2. Leseabschnitt: Mai (Seite 65 - 125)

parden

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13. April 2014
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Da ich in den kommenden Tagen kaum oder gar nicht zum Lesen kommen werde, habe ich heute noch einen weiteren Abschnitt drangehängt.

Das Leben von Paola wird zunehmend auf den Kopf gestellt, Gefühle inbegriffen. Antonio - die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit, wäre da nicht das (berechtigte?) Misstrauen Paolas, dass er womöglich 'Aragorn' ist, der Lockvogel auf Facebook. Ich bin geneigt, ihm zu glauben, kann aber ihre Verletztheit und ihr Misstrauen verstehen. Und der Tag, der da hinter ihr liegt - tauschen möchte ich nicht. Der Bruder will der Mutter alles erzählen von ihrer Freundschaft zu den Kindern aus den Margeriten, Paola fürchtet, dass dann alles vorbei ist. Der Streit der beiden ist nicht zu überhören, doch als die Mutter dazu stößt, macht Paola komplett zu. Sie stellt (berechtigte) Gegenfragen, denn normal dürfte es selbst für italienische Verhältnisse in den oberen Kreisen nicht sein, dass 'mal eben' die Polizei vorbei kommt und Beweismittel sichert, auch wenn die Mutter versichert, es habe 'nur' mit der Arbeit zu tun... Die Mutter und der Vater scheinen sich nicht mehr viel zu sagen zu haben, sie haben kaum noch Berührungspunkte, er isst allein vor dem TV, wenn er überhaupt einmal da ist, oder schließt sich gleich im Arbeitszimmer ein. Was damals vorgefallen ist, dass die Mutter den Chefposten hingeworfen hat? Hat da wirklich der Vater die Finger im Spiel gehabt? Dass Paola zeitlebens dachte, die Mutter wäre nur die Sektretärin gewesen... Manchmal blitzt auch bei der Mutter etwas hinter der aalglatten Fassade auf, aber zu wenig bislang, um es greifen zu können. Mal abwarten, ob jetzt alles auf eine Krise zuläuft? Bei zunehmendem Stress könnte es schwieriger werden, die Fassade aufrechtzuerhalten. Ein wenig wirkt der Roman als würde Paola ihrem Tagebuch einzelne Szenen ihres Lebens anvertrauen.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Ich kann verstehen das Paola sich in Filme und Bücher flüchtet. Eine Tür wie im Film mit Jim Carey gibt es in ihrem Leben nicht, dass hat sie gut erkannt. Sie scheint nicht mal mehr in der Lage zu sein, die guten Dinge zu erkennen. Durch die schlechten Erlebnisse mit Aragorn, hinter dem viele Schüler steckten, kann sie gar nicht mehr glauben, dass es auch Menschen gibt die ihr nichts Böses wollen. Zumindest habe ich bei Antonio das Gefühl, dass er ehrlich an ihr interessiert ist.
Der Streit mit Richi ist ein gutes Beispiel, warum sie sich von ihrer Mutter nicht beachtet fühlt. Die älteren Kinder haben dieses Gefühl ja eh schon häufig, doch bei einem Kind mit Handicap neigen Eltern noch schneller dazu es vorzuziehen. Mir gefiel, dass Richi zu seiner Schwester hielt.
 

SuPro

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Sehr eindrücklich und für Pubertierende recht typisch ist dieser Gegensatz zw. Wahrheitliebe und Lügen. Einerseits sieht sich Paola als Verfechterin der Wahrheit, andererseits macht sie vor den Lügen nicht halt. Im Gegensatz. Es ist ein Drang geworden und sie hat Spaß dabei. Im Lügen fühlt sie sich frei. Jede Lüge fühlt sich für sie wie ein Befreiungsschlag an. Im Moment ist Autonomie nur heimlich möglich. Ein Zwischenschritt zum Erwachsenwerden. In der Regel führt dieser Schritt dann zu Authentizität und dem Gefühl von Freiheit und Autonomie. Zu der Fähigkeit, sich positionieren für sich einstehen zu können. Mal sehen, wozu er bei Paola führt.
 

SuPro

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Welch berührende Anekdote, die von Antonio auf der Toilette. Und dann die Worte dieser klugen und einfühlsamen Lehrerin: „Du musst dich bemerkbar machen, Antonio. Du darfst nicht zulassen, dass man dich vergisst.“ (Seite 73)
Und welch sympathischer und kluge Junge. Er erzählt diese Geschichte Paola ja nicht ohne Grund.
 

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Welch berührende Anekdote, die von Antonio auf der Toilette. Und dann die Worte dieser klugen und einfühlsamen Lehrerin: „Du musst dich bemerkbar machen, Antonio. Du darfst nicht zulassen, dass man dich vergisst.“ (Seite 73)
Ja, das fand ich auch total klasse, wie die Lehrerin reagiert hat. Vielleicht will Antonio Paola so "aus der Reserve" locken.
 
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kingofmusic

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Sehr eindrücklich und für Pubertierende recht typisch ist dieser Gegensatz zw. Wahrheitliebe und Lügen. Einerseits sieht sich Paola als Verfechterin der Wahrheit, andererseits macht sie vor den Lügen nicht halt. Im Gegensatz. Es ist ein Drang geworden und sie hat Spaß dabei. Im Lügen fühlt sie sich frei. Jede Lüge fühlt sich für sie wie ein Befreiungsschlag an. Im Moment ist Autonomie nur heimlich möglich. Ein Zwischenschritt zum Erwachsenwerden. In der Regel führt dieser Schritt dann zu Authentizität und dem Gefühl von Freiheit und Autonomie. Zu der Fähigkeit, sich positionieren für sich einstehen zu können. Mal sehen, wozu er bei Paola führt.
Schön, dass mal von professioneller Seite zu lesen :cool:. Meine Tochter ist gerade genau in dieser Phase...
 
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kingofmusic

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Mir gefiel, dass Richi zu seiner Schwester hielt.
Ja, absolut. Das zeugt von "tiefer" Verbundenheit und dass sie als Geschwister im Ernstfall zusammenhalten. Ist bei meinen Kids auch so - die können sich noch so oft prügeln oder verbal attackieren; am Ende halten sie doch zusammen - und wenn es nur sich gegen die blöden Eltern verschwören ist :p:D.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Sehr eindrücklich und für Pubertierende recht typisch ist dieser Gegensatz zw. Wahrheitliebe und Lügen. Einerseits sieht sich Paola als Verfechterin der Wahrheit, andererseits macht sie vor den Lügen nicht halt. Im Gegensatz. Es ist ein Drang geworden und sie hat Spaß dabei. Im Lügen fühlt sie sich frei. Jede Lüge fühlt sich für sie wie ein Befreiungsschlag an. Im Moment ist Autonomie nur heimlich möglich. Ein Zwischenschritt zum Erwachsenwerden. In der Regel führt dieser Schritt dann zu Authentizität und dem Gefühl von Freiheit und Autonomie. Zu der Fähigkeit, sich positionieren für sich einstehen zu können. Mal sehen, wozu er bei Paola führt.
Ich denke, es geht ihr nicht nur um die Lüge, vielmehr möchte sie ihr Geheimnis wahren. Die Erwachsenen in ihrer Umgebung haben viele Geheimnisse, die Mutter, der Vater, die Oma, deshalb möchte sie das auch. Vielleicht für sie ein Zeichen des Erwachsenseins?
 

Barbara62

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Paola lässt die "Schweinereien" sein (die Süßigkeiten), seit sie Antonio hat, dafür verputzt die disziplinierte Mutter jetzt ein ganzes Glas Nutella in unter 12 Minuten. Da wurde mir schon beim Lesen übel. Nicht nur Paola scheint unter einef Essstörung zu leiden.

Der Mutter-Tochter-Konflikt erscheint mir auch aus der Rivalität um Ricki gespeist. Er ist Mutters Liebling, aber auch Paolos Schnucki.

Typisch und verhängnisvoll, dass der Konflikt nach dem Streit totgeschwiegen wird.

Wie Paola Marta Della Vedova mit Worten buchstäblich vernichtet, kam mir schon sehr hart vor. Neid? Es ist nicht sehr verwunderlich, dass sie keine Freunde hat. Mag schon sein, dass die Schulkameraden schwierig sind, aber sie macht es ihnen auch wirklich nicht leicht.

Meinem Gefühl nach meint Antonio es ernst. Paola ist so tief in ihr Misstrauen, in ihren Selbsthass und in den Hass auf alle anderen verstrickt, dass sie seine Verteidigung - und er gibt durchaus Fehler zu - gar nicht hören will. Welchen Grund sollte er haben, sich mit Paola zu treffen, wenn nicht Zuneigung? Er ist selbst Außenseiter, macht sich durch die Freundschaft mit Paola sogar noch mehr dazu. Paola neigt dazu, sich zum Richter über alles und jeden aufzuspielen und nimmt Verletzungen in Kauf. So klug sie ist, hat sie doch manchmal ein Brett vor dem Kopf und steht sich selbst im Weg. Wahrscheinlich typisch für die Pubertät.

Unklar ist mir die Position des Vaters, der so ganz außen vor bleibt. Ihn kann ich am wenigsten einschätzen.

Mir hat Paolas Nachdenken über das Schreiben gut gefallen. Wir sind quasi der Freundinnen-Ersatz für sie. Leider können wir ihr kein Feedback geben, auch wenn ich das allzugern täte.

"Opf" für "Opfer", das ist hart.
 
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kingofmusic

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Mir hat Paolas Nachdenken über das Schreiben gut gefallen. Wir sind quasi der Freundinnen-Ersatz für sie. Leider können wir ihr kein Feedback geben, auch wenn ich das allzugern täte.
Ja, diese direkte Ansprache der Leser:innen finde ich auch großartig! Da kommt @parden ´s Äußerung bzgl. Tagebuch schon nahe dran! Ich mag das Buch!
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Durch die schlechten Erlebnisse mit Aragorn, hinter dem viele Schüler steckten, kann sie gar nicht mehr glauben, dass es auch Menschen gibt die ihr nichts Böses wollen. Zumindest habe ich bei Antonio das Gefühl, dass er ehrlich an ihr interessiert ist.
Gerade bei Antonio ist Paola sehr sensibel. Sie wappnet sich schon im Vorfeld vor einer Enttäuschung. Weil er ihr so viel bedeutet, wäre sein „ Verrat“ umso schmerzhafter für sie. Es ist etwas irrational, wie sie sich ihm gegenüber verhält. Lässt ihn kaum zu Wort kommen, unterstellt ihm eine Mittäterschaft und glaubt ihm nicht. Eine Frage an Susanne: Wie interpretierst Du ihr Verhalten? Erinnert mich an Menschen, die generell nur das Schlimmste erwarten, um so auf jeden Schicksalsschlag gewappnet zu sein.
 

RuLeka

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Meinem Gefühl nach meint Antonio es ernst. Paola ist so tief in ihr Misstrauen, in ihren Selbsthass und in den Hass auf alle anderen verstrickt, dass sie seine Verteidigung - und er gibt durchaus Fehler zu - gar nicht hören will. Welchen Grund sollte er haben, sich mit Paola zu treffen, wenn nicht Zuneigung? Er ist selbst Außenseiter, macht sich durch die Freundschaft mit Paola sogar noch mehr dazu. Paola neigt dazu, sich zum Richter über alles und jeden aufzuspielen und nimmt Verletzungen in Kauf. So klug sie ist, hat sie doch manchmal ein Brett vor dem Kopf und steht sich selbst im Weg. Wahrscheinlich typisch für die Pubertät.
Gut analysiert! Paola ist jemand, der ( außer bei Richi) immer sofort ihre Stacheln ausführt , sich damit aber immer mehr in eine Außenseiterrolle hinein manövriert. Das ist zwar schon typisch für diese Lebensphase, bei ihr aber sehr extrem ausgeprägt. Wieviel Verletzung steckt dahinter und wie wenig Selbstachtung, dass sie sich selbst als nicht liebenswert einstuft?
 

SuPro

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... ich de
Ich denke, es geht ihr nicht nur um die Lüge, vielmehr möchte sie ihr Geheimnis wahren. Die Erwachsenen in ihrer Umgebung haben viele Geheimnisse, die Mutter, der Vater, die Oma, deshalb möchte sie das auch. Vielleicht für sie ein Zeichen des Erwachsenseins?
... ich denke, dass es hier auch um Trotz geht.
Ich glaube nicht, dass sie Geheimnisse grundsätzlich mit Erwachsensein verbindet und sich somit erwachsener fühlt, wenn sie Geheimnisse hat. Sie scheint ihr ziemlich intelligent. So naiv ist sie nicht. Sie verbindet Geheimnisse, meine ich, eher ganz explizit mit ihrer Familie. Ich glaube, dass sie Geheimnisse in dieser Form sogar ablehnt und lieber einen offenen Umgang hätte. Aber nachdem die anderen Geheimnisse haben, ist sie auch nicht bereit, ihre Preis zu geben. Dadurch würde ein Ungleichgewicht entstehen beziehungsweise bestehendes Ungleichgewicht aufrecht erhalten.
 

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