3. Leseabschnitt: Eine Zitrone im All (S. 88 bis 127)

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Es ist die Zeit der Mondlandung. Vicco, Henriettes Sohn, ist fasziniert von den technischen Möglichkeiten und der Ausweitung des Bekannten. Aktuell ist er mit Liane zusammen und ist wohl unsicher, ob sie eine gemeinsame Zukunft haben werden.

Man spürt, dass die Mondlandung ein großes Thema für Vicco ist. Seine größte Furcht ist, diese ggfs. zu verpasen, wenn er tatsächlich stürbe, wie befürchtet. Übrigens habe ich über Laika mal eine graphic novel gelesen:


Mich interessiert auch sehr die Mutter-Sohn-Beziehung in diesem Abschnitt: warum ist sie so schwierig? Seit er 14 ist, lebt er bei Luise. Und warum verletzt es Henriette so genannt zu werden?
Und was wohl Viccos Traum bedeutet? Hat er möglicherweise irgendwas damit zu tun, dass Henriette das Manuskript von Frido über die Grenze bringt? Wer ist wohl der Mann im weißen Anzug?

Enttäuscht war ich, erst mal nichts weiter über die Frau mit dem Ring zu erfahren. Man erfährt nur, dass Henriette sich plötzlich ähnlich kleidet und den Ring trägt. Ich hoffe, da kommt noch etwas.
 

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Zur geheimnisvollen Frau: Am Beginn von Erzählung zwei, steht folgendes Zitat, das die Frau zu Henriette sagt:
„Als ob die Frau ihr sagen wollte: Es gibt etwas jenseits dieses Dorfes, du wirst es kennenlernen, denn diese Welt wird vergehen, die dir jetzt die Mitte deines Lebens ist.“
Die Frau ist ein Spiegel dessen, was Henriette gern sein möchte und eventuell auch wird. Im 3.Teil,trägt sie immer noch den Ring. Ich glaube nicht, dass wir noch erfahren, wer sie ist
Das wäre noch einmal ein interessanter Aspekt: Welche Bedeutung die voran gestellten Passagen haben? Das muss ich mir noch mal genauer anschauen und darüber nachdenken...
Ich fände es schon schade, nicht zu erfahren, wer die Frau ist. Welche Bedeutung hätte sie dann gehabt? :think
 
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Der Anfang war allerdings schon atemberaubend. Ich dachte, es geschieht das Unvermeidliche und habe mich gefragt, wieso eine Figur sterben soll, bevor sie richtig vorgestellt wurde.
Da habe ich auch den Atem angehalten...
Interessant fand ich, dass Vicco ggfs. besonders bedauert hätte, die Mondlandung nicht erlebt zu haben. Man merkt, was das 1969 für eine einschneidender Schritt gewesen sein muss.
Ich frage mich ja manchmal, ob ich eine wiederholte Mondlandung oder den ersten Menschen auf dem Mars noch erleben werde... Wenn, würde mich das sicher auch sehr beeindrucken.
 

Literaturhexle

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Und warum verletzt es Henriette so genannt zu werden?
Ich vermute, sie hat Vicco bekommen, als sie noch sehr jung war. Das Attribut "Mama" macht alt. Das hat sie weg geschoben, indem ihr Sohn sie mit dem Vornamen anreden musste. Außerdem ist sie wenig mütterlich.
Ich kenne einen ähnlichen Fall im Bekanntenkreis. Allerdings nicht ganz so krass: da wollte die Oma nicht Oma genannt werden - weil sie eben erst 40 war...
 

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Ich vermute, sie hat Vicco bekommen, als sie noch sehr jung war. Das Attribut "Mama" macht alt. Das hat sie weg geschoben, indem ihr Sohn sie mit dem Vornamen anreden musste. Außerdem ist sie wenig mütterlich
Ach - dann habe ich die Stelle evtl. falsch verstanden. Dachte, Vicco dürfe sie nicht "Henriette" nennen.
Vielleicht war der Tag an der Hochschule heute etwas zu laaaaang. :rofl
 
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parden

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Ja. Die Mutter ist ein Freigeist. Keine Ahnung, warum sie so mutig ist. Vielleicht hat sie einen Schutzpatron irgendwo? Sie hat ihre Ausreise ja auch offiziell bewilligt bekommen. So selbstverständlich wird das auch nicht sein.
Ich glaube, sie hatte nie Probleme, die "richtigen" Leute kennenzulernen. Über ausreichend Charisma scheint sie ja zu verfügen.
 

parden

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Ich stimme @Christian1977 zu: neben dem ersten Abschnitt fallen die nächsten beiden von der emotionalen Dichte her ab. Nichtsdestotrotz finde ich es weiterhin beeindruckend, wie es Iris Wolff gelingt, in ihrem verknapptem, bildhaft-klaren Stil Situationen, Charaktere, Emotionen überdeutlich aufs Papier zu bringen.

Der politische Aspekt spielt hier eine große Rolle, wie bereits erwähnt wurde. Henriette zieht Konsequenzen aus der ständigen Bedrohung, ihr Sohn, obschon ständig auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer und wie seine Mutter dem Alltagstrott entfliehend, arrangiert sich mit den politischen Gegebenheiten. Vielleicht auch eine Frage der Lebenserfahrung. Henriette hat die Drangsalierung ihrer Familie mitbekommen.
 

Literaturhexle

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Hmmmm, so 'dezent nebenbei' empfinde ich das Politische hier gar nicht!
Aber im Grunde wird das Politische nur in wenigen Sätzen erwähnt im Verhältnis zur gesamten Geschichte. Wie nebenbei wird es eingeflochten, weil es nicht das Hauptthema ist. Im Mittelpunkt steht Vicco im Hier und Jetzt. Diese wenigen Sätze vermögen es aber, in uns etwas auszulösen, weil wir den Hintergrund, die Tragik, die Foltermethoden etc. bereits kennen. Ich finde das sehr geschickt gemacht und tatsächlich als "nebenbei" ohne moralinsauren erhobenen Zeigefinger, ohne Moralkeule. Es ist jedem selbst überlassen, ob er die Andeutungen verstehen will oder die Augen verschließt.
 

otegami

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Es ist jedem selbst überlassen, ob er die Andeutungen verstehen will oder die Augen verschließt.
Höchstwahrscheinlich! Und ich bin überzeugt, dass es so und so viele nicht lesen bzw. nicht erkennen wollen/können!
Mir sind diese Stellen jedoch sofort ins Auge gesprungen, liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich mich mit dem Thema sehr ausführlich beschäftigt habe! Nach der Wende habe ich viele Bücher gelesen , ja sogar politische Seminare wie z.B. 'Schild und Schwert der Partei - die Staatssicherheit besucht habe. (Deshalb sind mir auch die Methoden der Securitate so aufgestoßen! :p ) Auch mit sehr vielen 'gelernten DDR-Bürgern' haben wir uns unterhalten - schon allein beruflich bedingt! Und das ging durch alle Gesellschaftsschichten: ob es die Frau eines Grenzsoldaten war oder Akademiker, die in Ostberlin in Ministerien arbeiteten, ob Selbständige, die während der DDR-Zeit um ihr Überleben kämpfen mussten...........es war äußerst interessant! Und wir hörten zu!!!!!
 

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Ich fände es schon schade, nicht zu erfahren, wer die Frau ist. Welche Bedeutung hätte sie dann gehabt?
Im Hinblick auf die zitierte Passage, die dem Kapitel 2 vorangestellt ist, glaube ich, hat sie "lediglich" die Funktion, Henriette aufzuzeigen, dass es ein Leben jenseits des Dorfes gibt. Und sie war wohl der Auslöser dafür, dass sie einen anderen Lebensweg gewählt hat, weggezogen ist und schließlich sogar das Land verlassen hat.
"Es gibt etwas jenseits dieses Dorfes, du wirst es kennenlernen, denn diese Welt wird vergehen, die dir jetzt die Mitte deines Lebens ist." steht vor Henriettes Kapitel, während vor Viccos steht:
"Wenn nur das Netzt aus Straßen Bedeutung hat, das die Landkarte überzog, feine Gitterlinien, (...) - und es war ihm allemal genug, auch wenn sie ihn noch nie über eine Ländergrenze hinweg getragen hatte."

Während ihr das Leben innerhalb des Dorfes, des Landes nicht genug ist, entscheidet sich ihr Sohn zu bleiben.
Vor dem ersten Kapitel wird die Stelle zitiert, in der Jacob stirbt. Mit seiner Beziehung zu Alma hat er diesen Zweig der Familiengeschichte ins Rollen gebracht.
Henriette führt ihn weiter und zieht wie die Dame davon, während Vicco zunächst im Dorf verbleibt und zunächst den Kreis schließt.
Wahrscheinlich ist im nächsten Kapitel von seinem Kind zu lesen.
 

Sassenach123

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Eine rasante Fahrt, der vermeintliche Heuwagen…..Viccos Leben rauscht an ihm vorbei! Nein, genau dies geschieht nicht, obwohl er es wohl selbst nicht anders erwartet hat. Stattdessen gehen seine Gedanken zu Armstrong und der bevorstehenden Mondlandung. Diese Szene war so gut beschrieben, dass ich seinen Tod schon vor Augen hatte. Nach kurzem Schrecken macht er weiter wie bisher, die Angst bereits hinter sich lassend. Er ist auf der einen Seite fast schon zu sorglos, auf der anderen Seite macht er sich viele Gedanken. Diese Gedanken sind interessant, da ich viele seiner Gefühle sehr gut nachvollziehen kann.
Seine Mutter ist ein Freigeist, er mag das nicht, obwohl ich kleine Tendenzen auch bei ihm entdecke. Seine Tante kümmert sich gut und die Routine, mit der sie ihr Heim führt, gefällt ihm.

Die Verbindung zu den anderen beiden Geschichten viel mir hier leichter, dennoch hatte ich erwartet, dass mehr darauf eingegangen wird, doch der Ring spielt ja keine große Rolle. Lediglich wir als Leser messen ihm etwas bei.
In diesem Abschnitt gefällt mir, dass Vicco klar beschreibt, wie schnell sich Dinge verändern können. Er bezieht sich auf die Mondlandung, doch auch auf anderes lässt sich dies ebenso anwenden.
Sein Verhalten in Bezug auf Marcella zeigt mir, dass er Angst hat. Er weiß, dass es sehr gefährlich war, und möchte nicht in solche Dinge verwickelt werden. Andererseits erkennt er, dass er für Marcella hätte da sein müssen.
Die Unterhaltung am Ende mit seiner Mutter schien so, als ob er zumindest versuchen wird, sie zu verstehen.
 

Sassenach123

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Aber im Grunde wird das Politische nur in wenigen Sätzen erwähnt im Verhältnis zur gesamten Geschichte. Wie nebenbei wird es eingeflochten, weil es nicht das Hauptthema ist. Im Mittelpunkt steht Vicco im Hier und Jetzt. Diese wenigen Sätze vermögen es aber, in uns etwas auszulösen, weil wir den Hintergrund, die Tragik, die Foltermethoden etc. bereits kennen. Ich finde das sehr geschickt gemacht und tatsächlich als "nebenbei" ohne moralinsauren erhobenen Zeigefinger, ohne Moralkeule. Es ist jedem selbst überlassen, ob er die Andeutungen verstehen will oder die Augen verschließt.
Mir kam dabei in den Sinn, dass die Autorin vielleicht sogar davon ausgeht, dass ihre Leser darum wissen, und es daher gar keine ausführlichen Hinweise bedarf.
 

Literaturhexle

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Er bezieht sich auf die Mondlandung, doch auch auf anderes lässt sich dies ebenso anwenden.
Man kann hier so vieles im übertragenden Sinn verstehen... Das macht die Lektüre so interessant. Wenn man gleich ein zweites Mal lesen würde, wäre man nicht so handlungszentriert und würde gewiss noch mehr Zwischentöne wahrnehmen.

Andererseits erkennt er, dass er für Marcella hätte da sein müssen.
Ganz schwierige Lage für einen jungen Menschen.