwar wirklich berührte, dass dies aber zunehmend nachließ. Es war immer noch flüssig zu lesen, es interessierte mich auch, wie es weitergehen würde - und doch...
Ich habe mal geschaut, was Rowan Coleman sonst noch so geschrieben hat - und das waren wohl bislang in erster Linie lustige Frauenromane. Und ein wenig hatte ich den Eindruck, dass sich dieses Muster trotz des ernsten Themas auch hier letztlich durchgesetzt hat, was ich persönlich schade finde. So gab es einen großen Nebenschauplatz, der mir persönlich zu viel Raum einnahm und die eigentliche Geschichte (um die es mir ging) zu sehr "verwässerte". Und teilweise - für manche vielleicht tröstlich und genau richtig - wurde es mir einfach zu "schnulzig".

"Liebe ist die wahre Einnerung. Liebe ist das, was bleibt, wenn wir nicht mehr sind. " (S. 318)

Zwar hat das Buch nicht ganz meine Erwartungen erfüllt, war insgesamt jedoch sehr angenehm zu lesen und hat mich über weite Phasen berührt. Rowan ist es gelungen, einen sehr authentischen Einblick in die Alzheimer-Erkrankung und ihre Bedeutung für die Betroffenen und ihre Umgebung zu vermitteln.
Ich freue mich jedenfalls, dass ich es hir im Rahmen einer Leserunde lesen durfte! Vielen Dank dafür!

© Parden

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Zum Buch... (evtl. mit weiteren Rezensionen)
 

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