2. Leseabschnitt: Teil II und III (Seite 43 bis 107)

Eulenhaus

Aktives Mitglied
13. Juni 2022
126
540
39
Alicia hat mit 10 Jahren wie durch ein Guckloch die Unzulänglichkeiten und Schrecken dieser Welt gesehen.
Mit 12 Jahren sieht sie zum ersten Mal den „Contergan-Zwerg“, eine für sie bedeutsame Traumfigur. Anhand seines Schattens hat sie seine genaue Größe bestimmt. Auch sein Aussehen kann sie genau beschreiben. Der Zwerg ist der Anführer einer Truppe von Unterhaltungskünstlern, die sie sieht und die sie nicht beängstigen. Es ist eine Halluzination.
 

Naibenak

Aktives Mitglied
2. August 2021
783
3.162
44
Der Zwerg ist der Anführer einer Truppe von Unterhaltungskünstlern, die sie sieht und die sie nicht beängstigen. Es ist eine Halluzination.
Mich wundert, dass hier nur von diesem einen Zwerg die Rede ist, obwohl es ja offensichtlich noch weitere Figuren gibt, die Alicia sieht. Oder gibt es am Ende doch nur diesen einen und ist er möglicherweise real gewesen? Was diese Sache betrifft, bin ich mir nicht sicher, ob es sich tatsächlich um Halluzinationen handelt. Auch ansonsten habe ich das Gefühl, dass Alicia keinen sonderlich kranken Eindruck macht.

In diesen beiden Sitzungen erzählt sie viel über die Kindheit, die Eltern, die Großmutter... und auch sehr viel über wissenschaftliche und philosophische Themen aus den Bereichen Mathematik und Physik.

Irgendwo heißt es sinngemäß, Intelligenz ist ausschließlich auf Mathematik zu beziehen. Menschen, die sich also nicht der Mathematik verschrieben haben, können nicht wirklich intelligent sein. Spannende Aussage!
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
16.186
38.109
49
Immer wieder formuliert Alicia interessante Gedanken. Leider kann ich nur einem Bruchteil folgen:confused:. Trotzdem bin ich sicher, dass alles, was sie über Mathematik sagt, der Wahrheit entspricht. Sie schwafelt nicht. Sie lebt in einer Welt der Zahlen, sie versucht ihre Umwelt durch naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu erfassen. Das tat sie schon immer, von klein auf. Kein Wunder, dass das auf andere sonderbar wirkte. Nur der Vater schien sie ernst zu nehmen. Er ließ sie am Schreibtisch arbeiten und erklärte ihr die Zusammenhänge. Ich bekomme eine Vorstellung, wie konfus es sich in Alicias Kopf durch ihre Hochbegabung anfühlen muss.

Synästhesie und absolutes Gehör, das Bedürfnis, Materie zu berechnen, um sie zu verstehen.... Kein Wunder, dass da manches zusammenkommt und Probleme schafft. Alicia kann nichts einfach hinnehmen. Jedem Gedanken folgt eine komplizierte Formel auf der Suche nach Erkenntnis. Schauderhaft!

Es gibt tiefgreifende Sätze, über die man nachdenken muss:
Eines der Probleme ist, dass jede Erinnerung eine Erinnerung an die Erinnerung davor ist. 48
Der Irrenarzt bleibt am Rande des Irrsinns wie der Priester am Rande der Sünde64
Aber so waren sie (die Japaner) ja nicht auf dem Schlachtfeld besiegt worden, sondern durch Zauberei. 77
Man könnte natürlich noch hinzufügen, dass Intelligenz eine Grundkomponente des Bösen ist. 86
Der nächste große Krieg kommt erst, wenn alle tot sind, die sich an den letzten erinnern.89

Mathematik und Musik sind Alicias Lieben. Sie hat sich für erstere entschieden. Unglaublich die Geschichte mit der teuren Geige.

Dreh- und Angelpunkt scheint der Vater zu sein, der an der Atombombe im Rahmen des Manhattan Project arbeitete. Es geht um sein potentielles Gewissen und inwiefern es die Familie belasten könnte.

Ob die Mutter verstrahlt wurde als Calitron Frau? Niemand spricht über ihre Krankheit, die sich zunächst über die Nerven zeigt, dann als Krebs. Oder hat Alicia die Psyche von ihrer Mutter geerbt, die ja auch sehr intelligent gewesen sein muss?

Die Geschichte mit dem Augenarzt ist auch creepy...

Das Verhältnis zu Bobby wird abgesehen von einigen Episoden noch ausgespart.

Mich fasziniert der Dialog zwischen Cohen und Alicia nach wie vor. Man bekommt einen guten Einblick in ihre komplexen Gedankengänge. Ich würde gerne mehr verstehen, wenn es um Mathe geht, bin aber zuversichtlich, dass man den Mainplot auch ohne diese Grundlagen versteht. Der Text ist sehr ungewöhnlich, zieht mich aber dennoch in seinen Bann.
 

Naibenak

Aktives Mitglied
2. August 2021
783
3.162
44
Immer wieder formuliert Alicia interessante Gedanken. Leider kann ich nur einem Bruchteil folgen:confused:. Trotzdem bin ich sicher, dass alles, was sie über Mathematik sagt, der Wahrheit entspricht. Sie schwafelt nicht. Sie lebt in einer Welt der Zahlen, sie versucht ihre Umwelt durch naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu erfassen. Das tat sie schon immer, von klein auf. Kein Wunder, dass das auf andere sonderbar wirkte. Nur der Vater schien sie ernst zu nehmen. Er ließ sie am Schreibtisch arbeiten und erklärte ihr die Zusammenhänge. Ich bekomme eine Vorstellung, wie konfus es sich in Alicias Kopf durch ihre Hochbegabung anfühlen muss.

Synästhesie und absolutes Gehör, das Bedürfnis, Materie zu berechnen, um sie zu verstehen.... Kein Wunder, dass da manches zusammenkommt und Probleme schafft. Alicia kann nichts einfach hinnehmen. Jedem Gedanken folgt eine komplizierte Formel auf der Suche nach Erkenntnis. Schauderhaft!

Es gibt tiefgreifende Sätze, über die man nachdenken muss:






Mathematik und Musik sind Alicias Lieben. Sie hat sich für erstere entschieden. Unglaublich die Geschichte mit der teuren Geige.

Dreh- und Angelpunkt scheint der Vater zu sein, der an der Atombombe im Rahmen des Manhattan Project arbeitete. Es geht um sein potentielles Gewissen und inwiefern es die Familie belasten könnte.

Ob die Mutter verstrahlt wurde als Calitron Frau? Niemand spricht über ihre Krankheit, die sich zunächst über die Nerven zeigt, dann als Krebs. Oder hat Alicia die Psyche von ihrer Mutter geerbt, die ja auch sehr intelligent gewesen sein muss?

Die Geschichte mit dem Augenarzt ist auch creepy...

Das Verhältnis zu Bobby wird abgesehen von einigen Episoden noch ausgespart.

Mich fasziniert der Dialog zwischen Cohen und Alicia nach wie vor. Man bekommt einen guten Einblick in ihre komplexen Gedankengänge. Ich würde gerne mehr verstehen, wenn es um Mathe geht, bin aber zuversichtlich, dass man den Mainplot auch ohne diese Grundlagen versteht. Der Text ist sehr ungewöhnlich, zieht mich aber dennoch in seinen Bann.
All das, was du schreibst, hast du sehr schön zusammengefasst. Da bin ich ganz bei dir.

Ich bin allerdings leider nicht so sehr fasziniert. Ja, es ist durchaus interessant zwischendurch und wenn ich einmal dabei bin, dann mag es auch fesseln. Jedoch sehe ich einfach noch nicht, wo es hinführen soll. Für mich ist Alicia eine extrem hochbegabte Person, die genau Bescheid weiß über das, was sie sagt. Gleichzeitig fällt ihr das Leben als Hochbegabte offensichtlich sehr schwer. Denn das "normale" Leben spielt sich nunmal oft in anderen Sphären ab, die Alicia scheinbar viel zu trivial erscheinen... Aber kann ihr in solch einer Anstalt geholfen werden? Will sie das überhaupt? Warum ist sie wirklich dort? Diese Frage wird nach wie vor nicht beantwortet. Ich bezweifle fast , dass wir die Antwort überhaupt erfahren werden...
 

Naibenak

Aktives Mitglied
2. August 2021
783
3.162
44
Davon abgesehen gibt es viel, worüber sich definitiv nachzudenken lohnen kann. Einige gute Zitate hat das Hexle genannt.

Die Sache mit der Atombombe und der Mitwirkung durch Alicias Eltern ist in vielerlei Hinsicht sehr interessant. Hier kommen grundsätzliche ethische Fragen aufs Tapet. Dennoch wird sich nicht tiefgründig damit auseinandergesetzt. Kindheitserinnerungen, Thesen, Theorien , philosophische Gedanken werden aneinandergereiht. Eine Menge zu verarbeiten, viel nachzulesen bei Wiki o. ä. (für mich), wenn es denn interessiert.

Einerseits interessant, in welcher Welt Alicia unterwegs ist, andererseits weiß ich nicht recht, was damit anfangen (außer, dass ich bisschen was dazu lerne) ;)

Bin gespannt.
 

alasca

Bekanntes Mitglied
13. Juni 2022
1.628
4.917
49
Einerseits interessant, in welcher Welt Alicia unterwegs ist, andererseits weiß ich nicht recht, was damit anfangen (außer, dass ich bisschen was dazu lerne) ;)
Mir ist der unfreundliche Gedanke gekommen, dass der Text vielleicht in erster Linie dazu dient, die Intelligenz und Bildung von McCarthy auszustellen. Denn man kann bekanntlich nicht überzeugend jemand Hochbegabten erfinden, wenn man es nicht selber ist. Sich dumm stellen ist einfacher als sich klug stellen.

Wer bitteschön in der Welt der Literatur und Bücherfreaks soll denn all diesen Ausführungen folgen können? Das dürften doch sehr, sehr wenige sein. Und ich rechne jetzt die, die sich durch Wikipedia aufschlauen müssen (also auch mich), explizit NICHT dazu.

Wohin das Ganze führen soll, ist derzeit noch völlig unklar.
 

alasca

Bekanntes Mitglied
13. Juni 2022
1.628
4.917
49
Die persönliche Geschichte der im Roman beteiligen Personen finden auch mein größtes Interesse. Wie ich in Rezensionen gelesen habe, stoßen die wissenschaftlichen und in die Tiefe gehenden philosophischen Ausführungen auch im Feuilleton auf ein geteiltes Echo.
Das geht mir auch so, die Figuren an sich finde ich interessant. Auch die Form des Romans gefällt mir, die schnörkellosen Dialoge. Das muss man gut konstruieren, damit es da hin führt, wo es hin soll.

Wenn es denn irgendwo hin soll.
 

Die Häsin

Bekanntes Mitglied
11. Dezember 2019
3.701
12.329
49
Rhönrand bei Fulda
Das ist die Frage. Dafür ist der Zwerg sehr realistisch. Ein Thema ist ja die Wahrnehmung.
Es gibt in dem Film "A Beautiful Mind" diesen Mathematiker, John Forbes Nash, der die Spieltheorie entwickelt hat. Der hat auch eine "Figur", die ihn ständig begleitet, ein kleines Mädchen. Zu der Erkenntnis, dass sie "nicht wirklich" sein kann, kommt er in dem Film erst, als er bemerkt, dass sie nicht wächst, sich also über die Jahre hinweg nicht verändert. Diese Erkenntnis führt aber keineswegs dazu, dass die Erscheinung verschwindet. Sie begleitet ihn weiterhin.

Soweit ich weiß, ist diese Filmbiografie in diesem Punkt durchaus authentisch. Vielleicht hat sich der Autor davon inspirieren lassen, vielleicht ist eine ins Kraut schießende Imagination auch einfach bei Genies öfter anzutreffen.
 

Lesehorizont

Bekanntes Mitglied
29. März 2022
1.437
5.378
49
52
Mainz
Ich habe ja den Passagier begonnen zu lesen. Mit dem Zwerg hält sie da regelmäßig Zwiesprache. An die anderen Figuren erinnere ich mich nicht. Insofern ist der Zwerg wohl die markanteste Figur für Alicia.
Vielen Dank für den Hinweis. Die Bücher scheinen doch sehr zusammenzuhängen. Da mir dieses hier nach wie vor sehr gefällt, wird "Der Passagier sicher bald auch bei mir einziehen.
Synästhesie und absolutes Gehör, das Bedürfnis, Materie zu berechnen, um sie zu verstehen.... Kein Wunder, dass da manches zusammenkommt und Probleme schafft. Alicia kann nichts einfach hinnehmen. Jedem Gedanken folgt eine komplizierte Formel auf der Suche nach Erkenntnis. Schauderhaft!
Ich finde das gar nicht so schauderhaft, sondern hochinteressant. Sie will eben die Welt, in der sie lebt, verstehen. Ich m,öchte das eigentlich auch, philosophiere auch sehr gerne, aber bei mir hält es sich - auch wegen anderer Verpflichtungen und Interessen - in Grenzen. Die Welt verstehen zu wollen, würde ich aber erst mal nicht als etwas Krankhaftes betrachten.
Mich fasziniert der Dialog zwischen Cohen und Alicia nach wie vor. Man bekommt einen guten Einblick in ihre komplexen Gedankengänge. Ich würde gerne mehr verstehen, wenn es um Mathe geht, bin aber zuversichtlich, dass man den Mainplot auch ohne diese Grundlagen versteht. Der Text ist sehr ungewöhnlich, zieht mich aber dennoch in seinen Bann.
Meine Begeisterung hält auch an. Ich versuche den Roman soweit mir möglich, zu verstehen, aber ich beginne nicht, zu verschiedenen Theorien etc. zu recherchieren. Das würde auch meinen Lesegenuss schmälern. Das mache ich täglich beruflich, lese ich einen Roman, geht es um eine gewisse Zerstreuung. Ich nehme in Kauf, nicht immer alles zu verstehen und kann viele Geschichten auch so genießen.
 

Lesehorizont

Bekanntes Mitglied
29. März 2022
1.437
5.378
49
52
Mainz
Dieses Buch ist weiterhin ganz nach meinem Geschmack. Ich mag die Konstruktion, die philosophischen Gedankenspiele...
Alicia scheint hochbegabt zu sein. In einer Welt wie der unsrigen hat man es als Hochbegabte(r) nicht immer leicht.
Dem Therapeuten kann sie Parolie bieten, es scheint mir nach wie vor mitunter so, als würde sie mit ihm ein Spielchen treiben.
Ich bin sehr gespannt, was hinter ihrer Geschichte steckt. Wie wurde sie zu der, die sie ist? Welche Rolle spielt dabei ihr familiäres Umfeld.
Diese Rahmenerzählung über die Altern, Großeltern finde ich auch sehr interessant.
Ich denke, ich werde mir zeitnah auch den Passagier gönnen. Mich interessiert, wie die beiden Bücher ineinandergreifen. Schade, dass ich den Passagier nicht vorab lesen konnte.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
16.186
38.109
49
Die Welt verstehen zu wollen, würde ich aber erst mal nicht als etwas Krankhaftes betrachten.
Nein, das meinte ich auch nicht. Aufgrund ihrer Hochbegabung kann Alicia die Zeiten, in denen sich ihr Hirn mit dem Verständnis der Welt (ich nenne es jetzt mal so) beschäftigt, nicht einteilen. Die Gedanken legen von alleine los, unkontrolliert, kommen von einem zum anderen, laufen heiß. Dadurch wird sie kaum einer Arbeit außerhalb ihrer mathematischen Blase nachgehen können. Sie wird von Normalos missverstanden und als verrückt klassifiziert, merkt selbst, dass sie nicht dazu gehört. Das macht das Leben mühsam und schwer - die suizidalen Gedanken sind ja eine Folge dessen. Das wollte ich damit ausdrücken.
 

Lesehorizont

Bekanntes Mitglied
29. März 2022
1.437
5.378
49
52
Mainz
Nein, das meinte ich auch nicht.
Ich weiß. :)
Trotzdem gibt es, so mein Gefühl, in der Gesellschaft eine starke Tendenz, Menschen, die anders sind, als irgendwie verrückt, krank zu etikettieren. Dabei ist das oft eine Art Selbstschutz, da man auf diese Weise, sich nicht so sehr mit den Besonderheiten des Eigenen auseinandersetzen muss.
 
  • Stimme zu
Reaktionen: Irisblatt und alasca

Die Häsin

Bekanntes Mitglied
11. Dezember 2019
3.701
12.329
49
Rhönrand bei Fulda
Was hat es denn auf sich mit der Stelle auf S. 96, als sie über die Trennung ihrer Eltern spricht? "Ich glaube, sie haben sich geliebt. Es wurde nur immer schwieriger. Sie wirkt nervös. Sie raucht schneller. Es könnte natürlich auch ein falscher Hinweis sein ..."
Ist das Spott? Unterstellt sie ihm diese Gedanken? Ich war beim ersten Lesen sehr verwirrt und dachte, jetzt taucht zum ersten Mal ein außerhalb stehender Beobachter auf.
 

Naibenak

Aktives Mitglied
2. August 2021
783
3.162
44
Ist das Spott? Unterstellt sie ihm diese Gedanken?
Jetzt, wo du das sagst: eindeutig ja!

Zu dem Zeitpunkt ging es mir wie die. Ich hatte es nicht richtig verstanden...

Aber später gibt es ähnliche Stellen, wo sie schonmal die nächste Frage des Arztes vorwegnimmt. Also ja, sowas wird es hier sein.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
16.186
38.109
49
Ist das Spott? Unterstellt sie ihm diese Gedanken?
Ich habe es so verstanden, dass sie sich ein bisschen über seine Notizen lustig macht, die er anfertigt. Da gehört die Beobachtung ja mit hinein. Der Rekorder kann nur das gesagte Wort erfassen. Ähnliche Stellen tauchen immer wieder mal auf. Es spricht für die entspannte Atmosphäre zwischen den beiden. Alicia weiß ja genau, worum es geht. Sie ist nicht zum ersten Mal in Behandlung.
 

Neu in "gemeinsam lesen"