3. Leseabschnitt: Drittes Buch (Seite 209 bis 314)

Literaturhexle

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2. April 2017
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Spätestens mit 25 muss man darüber hinweg sein, ein Jasager zu sein.
Ich glaube, so pauschal kann man das nicht fassen. Je nachdem, wie du aufgewachsen bist, wie viel oder wenig Freiraum man dir gelassen hat,...
Da gibt es viele Faktoren, die den Charakter prägen und nicht alle kann man ggf. mit bloßer Willensanstrengung beseitigen. Aber es tut zweifellos weh, eine solch biegsame Protagonistin vor sich zu haben :rolleyes:
 

Barbara62

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19. März 2020
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Ich sag nur eins: ich langweile mich unsäglich. Allein diese Szenen in der Kosmetikabteilung des Kaufhauses. Die MacDonaldsSzene. Die Party, in der sie nicht fähig ist, zu sagen, nein, ich rede mit keinem mehr. Keinem.
Endlose innere Monologe. Langweilig. Langweilig. Langweilig.
Kaum Dialoge. Kaum Handlung, wenn man es genau betrachtet.
Auch bei mir ist die Luft inzwischen ziemlich raus. Wenn diese Szenen nicht noch im Nachhinein eine geniale Bedeutung bekommen, bin ich enttäuscht.

Die hatte eine Funktion. Eine weitere Grenzüberschreitung, die sie nicht abwehren kann.
Verstandesmäßig ist mir das klar. Trotzdem vermag es mich nicht zu fesseln. Im Moment quäle ich mich, zumal ich keinerlei Beziehung zu JB aufbauen kann. Mit der Flasche Wein nach dem Entdecken der Schwangerschaft ist das letzte Quäntchen Mitgefühl weg.

Es IST schwer. Wenn man diese Störung nicht hat, kann man es schwer nachvollziehen. Es wird ja auch im Text näher erklärt - nicht kränken wollen etc. Das ist doch nichts Neues, dass manche Menschen sich schwer tun, NEIN zu sagen. Vor allem Frauen.
Bei der Verweigerung des Mutterseins kann sie es auch. Ich sehe JB nicht so sehr als Opfer wie ihr. Sie weiß durchaus, wie man Vorteile nutzt.

Spätestens mit 25 muss man darüber hinweg sein, ein Jasager zu sein.
So sicher bin ich mir da nicht. Aber wäre sie wirklich so unfähig, nein zu sagen, hätte sie sich Patricks größtem Wunsch nach Kindern gefügt. JB ist für mich als Person nicht logisch. Mir fehlt bei diesem Buch das Kopfkino, es mag nicht anspringen.
 

Bücherfreundin

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6. November 2022
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Auch bei mir ist die Luft inzwischen ziemlich raus. Wenn diese Szenen nicht noch im Nachhinein eine geniale Bedeutung bekommen, bin ich enttäuscht.


Verstandesmäßig ist mir das klar. Trotzdem vermag es mich nicht zu fesseln. Im Moment quäle ich mich, zumal ich keinerlei Beziehung zu JB aufbauen kann. Mit der Flasche Wein nach dem Entdecken der Schwangerschaft ist das letzte Quäntchen Mitgefühl weg.


Bei der Verweigerung des Mutterseins kann sie es auch. Ich sehe JB nicht so sehr als Opfer wie ihr. Sie weiß durchaus, wie man Vorteile nutzt.


So sicher bin ich mir da nicht. Aber wäre sie wirklich so unfähig, nein zu sagen, hätte sie sich Patricks größtem Wunsch nach Kindern gefügt. JB ist für mich als Person nicht logisch. Mir fehlt bei diesem Buch das Kopfkino, es mag nicht anspringen.
Und das ist auch mein Problem: Die Hauptfigur ist nicht schlüssig konstruiert. Es entsteht kein nachvollziehbares Bild vor meinem inneren Auge, oder wenn, dann nur eines, dass dieser Frau kaum Sympathie, Interesse oder Wohlwollen entgegenbringt. Und dass, obwohl Misses Bishop herself Dozentin für Creative Writing ist in Australien… Hätte sie es nicht merken müssen? Die Story hat so viele Brüche und Ungereimtheiten, dass sie in unserer Runde nahezu pausenlos aneckt, oder?
 

Bajo

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16. Juni 2023
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Und das ist auch mein Problem: Die Hauptfigur ist nicht schlüssig konstruiert. Es entsteht kein nachvollziehbares Bild vor meinem inneren Auge, oder wenn, dann nur eines, dass dieser Frau kaum Sympathie, Interesse oder Wohlwollen entgegenbringt. Und dass, obwohl Misses Bishop herself Dozentin für Creative Writing ist in Australien… Hätte sie es nicht merken müssen? Die Story hat so viele Brüche und Ungereimtheiten, dass sie in unserer Runde nahezu pausenlos aneckt, oder?
Letzteres ist, was mich betrifft, nicht ganz zutreffend. Ich habe den Roman gern gelesen. Sicher, mir hat auch nicht gefallen, dass die Protagonistin trotz Schwangerschaft Alkohol trinkt u.ä. Sie ist für mich weder Heldin noch Antiheldin. Der Roman gibt die höchst subjektive Sichtweise der Protagonistin wieder, inklusive dem, was tatsächlich unlogisch oder nicht plausibel oder sogar als falsch empfunden werden kann. Und mit ihrem ich nenne es mal "verhuschtem" Verhalten/ Wesen muss man ja nicht einverstanden sein. Mir gefällt der Schreibstil sehr.
 

Literaturhexle

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Ich sehe JB nicht so sehr als Opfer wie ihr. Sie weiß durchaus, wie man Vorteile nutzt.
Das war hier wirklich beeindruckend, wie sie die fruchtbare Zusammenarbeit mit Patrick lobt, ihm das Kind aber verweigert. Definitiv ist sie keine Ja-Sagerin. Entweder sie lenkt uns bewusst oder sie ist seit dem Todesfall traumatisiert und nicht Herr ihrer selbst. Ich vermute Ersteres.
JB ist für mich als Person nicht logisch
Genau. Aber das kann gewollt sein. Sie ist eine höchst unzuverlässige Erzählerin.
dann nur eines, dass dieser Frau kaum Sympathie, Interesse oder Wohlwollen entgegenbringt.
So ist es. All das brauche ich nicht. Dennoch fällt es mir schwer, mich auf den Text einzulassen. Vieles ist einfach zu detailliert erzählt und ich frage mich nach dem Sinn des Ganzen.
Der Roman gibt die höchst subjektive Sichtweise der Protagonistin wieder,
Genau. Deshalb muss er nicht logisch sein. Für mich wird vieles am Ende hängen. Das Buch begeistert mich zwar (noch) nicht, aber schlecht ist es auch nicht. Da ist noch alles drin.
Später mehr.
 

Barbara62

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Das war hier wirklich beeindruckend, wie sie die fruchtbare Zusammenarbeit mit Patrick lobt, ihm das Kind aber verweigert. Definitiv ist sie keine Ja-Sagerin. Entweder sie lenkt uns bewusst oder sie ist seit dem Todesfall traumatisiert und nicht Herr ihrer selbst. Ich vermute Ersteres.
Ich auch. Ich neige inzwischen eher dazu, dass sie kalt berechnend und krankhaft ehrgeizig ist - bis hin zum Mord - und uns etwas vorspielt. Aber könnte sie das nicht komprimierter tun? :rolleyes:

Trotzdem will ich natürlich wissen, was auf Deck tatsächlich passiert ist. An der Auflösung wird mein Urteil maßgeblich hängen. Ist es plausibel und genial, sehe ich über diverse Kritikpunkte gerne hinweg.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Die verschiedenen Episoden, in denen sich JB als willenlos und tendenzielles Opfer beschreibt sind bewusst gesetzt. Sie will uns genau das Glauben machen. Immer wieder fließen diese Charakterschilderungen ein.
Genau aus diesem Grund war ich kein Hundemensch. Ich mochte es nicht, die Stimme zu erheben oder Autorität ausüben zu müssen, hatte kein Verlangen danach, andere Lebewesen herumzukommandieren,... 215
Im Nebel bleibt die Kindheit der Protagonistin. Ist es nicht seltsam, dass die beiden Schwestern nie über ihre Mutter gesprochen haben? Dass sich am Ende des LA sogar herausstellt, das sich die Bonbonepisode doch nicht so zugetragen hat, wie von JB behauptet!? Vielleicht wurde die Mutter umgebracht? Einfach so untertauchen ist ziemlich komisch.

Patrick wird seinen Kultstatus behalten, weil er zu früh gestorben ist (S.237). Ist JB ängstlich, weil bei einer Trauerfeier erneut ihr Mann im Zentrum stehen könnte? Sie schiebt normale Abläufe völlig von sich weg. Das hat etwas Komisches.
Dazu suggeriert sie uns sich selbst als schwache Frau, die ständig kurz vor dem Zusammenbruch steht (und der man schon allein deshalb nichts glauben kann).

Ich vermute, dass an den geäußerten Vorwürfen der Zeitung etwas dran ist. Es werden ihr monströser Ehrgeiz und Herzlosigkeit vorgeworfen - krass ist der Gegensatz zu ihrer Selbstdarstellung. Sollte die Ehe mit dem berühmten Professor Kalkül gewesen sein? Die Zusammenarbeit besser als der Sex. Keine Ablenkung, keine Kinder.

Daneben endlose Szenen im EK-Zentrum, mit der pubertierenden Tochter - Alltag sehr kleinteilig...

Bedeutsam scheint der Rückblick auf die Streitszene im Sturm: "Tu das nicht. Hatte einer von ihnen gesagt." Ging es da um eine erneute Abtreibung? Spielt JB die Unwissende nur?
Man sollte das Gefühl haben, alles, was man lese, sei wahr: eine gut erzählte Lüge sollte wie die Wahrheit klingen. 293
Wenn das mal nicht für diesen Roman gilt.

Welche Funktion haben die ausführlichem Schilderungen des Mutter-Tochter Konflikts bei May und Lexi? Sollen sie die Schwierigkeiten einer Mutter aufzeigen oder belegen, wie richtig die Entscheidung zur Kinderlosigkeit war? Diese Ablenkungsmanöver vom Wesentlichen sind etwas nervig. Hoffentlich geht es jetzt los!
 

luisa_loves-literature

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Letzteres ist, was mich betrifft, nicht ganz zutreffend. Ich habe den Roman gern gelesen. Sicher, mir hat auch nicht gefallen, dass die Protagonistin trotz Schwangerschaft Alkohol trinkt u.ä. Sie ist für mich weder Heldin noch Antiheldin. Der Roman gibt die höchst subjektive Sichtweise der Protagonistin wieder, inklusive dem, was tatsächlich unlogisch oder nicht plausibel oder sogar als falsch empfunden werden kann. Und mit ihrem ich nenne es mal "verhuschtem" Verhalten/ Wesen muss man ja nicht einverstanden sein. Mir gefällt der Schreibstil sehr.
Für mich auch nicht. Ich finde sie als Figur absolut schlüssig konstruiert und auch wenn mich der Alkoholgenuss bestürzt, passt es bei ihr ins Bild. Unlogisch ist bei ihr für mich nichts, denn wir alle agieren oft genug unerwartet, unüberlegt und auch gegen Prinzipien. Kein Mensch ist in seinem Verhalten (und vor allem Denken und darauf liegt hier ja vielfach der Fokus) völlig logisch aufgebaut.

Auch die Sympathiefrage finde ich unwichtig, ich stimme dir da voll und ganz zu. Sie ist menschlich und gerade deshalb für mich faszinierend. Protagonisten müssen mir sowieso nicht gefallen ;-) Emma bei Jane Austen ist auch keine Figur, die die Sympathien auf sich zieht.

Das "verhuschte" Verhalten ist Mittel zum Zweck auf der Funktionsebene des Romans. Es ist eine Kritik am Patriarchat, zeigt internalisiertes Verhalten, aus dem man sich kaum befreien kann. Selbst dann, wenn es ihr im Zusammenleben mit Patrick (ist Patricks Name etwa NICHT ganz zufällig gewählt in dem Zusammenhang?) auffällt, sie es beschreiben und wahrnehmen kann, ist es etwas völlig anderes, eine andere Handlungsweise umzusetzen.
 

Barbara62

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Auch die Sympathiefrage finde ich unwichtig, ich stimme dir da voll und ganz zu. Sie ist menschlich und gerade deshalb für mich faszinierend. Protagonisten müssen mir sowieso nicht gefallen ;-) Emma bei Jane Austen ist auch keine Figur, die die Sympathien auf sich zieht.
Natürlich muss mir eine Protagonistin nicht sympathisch sein, im Gegenteil sind die unsympathischen oft interessanter. Spannend finde ich jedoch, dass JB wirklich nichts unversucht lässt, um mich als Leserin auf ihre Seite zu ziehen, und damit bei mir genau das Gegenteil erreicht. Als faszinierend würde ich sie ganz und gar nicht beschreiben, eher als durchtrieben, berechnend und abstoßend. In mir erzeugt sie Unbehagen und Widerwillen.
 

Literaturhexle

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dass JB wirklich nichts unversucht lässt, um mich als Leserin auf ihre Seite zu ziehen,
Das empfinde ich nicht so. Sie spricht niemanden an, auch den Leser nicht. Sie beschreibt sachlich, versucht sich selbst dabei als schwaches, ausgeliefertes Opfer darzustellen, was ihr aber bei weitem nicht gelingt. Diese Ambivalenz ist das Interessante. Ich sehe eben keine schwache Frau, sondern durchaus eine, die sich durchzusetzen weiß, wenn es drauf ankommt. Das Ganze hat viele Facetten- durchaus reizvoll.

Den Alkohol nehme ich ich gar nicht so krumm. Sie will das Kind nicht. Warum soll sie Rücksicht auf es nehmen. JB ist keine Mutterfigur, nie gewesen.
 

luisa_loves-literature

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Diese Ambivalenz ist das Interessante. I
Genau, das ist es, was ich mit "faszinierend" meinte. Und was den Alkohol angeht, mich persönlich bestürzt bzw. befremdet es, weil ich es nie so gemacht hätte, aber für J.B. ist es passend und ich hätte vielleicht auch nichts anderes von ihr erwartet.

Sie spricht niemanden an, auch den Leser nicht.
In gewisser Weise erscheint es mir wie eine Selbstbeobachtung. Es ist sehr deskriptiv, sie lässt viele wesentliche Aspekte aus, entweder weil sie sich selbst gar nicht erst mit ihnen auseinandersetzen will oder weil sie ihre Selbstinszenierung empfindlich stören würden.

Was für mich den Roman so spannend macht, ist das beständig suggerierte Gefühl, dass da mehr an der ganzen Geschichte dran ist. Der Text spielt unendlich mit den Möglichkeiten des unzuverlässigen Erzählers: selektiv in der Auswahl dessen, was überhaupt erzählt wird, manipulativ in der Darstellung, dann treten wieder Erinnerungslücken auf (darauf beruft sich übrigens auch Prince Harry in seiner Autobiographie ständig...ein Schelm, wer "Reserve" jetzt was unterstellen will :rofl:rofl:rofl) und es stellt sich heraus, dass ein Schlüsselmoment überhaupt nicht stattgefunden hat oder aber zumindest für das Leben der Schwester so irrelevant war, dass sie ihn komplett vergessen hat.
 
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luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Jetzt noch zu meinem Eindruck des Abschnitts:

ich fand ihn nicht so stark wie Buch Eins und Zwei und hatte dieses Mal auch mit ein paar Längen zu kämpfen - "nicht so stark" erscheint mir dabei jedoch Programm zu sein, ebenso wie die langatmigeren Phasen im Kaufhaus und die Auseinandersetzung bei McDonald's.

Meines Erachtens - und da kommt für mich eine gewisse Brillanz der Autorin ins Spiel - geht es in diesem Abschnitt ganz besonders um die weibliche Rolle in der Gesellschaft, was wird von Frauen erwartet, wie geht man mit ihnen um, wie werden sie von der Öffentlichkeit und speziell von Männern wahrgenommen und wie sieht ihr Alltag aus? Um das auszudrücken wird es in diesem Abschnitt etwas alltäglich und langsam, die Autorin bringt also Erzähltempo, Handlung und Aussage sehr gut in Einklang.

JB wird hier äußerst passiv, lässt fast alles mit sich geschehen, lässt sich anziehen, lässt sich schminken (wieder wie eine Puppe) lässt mit sich machen und lässt passieren. Von Aktion kann man hier kaum sprechen, nur bei Adam (auch ein toller Name für eine Figur in einem Roman, der das Patriarchat kritisiert) zieht sie dann doch mit Verzögerung die Reißleine. Frauen werden nach wie vor eher gern als passiv rezipiert und das künstliche Aufhübschen ist ja auch immer noch etwas sehr Weibliches, so wie das Kaufhaus hier auch als natürliches Habitat der Frauen gezeichnet wird, daher fand ich die Schminkaktion trotz ihrer Länge recht gelungen.
Der Streit zwischen Lexi und May ist für mich auch so ein Element weiblichen Lebens, ebenso wie die weiblichen Rivalitäten, die mangelnde Fürsorge untereinander. Was all diese Aspekte angeht, hat mich der Abschnitt überzeugt, auch wenn für mich der einzige richtige "Knallmoment" die Hämatome an den Handgelenken waren.
Aber zufrieden und zwar richtig - das bin ich immer noch.
 
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Bajo

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16. Juni 2023
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Jetzt noch zu meinem Eindruck des Abschnitts:

ich fand ihn nicht so stark wie Buch Eins und Zwei und hatte dieses Mal auch mit ein paar Längen zu kämpfen - "nicht so stark" erscheint mir dabei jedoch Programm zu sein, ebenso wie die langatmigeren Phasen im Kaufhaus und die Auseinandersetzung bei McDonald's.

Meines Erachtens - und da kommt für mich eine gewisse Brillanz der Autorin ins Spiel - geht es in diesem Abschnitt ganz besonders um die weibliche Rolle in der Gesellschaft, was wird von Frauen erwartet, wie geht man mit ihnen um, wie werden sie von der Öffentlichkeit und speziell von Männern wahrgenommen und wie sieht ihr Alltag aus? Um das auszudrücken wird es in diesem Abschnitt etwas alltäglich und langsam, die Autorin bringt also Erzähltempo, Handlung und Aussage sehr gut in Einklang.

JB wird hier äußerst passiv, lässt fast alles mit sich geschehen, lässt sich anziehen, lässt sich schminken (wieder wie eine Puppe) lässt mit sich machen und lässt passieren. Von Aktion kann man hier kaum sprechen, nur bei Adam (auch ein toller Name für eine Figur in einem Roman, der das Patriarchat kritisiert) zieht sie dann doch mit Verzögerung die Reißleine. Frauen werden nach wie vor eher gern als passiv rezipiert und das künstliche Aufhübschen ist ja auch immer noch etwas sehr Weibliches, so wie das Kaufhaus hier auch als natürliches Habitat der Frauen gezeichnet wird, daher fand ich die Schminkaktion trotz ihrer Länge recht gelungen.
Der Streit zwischen Lexi und May ist für mich auch so ein Element weiblichen Lebens, ebenso wie die weiblichen Rivalitäten, die mangelnde Fürsorge untereinander. Was all diese Aspekte angeht, hat mich der Abschnitt überzeugt, auch wenn für mich der einzige richtige "Knallmoment" die Hämatome an den Handgelenken waren.
Aber zufrieden und zwar richtig - das bin ich immer noch.
Brillante Interpretation! Ich stimme vollumfänglich zu :) .
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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ist das beständig suggerierte Gefühl, dass da mehr an der ganzen Geschichte dran ist
Darauf bin ich gespannt wie ein Flitzebogen!
Der Text spielt unendlich mit den Möglichkeiten des unzuverlässigen Erzählers
Das fällt auf. Immer, wenn es konkreter würde, vermischt sich Wahrheit und Fiktion, ist sie auf einmal ganz schwach usw. Wenn man das erst einmal erkannt hat, ist es reizvoll.
dass ein Schlüsselmoment überhaupt nicht stattgefunden hat
Das ist mir auch schleierhaft und beweist die Unzuverlässigkeit.
und das künstliche Aufhübschen ist ja auch immer noch etwas sehr Weibliches
Eine ähnliche Szene kommt im vierten LA vor, als es ums Nachschminken in Toiletten geht. Insofern ist deine Interpretation bestimmt richtig.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
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Das empfinde ich nicht so. Sie spricht niemanden an, auch den Leser nicht. Sie beschreibt sachlich, versucht sich selbst dabei als schwaches, ausgeliefertes Opfer darzustellen, was ihr aber bei weitem nicht gelingt.
Genau das meine ich: Sie versucht, mein Mitleid zu erregen im Wissen darum, was sie getan hat. Bevor sie ein Geständnis ablegt, versucht sie mich auf ihre Seite zu ziehen - damit ich ihr später verzeihe. Aber wie du sagst: Bei mir geht das daneben.

Den Alkohol nehme ich ich gar nicht so krumm. Sie will das Kind nicht. Warum soll sie Rücksicht auf es nehmen. JB ist keine Mutterfigur, nie gewesen.
Vielleicht bin ich da besonders empfindlich. Meine Tochter und mein Schwiegersohn kennen aus ihrem Berufsalltag Kinder, die durch Alkohol während der Schwangerschaft schwerst geschädigt wurden. Es ist so furchtbar traurig! Wer wissentlich sein ungeborenes Kind gefährdet oder schädigt, ob erwünschte Schwangerschaft oder nicht, begeht eine verabscheuungswürdige Straftat. JB ist eine intelligente Frau, die weiß, was sie tut. Klar, es passt zu ihr, aber es macht mich fuchsteufelswild.

Das fällt auf. Immer, wenn es konkreter würde, vermischt sich Wahrheit und Fiktion, ist sie auf einmal ganz schwach usw. Wenn man das erst einmal erkannt hat, ist es reizvoll.
Ich bin hin- und hergerissen. Ich verstehe, was du mit "reizvoll" meinst, trotzdem langweilt mich das Buch phasenweise. Das ist beabsichtigt und hat rational betrachtet einen Sinn, aber muss es mir deshalb auch gefallen?
 
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