3. Leseabschnitt: Kapitel 22 bis 35 (Seite 145 bis 216)

GAIA

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27. Dezember 2021
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Ich bin noch gar nicht fertig, wollte nur einen Leseeindruck mitteilen. Und zwar bin ich in diesen Leseabschnitt irgendwie gar nicht gut reingekommen. Habe die ersten 20 Seiten davon gelesen, aber zunehmend das Gefühl mit den Themensprüngen (obwohl das das falsche Wort ist, vielleicht besser: schnell wechselnden Gedankensprüngen) nicht mehr so richtig mitzukommen. Das ist mir bisher selten bis nie passiert, dass ich aus einem Buchlesefluss "rauskomme". Das kann einfach am Tag liegen, aber könnte auch daran liegen, dass die Autorin vielleicht noch einmal einen Zahn zugelegt hat beim Drehen des Kalaidoskops?
Hm, jedenfalls nicht wundern, ich bin nicht gänzlich weg, hab mich nur entschieden erst einmal ein anderes kurzes Buch zu lesen, um dann noch einmal mit frischem Blick in diesen letzten Leseabschnitt zu starten. ;)
 

Wandablue

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18. September 2019
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Nun wird es klar, das Buch entsteht aus einem absoluten Später. Die Eltern sind tot, die Großeltern sowieso, das Anwesen wird verkauft. Man trauert.
....
In diesem Abschnitt wird es mir vollständig klar, dass der Roman eigentlich ein recht moderner Roman ist und einen Mutterkomplex behandelt. Elternbeziehungen sind ja generell oft belastet und schwierig. Glücklich die Eltern, deren Kinder dies nicht sagen müssen, die haben alles richtig gemacht. Freilich sind Eltern eben auch immer Kinder ihrer Zeit. Das darf man nicht vergessen.
....
Suna macht sich mehr Gedanken über die "wahre Mutternatur" als der Bruder. Sie sagt, für ihn sei es leichter. Warum eigentlich? Weil er früher in der echten Welt war? Insofern abgehärteter.
Suna hat Visionen ihrer Mutter. Das ist ein bisschen strange. Ausserdem ist sie sehr empfindsam und macht die Erfahrung, dass die Mutter ihr mehr mitgegeben hat als sie vermutete und wollte. Diese Erfahrung machen viele Töchter ... wie gesagt, ein moderner Roman.
...
Zum guten Schluss ist mir der Roman ein wenig zu abstrakt geworden und hat auch einige scheinphilosophische Allgemeinplätze über das Leben. Ich hätte zu gerne gewusst, was der Bruder studiert hat, wie er sich in London das Leben gestaltet und wie er es bezahlt, warum Suna ihr Naturwissenschaftsstudium abgebrochen hat und zur Kunst wechselte, was ihr nicht nur Paps übel nimmt, sondern auch Wanda. Kunst kann man immer noch machen, die Ausbildung aber selten nachholen.
Ein wenig fremd ist es, dass nach Paps Tod die gesamte Verwandtschaft einfällt, nicht, um zu trauern, sondern um dort zu wohnen und mitzubestimmen.
Woran Mai starb, wird auch nicht erzählt. Man ist auf Vermutungen angewiesen.
Über die Vermögensverhältnisse hätte ich auch gerne Näheres gewusst. Wie viel blieb übrig, reicht es um allen ein behagliches Dasein zu ermöglichen?
Statt dessen ist der Roman im letzten Abschnitt sehr symbolträchtig; ich kann nicht immer bis ins letzte Detail folgen, es stört mich aber nicht weiter.
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Mutterkomplex behandelt
Genau. Das klang für mich aber schon in früheren Leseabschnitten an. Die Sichtweise auf die Mutter hat sich im Lauf der Zeit geändert. Suni hatte aber Schwierigkeiten, das einzugestehen. Ein Komplex verhindert, die Wahrheit zu sehen. Die Geschwister haben sich in die Idee, die Mutter zu retten, regelrecht verrannt.
wie gesagt, ein moderner Roman.
Das finde ich auch. Man lernt sehr viel über die indischen Traditionen, insbesondere in Bezug auf die Familie.
Woran Mai starb, wird auch nicht erzählt. Man ist auf Vermutungen angewiesen.
Das ist ein bisschen mystisch: Mai entzieht sich dem Zugriff und der Bevormundung ihrer Kinder und macht (wieder einmal), was sie will. Das wird ein Anhänger der indischen Religionen gewiss für viel glaubwürdiger halten, als wir das tun. Abgesehen von ihrem krummen Rücken war die Frau gesund und höchstens 60 Jahre alt. Da stirbt es sich nicht so schnell...
Dramaturgisch allerdings ein gelungener Schachzug. Heimlich und ohne großes Aufsehen, wie es ihre Art war, setzt sich Mai durch.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Ich kann nicht wirklich nachvollziehen, dass die Geschwister sich so wenig vom Elternhaus emanzipiert haben. Die tiefere Begründung wird in der Kultur zu finden sein. Irisblatt erwähnte die starke Bedeutung der Familie. Dadurch können sie sich auch in England nicht richtig befreien und neu anfangen.

Die Geschwister müssen den Spagat schaffen zwischen Indien und Europa, zwischen Tradition und Moderne. Sie sehen ihre Mutter zeitlebens in der Opferrolle. Sie erkennen nicht, dass sie zumindest seit dem Tod der Großeltern nicht mehr leidet, dass sie manche Dinge wirklich gern tut. (Man denke an die selbst genähte Jeanstasche und das Kochen. )

Warum können die erwachsenen Kinder nicht ein eigenes Leben führen mit Partner und Kindern? Warum schauen sie immer nur zurück? Zeigt das nicht gerade eine innere Leere? Warum schauen sie fast eifersüchtig auf Momente der harmonischen Zweisamkeit zwischen Mai und ihrem Mann, der ja ihr Vater ist? Das ist ein ganz seltsames Verhalten, das die Kinder da an den Tag legen.

Ich fand es spannend zu lesen, wie sich Suni nach und nach an die wahre Mai annähert, wie sich Schleier und Rauch langsam heben...

Leider ist Suni ja kein Vorbild für die moderne Frau: zeitlebens hatte sie wenig Ehrgeiz. Es bleibt ungewiss, ob sie sich von ihrer Kunst wird ernähren können oder ob der Bruder (oder ein reicher Ehemann) für sie sorgen muss.
Andererseits mag ich es, wenn nicht immer und überall das Klischee von der "starken " Frau bedient wird. Man kann Sunis Zweifel häufig am Text erleben. Es macht sie glaubwürdiger, dass sie keine Überfrau ist.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Leider ist Suni ja kein Vorbild für die moderne Frau: zeitlebens hatte sie wenig Ehrgeiz.
Das liegt am gegebenen finanziellen Hintergrund. Sie kann eigentlich tun, was sie will, es ist für sie gesorgt.
Eigentlich hat sie erst nach dem Tod der Mutter die Gelegenheit für einen unverstellten Blick auf sie. Das dauert. Es ist ein wenig schade, dass der Roman so früh endet. Ich hätte gerne noch eine Ausstellung in England miterlebt.
 

Irisblatt

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In diesem Abschnitt steckt ganz schön viel und teilweise werden Themen aus den vorangegangenen Abschnitten erneut aufgegriffen. Ich versuche mal aufzudröseln, welche Szenen für mich hier wichtig waren.

Wir erfahren erstmalig den Namen der Mutter „Rajjo“. Es ist bezeichnende, dass Subodh und Sunaina diesen Namen noch nie gehört haben - Mai war seit ihrer Hochzeit immer nur die Ehefrau, Schwiegertochter, Mutter. Ihr eigentlicher Name war unwichtig, und das, obwohl die Kinder immer davon sprachen, die „echte“ Mai kennenlernen zu wollen. Berührend auch als sie das Foto ihrer Mutter als Kind betrachtet und als der Bekannte des Großvaters mütterlicherseits in Sunaina sofort Rajjos Tochter erkennt. Diese Erfahrung kann Subodh als Mann nicht machen und deshalb fällt es ihm u.a. auch leichter, sich von der Mutter zu lösen. Er erkennt sich nicht in ihr. Genau das passiert aber mit Sunaina. Das erinnert mich an den ersten Abschnitt als vom Feuer gesprochen wird: „Ihr Feuer hatte sich nach innen zurückgezogen, meines war nach außen durchgebrochen. Aber gebrannt haben wir wohl beide.“ (S. 59)

Interessant auch der kurze konfliktträchtige Wortwechsel zwischen Subhod und Bua auf S. 168 im Zusammenhang mit Sunainas Bildern. Bua sagt, dass sie Sunainas Bilder ansehen werde, wenn diese die Wände ihres eigenen Hauses schmücken. Subodh sagt, dass sie bereits dort hängen. Daraud erwidert Bua, dass Sunaina gar kein Zuhause habe. Für Bua ist das Zuhause einer erwachsenen Frau dort, wo der Ehemann lebt. Alles andere zählt nicht.

Auf S. 170 gibt es eine Schlüsselszene, die meiner Meinung nach sehr gut Mais „Nichthandeln“ in unterschiedlichen Situationen erklärt.

„Mai sagte: „Wenn es ums Verstehen geht, dann muss man alle Standpunkte verstehen. Und wenn man alle versteht, dann wird es schwierig noch zu handeln.“ Damit ist sie eigentlich allen anderen voraus, die nur ihre eigene Perspektive sehen und dafür kämpfen.
Das ist wohl auch der Grund, warum sie Judith und ihren Kindern unter ein paar Auflagen erlaubt, in ihrem vegetarischen Haushalt Huhn und Fisch zuzubereiten.
Auch, dass sie Sunaina nicht weiter nach Ehassan und später nach Vikram fragt und Vikram sogar im Haus leben lässt. Für den Vater ist diese Situation natürlich schwieriger, weil er auch außerhalb des Hauses mit den Fragen der Nachbarn/Freunde konfrontiert wird und den Ruf der Familie nach außen hin wahren muss.

Dann die Szene im Zug mit Subodhs altem Schulfreund als sich Sunaina erstmalig fragt, ob sie doch eine andere Kindheit als Subodh hatte. Ja, hatte sie. Irgendwo stand auch, dass Frauen ihre Kindheitsfreundinnen verlieren, wenn sie erwachsen werden - es passiert ihnen eher als den Männern. Sie verlieren ihre Freundinnen, weil sich ihr Lebensinhalt auf einen Mann und die Familie ausrichtet. Die ganze Hausarbeit, Pflege der Kinder bleibt an ihnen hängen und es gibt keine Zeit mehr für Freundinnen. Den Männern bleibt Zeit und sie dürfen auch ohne Begleitung das Haus verlassen. Heirat bedeutet für die Frauen auch in der Regel den Umzug in das Haus des Ehemanns/der Schwiegereltern - auch das macht es schwierig, den Kontakt zu früheren Freundinnen aufrecht zu erhalten, weil die räumliche Distanz häufig zu groß ist. Der Mann bleibt im Elternhaus oder in unmittelbarer Nähe und damit auch in der Nähe seiner Freunde. Auf Subodh und andere, die ins Ausland gehen, trifft das natürlich nicht zu.

Mir kam auch noch eine Idee zu Sunainas Bildern. Es geht bei Mai immer um Parda. Sie ist nicht sichtbar für die anderen, bedeckt ihr Gesicht mit dem Zipfel ihres Saris - diese gesichtslosen Wesen malt Sunaina in ihren Bildern und einmal wird gesagt, dass der Betrachter blind ist und die Figur auf dem Bild deshalb gesichtslos. Es ist ein wechselseitiger Prozess. Individualität/Persönlichkeit liegt hinter dem Vorhang aus Rollen/Rollenerwartungen, die mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben, vielleicht auch erst mit der Mutter-/Vaterschaft übermächtig werden. Mir fallen die Kinderbilder ein - dort sind die Gesichter klar und lebendig, aber auch das Bild von Rajjo und ihrem Ehemann auf dem Roller, auf dem die beiden glücklich aussehen (vermutlich ein Bild vor Sunainas Geburt).
 

Irisblatt

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15. April 2022
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Suna macht sich mehr Gedanken über die "wahre Mutternatur" als der Bruder. Sie sagt, für ihn sei es leichter. Warum eigentlich? Weil er früher in der echten Welt war? Insofern abgehärteter.
Erstens das und zweitens, weil er als Mann sich nicht in seiner Mutter wiedererkennt wie es Sunaina z.B. auf den Fotos ihrer Mutter als Kind tut - außerdem teilen die Frauen unterschiedlicher Generationen die Erfahrungen der Rollenerwartungen, die geschlechtsspezifisch sind.
Suna hat Visionen ihrer Mutter. Das ist ein bisschen strange.
Es zeigt nur die Verbindung, die zwischen Frauen seit Generationen bestehen mit den immer wieder ähnlichen Erfahrungen.
Ich hätte zu gerne gewusst, was der Bruder studiert hat, wie er sich in London das Leben gestaltet und wie er es bezahlt,
Dann hätten wir aber keinen Roman über Mai, sondern einen wesentlich dickeren Familienroman.
warum Suna ihr Naturwissenschaftsstudium abgebrochen hat und zur Kunst wechselte,
Weil es ihr keinen Spaß machte - sie lieber malen möchte ... Ich verstehe das.
Ein wenig fremd ist es, dass nach Paps Tod die gesamte Verwandtschaft einfällt, nicht, um zu trauern, sondern um dort zu wohnen und mitzubestimmen.
Fremd für uns, aber typisch. Niemand darf in Indien alleine sein/leben.
Woran Mai starb, wird auch nicht erzählt.
Herzinfarkt, Schlaganfall?
Suni hatte aber Schwierigkeiten, das einzugestehen. Ein Komplex verhindert, die Wahrheit zu sehen. Die Geschwister haben sich in die Idee, die Mutter zu retten, regelrecht verrannt.
Sunaina merkt aber selbst, dass sie sich verrannt hat - sie ist reflektiert, sagt aber auch, dass es sich mit einer Lüge oft leichter leben lässt als mit der Wahrheit. Auch dieses Thema zieht sich durch den Roman. Wie bezeichne ich etwas, dass es annehmbar ist - Stichwort Medizin/Alkohol aber auch der Grund, warum Sunaina letztendlich nach London reisen darf - jemand aus der Familie muss sich um den kranken Bruder kümmern - da bleibt nur die Schwester.
 

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29. März 2022
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Mainz
Ein Buch über Indien zwischen Ttadition und Moderne, betrachtet durch die Brille einer Familie, in der sich die Entwicklung widerspiegelt. Je nach Position, die basierend auf kulturellen Traditionem ein Familienmitglied einnimmt, sind Verhaltens- und Denkweisen geprägt. Dennoch sind sie aber nicht unveränderlich und in Stein gemeißelt.
Mai ist eine Schlüsselfigur des Romans. Die Kinder, viel durch moderne Entwicklungen beeinflusst und motiviert, das Korsett bestimmter Traditionen abzulegen, verstehen ihre Mutter, dernen denken und Verhalten nicht. Sie empfinden es als rückständig, als passiv. Zumindest über weite Strecken der Geschichte.
Doch zum einen ist es gar nicht so. Mai ist offen für unterschiedliche Sichtweisen, übt auch selbst im Kleinen eine Art stillen Widerstand. Erlaubt den Kindern, neue und eigene Wege zu gehen. Zum anderen wackelt das Bild der Tochter von ihrer Mutter ja und sie zweifelt - anders als ihr Bruder.
Mir hat das Buch gefallen, auch wenn ich mir noch mehr und noch tiefere Einblicke in die indische Kultur erhofft hätte. Auch hätte die Herausarbeitung der Widersprüche des Indien zwischen Tradition und Moderne, und wie sich dies exemplarisch innerhalb einer Familie zeigt, gerne auf ein paar mehr Seiten weiter entfaltet werden können. Dennoch ist die Geschichte für mich am Ende rund.
 

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29. März 2022
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In diesem Abschnitt wird es mir vollständig klar, dass der Roman eigentlich ein recht moderner Roman ist und einen Mutterkomplex behandelt. Elternbeziehungen sind ja generell oft belastet und schwierig. Glücklich die Eltern, deren Kinder dies nicht sagen müssen, die haben alles richtig gemacht. Freilich sind Eltern eben auch immer Kinder ihrer Zeit. Das darf man nicht vergessen.
....
Genau. Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Das vergessen die Kinder zunächst...
Das finde ich auch. Man lernt sehr viel über die indischen Traditionen, insbesondere in Bezug auf die Familie
Das stimmt. Jeder hat eine bestimmte Rolle im System auszufüllen. Ausbrechen ist nicht leicht, doch ich finde, anhand von Mai werden auch "stille" Formen des Protestes deutlich.
Die Geschwister müssen den Spagat schaffen zwischen Indien und Europa, zwischen Tradition und Moderne. Sie sehen ihre Mutter zeitlebens in der Opferrolle. Sie erkennen nicht, dass sie zumindest seit dem Tod der Großeltern nicht mehr leidet, dass sie manche Dinge wirklich gern tut. (Man denke an die selbst genähte Jeanstasche und das Kochen. )
So sehe ich das auch. Ich denke, sie sehen die Mutter nicht im Kontext der sie prägenden Zeit, sondern durch die eigene Brille und der aktuellen Entwicklungen. Über weite Strecken zumindest. Am Ende stehen dann Zweifel im Vordergrund.
Dann hätten wir aber keinen Roman über Mai, sondern einen wesentlich dickeren Familienroman.
Mai sollte im Vordegrund stehen, und das ist hier gut umgesetzt. Andere haben umfassende Familienromane geschrieben. Ich mag zum Beispiel die Bücher Mistrys sehr.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Ich denke, sie sehen die Mutter nicht im Kontext der sie prägenden Zeit, sondern durch die eigene Brille und der aktuellen Entwicklungen.
Im Grunde ist das eine Schwäche, die sehr viele Menschen haben: das gegenwärtige gesellschaftliche Ideal oder die eigenen Präferenzen werden auf andere Personen übertragen. "Wie kannst du nur so lange deine Enkel betreuen!?", "5 Stunden in der Küche - das ist doch verrückt!", "Was bringt dir das ehrenamtliche Engagement bei der Tafel?!", "Wie konnte sie nur ihren Beruf aufgeben?!" Und so weiter...

Jeder hat andere Schwerpunkte. Wichtig ist die Zufriedenheit des einzelnen. Ein außenstehendes Urteil ist schnell gefällt. Toleranz heißt das Schlüsselwort;)
(Allerdings stelle ich fest, dass mich zunehmende Lebensjahre deutlich toleranter werden lassen. Man muss Suni zumindest anfangs ihre Jugend zugute halten.)
 

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29. März 2022
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Jeder hat andere Schwerpunkte. Wichtig ist die Zufriedenheit des einzelnen. Ein außenstehendes Urteil ist schnell gefällt. Toleranz heißt das Schlüsselwort;)
(Allerdings stelle ich fest, dass mich zunehmende Lebensjahre deutlich toleranter werden lassen. Man muss Suni zumindest anfangs ihre Jugend zugute halten.)
Ich geben Dir voll und ganz Recht. Ich habe im Laufe des Lebens gelernt, mich mit Bewertungen oder gar Verurteilungen zurückzuhalten. Ich denke, ich bin nicht in der Welt, um Urteile über Andere zu fällen. Jede/r hat ja mit sich selbst ohnehin genug zu tun. ;)
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
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Leider ist Suni ja kein Vorbild für die moderne Frau: zeitlebens hatte sie wenig Ehrgeiz. Es bleibt ungewiss, ob sie sich von ihrer Kunst wird ernähren können oder ob der Bruder (oder ein reicher Ehemann) für sie sorgen muss.
Andererseits mag ich es, wenn nicht immer und überall das Klischee von der "starken " Frau bedient wird. Man kann Sunis Zweifel häufig am Text erleben. Es macht sie glaubwürdiger, dass sie keine Überfrau ist.
Sie scheint ja auch "nur" zu malen, sich nicht um die Vermarktung ihrer Bilder zu kümmern. Das würde in England der Bruder übernehmen.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Stört es euch eigentlich nicht, dass der Vater von den Geschwistern so durchweg negativ gesehen wird? Sicher, er unterdrückt in ihren Augen (und natürlich auch objektiv) die Mutter, aber zeigt er sich nicht auch großzügig gegenüber ihren Wünschen, selbst wenn sie ihm nicht passen, ermöglicht ihnen eine Kindheit und Jugend im Wohlstand, lässt sie auswärts studieren nach freier Wahl und ins Ausland reisen, vieles davon Dinge, wofür er sich in seiner Bubble rechtfertigen muss. Selbst nach seinem schweren Unfall zeigt Sunaina nur in einem kurzen Satz so etwas wie Mitleid. Die Geschwister haben nicht nur kein Gespür für die Mutter, sie versuchen auch nie, dem Vater ein Minimum an Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Auch wenn ich ihre Jugend am Anfang gelten lasse - nachdem sie ausgezogen sind, würde ich einen differenzierteren Blick erwarten.

Als bedrückend empfinde ich den Blick des Bruders auf Indien als Land, in dem man nicht leben kann. Es ist doch schrecklich, wenn man das eigene Land so sieht.
Darf sich eigentlich jede/r Bürger/in des Commonwealth einfach so in Großbritannien niederlassen?
 
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Barbara62

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19. März 2020
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Ich hätte gerne noch eine Ausstellung in England miterlebt.
Ich wusste gar nicht, dass du so Happy-End-süchtig bist ;), eine ganz neue Wanda-Seite... :rofl Aber ich weiß, was du meinst. Ein bisschen weniger Rettung und ein bisschen mehr Drumherum hätte mir auch noch besser gefallen, beispielsweise das Studium des Bruders und seine Arbeit in England.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Stört es euch eigentlich nicht, dass der Vater von den Geschwistern so durchweg negativ gesehen wird?
Nein, ich sehe ihn genauso. Ein passiver Gewaltmensch, ein Augenzwinkern und die Mam sieht ihre Angehörigen nicht. Im Prinzip finde ich ihn fast schlimmer noch als opa. Der ist wenigstens kein Wolf im Schafspelz, sondern ein in der Wolle gefärbter Tyrann.
 
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Barbara62

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Nein, ich sehe ihn genauso. Ein passiver Gewaltmensch, ein Augenzwinkern und die Mam sieht ihre Angehörigen nicht. Im Prinzip finde ich ihn fast schlimmer noch als opa. Der ist wenigstens kein Wolf im Schafspelz, sondern ein in der Wolle gefärbter Tyrann.
Ich sage nicht, dass er mir auch nur ansatzweise sympathisch wäre. Aber ein klein wenig Anerkennung dessen, was er ihnen ermöglicht, wäre schon angebracht. Anderenfalls könnten sie natürlich auch die Unterstützung verweigern und selbst ihr Studium finanzieren. Alles mitnehmen, aber ihn hochnäsig verachten, ja, sogar hassen, ist nicht die feine Art. Und den Kindern lässt er ja erstaunlich viele Freiheiten.

Ich bin auch immer der Meinung, dass zur Tyrannei zwei gehören: Einer, der befiehlt, und einer, der gehorcht. Mai zumindest hätte die Möglichkeit zum Ausbruch gehabt (wobei wir natürich diskutiert haben, warum sie es nicht tut).
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Stört es euch eigentlich nicht, dass der Vater von den Geschwistern so durchweg negativ gesehen wird?
Stören nicht. Ich finde es befremdlich. Allerdings wissen wir zuwenig über den Vater. Anfangs gibt es ein paar Andeutungen, dass er zu Gewalt neigt. Das Gewispere im Schlafzimmer wird von den Kindern ausinterpretiert, niemand ist dabei. Er hat eine Geliebte über Jahre, er lebt die traditionelle Männerrolle aus...
Mich hat irritiert, dass die Kinder fast eifersüchtig über das Ehepaar gewacht haben. Das Verhältnis zum Vater ist fast hasserfüllt. Die genauen Gründe hierfür waren jedoch nicht Thema des Buches. Sie empfinden keine Dankbarkeit, weil da viel negativere Gefühle im Spiel sind.