2. Leseabschnitt: Kapitel 6 bis 13 (Seite 77 bis 147)

Sassenach123

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Das Buch beschäftigt mich. Das ich mich nicht an die Verhandlung von Barbie erinnern kann, schiebe ich auf mein Alter. Ich war 13 und das Internet war noch nicht greifbar. In der Schule war es definitiv auch nicht Thema, denn daran könnte ich mich erinnern. Mein Mann allerdings wusste alles darüber. Nun frage ich mich, wie das an mir vorbeigehen konnte?!
Die Verhandlung würde mir auch zusetzten, wenn ich als Journalist anwesend sein müsste, von den Opfern, die diesem Mann, zumindest zu Anfang der Verhandlung, gegenüber standen, muss es die Hölle gewesen sein. Das hier auch noch ein persönliches Drama im Hintergrund läuft, macht die Sache noch schlimmer.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Tatsächlich lerne ich auch sehr viel zum historischen Hintergrund im besetzen Frankreich.
Ja, diese Seite war mir auch nur in großen Zügen bekannt.
Obwohl den Ich-Erzähler offensichtlich keinerlei Schuld trifft, hat er beim Besuch von Izieu Skrupel und überlegt, ob er dessen nicht unwürdig ist.
Das Zitat ist noch aus dem ersten Abschnitt, aber habe ich immer mehr das Gefühl, dass er ein großes Problem hat, dass ihn die Taten seines Vaters und all der anderen wirklich fertig machen, über das zu erwartende Maß hinaus
Ich vermute, dass das für ihn persönlich sehr wichtig ist. Für seine Selbstfindung und Rolle als Sohn.
Ich denke auch. Er muss erstmal den ganzen Prozess durchlaufen. Die Lügen werden immer klarer, er sammelt immer mehr Beweise durch Allains Hilfe. Wahrscheinlich hat er oftmals gehofft, dass sich die Hinweise als haltlos ergeben und er sich nicht mit solchen Gedanken auseinandersetzen muss
Dass ich hier langsam lese, liegt ausnahmsweise weniger an der Zeitknappheit, die auch besteht, sondern hauptsächlich daran, dass ich die Lektüre nur häppchenweise ertrage.
Da bin ich ganz bei dir, es geht einem wirklich nahe. Es ist schon etwas anderes über fiktive Schrecken zu lesen oder sich bewusst machen zu müssen, dass es hier reale Menschen/ Kinder waren die in dem Heim und durch die Deportation sterben mussten
Die Häme des Vaters beim Prozess, die Erkenntnis, dass er immer noch denkt, dass alles sei gut und richtig gewesen, hätte mich rasend gemacht, wenn ich der Sohn wäre
 

pengulina

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Ich habe den Fehler gemacht, vor dem Schlafengehen weiterzulesen. Aber eure Beiträge zum nächsten Leseabschnitt lese ich erst, wenn ich ihn selbst gelesen habe.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Aber Sorj ist Journalist und das merkt man ihm an. Statt den Kontakt zum Vater abzubrechen oder zumindest zu reduzieren,
Woher wisst ihr, dass Chalandon der Ich-Erzähler ist? Ich war bis jetzt davon ausgegangen, dass es eine Fiktion ist und keine Autobiografie. "Ein Tag davor" war ja ähnlich konstruiert, meine ich.
Erstaunliche ist, dass Sorj für seine Reportage über den Barbie-Prozess sogar einen Preis erhalten hat.
Wirklich alles authentisch, selbst erlebt? Puh!
Das Kapitel 12 habe ich als etwas zu detailliert empfunden.
Ich auch. Aber der Autor hat Wahrheit und Lüge immer nochmal gegenüber gestellt, so dass man schnell im Bilde war.
die Masse interessiert sich für den Täter, erliegt dem Faszinosum des Bösen. Die Opfer sind zweitrangig in der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Schlimm, aber so ist es leider. Wobei ich den Fokus mancher Kamera auf das Leid der Opfer auch manchmal voyeuristisch finde.
Dazu ist er ein notorischer Hochstapler und Lügner.
Dieser Mensch ist wirklich ein Phänomen! Er lügt und biegt sich die Wahrheit zurecht. Ob er selbst seinen Erinnerungen noch trauen kann? Vielleicht "macht er sich seine Welt, wie sie ihm gefällt" - und glaubt seine Heldentaten am Ende selbst. Ich finde den Vater als Figur ganz schlimm, fast ein bisschen krass ausgestaltet. Wenn das Chalandons richtiger Vater war....?! Herzliches Beileid!
Gar keine so leichte Frage, ob die Eltern uns grundsätzlich Rechenschaft über ihr Leben schulden.
Ich würde sagen, jeder hat das Recht, etwas zu verschweigen, gerade aus schwierigen Zeiten. Aber Lügen auftischen, das ist nochmal ein ganz anderes Niveau. Diese verlogenen Heldengeschichten sind unerträglich. Kein Wunder, dass der Sohn völlig enttäuscht und gefrustet ist.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
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Woher wisst ihr, dass Chalandon der Ich-Erzähler ist? Ich war bis jetzt davon ausgegangen, dass es eine Fiktion ist und keine Autobiografie. "Ein Tag davor" war ja ähnlich konstruiert, meine ich.
Ich hab das sowohl aus der von @Christian1977 schon erwähnten Sache mit dem Preis für die journalistische Leistung im Barbie-Prozess plus dem letzten Satz im Klappentext geschlossen. Dieser benennt Sorj C. beim Namen: "Sorj Chalandon erzählt in seinem für den Prix Goncourt nominierten Roman von der Suche nach der Wahrheit über seinen Vater." Also sind beide "Prozesse", der von Barbie und der Findungsprozess von Sorj zur Geschichte seines Vaters abgedeckt.
Dass es trotzdem ein "Roman" ist und nicht "Biografie" oben draufsteht, ist vollkommen gerechtfertigt und erschließt sich beim Lesen.
 

renee

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9. Februar 2019
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Die Familie (inklusive Großvater) scheint sich um den dysfunktionalen Vater zu drehen.
Das ist interessant! Sehr interessant. Einerseits könnte dies den manipulativen Charakter des Vaters verdeutlichen. Andererseits wird auch eine gewisse Angst vor verbalen und körperlichen Ausbrüchen des Vaters eine Rolle gespielt haben. Und dann darf man auch die Stigmatisierung der Familie in dem dörflichen Gefüge durch das Tun des Vaters nicht vergessen. Eine schlimme Gemengelage!
 
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renee

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9. Februar 2019
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Aber dass das nicht so einfach ist und dass die Grenzen der Schuld und der Sühne sehr viel komplexer und komplizierter verlaufen, das führt uns Chalandon mit der Aufarbeitung und Spurensuche zur Geschichte des Vaters des Erzählers vor Augen. Auch wenn wir, wie er, (noch?) nicht ganz begreifen, wie die Schuld oder Unschuld des Vaters wirklich aussieht.
Dem nachzuspüren erweist sich als wesentlich komplizierter als das, was im Gericht abläuft: der Spurensuche nach der Schuld des Klaus Barbie. Und das ist ein Verfahren, das über Monate vor den augen der Öffentlichkeit läuft.
Perfekt zusammengefasst! Und dazu kommt, dass die Familiengeschichte eine lebenslange Geschichte ist. Dies wird nie ruhen, selbst nach dem Tod des Vaters wird der Sohn immer wieder daran erinnert werden. Bzw. wird er sich immer Fragen nach den eigenen Charakterzügen stellen und sich selbst, das eigene Tun hinterfragen, bewerten.
 
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luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Wie die Mutter all die Jahre mit diesem Menschen ausgekommen ist, ist ja fast eine Meisterleistung. Allgemein ist von ihr kaum etwas zu hören.
Das finde ich auch sehr auffällig und tatsächlich interessant.

Im zweiten LA wird der Roman komplexer, ich finde die Parallelität der Gerichtsverhandlung und der Vaterentlarvung (die sicher nicht so einfach werden wird) sehr elegant und spannend, allerdings verliere ich in der Vaterhandlung manchmal wegen der ganzen Widersprüche in den Dokumenten, den Erzählungen und den Angaben mitunter etwas den Faden. Der Vater ist ein wirklich schwieriger Zeitgenosse - sein Auftreten und Verhalten im Prozess war schier unerträglich. Er ist der Prototyp des verbohrten Unbelehrbaren, der mit unfassbarem Selbstvertrauen überheblich auf andere herabschaut und seine eigene Wahrheit uneingeschränkt glaubt.
Das Verlangen nach objektiver Wahrheit seitens des Sohnes kann ich sehr gut nachvollziehen, bezweifle aber, dass es zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen wird. Wie ein aalglatter Fisch windet und wendet sich der Vater und korrespondiert so auf eindrücklichste Weise mit Barbie. Den Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit empfinde ich bei beiden Figuren schon als fast widerwärtig. Die Selbstinszenierung und Charakterzeichnung ist auf jeden Fall ausgezeichnet gelungen.
 

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