2. Leseabschnitt: Kapitel 7 bis Kapitel 11 (S. 67 bis S. 134)

ulrikerabe

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Joseph Schmidt landet aso in Zürich. Er ist ein Flüchtling "1. Klasse", will nicht mit dem Drehbuchautor Neubach, der sich zufällig im selben Zug aufhält, gesehen werde.n Er schickt ihn fort, gleich darauf tut ihm das leid. Mich erinnert diese Szene ein bisschen an den Reisenden von Boschwitz.
Schmidt hat doch Geld, nicht mehr viel, aber immerhin. Er hat eine Reputation, einen Schweizer, der für ihn bürgt. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass Orlow nicht begeistert war, dass er sich für Schmidt verwenden sollte. Im Lager wird Schmidt auch unmissverstämndlich klar gemacht, die Lagerregeln gelten auch für bekannte Sänger.
Im Internierungslager sind die Zustände schlecht, es gibt nur Strohsäcke, keine Heizung. Schmidt trifft dort auf Manes Sperber.
Wieder gibt es zwei Einschübe, einerseits der Bericht des Schweizerischen Polizeijuristen, andererseits die Erinnerung einer Zeitzeugin.

Man kann bei diesem Buch eigentlich viel Parallelen zu der heutigen Flüchtliingsproblematik ziehen. Länder, die sicher sind, die genug Ressourceh haben, Flüchltlinge, die einen persönlichen Grund vorweisen müssen. "Wir können ja nicht alle nehmen", die Angst vor dem Fremden, den Fremden.
Der Pass abgelaufen, dann ist der Mensch illegal eingereist. Als ob auf der Flucht, die Aktualisierung des Dokumentes möglich sei. Ein Dach über dem Kopf, egal, wie der Boden darunter ist, sollen sie doch zufrieden sein, mit dem was man ihnen gibt.Der Asylwerber darf keiner Erwerbsarbeit nachgehen, aber zu Arbeit eingesetzt werden.
Flucht ist leider zeitlos.
 

Querleserin

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30. Dezember 2015
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Wadern
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Die Situation im Flüchtlingslager ist wirklich bedrückend, wenn man sich das vorstellt - so viele Menschen auf engstem Raum, die sanitären Einrichtungen, der Hunger und die Kälte. Wie @ulrikerabe sehe ich die Parallelen zur heutigen Zeit.
Der Einschub des Juristen macht deutlich, wie viele Gedanken er sich über die Gesetze und Vorgaben der Politiker macht und wie sehr er unter dieser Situation leidet. Jedes Schicksal müsse geprüft werden - eine menschliche Einstellung, die den Einzelnen wieder in den Mittelpunkt rückt.
Ob Schmidt die Zeit im Internierungslager überstehen wird?
 

Tiram

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4. November 2014
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Man kann bei diesem Buch eigentlich viel Parallelen zu der heutigen Flüchtliingsproblematik ziehen. Länder, die sicher sind, die genug Ressourceh haben, Flüchltlinge, die einen persönlichen Grund vorweisen müssen. "Wir können ja nicht alle nehmen", die Angst vor dem Fremden, den Fremden.
Der Pass abgelaufen, dann ist der Mensch illegal eingereist. Als ob auf der Flucht, die Aktualisierung des Dokumentes möglich sei. Ein Dach über dem Kopf, egal, wie der Boden darunter ist, sollen sie doch zufrieden sein, mit dem was man ihnen gibt.Der Asylwerber darf keiner Erwerbsarbeit nachgehen, aber zu Arbeit eingesetzt werden.
Flucht ist leider zeitlos.

Hier mag ich nur bedingt zustimmen. Zumindest von den Flüchtlingen, die bei uns in Ostfriesland angekommen sind, weiß ich, dass sie vernünftig untergebracht worden sind. Und sie haben alle Unterstützung bekommen: Es haben sich Vereine gebildet, die sich um sie gekümmert haben - sei es bei Behördengängen, Arztbesuchen, einkaufen. Sie erhielten die Möglichkeit, unsere Sprache zu lernen, Kleiderkammern haben sich für sie gefüllt. Also doch schon ein wesentlicher Unterschied zu den Internierungslagern von damals.
 

ulrikerabe

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Hier mag ich nur bedingt zustimmen. Zumindest von den Flüchtlingen, die bei uns in Ostfriesland angekommen sind, weiß ich, dass sie vernünftig untergebracht worden sind. Und sie haben alle Unterstützung bekommen: Es haben sich Vereine gebildet, die sich um sie gekümmert haben - sei es bei Behördengängen, Arztbesuchen, einkaufen. Sie erhielten die Möglichkeit, unsere Sprache zu lernen, Kleiderkammern haben sich für sie gefüllt. Also doch schon ein wesentlicher Unterschied zu den Internierungslagern von damals.
Als 2015 die Flüchtlingswelle am Höhepunkt war, war das niederösterreichische Erstaufnahmelager derart überfüllt, dass die Menschen draußen schlafen mussten. Es gab Berichte darüber, dass eine Schwangere auf Plastikplanen entbunden hat. Es kam sogar Amnesty International mit einer vernichtenden Bewertung. Freilich gab es eine enorme Hilfsbereitschaft aus Teilen der Bevölkerung, Kleiderspenden, Lebensmittelspenden etc.
Zugleich kamen Meldungen auf über geschenkte Smartphones. Denen die eh nichts ahtten, wurde noch das wenige, das sie bekommen haben, geneidet. In den sozialen Medien wurden gezielt falsche Zahlen an Unterstützungsgeldern verbreitet...
Der damalige Intergrationsminister, der heute Bundeskanzler ist war an Intergration nicht im Mindesten interessiert. Der Innenminister der jetzt im Amt ist, will Asylwerber in Großlagern konzentrieren. Allein die Wortwahl, es ist eine Schande, eine Schande, ein Schande.
 

Renie

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Joseph scheint langsam auf dem Boden der Tatsachen angekommen zu sein. Er pocht nicht mehr auf seinen Promi-Status und fügt sich in sein Schicksal, ein Asylsuchender zu sein, wie jeder andere seiner Leidensgenossen.
Ich hatte bei diesem Buch zunächst angenommen, dass wir hier seinen Werdegang klarer aufgezeigt bekommen. Doch dem ist nicht so. Anhand Josephs Träumen und Erinnerungen (insbesondere letztere scheinen für ihn eine Zuflucht vor dem Jetzt zu sein) erhält man einen bruchstückhaften Eindruck, was seine Vergangenheit angeht.
Aber das ist gut so. Denn dadurch konzentrieren wir uns auf Joseph, den Flüchtling, womit das Flüchtlingsthema in den Fokus rückt. Ihr habt es bereits angesprochen.

Ich kann noch nicht einordnen, was es mit den "kursiv"gedruckten Abschnitten auf sich hat. Zum Ende des ersten Teils hatten wir die Aussage eines Beamten (?). Zum Ende des 2. Leseabschnitts ist es ein Mädel aus dem Dorf und großer Fan von Joseph. Ich finde diese Einschübe sehr interessant, sehe aber noch nicht den Sinn und Zweck bzw. was sie mit mir machen.
 

parden

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Man kann bei diesem Buch eigentlich viel Parallelen zu der heutigen Flüchtliingsproblematik ziehen. Länder, die sicher sind, die genug Ressourceh haben, Flüchltlinge, die einen persönlichen Grund vorweisen müssen. "Wir können ja nicht alle nehmen", die Angst vor dem Fremden, den Fremden.
Der Pass abgelaufen, dann ist der Mensch illegal eingereist. Als ob auf der Flucht, die Aktualisierung des Dokumentes möglich sei. Ein Dach über dem Kopf, egal, wie der Boden darunter ist, sollen sie doch zufrieden sein, mit dem was man ihnen gibt.Der Asylwerber darf keiner Erwerbsarbeit nachgehen, aber zu Arbeit eingesetzt werden.
Flucht ist leider zeitlos.
Genau das spukt mir auch die ganze Zeit im Kopf herum. Die Geschichte ist nicht vorbei, nur weil sich Konstellationen geändert haben. Sie holt uns immer wieder ein. Auf die Flüchtlingsproblematik gibt es heute wie damals keine passende Antwort.
 

parden

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Ich kann noch nicht einordnen, was es mit den "kursiv"gedruckten Abschnitten auf sich hat. Zum Ende des ersten Teils hatten wir die Aussage eines Beamten (?). Zum Ende des 2. Leseabschnitts ist es ein Mädel aus dem Dorf und großer Fan von Joseph. Ich finde diese Einschübe sehr interessant, sehe aber noch nicht den Sinn und Zweck bzw. was sie mit mir machen.
Diese Einschübe lassen mich derzeit auch noch etwas grübeln.
 
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parden

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Der zweite Abschnitt ist gelesen, und es gibt tatsächlich eine große Diskrepanz zwischen der offiziellen Politik auf der einen Seite und der Begegnung von Mensch zu Mensch auf der anderen. Der Autor schildert es so, als ob jeder, der Joseph Schmidt begegnet, erkennt wie schlecht es ihm geht und ihn zumindest mit kleinen Gesten zu unterstützen versucht. Der Sänger fügt sich den Gegebenheiten, versinkt aber in Krankheit, Melancholie und Erinnerungen. Er hat kein wirkliches Ziel vor Augen, nur die leise Hoffnung, dass sich für ihn wieder einmal alles zu einem kleinen Stückchen Glück fügen möge. Aber eigentlich wirkt es auf mich, als habe er irgendwie schon aufgegeben.
 

Querleserin

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Ich kann noch nicht einordnen, was es mit den "kursiv"gedruckten Abschnitten auf sich hat. Zum Ende des ersten Teils hatten wir die Aussage eines Beamten (?). Zum Ende des 2. Leseabschnitts ist es ein Mädel aus dem Dorf und großer Fan von Joseph. Ich finde diese Einschübe sehr interessant, sehe aber noch nicht den Sinn und Zweck bzw. was sie mit mir machen.

Sie verleihen der Geschichte weitere Perspektiven und eine Authentizität. Sie wirken auf mich so, als ob Hartmann Interviews geführt und Zeitzeugen befragt habe. Die ersten beiden erweitern das Thema, indem sie allgemein die Flüchtlingsproblematik aufzeigen, die anderen beiden zeigen den Sänger von außen- aus der Sicht eines Fans. Ich finde, sie ergänzen die Erzählung gut.
 

KrimiElse

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Im Zug nach Zürich wird Schmidt nicht aufgegriffen, wahrscheinlich weil er sich ein Ticket 1.Klasse kaufte. Doch er hat Angst, fürchtet, als Flüchtling erkannt zu werden (was ein Kondukteur auch tut) und schickt deshalb den Filmregisseur Ernst Neubach weg. Hinterher tut es ihm leid.
Erinnerung an seine erste große Filmproduktion und die Premiere am 9.MAi 1933 im UFA-Palast, kurz vor der Bücherverbrennung und Schmidts Flucht aus Deutschland.
Schmidt sagt später im Abschnitt im Gespräch mit dem Schriftsteller Manès Sperber im Internierungslager, er wäre einer, der nicht politisch denkt, sondern nur reagiert:
„Ich gehöre nicht zu denen, die fähig sind, energisch Partei zu nehmen und sich in Gefahr bringen. Ich reagiere auf die Ereignisse erst, wenn es nicht mehr anders geht. Das ist wohl ein Fehler.“
Ich denke, da übt er Selbstkritik, dass er damals, als er berühmt war, hätte versuchen sollen etwas gegen die Nazis zu unternehmen. Erstaunlich für mich war seine damalige Klarsicht, er wollte nicht zur Premiere wegen Goebbels und verließ Deutschland kurz darauf. Ich hatte bisher das Gefühl, dass er eher auf seine Karriere fokussiert durch Leben stolperte. Offensichtlich nicht ganz.

In Zürich gibt er sich absolut willig gegenüber den Behörden, geht trotz Krankheit sofort zur Polizeikaserne. Seine Berühmtheit ist später eher hinderlich, er wird interniert im Gegensatz zu Selma, die bei ihrem Bruder bleiben darf. Und auch hier fügt er sich, versucht selbst nicht, sich zu wehren. Er betont, dass er sich dem Gastland unterwirft, versetzt seinen letzten Wertgegenstand für das Zugticket nach Hinwil nahe dem Lager Girenbad.
Das Internierungslager, eine alte Textilfabrik, birgt 300 Männer, vordergründlich Juden, die auf Strohsäcken schlafen, fünf Wasserhähne haben und arbeiten müssen. Ohne Heizung und ärztliche Versorgung wird es Schmidt wohl nicht gut ergehen...

Eines der eingeschobenen Zwischenstücke wieder vom Polizei-Juristen, behandelt die Forderung der Schließung der Grenzen und die Ausweisung von illegal eingereisten Flüchtlingen, ein Schriftstück ganz im Sinne dieser Forderungen vonnöten vaterländischen Verband ist das Ergebnis, was doch sehr an die heutige Flüchtlingspolitik erinnert. Der Schreiber bekommt von seiner Gemahlin Waldspaziergänge verordnet...Der Evangelische Kirchenverband ruft daraufhin die Bevölkerung zur Menschlichkeit gegenüber Flüchtlingen auf.

Das zweite Zwischenstück ist eine weibliche Stimme aus Hinwil, wo man von der Internierung des berühmten Sängers hörte.
 

KrimiElse

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Man kann bei diesem Buch eigentlich viel Parallelen zu der heutigen Flüchtliingsproblematik ziehen. Länder, die sicher sind, die genug Ressourceh haben, Flüchltlinge, die einen persönlichen Grund vorweisen müssen. "Wir können ja nicht alle nehmen", die Angst vor dem Fremden, den Fremden.
Der Pass abgelaufen, dann ist der Mensch illegal eingereist. Als ob auf der Flucht, die Aktualisierung des Dokumentes möglich sei. Ein Dach über dem Kopf, egal, wie der Boden darunter ist, sollen sie doch zufrieden sein, mit dem was man ihnen gibt.Der Asylwerber darf keiner Erwerbsarbeit nachgehen, aber zu Arbeit eingesetzt werden.
Flucht ist leider zeitlos.
Oh ja, die Parallelen sind überdeutlich, und keinesfalls für den Roman konstruiert.
 
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KrimiElse

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Der Einschub des Juristen macht deutlich, wie viele Gedanken er sich über die Gesetze und Vorgaben der Politiker macht und wie sehr er unter dieser Situation leidet. Jedes Schicksal müsse geprüft werden - eine menschliche Einstellung, die den Einzelnen wieder in den Mittelpunkt rückt.
Das ist eine beachtliche Sichtweise, besonders in der damaligen Zeit. Schriftstellerisch ist es ein sehr eindringlicher Kniff, bekannte Dokumente in dieser Weise aus sehr persönlicher Sicht eines Mannes der entscheidenden Behörde einzubauen.
 

Querleserin

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Seine Berühmtheit ist später eher hinderlich, er wird interniert im Gegensatz zu Selma, die bei ihrem Bruder bleiben darf. Und auch hier fügt er sich, versucht selbst nicht

Ich glaube, Selma darf aufgrund ihres Verwandschaftsverhältnisses bei ihrem Bruder bleiben. Er bürgt für sie, was er bei Joseph offensichtlich nicht darf.
 

KrimiElse

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Hier mag ich nur bedingt zustimmen. Zumindest von den Flüchtlingen, die bei uns in Ostfriesland angekommen sind, weiß ich, dass sie vernünftig untergebracht worden sind. Und sie haben alle Unterstützung bekommen: Es haben sich Vereine gebildet, die sich um sie gekümmert haben - sei es bei Behördengängen, Arztbesuchen, einkaufen. Sie erhielten die Möglichkeit, unsere Sprache zu lernen, Kleiderkammern haben sich für sie gefüllt. Also doch schon ein wesentlicher Unterschied zu den Internierungslagern von damals.
die Unterbringung ist heute durchaus nicht mit der damaligen zu vergleichen, natürlich. Aber das Denken in den Köpfen der Menschen, die Entscheidungen treffen (nicht alle natürlich, und auch nicht nur in Deutschland) hat sich wenig geändert, und die Angst vor Wohlstands-Verlust und Fremdheit bestimmt leider viel zu oft das Handeln.
 

Tiram

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die Unterbringung ist heute durchaus nicht mit der damaligen zu vergleichen, natürlich. Aber das Denken in den Köpfen der Menschen, die Entscheidungen treffen (nicht alle natürlich, und auch nicht nur in Deutschland) hat sich wenig geändert, und die Angst vor Wohlstands-Verlust und Fremdheit bestimmt leider viel zu oft das Handeln.

Deshalb schrieb ich ja "nur bedingt".
 

Literaturhexle

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Ich hinke ja etwas hinterher und ihr habt viele interessante Perspektiven bereits beleuchtet.

Mir gefällt außerordentlich, dass Hartmann sich stark mit Wertungen und Stereotypen zurückhält. Er beschreibt die Menschen, ihre Werte und Emotionen sehr persönlich, nie auf eine ganze Gruppe bezogen.
Es gibt Internierte, die anderen beistehen, es gibt die, die dem anderen das Brot aus der Hand nehmen. Es gibt den kalten Oberleutnant, der auf Einhaltung der Regeln pocht und den Korporal, der eine Hilfe und Stütze ist.

Auch Schmidt als Jude ist kein Unschuldslamm: er hat menschliche Fehler begangen, er ist schwach, flüchtet vor der Realität.

Selmas Bruder spiegelt in meinen Augen die Zerrissenheit des gemeinen Volkes wieder: einerseits hilft er (wohl seiner Schwester zuliebe), andererseits merkt man ihm seine Ressentiments deutlich an. Die Zigarre als unbeholfenes Trost-Geschenk verstärkte bei mir diesen Eindruck.

Die kursiven Einschübe geben dem Text Authentizität, da stimme ich @Querleserin zu. Takis Würger hat sich dieses Mittels in seinem Roman "Stella " auch bedient. Mir gefallen diese Texte. Gerade die ersten beiden stellen die Tragik und Komplexität der Flüchtlingsfrage anschaulich dar - wieder ohne zu werten und daher um so eindringlicher.
 

KrimiElse

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Mir gefällt außerordentlich, dass Hartmann sich stark mit Wertungen und Stereotypen zurückhält. Er beschreibt die Menschen, ihre Werte und Emotionen sehr persönlich, nie auf eine ganze Gruppe bezogen.
Es gibt Internierte, die anderen beistehen, es gibt die, die dem anderen das Brot aus der Hand nehmen. Es gibt den kalten Oberleutnant, der auf Einhaltung der Regeln pocht und den Korporal, der eine Hilfe und Stütze ist.

Auch Schmidt als Jude ist kein Unschuldslamm: er hat menschliche Fehler begangen, er ist schwach, flüchtet vor der Realität.

Selmas Bruder spiegelt in meinen Augen die Zerrissenheit des gemeinen Volkes wieder: einerseits hilft er (wohl seiner Schwester zuliebe), andererseits merkt man ihm seine Ressentiments deutlich an. Die Zigarre als unbeholfenes Trost-Geschenk verstärkte bei mir diesen Eindruck.

Die kursiven Einschübe geben dem Text Authentizität, da stimme ich @Querleserin zu. Takis Würger hat sich dieses Mittels in seinem Roman "Stella " auch bedient. Mir gefallen diese Texte. Gerade die ersten beiden stellen die Tragik und Komplexität der Flüchtlingsfrage anschaulich dar - wieder ohne zu werten und daher um so eindringlicher.
Das gefällt mir auch sehr, dass Hartmann alles am Einzelfall festmacht, niemals eine ganze Gruppe verteufelt oder in den Himmel hebt.
 

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