2. Leseabschnitt: Kapitel 13 bis Kapitel 26 (S. 97 bis S. 194)

alasca

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13. Juni 2022
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Ich bin immer noch total gefesselt, der Text hat einen unglaublichen Sog.

Ich finde es ziemlich genial, wie Schulman die Zeitebenen verschränkt. Eine, die die Geschehnisse 1932 nachvollzieht und die Liebesgeschichte zwischen Karin und Olof erzählt. Dann die Zeitebene 1988, in der er als Kind die Ehe seiner Großeltern miterlebt, und die Gegenwart, in der er durch die Gegend fährt, Gespräche führt und immer obsessiver recherchiert.

Just in dem Moment, in dem bei mir der Gedanke aufkam, ob er hier einen Ausweichschauplatz sucht, um sich dem realen Problem seiner Gegenwart nicht stellen zu müssen - fragt er sich das selbst. Kein Mangel an Selbstreflektion. Dennoch interessiert es mich, wie er all diese Erkenntnisse letztendlich auf sein Leben anwenden wird. Ob ihm das gelingen wird. Zumal die Erkenntnis allein nicht genügt - die Wut aufzulösen ist ein hartes Stück Arbeit, wenn das überhaupt gelingen kann. Solche Dinge sind so tief eingraviert...

Als Olof ausrastet und den Großvater für sein Frauenbild anklagt, spricht er mir aus der Seele. Ein zutiefst misogyner Mann, toxisch bis auf die Knochen. Zu wissen, dass Karin es noch Jahrzehnte mit ihm aushält - eine schreckliche Vorstellung. Sich nicht von ihm zu trennen, aus Angst vor seiner Gewalttätigkeit - nicht nur aus heutiger Sicht ist das so FALSCH! Ich merke, wie ich unter der Lektüre nach Auswegen suche ... die Pistole finden, im Mälarsee versenken. Durchbrennen. Vorbeugend Sven umbringen (extreme Situationen erfordern ... ). Aber doch auf keinen Fall bleiben und sich so behandeln lassen!

Schulman versteht es, einen emotional zu bewegen.

Das letzte Kapitel des LA ein dramaturgisches Meisterstück - hier haben wir Tschechows Waffe, und keine metaphorische! Und zumindest 1988 ist sie immer noch im Haus.
 
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wal.li

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1. Mai 2014
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Ich frage mich, wie sie zu den Kindern gekommen sind. Bei diesem Mann würde mir alles vergehen. Ob die Kinder von Sven sind? Ich habe mal geschaut, das Erste wurde 1933 geboren. Karin und Sven sind auch recht alt geworden und zusammengeblieben. Das will mir nicht in den Sinn. Sven Stolpe ist nach den Schilderungen ein Typ zum Gruseln. Karin hatte doch vorher ein selbständiges Leben, warum sie sich so fügt, verstehe ich nicht. Oder auch, wenn sie Olof so liebt, warum hauen sie nicht ab?
Immerhin ist der Roman, der irgendwie doch kein Roman zu sein scheint, sehr fesselnd. Auch ohne Sympathieträger. Der Erzähler verschwindet etwas hinter der Geschichte der Großeltern.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Aber es gibt einen Erklärungsansatz, Schulman lässt Karin selbst darüber reflektieren - und sie erinnert sich an ihre fügsame Mutter.
Also ist auch hier das Erbe als Erklärung. Trotzdem: Karin hat einen Beruf, war vermutlich mit ihren Übersetzungen unabhängig, ihre Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben wären nicht schlecht gewesen. Vielleicht spielt aber auch eine Rolle, dass Olof nur Student war und Stolpe ein arrivierter Mann, durch den sie Zugang in die höheren und interessanteren Kreise der Schriftstellerei hatte. Oder es hat ihr schlicht der Mut gefehlt. Sie weiß ja, dass Stolpe sie nie freiwillig hätte gehen lassen und fürchtet seine Wut.
 
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Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
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Ich bin genauso im Lesesog wie @alasca.

Wir wissen allerdings nun, dass Stolpe auch schon vor dem Seitensprung ein wütender Diktator und Unterdrücker war. Karin erwähnt die Abtreibung als Grund, anschließend war sie nicht mehr "rein" genug für ihn, der sie offenbar auf ein übermenschliches Podest gestellt hatte. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass er schon immer so war.

Welche Frau lässt sich widerspruchslos als "Hure" beschimpfen? So ganz begreife ich Karin nicht.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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durch den sie Zugang in die höheren und interessanteren Kreise der Schriftstellerei hatte. Oder es hat ihr schlicht der Mut gefehlt. Sie weiß ja, dass Stolpe sie nie freiwillig hätte gehen lassen und fürchtet seine Wut.
Da vermute ich eher letzteres. Karin scheint mir nicht der Typ zu sein, die auf solche Äußerlichkeiten Wert gelegt hat. Olof ist noch jung und dichterische Ambitionen hatte er ja auch.
Ich bin mir sicher, dass es die Angst war vor ihrem unberechenbaren Ehemann.
Man liest ja, wie sie sich als alte Frau immer noch von ihm herumkommandieren ließ.
Karin hatte doch vorher ein selbständiges Leben, warum sie sich so fügt, verstehe ich nicht. Oder auch, wenn sie Olof so liebt, warum hauen sie nicht ab?
Das ist alles nicht so einfach. Außerdem haben wir hier die 1930er Jahre. Da verließ man nicht so leicht seinen Ehemann.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Stolpe war schon immer ein Diktator. Wir lesen, wie sich Karin nach und nach verändert hat, nur um ihn nicht herauszufordern.
Warum sie überhaupt diesen Mann so nah an sich heranließ? Er hat ihr in keiner Weise gut getan.
Diese Abtreibung war für Karin ein äußerst traumatisches Erlebnis. Eventuell spielen Schuldgefühle eine Rolle, dass sie sich als „ Hure“ fühlte. Wobei sie ja kein freizügiges Leben führte. Der christliches Kontext mag bei ihr auch eine Rolle spielen.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Welcher Vater nennt seine Tochter öffentlich eine „ Hure“. Das ist doch furchtbar.
Stolpe legt eine Moral an den Tag, die gnadenlos ist. Frauen sind entweder Heilige oder Huren.

Interessant, dass die Familie Lagercrantz völlig anders mit der Geschichte umging.

Anfangs fühlte sich Karin von Stolpe beschützt. Er schien ein Mann zu sein, der „ für sie in die Schlacht zieht“. Ein Frauen- und Männerbild von vorgestern.
Aber bald spürt sie, wie es ist, wenn sich seine Wut gegen sue richtet.

Ich finde es ziemlich genial, wie Schulman die Zeitebenen verschränkt. Eine, die die Geschehnisse 1932 nachvollzieht und die Liebesgeschichte zwischen Karin und Olof erzählt. Dann die Zeitebene 1988, in der er als Kind die Ehe seiner Großeltern miterlebt, und die Gegenwart, in der er durch die Gegend fährt, Gespräche führt und immer obsessiver recherchiert.
Das ist großartig gemacht, auch dass er nicht nur die Vergangenheitsebene und die Gegenwartsebene parallel laufen lässt, sondern noch eine Ebene dazwischen einschiebt. So bekommen wir Karin und Sven als altes Ehepaar präsentiert und zwar aus der Perspektive eines Kindes.
Im Zentrum des Buches stehen aber die Begegnung zwischen Olof und Karin.
 

renee

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9. Februar 2019
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Ich sehe euch gefällt das Buch ebenso. Alex Schulman hatte mich ja schon mit "Die Überlebenden" voll erwischt. Dies gelingt ihm bei diesem Buch auch wieder. Das Erzählte ist intensiv und düster, es beschäftigt, wirft Fragen auf, aber es überzeugt mich auch völlig. Die Charaktere spiegeln die menschlichen Reaktionen ergreifend, aber auch vollkommen authentisch wieder. Was für mich darauf hindeutet, dass doch recht viel real Geschehenes in die Handlung einfließt, auch wenn dieses Buch als Roman bewertet werden soll, wie der Autor in der Danksagung schreibt.

Der Autor sucht die Ursache dieser Verzerrungen/dieser Wut im mütterlichen Zweig der Familie. Und er wird fündig. So wie der Großvater Sven Stolpe hier geschildert wird, erscheint er als ein sehr stark wirkender, äußerst manipulativer Mensch, der die Fäden in der Hand hält. Alle Marionetten tanzen nach seiner Pfeife. Was ich mich frage ist, ob dieser Großvater überhaupt zu einem Gefühl der Liebe fähig ist, ob er bewusst erkennt, was er hier mit seiner Umgebung anstellt? Ich bin hier zwiespältig. Einerseits ist er sich der Angst bewusst, die er auslöst, andererseits frage ich mich auch ob es nicht Schäden in seiner Psyche gibt. Denn dieses Verhalten von ihm erscheint mir nicht als vollkommen gesund. Irgendetwas ist doch auch mit seiner Bindungsfähigkeit passiert. Er sucht ja förmlich nach Gründen um Menschen in seinem Umfeld in Ungnade fallen zu lassen. Dies erscheint mir schon etwas paranoid.

Andererseits wieder kann man sich durchaus vorstellen, dass so ein Mensch seine Familie dominiert, aber genauso auch in seiner Dominanz und Manipulation die Menschen seines Umfeldes verformt. Wer kann, flieht solche Menschen. Heute ist dies aber sicher einfacher als in der damaligen Zeit und auch heute ist so ein Entschluss sicher kein einfacher. Von daher tut mir die Figur der Karin unendlich leid, dieses Martyrium was sie mit diesem Mann aushalten muss. Furchtbar! Es ist ein Wunder, dass Karin nicht zu außergewöhnlichen Maßnahmen greift, wie @alasca oben so schön formuliert hat.

Und trotz des düsteren Inhalts des Buches enthält dieses Buch auch ein kleines Fünkchen Hoffnung. Sie flammt kurz auf und lässt Karin und Olof fliegen, allerdings weiß man als Leser, gut ausgehen wird dies sicher nicht. Aber diese kurze Flamme muss sehr intensiv sein, Olof lässt sie nie mehr los und ich glaube auch Karin wird dies nicht vergessen haben.
 

renee

Bekanntes Mitglied
9. Februar 2019
3.762
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Ich bin immer noch total gefesselt, der Text hat einen unglaublichen Sog.

Ich finde es ziemlich genial, wie Schulman die Zeitebenen verschränkt. Eine, die die Geschehnisse 1932 nachvollzieht und die Liebesgeschichte zwischen Karin und Olof erzählt. Dann die Zeitebene 1988, in der er als Kind die Ehe seiner Großeltern miterlebt, und die Gegenwart, in der er durch die Gegend fährt, Gespräche führt und immer obsessiver recherchiert.
Das Buch ist genial aufgebaut und Alex Schulman ist ein Autor den ich weiter im Blick behalten werde. Er schreibt intensiv und berührend, ist in seinem Blick authentisch und zeigt eine gute Beobachtungsfähigkeit und eine ausgeprägte Empathie, wo man sich auch fragen könnte, wo diese Gabe herrührt. Sicherlich entstand dies auch in der Familiengeschichte, dass der Autor als Kind seine Eltern einschätzen musste, wie ja "Die Überlebenden" suggeriert.
 

renee

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9. Februar 2019
3.762
8.180
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Sich nicht von ihm zu trennen, aus Angst vor seiner Gewalttätigkeit - nicht nur aus heutiger Sicht ist das so FALSCH! Ich merke, wie ich unter der Lektüre nach Auswegen suche ... die Pistole finden, im Mälarsee versenken. Durchbrennen. Vorbeugend Sven umbringen (extreme Situationen erfordern ... ). Aber doch auf keinen Fall bleiben und sich so behandeln lassen!

Schulman versteht es, einen emotional zu bewegen.
Es ging mir hier ähnlich, es ist ein Wunder, dass Karin hier nicht so handelt. Aber die damalige Zeit ist hier sicher ursächlich, wie auch Karins Charakter. Sie tut mir unendlich leid und ich musste immer an den angedeuteten Selbstmordversuch denken. Ich hab gerade etwas gesucht, aber ich finde die Stelle im Text nicht mehr, wo dies stand. ...
 

alasca

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13. Juni 2022
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Dies empfinde ich auch so. Und damit steht ja im Zentrum des Buches auch eine gewisse Hoffnung, die man dann ebenso als Blick auf das Erkennen der Zusammenhänge beim Autor bewerten kann.
Es ist die Hoffnung von Alex, das Muster durchbrechen zu können und seinen Kindern das Wuterbe zu ersparen. Hoffentlich ist es dazu nicht schon zu spät ...
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Es ist die Hoffnung von Alex, das Muster durchbrechen zu können und seinen Kindern das Wuterbe zu ersparen. Hoffentlich ist es dazu nicht schon zu spät ...
Der Schlusssatz legt nahe, dass er es gemeinsam mit seiner Frau angehen möchte. Immerhin! Die Ehe scheint vorerst gerettet, es besteht Hoffnung.
 
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Die Häsin

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11. Dezember 2019
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Rhönrand bei Fulda
Sie akzeptiert die Bezeichnung quasi als gerechte Strafe für die Abtreibung.
Als Olof mit Karin über die Abtreibung sprach, fragte er, warum er sie danach überhaupt noch geheiratet hätte. Die Frage ist berechtigt, aber mich wundert, dass er nicht fragt, warum sie ihn geheiratet hat? Sie muss doch schon damals zumindest geahnt haben, was sie sich mit dieser Heirat einhandelt. Man kann sich verschiedene Gründe denken - Selbstbestrafung, vielleicht auch der Umstand, dass sie ihm ja nun mal ausführlich gebeichtet hat und deshalb das Bedürfnis hatte, ihn an sich zu binden, damit ihr Geheimnis quasi in der Familie bleibt. Aber dass dieser Punkt gar nicht angesprochen wird, erstaunt mich ein bisschen.

Es gibt übrigens kleine Hinweise darauf, dass Sven die Liebesgeschichte geradezu befördert. Wie er zum Beispiel wünscht, dass sich Karin mit Olof auf den Rücksitz setzt. Er fühlt sich womöglich ganz wohl, wenn er andere Leute bei Fehlverhalten beobachten darf, das hebt seinen eigenen moralischen Wert. Ich erinnere mich gerade an ein Buch, das ich in den Siebzigern mal gelesen habe, von einem Schweizer Ehetherapeuten, der schrieb, dass es in vielen Ehen gemeinsame Verhaltensmuster gibt, die sich mit der Zeit ausbilden und vertiefen. Einer hat die Täterrolle, der andere die Opferrolle.
 

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29. März 2022
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52
Mainz
Was soll ich sagen? Dies ist mein erstes Werk von Schulman, aber ich lese es sehr gerne. Ein toller Geschichtenerzähler, der weiß, wie Geschichten zu konstruieren sind, um die Leserschaft zu packen.
Diese Dreieecksbeziehung- da kochen auch bei mir EMotionen hoch. Aber auch hier wieder muss man bedenken, in welcher Zeit die Handlung spielt. Dennoch hätte es Möglichkeiten für Karin gegeben.
Der Großvater ist wirklich alles andere als ein Sympathieträger. Ob er jedoch tatsächlich aktiv die Annäherung zwischen Karin und seinem Kontrahenten provoziert hat? Das ist eine interessante These, die ich nicht widerlegen kann.
Ich lese jedenfalls gespannt weiter und bin froh, einen sehr lesenswerten Autor hier durch das Forum entdeckt zu haben.