3. Leseabschnitt: Seite 154 bis 240

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Schon wieder Erste hier! Schade. Oder traut sich nie eine andere?
Ein Riesenbohai um die Beerdigung.
Endlose Wiederholungen (der Klempner klopft, der Vater rutscht auf der Treppe aus, der Kopf schlägt auf den Beton, etc etc.) - das alls weiß ich bereits.
- Treffen mit den Schwestern und Muttern in der Pizzeria
- endlose Belanglosigkeiten
"Ich schlug einen Parkplatz vor, Sören wollte auf einen anderen, wir wurden wütend, wir fingen an, uns zu streiten, dann fanden wir einen freien Parkplatz, hielten and und stiegen aus."
Diesen Stil kann ich nicht honorieren.
Aber auch einige Einzelheiten vom Familienleben, die Mutter war schön (dann diese ungeheure Zeile, sie hätte sich ihre eigene Konkurrenz geboren, wie gehässig das ist); der Vater sitzt jahrelang griesgrämig im Sessel herum und verbreitet Dunkelheit.
Die Beerdigung selbst - wie Bergljot nicht aufhören kann darüber zu reden, Lars wird es zu viel, mir wird es zu viel.
Dann endlich ein wenig Butter bei die Fische als B. bei der Testamentseröffnung ihren Brief vorliest.

Der 3. LA hat mir schon mehr zugesagt. Es kommt ein wenig Licht ins Dunkel, aber das dauert und zieht sich hin wie Kaugummi.
Fakt ist, Vater und Mutter sind an allem schuld, an allem Unglück, das B. widerfährt, aber sie geht trotzdem zur Beerdigung und sagt, was man von ihr hören will. (Begreif ich nicht).
Es ist ein bisschen wie
Wenn man was sagt, muss man mit der Familie brechen.
Das ist eben der Preis dafür. Ist nicht gut, aber manchmal muss man sich eben entscheiden zwischen zwei Übeln und das kleinere Übel wählen.
Vom Vater weiß ich immer noch nichts.
Ausser dass er sagte als Entschuldigung, B. wüsste nicht, wie seine Kindheit gewesen sei. Der Vater entschuldigt sich selbst. Und findet er sei das Opfer. Nun, er ist nicht das Opfer, aber dass er nicht auch ein Opfer gewesen ist, kann man nicht ausschließen. Aus Opfern (besonders männlichen) werden oft Täter.
 
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Bajo

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16. Juni 2023
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Mir hat der 3. LA wieder sehr gefallen, besonders die Szene beim Notar. Finde es nach wie vor auch nicht nervig oder langweilig, die Einzelheiten wie die Szene vor dem Restaurant zeigen die Nervosität vor dem Treffen.
Habe ich das richtig verstanden, dass die Mutter zumindest eine der jüngerenTöchter 20 Jahre später als ihre erste Tochter, also B., bekommen hat ? Beziehe mich auf die Szene mit dem gemeinsamen Schwangerschaftstest.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Endlose Wiederholungen
Das ist in diesem LA besonders am Anfang sehr auffällig. Mir ist besonders das Wort 'phantastisch' auf die Nerven gegangen, weil es x-mal wiederholt wird. Aber möglicherweise ist dieses Genervt-Fühlen Absicht der Autorin, denn auch Bergljot scheint davon genervt zu sein.
Wenn man was sagt, muss man mit der Familie brechen.
So einfach ist das nicht und das will die Autorin wahrscheinlich auch aufzeigen. - (Mit deiner Kritik bringst du mich auf Ideen, was Absicht der Autorin gewesen sein könnte. Sehr hilfreich)
Habe ich das richtig verstanden, dass die Mutter zumindest eine der jüngerenTöchter 20 Jahre später als ihre erste Tochter, also B., bekommen hat ? Beziehe mich auf die Szene mit dem gemeinsamen Schwangerschaftstest.
Nein, ich weiß zwar nicht, was für ein krankes Verhalten der Mutter dahinter steht, aber auf S. 109 steht in Bergljots Brief, dass Astrid zwei Jahre war als B. fünf war (2. Abschnitt). Und Asa war gerade geboren.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Die Wiederholungen inhaltlicher und stilistischer Art sind so auffällig, dass sie einfach nicht Zufall oder Unfähigkeit sein können, sondern Absicht der Autorin. Normalerweise würde ich das kritisieren und schlecht finden, hier nicht und ich frage mich selber, warum. Es wirkt auf mich teilweise beklemmend und spiegelt auch die psychische Anspannung von Bergljot wider und in der Pizzeria bei ihrem Treffen das ganze Bizarre der Situation, das Verlogene. (Die Klempner waren phantastisch, das Krankenhaus war phantastisch, die Tanten, Asa, Astrid, Mutter,...). Auch das Verhalten der Beteiligten empfinde ich als seltsam; sie wollen den Eindruck erwecken, als wären sie über den plötzlichen Tod des Vaters traurig, aber das wirkt auf mich gar nicht so. Sie suhlen sich geradezu in der Beschreibung, wie 'es' passiert ist und lachen über die Bekleidung der Mutter mit 'nur einer Unterhose'. Das ist so unwürdig... ebenso wie das Totenbild vom Vater mit nacktem Oberkörper.

Klaras weiser Ratschlag, beim Notar endlich das Unaussprechliche vor aller Augen und Ohren auszusprechen, ist sicher gut. Vielleicht hilft es Bergljot weiter, auch wenn sie jetzt das Verhältnis zu den anderen belastet oder endgültig zerstört. Aber möglicherweise wäre das der Schlussstrich, der sie zur Ruhe kommen lässt.​

Nochmal zum Titel und zum Wort im Einakter, den Bergljot schreibt: ob es 'Inzest' ist, falsch als 'Inzescht' ausgesprochen?
 

Bajo

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16. Juni 2023
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Nein, ich weiß zwar nicht, was für ein krankes Verhalten der Mutter dahinter steht, a
Danke für den Hinweis. Ich glaube, die Mutter ist krankhaft eifersüchtig auf B., die freudig von ihrer Schwangerschaft berichtet. Mit dieser krankhaften Testaktion will sie sie B. zeigen, guck mal, auch ich werde geliebt, undzwar von deinem Vater .
 

dracoma

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16. September 2022
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Die Wiederholungen inhaltlicher und stilistischer Art sind so auffällig, dass sie einfach nicht Zufall oder Unfähigkeit sein können, sondern Absicht der Autorin.
Absolut. Schon die Beschreibung der nervigen Suche nach einem passenden Lokal: sie ist aufgeregt, aber dann sitzt sie bei dem "phantastischen" Geschnatter der anderen Fraktion fremd und unbeteiligt daneben. Sie hört nur: alle sind phantastisch, aber sie als Fremdkörper eben nicht. Sie kommt sich einsam vor.
Das ist so unwürdig...
Das fand ich auch. Peinlichst.
Das Unwürdige geht aber weiter bei der Beerdigung. Das Gedicht, das die Mutter auf den Totenzettel schreibt und auch noch vortragen lässt - diese Eitelkeit der Mutter ist unglaublich. Sogar bei der Beerdigung schiebt sie sich ins Rampenlicht und besingt öffentlich eine Familiensituation, die - wenn man Bergljot hört - es nur in ihrer Einbildung gegeben hat.
Und ein weißer Sarg mit rosa Bändern für einen alten Herrn - na ja. Ist wohl Geschmackssache.
Die ganze Beerdigung ist eine Mords-Show. Jedenfalls vermittelt mir Bergljot diesen Eindruck.
 
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28. Oktober 2018
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Wienerin auf Rügen
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Habe ich das richtig verstanden, dass die Mutter zumindest eine der jüngerenTöchter 20 Jahre später als ihre erste Tochter, also B., bekommen hat ? Beziehe mich auf die Szene mit dem gemeinsamen Schwangerschaftstest.
Nein, die Mutter gibt dann ja zu, dass sie ihren Test angefasst hat, vielleicht zeigen sich die Ringe auch, wenn man schüttelt, sie hat nur so getan, vielleicht wollte sie damit Nähe zu Bergljot vortäuschen, oder wollte sie, wie auch mit ihren Selbstmordversuchen, einfach wieder im Mittelpunkt stehen, was für eine verstörende Frau.
 

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Wienerin auf Rügen
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Nun ist es klar, der Vater hat die kleine Bergljot sexuell missbraucht, in der Zeit zwischen ihrem fünften und siebten Lebensjahr. Viel später, vor erst 23 Jahren, hat Bergljot endlich eine Beratung für Inzestopfer angerufen, doch das Gespräch mit dem Vater bringt wenig, soll es eine Entschuldigung sein, dass der Vater seine eigene Kindheit erwähnt? Den Sohn Bard hat er "nur" verprügelt.
Gut gefallen hat mir die Szene, wie die Mutter und die vier Geschwister einander in der Pizzeria treffen, um das Begräbnis zu besprechen und Bergljot sieht ihre Mutter nach vielen Jahren wieder. Die Sprache in diesen Szenen ist, wie Bergljot selbt, anstrengend, wie ein in Wiederholungen sich drehender Kreisel, ich habe mich beim Lesen in diesen Sog mitgezogen gefühlt und hier passten die Wiederholungen für mich perfekt, aber ich finde es teilweise beinahe langweilig, dass sich diese Wiederholungen der Worte, Sätze als Stilelement durch die gesamte Geschichte ziehen, auch wenn mir die Idee dahinter klar ist. Es sind Bergljots Gedankenkreisel, die wohl nur nach einer Flasche Wein zur Ruhe kommen.
Dann der Notartermin und Lars bringt es auf den Punkt, anders als Klara hat er genug davon, immer dasselbe Thema, Vater, Beisetzung, Kindheit zu hören. Bergljot erklärt sich selbst als zerstört und zerstörerisch, das bringt es für mich auf den Punkt, das ist es, was sie antreibt. "Ich rief Lars an, der tief aufseufzte, weil ich mich so verbiss, so aufgekratzt und am Rande war, als ob ich mich in meinem Schmerz suhlte und darin ertränkte, anstatt daran zu arbeiten, es hinter mir zu lassen und einen Schlussstrich zu ziehen." (Seite 223) Das sehe ich auch so. Den Kopf musste ich schütteln, dass sie wenige Stunden vor dem für sie so wichtigen Notartermin (wieder einmal) eine ganze Flasche Wein leert. Da hätte ich wohl bewusst versucht, nüchtern und klar zu bleiben.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Die Wiederholungen inhaltlicher und stilistischer Art sind so auffällig, dass sie einfach nicht Zufall oder Unfähigkeit sein können, sondern Absicht der Autorin.
ja sicher, .... es zeigt das Wirrwarr im Hirn von B. Aber gefallen muss es mir nicht, vor allem, da es keine Abwechslung dazu gibt. Es ist auf Dauer eintönig.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
den Bergljot schreibt: ob es 'Inzest' ist,
Sehr gut möglich. Inzest bedeutet aber, die Zeugung von Nachkommen innerhalb der Blutlinie. Ich guck noch mal nach. Es geht hier um Missbrauch.
Ich habe es schon so verstanden, dass die Mutter schwanger war als auch B. schwanger war - vllt starb das Kind? Wissen wir nicht. Oder die Autorin hat hier einen Fehler begangen. Vllt werden wir es erfahren.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Nein, die Mutter gibt dann ja zu, dass sie ihren Test angefasst hat, vielleicht zeigen sich die Ringe auch, wenn man schüttelt, sie hat nur so getan, vielleicht wollte sie damit Nähe zu Bergljot vortäuschen, oder wollte sie, wie auch mit ihren Selbstmordversuchen, einfach wieder im Mittelpunkt stehen, was für eine verstörende Frau.
Wissen wir nicht.
 

Wandablue

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soll es eine Entschuldigung sein, dass der Vater seine eigene Kindheit erwähnt?
Das ist die TäterOpferUmkehr - das hat die Autorin gut gemacht. Die Täter sagen (und das mag der Wahrheit entsprechen), dass sie selber viel durchgemacht haben. Sie fordern damit jedoch Mitleid für sich - das ist die Umkehr - der Täter beansprucht Verständnis und Mitgefühl für sich. Das Opfer wird ausgeklammert. (Es ist ja nicht so, dass die Autorin nichts gut macht; trotzdem langweilt und nervt sie mich mit diesen endlosen Wiederholungen/kein Perspektivwechsel).
 

Federfee

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