2. Leseabschnitt: Kapitel 1 bis 4

Anjuta

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8. Januar 2016
1.673
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49
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Essen
Die ersten Kapitel führen uns in das von deutschen besetzte Ungarn zum Ende des Krieges hin. Zu dem Zeitpunkt sind die Deutschen angeschlagene Besatzer, gleichwohl aber gehen sie mit ganzer Härte gegen die Menschengruppen vor, die sie als "minderwertig" eingestuft haben. Die Geschichte konzentriert sich auf Marci und Julka, zwei sehr unterschiedliche "Zigeuner" (ich verwende das Wort hier so, wie es im Buch verwendet wird) bei ihrer Erkenntnis, dass sie genau zu diesen dem Lager oder dem Tod geweihten Menschengruppen gehören und später dann bei ihrer Flucht vor diesen Schicksalen. Szekely stellt diese Personen mit sehr viel Herzenswärme und Realismus dar, Personen, die so selten in der Literatur auftauchen. Ich lese das bisher sehr gern und interessiert.
 

otegami

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17. Dezember 2021
2.018
7.101
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Ich lese das bisher sehr gern und interessiert.
Geht mir genauso!
Und es sind Szenen dabei, die sehr deutlich sind! :oops: (Ich denke z.B. an den Tierarzt, Herrn Jáczint, der Junka befummelte) Trotzdem bleibt noch Raum, sich die Szenen auszumalen! (Ich brauche da keine Details! ;) )
Sehr berührend fand ich, wie Junka sich das einfache, bäuerliche Leben mit Áron ausmalte, sich sogar negative Seiten schön träumte.
An Spannung ist der Bombenabwurf auf den Juden- und Zigeuner-Transport nicht zu überbieten.
Und interessiert las ich die 'Anweisungen' zum Kartenlegen für das Fräulein Rosenberg.
Also die Vielseitigkeit des Buches begeistert mich einfach! :joy
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Wir sind in Ungarn im Sommer 1944. Die Kleinstadt ist von den Deutschen besetzt. Noch immer herrschen sie mit ganzer Härte, aber die russischen Truppen rücken schon näher.
Im Zentrum stehen Marci und Julka, beides Zigeuner ( dazu S. 684 f.).
Marci, erster Geiger seiner eigenen Kapelle und Julka, eine junge Frau, konnten gemeinsam aus einem Todeskonvoi fliehen. Nicht nur Juden wurden in die Konzentrationslager deportiert, sondern auch Zigeuner.
Sehr eindrücklich schreibt Szekeley davon. Auch Marci glaubt lange nicht, dass ihn das betreffen könne. Wanderzigeuner vielleicht, aber doch keinen Musiker wie ihn. Hierarchien überall.
Über Julka erfahren wir ebenfalls einiges. Warum sie so großzügig gegenüber Männern ist, z.B. Welche Chance hat ein Zigeunermädchen überhaupt? Eine normale Stelle in einem Haushalt oder einem Geschäft ist undenkbar. Niemand stellt Zigeuner ein. Was bleibt ? Betteln und ein bisschen Wahrsagerei, stehlen oder die Prostitution. Einmal gab es einen Mann, der sie heiraten wollte und Julka träumte schon von einem sehr bescheidenen Heim und einer Familie. Aber nicht mal für den ärmsten Bauern ist eine Zigeunerin gut genug.
Hier räumt Szekeley mit dem Vorurteil des freien Zigeunerlebens auf. „ Den Zigeuner möcht ichsehen, der seinen klapprigen Karren nicht auf der Stelle für diese heimelige Dreizimmerwohnung hergeben und bis an sein Kebensende selig hier wohnen bleiben würde, wenn er dafür nicht pausenlos gejagt und vertrieben würde, sondern von seiner Hände Arbeit leben könnte.“
Mit sehr viel Empathie beschreibt der Autor seine Figuren.
Und die Szenerie wird sehr lebendig geschildert.
Ich bin bisher sehr gefesselt von der Geschichte und lese mit Spannung weiter.
 

Barbara62

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19. März 2020
4.284
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Zu dem Zeitpunkt sind die Deutschen angeschlagene Besatzer, gleichwohl aber gehen sie mit ganzer Härte gegen die Menschengruppen vor, die sie als "minderwertig" eingestuft haben.
... und werden von kollaborienden Ungarn tatkräftig unterstützt (was die Schuld nicht mildert!)

Auch Marci glaubt lange nicht, dass ihn das betreffen könne. Wanderzigeuner vielleicht, aber doch keinen Musiker wie ihn. Hierarchien überall.
Ich muss ständig an meine letzte Lektüre "Maud Martha" denken. Dort wird neben dem Rassismus der Weißen gegenüber den Schwarzen sehr genau der Rassismus von Schwarzen gegen Schwarze beschrieben: Wer einen Ton heller ist, schaut auf die Dunkelhäutigeren herunter. Innerhalb der Zigeuner gibt es eine ähnliche Hierarchie, hier blicken die stationären auf die umherziehenden Zigeuner herab.

Auch in bin gefesselt. Bisher erfüllt der Roman meine Erwartungen voll und ganz. Es ist mein erstes Buch über Ungarn während des Holocaust.
 

Lesehorizont

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29. März 2022
2.697
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Mainz
Das besetzte Ungarn gegen Ende des zweiten Weltkrieges. Deutschland geht mit aller Macht und Brutalität gegen Juden vor. Nicht nur. Was etwas weniger bekannt ist: "Zigeuner" wurden ebenso verfolgt, deportiert und vernichtet.
Im Mittelpunkt scheint das Schicksal von "Zigeunern" zu stehen, exemplarisch Marci und Julka. Sie konnten gemeinsam aus einem Todeskovoi fliehen. Erschreckende Szenen zeigen die Brutalität und Skrupellosigkeit, mit der die Deutschen mordeten. Doch Marci denkt, ihm könne nichts passieren als Mitglied einer Musikergruppe. "Zigeuner" seien nicht gleich "Zigeuner". Was Vorurteile ihnen gegeüber betrifft, aber widerum schon. Das umherziehende Volk, Wahrsagerei, Kriminalität.
Julka gibt einen Einblick, dass sie oft keine andere Wahl hat zu stehlen oder ihren Körper zu verkaufen, um zu Geld zu kaufen. Es gibt keine ehrbare Möglichkeit, Geld zu verdienen für sie.
Mir geht die Geschichte schon jetzt ans Herz: all die Armut, die Brutalität. Hier zeigt sich eine Parallele zu "Verlockung".
Ich fand die Szene eingangs erschütternd, wie herablassend Marci auf Julka schaut und wie er sie behandelt.

Ein toller Einstieg ins Buch. Ich lese gebannt weiter.
 

Lesehorizont

Bekanntes Mitglied
29. März 2022
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53
Mainz
Sehr eindrücklich schreibt Szekeley davon. Auch Marci glaubt lange nicht, dass ihn das betreffen könne. Wanderzigeuner vielleicht, aber doch keinen Musiker wie ihn. Hierarchien überall.
Das gab es ja bei den Juden auch, den Glauben, dass man selbst verschont bleiben würde. Aber ich glaube weniger infolge von Hierarchien, sondern einfach, da man sich das Unvorstellbare nicht vorstellen konnte.
Innerhalb der Zigeuner gibt es eine ähnliche Hierarchie, hier blicken die stationären auf die umherziehenden Zigeuner herunter.
Das stimmt. Es zeigt auch, dass diese Gruppen eben nicht so homogen sind, wie dies oft angenommen wird.
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
7.060
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Aber ich glaube weniger infolge von Hierarchien, sondern einfach, da man sich das Unvorstellbare nicht vorstellen konnte.
Beides. Die assimilierten, gut situierten und ( bis zu einem gewissen Grad ) gesellschaftlich anerkannten Juden gingen anfangs tatsächlich davon aus, dass es für sie nicht so schlimm werden würde. Sie selbst sahen auf die armen und streng gläubigen Ostjuden herab.
Der Mensch neigt dazu, in Hierarchien zu denken und ist froh, wenn es jemanden gibt, auf den er herabschauen kann. Jeder sucht eine Postion so weit oben wie möglich.
Aber natürlich konnte sich anfangs keiner das Ausmaß der Vernichtung vorstellen.
 

Federfee

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13. Januar 2023
2.571
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Die Geschichte fängt in der Gegenwart an, ist aber von Rückblenden durchsetzt, in denen wir Julka und Marci – bis jetzt die Hauptpersonen - besser kennenlernen und auch sonst vieles erfahren, in geradezu überbordender Fülle: die gesellschaftlichen Zuständen der damaligen Zeit, die Juden- und 'Zigeuner'-Verfolgung der Nazis, die Diskriminierung durch die einheimische Bevölkerung. Sie unterscheiden zwei 'Klassen' von 'Zigeunern': Marci als anerkannter Meistergeiger ist anfangs angesehen und träumt von einer Karriere in Europas Großstädten, Julka, die Wanderzigeunerin, lernt von Anfang an Ablehnung, Armut und Hunger kennen. Aber: sie nimmt das Leben, wie es ist, und wirkt trotz Hunger und Not optimistisch und weiß, wie man überlebt.

Marci kommt mir ein bisschen zwielichtig vor; er liebt die Frauen und den Sex, er schimpft über Julka und kann doch nicht von ihr lassen. Sein Frauenbild scheint nicht das Beste zu sein. Julka möchte lieber arbeiten und träumt von einem besseren Leben, was sehr eindringlich geschildert wird, als sie sich mit dem Hirten Áron verlobt. Sie will eine gute Schwiegertochter sein, lernt sogar schönes Ungarisch zu sprechen, aber leider gibt Áron unter dem Druck seiner Eltern und des Dorfes nach. Julka muss gehen.

Normalerweise würde ich es verurteilen, wenn jemand 'seinen Körper verkauft', aber Julka bleibt nichts anderes übrig, wie sie selber öfter sagt. Erst wenn sie keine Arbeit findet, wenn sie auch nicht stehlen kann, greift sie zu diesem letzten Mittel. Sie ist die Geliebte des Bauern Garas, aber auch von Marci. Dieser wiederum fährt auch zweigleisig; es gibt da irgendeine feine Dame. Julka tut es aus Überlebensnotwendigkeit, Marci warum? Werden wir die Dame noch kennenlernen?

Es tritt deutlich zutage, wie die Lage der Zigeuner war: sie wurden nicht nur deportiert, sondern auch vorher schon durch die einheimische Bevölkerung diskriminiert. Auch schlimm: Marci schämt sich seines eigenen Volkes. (29)

'Für die Deutschen ist ein Zigeuner auch nicht besser als ein Jude.' (16)​
'Adliger oder Bauer – was macht das schon? Der Zigeuner ist für beide kein Mensch.' (21)

Den Schwerpunkt in diesen ersten vier Kapiteln sehe ich in der Beschreibung der gesellschaftlichen Lage und der Charakterisierung von Julka und Marci. Aber es wird angedeutet, dass die Erntehelfer streiken, weshalb die Gendarmen kommen werden... Da scheint sich etwas zusammenzubrauen.
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
2.571
10.698
49
Sehr berührend fand ich, wie Junka sich das einfache, bäuerliche Leben mit Áron ausmalte, sich sogar negative Seiten schön träumte.
Da sieht man, wie sehr Julka sich ein anderes Leben wünscht, sie aber leider keine Chance zum Besseren im Leben hat.
Und interessiert las ich die 'Anweisungen' zum Kartenlegen für das Fräulein Rosenberg.
Also die Vielseitigkeit des Buches begeistert mich einfach!
Diese Szene zeigt, wie intelligent Julka ist, was sie sich alles überlegt. - Die Vielseitigkeit ist schon jetzt ein Markenzeichen dieses Buches.

Innerhalb der Zigeuner gibt es eine ähnliche Hierarchie, hier blicken die stationären auf die umherziehenden Zigeuner herab.
Dieses Phänomen findet man immer wieder; traurig ist das: sich selbst erhöhen indem man auf andere herunterblickt.
Ich fand die Szene eingangs erschütternd, wie herablassend Marci auf Julka schaut und wie er sie behandelt.
Er ist ein ziemlicher Macho und hat ein eigenartiges Frauenbild. Da bin ich mal gespannt, wie es mit ihm weitergeht, ob er sich ändert.
... und dass es leider ein typisch menschliches Bedürfnis zu sein scheint, jemanden unter sich zu wissen.
Der Mensch neigt dazu, in Hierarchien zu denken und ist froh, wenn es jemanden gibt, auf den er herabschauen kann. Jeder sucht eine Postion so weit oben wie möglich.
Ja, das findet man leider zu jeder Zeit und überall.
 

Irisblatt

Bekanntes Mitglied
15. April 2022
1.352
5.644
49
53
Tja - was soll ich hier noch ergänzen?
Ich mag Székelys Art zu erzählen sehr. Ich lese alles wie in einem Film. Sehr gut gefällt mir die differenzierte Sicht vor allem auf Julka. An ihr wird deutlich, dass es unmöglich ist als "Wanderzigeunerin" ein "gutes" Leben zu führen. Permanenter Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt, sind ihre Möglichkeiten, das nötigste zum Überleben zu haben, begrenzt. Oft bleibt ihr nichts anderes übrig als zu stehlen oder ihren Körper im Tausch gegen eine Mahlzeit anzubieten. Dabei würde sie gerne irgendwo arbeiten und ein bescheidenes, sesshaftes Leben führen.
Der Richter hat mich richtig aufgeregt ... Bitter, aber wohl auch realistisch, dass Aron sie doch nicht heiratete.
Ich lese sehr interessiert weiter .....
 

Irisblatt

Bekanntes Mitglied
15. April 2022
1.352
5.644
49
53
Innerhalb der Zigeuner gibt es eine ähnliche Hierarchie, hier blicken die stationären auf die umherziehenden Zigeuner herab.
Ich habe mal einige Jahre lang einen Alphabetisierungskurs für Roma und Sinti geleitet. In dieser Zeit wurde mir klar, wie heterogen diese vermeintlich homogene Gruppe ist. Sie teilen die Erfahrung als Sinti und Roma wahrgenommen zu werden mit allen Diskriminierungen und Vorurteilen. Tatsächlich gibt es aber zahlreiche unterschiedliche kulturelle Traditionen und eine Hierarchisierung entlang von Armutskriterien. Roma aus Rumänien z.B. stehen ganz unten und haben aufgrund ihrer Armut und ihrer menschenunwürdigen Lebensbedingungen oftmals nur die Möglichkeit durch Bettelei, Diebstähle und Prostitution zu überleben, was dann wieder Vorurteile bestätigt, die dann wiederum auf die große Gruppe der Sinti und Roma zurückfallen.
 

luisa_loves-literature

Aktives Mitglied
9. Januar 2022
871
3.485
44
Ich bin sehr begeistert von dem Roman, vor allem von der Handlungsführung, die ja doch ein wenig durch die Zeit mäandert: erst der warme Abend mit Marci und Julka, dessen Stimmung ich überaus atmosphärisch eingefangen finde, dann der Rückblick auf den "einen" Abend, durch den auch Marcis Hintergrund etwas stärker beleuchtet wird und der zum Todesmarsch und Bombenhagel und zum Kennenlernen von Marci und Julia führt, dann der Übergang zu Julkas Kindheit und Marcis und Julkas gemeinsamer Versuch zu überleben.
Diese Kurven, die die Erzählung so nimmt, finde ich überaus kunstvoll und gelungen. Es ist so natürlich - keine harten Brüche oder abrupten Einschnitte, vielmehr ein irgendwie organisches Gesamtkonstrukt.

Dazu natürlich die wirklich tief und ausführlich konstruierten Figuren mit den sehr guten Wechseln in der Fokalisierung - immer zum richtigen Zeitpunkt nah dran.
Und es sind Szenen dabei, die sehr deutlich sind! :oops: (Ich denke z.B. an den Tierarzt, Herrn Jáczint, der Junka befummelte) Trotzdem bleibt noch Raum, sich die Szenen auszumalen! (Ich brauche da keine Details! ;) )
Das ist für mich die außerordentliche Stärke des Textes. Es ist schon sehr körperlich, aber es ist nicht für Schauwerte oder zur Erregung von Interesse geschrieben, sondern hier notwendig um Julka als Figur greifbar und nachvollziehbar zu machen. Am eindrucksvollsten vielleicht in der Gerichtsszene. Ich finde es auch sehr faszinierend, wie praktisch und distanziert Julia Prostitution betrachtet - es wirkt wirklich wie eine reine Geschäftsbeziehung und so, als habe das gar nichts mit ihr zu tun, als sei sie in der Situation völlig unbeteiligt.

Das mit dem Ausmalen gelingt Szekely ausgezeichnet. Mehr Info braucht man nicht, und er "traut" dem Leser zu, sich selbst ein Bild zu machen.
Seine Sympathielenkung ist zwar sehr offensichtlich, aber so nachvollziehbar aufbereitet, dass es überzeugt.

Einfach schön mal einen Roman von jemandem zu lesen, der wirklich so richtig gut schreiben und erzählen kann.