3. Leseabschnitt: Teil 2 - Kapitel 1 bis 3 (S. 85 bis S. 135)

ulrikerabe

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Das titelgebende Zimmer wird hier zum Symbol der Beziehung zwischen Giovanni und David. Es ist klein, beengt, bietet zuwenig Platz für zwei. Es ist schmutzig, unordentlich chaotisch, dekadent. David sagt, er sollte dieses Zimmer zerstören und Giovanni ein neues, besseres Leben schenken. Ich fürchte, David scheitert kläglich.
 

ulrikerabe

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Was mich sehr betroffen gemacht hat, war die diese Stelle (S. 129) "Ich frage mich, ob er weiß, dass der kommende Morgen der letzte Morgen seines Lebens ist."
Ich frage mich, ob es grausam oder barmherzig ist, dass alle wissen, wann die Hinrichtung stattfinden wird, nur der Verurteilte nicht. Dass dieser sich schlafen legen darf, ohne zu wissen, dass es sein letztes Mal ist? Oder dass er jede Nacht zu fürchten hat, dass es das letzte Mal sein könnte?
 

Wandablue

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Wie steht ihr denn generell zur Todesstrafe? Ich habe meine Meinung diesbezüglich ungefähr 7mal in meinem Leben geändert.
 

ulrikerabe

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Wie steht ihr denn generell zur Todesstrafe? Ich habe meine Meinung diesbezüglich ungefähr 7mal in meinem Leben geändert.
Ich bin nicht religiös, aber ich halte "Du sollst nicht töten" für ein universelles Gesetz:ethisch, moralisch, juristisch. Gleiches mit gleichem zu vergelten entspricht nicht einer aufgeklärten Gesellschaft. (Man könne natürlich jetzt darüber zu diskutieren wie aufgeklärt wir in Richtung einer aufkeimenden Prolokratie immer noch sind, aber das ist ein anderes Thema) Strafe so lernen wir Juristen im Studium hat vor allem zwei Zwecke zu erfüllen: general- und spezialpräventive. Also Strafe soll die Allgemeinheit davon abhalten, ein Verbechen zu begehen, und ist Unbill für den Einzelnen. Strafe und Recht sollte aber nie mit Gerechtigkeit verwechselt werden. Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit. Den Mord mit der Tötung des Mörders zu sühnen bringt das Opfer nicht zurück. Das Volksempfinden mag da anders lauten, aber dazu soll es eben eine weisungngsfreie Gerichtsbarkeit in einem Rechtsstaat geben, deren Grundprinzipien sind: Unabhängigkeit, Unversetzbarkeit und Unabsetzbarkeit. Deswegen mag man ja schon Laiengerichtsbarkeit (Geschworne, Schöffen) fragwürdig finden. Okay ich hole aus...

Natürlich kann man sagen, dass es so schwere Verbrechen gibt, dass man den Täter nie wieder in die Gesellschaft entlassen darf und daher die Todesstrafe gerechtfertigt sei. Dass Inhaftierung dieser Täter auf Kosten des Staates unnötig seien.
In den USA beispielsweise sieht man deutlich, dass zur Todesstrafe Verurteilte oft Jahre, fast Jahrzehnte lang auf die Vollstreckung warten. Kostenfaktor: immens!
Und wen trifft dieTodesstrafe dort am Häufisten: unterprivilegierte, schwarze Männer. Zweierlei Maß!
Außerdem: auch das beste Justizsystem, das beste Beweisverfahren kann sich irren. Wer sich dann keine entsprechende Verteidigung leisten kann, wird, vielleicht sogar zu Unrecht - verurteilt. Diese Schuld lädt sich die Gesellschaft auf. Eine Gesellschaft, an der ich nicht teilhaben will.
Kurz gesagt: Ich bin dagegen!

Filmtipp: Das Leben des David Gale
https://www.imdb.com/title/tt0289992/
Buchtipp: Mercy Seat
Buchinformationen und Rezensionen zu Mercy Seat: Roman von Elizabeth H. Winthrop
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RuLeka

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Was mich sehr betroffen gemacht hat, war die diese Stelle (S. 129) "Ich frage mich, ob er weiß, dass der kommende Morgen der letzte Morgen seines Lebens ist."
Ich frage mich, ob es grausam oder barmherzig ist, dass alle wissen, wann die Hinrichtung stattfinden wird, nur der Verurteilte nicht. Dass dieser sich schlafen legen darf, ohne zu wissen, dass es sein letztes Mal ist? Oder dass er jede Nacht zu fürchten hat, dass es das letzte Mal sein könnte?
Das ist eine sehr schwierige Überlegung. Aber generell ist es so, dass Menschen mit allem besser umgehen können als mit Ungewissheit. Mir z.B. bereiten viele Dinge im Vorfeld Sorgen . Ist dann aber tatsächlich etwas Schwerwiegendes eingetroffen, versuche ich auf die Situation passend zu reagieren. Sicherlich ist es eine grauenvolle Vorstellung, die letzte Nacht seines Lebens vor sich zu haben, aber noch schlimmer ist es vermutlich, jede Nacht damit zu rechnen, dass man zur Hinrichtung abgeholt wird.
 

RuLeka

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Wie steht ihr denn generell zur Todesstrafe? Ich habe meine Meinung diesbezüglich ungefähr 7mal in meinem Leben geändert.
Generell lehne ich die Todesstrafe ab. Der Mensch ist nicht der Richter über Leben und Tod. Allerdings gab es solche Urteile, bei denen ich keinerlei Mitleid mit den zum Tode Verurteilten hatte ( z.B. die Nürnberger Prozesse ).
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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@ulrikerabe
Danke für dein ausführliches "Ausholen". Ich finde es sehr lehrreich, ein bisschen über die Grundlagen unseres Rechtes zu erfahren bzw. das Verschüttete aufgefrischt zu bekommen.

Was die Todesstrafe betrifft, bin ich sehr gespalten. Für manche Täter würde ich sie befürworten, insbesondere für Kinderschänder, weil man sie meiner Meinung nach nicht ausreichend therapieren kann und sie den Staat sehr viel Geld kosten. Aber klar, da bewege ich mich auf Seite der Populisten. Wer Kinder so grausam quält, hat sein Leben verwirkt, da habe ich kein Mitleid.

Aber: es bleibt immer die Möglichkeit eines Justizirrtums. Deshalb bin ich auch wieder froh, dass es so ist, wie es ist.
 
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Wandablue

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@ulrikerabe
Danke für dein ausführliches "Ausholen". Ich finde es sehr lehrreich, ein bisschen über die Grundlagen unseres Rechtes zu erfahren bzw. das Verschüttete aufgefrischt zu bekommen.

Was die Todesstrafe betrifft, bin ich sehr gespalten. Für manche Täter würde ich sie befürworten, insbesondere für Kinderschänder, weil man sie meiner Meinung nach nicht ausreichend therapieren kann und sie den Staat sehr viel Geld kosten. Aber klar, da bewege ich mich auf Seite der Populisten. Wer Kinder so grausam quält, hat sein Leben verwirkt, da habe ich kein Mitleid.

Aber: es bleibt immer die Möglichkeit eines Justizirrtums. Deshalb bin ich auch wieder froh, dass es so ist, wie es ist.

Es ist gar nicht so leicht, sich in dieser Frage zu entscheiden. Am liebsten würde ich hier EInzelfallentscheidungen befürworten (was das Ganze aber dann beliebig macht, je nach Richter). "Früher" war es mir ganz klar. Todesstrafe. Nein, das geht nicht. Dann aber ... und dann wieder ... schwer tun wir uns mit Peinigern. Mit Menschen, die Lust am Quälen haben. Oder mit Massenmördern/Vergewaltigern. Die "Aufbewahrung" ist natürlich auch ein Problem.

In Giovannis Zimmer war ich jedenfalls entsetzt.
 

Leseglück

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Ich bin nicht religiös, aber ich halte "Du sollst nicht töten" für ein universelles Gesetz:ethisch, moralisch, juristisch. Gleiches mit gleichem zu vergelten entspricht nicht einer aufgeklärten Gesellschaft. (Man könne natürlich jetzt darüber zu diskutieren wie aufgeklärt wir in Richtung einer aufkeimenden Prolokratie immer noch sind, aber das ist ein anderes Thema) Strafe so lernen wir Juristen im Studium hat vor allem zwei Zwecke zu erfüllen: general- und spezialpräventive. Also Strafe soll die Allgemeinheit davon abhalten, ein Verbechen zu begehen, und ist Unbill für den Einzelnen. Strafe und Recht sollte aber nie mit Gerechtigkeit verwechselt werden. Es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit. Den Mord mit der Tötung des Mörders zu sühnen bringt das Opfer nicht zurück. Das Volksempfinden mag da anders lauten, aber dazu soll es eben eine weisungngsfreie Gerichtsbarkeit in einem Rechtsstaat geben, deren Grundprinzipien sind: Unabhängigkeit, Unversetzbarkeit und Unabsetzbarkeit. Deswegen mag man ja schon Laiengerichtsbarkeit (Geschworne, Schöffen) fragwürdig finden. Okay ich hole aus...

Natürlich kann man sagen, dass es so schwere Verbrechen gibt, dass man den Täter nie wieder in die Gesellschaft entlassen darf und daher die Todesstrafe gerechtfertigt sei. Dass Inhaftierung dieser Täter auf Kosten des Staates unnötig seien.
In den USA beispielsweise sieht man deutlich, dass zur Todesstrafe Verurteilte oft Jahre, fast Jahrzehnte lang auf die Vollstreckung warten. Kostenfaktor: immens!
Und wen trifft dieTodesstrafe dort am Häufisten: unterprivilegierte, schwarze Männer. Zweierlei Maß!
Außerdem: auch das beste Justizsystem, das beste Beweisverfahren kann sich irren. Wer sich dann keine entsprechende Verteidigung leisten kann, wird, vielleicht sogar zu Unrecht - verurteilt. Diese Schuld lädt sich die Gesellschaft auf. Eine Gesellschaft, an der ich nicht teilhaben will.
Kurz gesagt: Ich bin dagegen!

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Vielen Dank für die juristischen Ausführungen! Ich bin dankbar für unseren Rechtsstaat in dem es unabhängige Richter gibt. Auf die Todesstrafe sollte man m.E. nach generell verzichten, also auch nicht bei offensichtlichen Monstern einsetzen. Es ist eine Grundsatzentscheidung.
Ich bin aber froh, dass es nach lebenslang noch die Möglichkeit einer anschließenden Sicherheitsverwahrung gibt( z.B. bei schweren Sexualstraftaten) denn es muss ja auch um den Schutz der Allgemeinheit gehen.
In G.s Fall denke ich, dass er in unserem Rechtssystem lediglich wegen Totschlag verurteilt werden würde und vielleicht nur 9 Jahre bekäme?
 

Leseglück

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Das titelgebende Zimmer wird hier zum Symbol der Beziehung zwischen Giovanni und David. Es ist klein, beengt, bietet zuwenig Platz für zwei. Es ist schmutzig, unordentlich chaotisch, dekadent. David sagt, er sollte dieses Zimmer zerstören und Giovanni ein neues, besseres Leben schenken. Ich fürchte, David scheitert kläglich.
Ich sehe in dem unaufgeräumten Zimmer auch ein Symbol für die Beziehung zwischen D. und G.l oder allgemein für die unaufgeräumten Seelen oder für das homosexuelle Zusammenleben. G. möchte es ja ständig für D. schöner machen, schafft es aber nicht.
Zimmer, dunkle Höhle und Erdspalte aus dem ersten LA haben ähnliche Bedeutungen, meine ich. Sie sind für D. sehr negativ besetzt (gesellschaftlicher Tod).
 

Renie

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Essen
renies-lesetagebuch.blogspot.de
Will er dadurch männlicher erscheinen, dem Rollenbild "Mann" entsprechen.
Das könnte sein. Wenn man bedenkt, dass er aus einem Dorf in Italien stammt, wo die Männer noch echte Kerle waren und es vermutlich zum guten Ton gehörte, seiner Frau deutlich zu zeigen, wer der Herr im Haus ist, ist Giovannis Denkweise bezüglich Frauen das Produkt seiner Erziehung.
 

RuLeka

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Ich sehe in dem unaufgeräumten Zimmer auch ein Symbol für die Beziehung zwischen D. und G.l oder allgemein für die unaufgeräumten Seelen oder für das homosexuelle Zusammenleben. G. möchte es ja ständig für D. schöner machen, schafft es aber nicht.
Zimmer, dunkle Höhle und Erdspalte aus dem ersten LA haben ähnliche Bedeutungen, meine ich. Sie sind für D. sehr negativ besetzt (gesellschaftlicher Tod).
Wollte „ Stimme zu“ drücken, kein Lacher. Kann ich das korrigieren?
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Was mich sehr betroffen gemacht hat, war die diese Stelle (S. 129) "Ich frage mich, ob er weiß, dass der kommende Morgen der letzte Morgen seines Lebens ist."
Ich frage mich, ob es grausam oder barmherzig ist, dass alle wissen, wann die Hinrichtung stattfinden wird, nur der Verurteilte nicht. Dass dieser sich schlafen legen darf, ohne zu wissen, dass es sein letztes Mal ist? Oder dass er jede Nacht zu fürchten hat, dass es das letzte Mal sein könnte?
Dies ist sicher bei jedem Menschen anders. Der eine möchte es wissen, der andere lieber nicht. Doch in dem Fall hat derjenige ja leider keine Wahl.
 
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Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Ich wundere mich sehr wie dominant David in diesem Abschnitt auf mich wirkt. In den vorherigen sah ich in ihm nur den jungen Mann auf dem Weg zur Selbstfindung, keine Spur von diesem Egotrip, den er hier vollbringt. Wenn ich an die Situation mit Sue denke, bin ich entsetzt wie kaltblütig er sie manipuliert um seine Sache durchziehen zu können.
Giovanni spürt schon länger, dass David und er keine Chance haben miteinander alt zu werden. Nicht nur die Rückkehr von Hella steht zwischen ihnen.
Im Grunde begeht David permanent Verrat an den Menschen, die denken, dass sie ihm wichtig sind.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Wie ging‘s Euch mit der Affäre/dem one night stand mit Sue?

Wird uns Sue nicht sympathisch, sobald sie sagt:„Ich frag mich oft, was ich machen würde, wenn es auf der Welt keine Bücher gäbe.“ (Seite 114)

Der One night stand mit Sue (S. 113ff.) liest sich für mich grauenvoll. Also inhaltlich, meine ich. Geschildert wird er bravourös...
Dieses Benutzen, dieses Unechte, diese Kälte, so völlig ohne Leidenschaft und Genuss...
Ja, bei der Bemerkung musste ich auch schmunzeln. Und ebenso bezeichnend war es, dass David nicht darauf eingegangen ist.
 
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