2. Leseabschnitt: Elemérs Garten (S. 50 bis 87)

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Auch diese Erzählung hat mir sehr gefallen, auch wenn sie mich emotional nicht ganz so erreicht hat wie "Budapest?". Insgesamt strahlt sie in meinen Augen eine viel größere Leichtigkeit aus, was natürlich auch mit der dazugehörigen Zeit zu tun hat: 1933. Zwar ist Hitler im "fernen Deutschland" Reichskanzler geworden, aber es herrscht (noch) Frieden.

Henriette ist eine liebenswerte Figur und ganz offensichtlich Jacobs Tochter, wofür nicht nur das Alter spricht. Sie macht ihre Aufzeichnungen wie Henri und ist offenbar ebenso verträumt wie er. Ein besonderer Mensch. Zudem klassifiziert sie und ordnet ein, wie es ebenfalls Henri, aber eben auch Jacob machte, indem er den schreibenden Soldaten Charakterisierungen zuwies.

Das ist schon sehr liebevoll gemacht, wie Iris Wolff diese vielen Andeutungen zu einer ganzen Figur spinnt, ohne den Holzhammer verwenden zu müssen. Auch die Namensgebung Henriette als Almas kleine Hommage an den verstorbenen Bruder ihres Liebhabers ist sehr gelungen.

Toll finde ich die Herleitung des Romantitels, über den ich mich mit meinem Mann schon vor der Lektüre unterhalten hatte. Denn er zog sofort die Verbindung zu einem katalanischen Sprichwort, das - siehe da - im Rumänischen genau dieselbe Bedeutung hat (S. 77). Immer wieder schön und dennoch überraschend zu sehen, wie eng die romanischen Sprachen miteinander verwandt sind.

Keinen Reim kann ich mir bisher auf die mondäne Fremde und die Episode mit dem Ring machen. Ich dachte zunächst, es handele sich um Jacobs Mutter, glaube es aber nicht so recht. Auch wenn über ihr Alter nichts gesagt wird, habe ich die Fremde aufgrund der Beschreibung eher als eine mittelalte Frau eingeschätzt, und Jacobs Mutter müsste ja schon älter sein.

Vielleicht ist es auch eher ein Symbol, eine zweite Ringparabel wie bei Nathan? Die mondäne Welt weist Henriette den Weg. Dafür würde auch das der Erzählung vorangestellte Zitat sprechen, das ja vom Ende der Erzählung stammt.
 

otegami

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17. Dezember 2021
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Henriette ist eine liebenswerte Figur und ganz offensichtlich Jacobs Tochter, wofür nicht nur das Alter spricht. Sie macht ihre Aufzeichnungen wie Henri und ist offenbar ebenso verträumt wie er. Ein besonderer Mensch. Zudem klassifiziert sie und ordnet ein, wie es ebenfalls Henri, aber eben auch Jacob machte, indem er den schreibenden Soldaten Charakterisierungen zuwies.
Ich habe natürlich auch gleich nachgerechnet :helo und kam zum gleichen Ergebnis. (Bei der Begegnung zwischen Jacob und Alma war auch nur von 3 Töchtern die Rede! 1. Weltkrieg + im letzten Sommer 16 geworden = 1933, wo Hitler neuer Reichskanzler geworden ist.)
Und, zusätzlich zu Deinen Übereinstimmungen, sehe ich auch die besondere Nähe zwischen Alma und Henriette! Offensichtlich fühlt sie Alma ihr durch die Erinnerungen an diesen geliebten Menschen besonders nahe!
Keinen Reim kann ich mir bisher auf die mondäne Fremde und die Episode mit dem Ring machen. Ich dachte zunächst, es handele sich um Jacobs Mutter, glaube es aber nicht so recht. Auch wenn über ihr Alter nichts gesagt wird, habe ich die Fremde aufgrund der Beschreibung eher als eine mittelalte Frau eingeschätzt, und Jacobs Mutter müsste ja schon älter sein.
Das kann ich auch noch nicht einordnen. Ich dachte auch zuerst, das müsse unbedingt eine Verwandte von Jacob sein! Aber vielleicht bringen die nächsten 2 Abschnitte Licht ins Dunkle! ;)
 

otegami

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17. Dezember 2021
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Interessant ist ja auch noch die Problematik 'Kuckuckskind'!
Hat der Mann von Alma das gewusst? Oder geahnt?
In diesen Zeiten wurde sich da nicht getrennt, konnten sich ja auch die wenigsten leisten, sondern halt das Kuckuckskind mit aufgezogen. Auch die Frage: hat Henriette was davon gemerkt?
In 'Die Baggage' von Monika Helfer reichten ja schon Gerüchte, dass der Vater nicht mit seiner jüngsten Tochter sprach! Nie!!!!
Meine Überlegungen waren ja früher: was für Möglichkeiten hatten denn da die Frauen, andere Männer kennenzulernen? (Internet gab's ja noch nicht! :rofl ) Ich musste mich von 'Einheimischen' aufklären lassen, dass 'wo ein Wille ist, ist auch ein Busch'!
Sprich: in unserer Gegend wurde sehr viel Heimarbeit gefertigt. Tja, und diese Heimarbeit wurde gebracht.......... und wieder geholt......... :cool: ! Peinlich wurde es nur, wenn so ein Kind dem leiblichen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war! ;) )
 

Literaturhexle

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Das ist schon sehr liebevoll gemacht, wie Iris Wolff diese vielen Andeutungen zu einer ganzen Figur spinnt, ohne den Holzhammer verwenden zu müssen.
Zunächst steht der verwitwete Großvater im Zentrum, der der nächtlichen Schlaflosigkeit zu entgehen versucht. Das war ein ziemlicher Themenwechsel zur vorangegangenen Geschichte, die mit dem Schuss endete. Ich habe etwas gebraucht, um in Henriette Jacobs Tochter zu erkennen. Ja, die Figur wird sehr schön hergeleitet, auch indem alle anderen Familienmitglieder vorgestellt werden. Der Vater scheint gleichfalls verstorben zu sein.
Denn er zog sofort die Verbindung zu einem katalanischen Sprichwort, das - siehe da - im Rumänischen genau dieselbe Bedeutung hat (S. 77). I
Interessant! Diese Sprachen sind auch mir sehr fremd. Ich finde den Ausspruch an sich schon sehr poetisch;)
Vielleicht ist es auch eher ein Symbol, eine zweite Ringparabel wie bei Nathan? Die
Du hast gute Ideen. Auf alle Fälle sollten wir diesen Zusammenhang noch erfahren. Die Frau wollte ja konkret Henriette treffen. Oder ging es ihr nur darum, eine Tochter allein anzutreffen? Eine geheimnisvolle Frau. Ob das Fehlen der Lebensmittel auffallen wird? Die Zeiten sind nicht rosig.

Auch Kuno hat noch keine Rolle? Ein Freund? Ebenfalls ein Schlafloser?
Aber vielleicht bringen die nächsten 2 Abschnitte Licht ins Dunkle! ;)
Das wäre zu wünschen. Ich glaube kaum, dass Jacob seinen Eltern etwas über die Nacht mit Alma geschrieben hat. So nah schienen sie sich nicht zu sein.

Insgesamt habe ich den Abschnitt gerne gelesen, aber er hatte weder den Tiefgang noch die intensive Poesie des ersten. Wir bekommen Henriette als sanftes Abbild von Henri geschildert. Sie ist noch nicht angekommen. Vielleicht sehnt sie sich nach einem Neuanfang in einer anderen Stadt. Ihre Schwester hat den Hof ja auch Richtung Stadt verlassen...

Erwähnen muss man auch das zerrüttete Verhältnis der zwei älteren Schwestern, die sich früher so nah waren. Schade, dass Anna den Fortgang Lillis so übel nimmt.
 

parden

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Auch diese Erzählung hat mir sehr gefallen, auch wenn sie mich emotional nicht ganz so erreicht hat wie "Budapest?".
Das ging mir anfangs genauso, und doch kam mir Henriette allmählich näher. Die Unabhängigkeit des Mädchens, die stillen Beobachtungen, aber auch die Zuneigung zum Großvater - eine unaufdringliche Charakterzeichnung, die dennoch ein glaubhaft-deutliches Bild ergibt.


Henriette ist eine liebenswerte Figur und ganz offensichtlich Jacobs Tochter, wofür nicht nur das Alter spricht. Sie macht ihre Aufzeichnungen wie Henri und ist offenbar ebenso verträumt wie er.
Es hat bei mir ehrlich gesagt doch etwas gedauert, bis ich den Zusammenhang verstanden habe. Durch den anfänglichen Fokus auf dem Großvater war Henriette zunächst nur eine Randfigur

Das ist schon sehr liebevoll gemacht, wie Iris Wolff diese vielen Andeutungen zu einer ganzen Figur spinnt, ohne den Holzhammer verwenden zu müssen. Auch die Namensgebung Henriette als Almas kleine Hommage an den verstorbenen Bruder ihres Liebhabers ist sehr gelungen.
Und darauf bin jetzt nur durch deinen Hinweis gestoßen.

Keinen Reim kann ich mir bisher auf die mondäne Fremde und die Episode mit dem Ring machen. Ich dachte zunächst, es handele sich um Jacobs Mutter, glaube es aber nicht so recht. Auch wenn über ihr Alter nichts gesagt wird, habe ich die Fremde aufgrund der Beschreibung eher als eine mittelalte Frau eingeschätzt, und Jacobs Mutter müsste ja schon älter sein.
An Jacobs Mutter hatte ich auch gedacht. Ich bin gespannt, ob sich das noch auflöst.
 

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ich habe ähnlich wie @otegami direkt angefangen zu rechnen und dachte schnell, dass Henriette Jacobs Tochter sein muss. Auch weil Buch ein Roman in vier Erzählungen ist, so dass die einzelnen Teile in Zusammenhang stehen sollten ;)
Das Zerwürfnis der Schwestern finde ich tragisch, da sie sich zuvor so nahe gestanden haben. Wie so eine unbedachte Äußerung alles zerstören kann.
Wer ist die Frau? Ich dachte zunächst auch an eine Verwandte ;) Und was hat es mit dem Ring auf sich? Das erfahren wir hoffentlich im 3.LA.
Wunderbarer Roman, den ich tatsächlich langsam lese, weil ich nicht möchte, dass er so schnell zu Ende geht ;)
 

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Auch dieser Abschnitt gefiel mir. Phasenweise ist die Sprache sehr poetisch. Inhaltlich jedoch gibt mir dieser Abschnitt ein Rätsel auf: Wer ist die Frau, die Henriette im Tausch für Lebensmittel, diesen wertvollen Ring (Turmalin) gibt? Ich gehe fest davon aus, dass sie im weiteren Verlauf, den beiden Geschichten, noch bedeutsam werden wird.
Könnte es Jacobs Mutter sein? denn Henriette ist wohl Jakobs Tochter, was ich allerdings erst verzögert verstanden habe. Ist sie eventuell eine Jüdin, ist das die Erklärung für ihre Furcht? Wenn ja, wäre dies vielleicht eine Erklärung fürJacobs Haltung im Krieg. Die Begegnung wird so beschrieben, als gäbe es eine gewisse Vertrautheit, die sich eben mit der Verwandtschaft verstehen ließen. Ist die Titel gebende Anspielung auf Henriettes Attitüde etwas, was Henriette quasi von ihrem Vater hat?

Interessant fand ich noch die Stelle über den Richtigen. Daran habe ich übrigens auch erkannt, dass Henriette Jekobs Kind sein muss. Alma sagt dort den Richtigen betreffend, dass der Zufall eine große Rolle spiele und das Leben einen quasi zusammenführe. Ich frage mich, ob da nicht ein wahrer Kern drin steckt?

Berührt hat mich auch die Funkstille der beiden Schwestern. Ja, Worte können sich sehr ins Gedächtnis einbrennen. Das denke ich auch. Und man kann einmal Gesagtes nie mehr zurück nehmen. Für mich ist das sehr nachvollziehbar. Leider habe ich auch eine Schwester, wo der Kontakt aus Eis liegt...
 

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Ich habe etwas gebraucht, um in Henriette Jacobs Tochter zu erkennen
Das ging mir ganz genauso. Bei mir klingelte es, als es um Almas Vorstellungen bzgl. des Richtigen ging.
Vielleicht ist es auch eher ein Symbol, eine zweite Ringparabel wie bei Nathan?
Das klingt nach einer sehr interessanten Idee, wo ich mir aber leider keine Meinung bilden kann, da ich mal wieder den Klassiker nicht kenne. Noch so ne Bildungslücke...
Auch Kuno hat noch keine Rolle? Ein Freund? Ebenfalls ein Schlafloser?
Keine Ahnung. Jemand, der an Henriette interessiert ist? Einer, der zukünftig noch für sie bedeutend werden wird?
Insgesamt habe ich den Abschnitt gerne gelesen, aber er hatte weder den Tiefgang noch die intensive Poesie des ersten
Dem würde ich mich anschließen. Es gab wieder einige Stellen, die ich sehr poetisch formuliert fand. Den ersten Part fand ich aber v.a. auch emotional berührender.
 
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Die geheimnisvolle Frau könnte eine Jüdin sein, die das Reich verlassen hat und sich nun auf der Flucht befindet, wo sie sich durchschlagen muss mit ihren Begleitern.
Vielleicht die Schwester von Jacobs Kameraden Liliensteiner. Der Name klingt ein bisschen jüdisch;)
Ich hatte auch die Idee, dass es eine Jüdin ist - aber Jacobs Mutter, weil es da diese Vertrautheiten gibt, als Henriette der Frau begegnet. Das würde Jacobs Haltung im Krieg auch gut erklären.
Die Schwester vom Kamaraden? Wer weiß... Auch eine interessante Idee ;)
 
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Das habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden. Was meinst du genau und was war Jacobs Haltung im Krieg?
Ich meinte, dass er ja die gängigen Unterteilungen in Freund und Feind zum Beispiel durch sein Denken und Handeln in Frage gestellt hat. Zum Beispiel hat er Gemeinsamkeiten zum (vermeintlichen) Feind entdeckt oder auch mal jemand verschont.
Wenn die Frau seine Mutter wäre und mglw. eine Jüdin leigt sehr nahe, warum er auf Menschlichkeit fokussiert ist.
Ich hoffe es ist so verständlicher geworden.
 

Christian1977

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Danke dir, den ersten Teil habe ich jetzt verstanden. Nur das hier nicht:
Wenn die Frau seine Mutter wäre und mglw. eine Jüdin leigt sehr nahe, warum er auf Menschlichkeit fokussiert ist.
Das spielt doch im Ersten Weltkrieg, und ich erkenne deshalb keine Verbindung zum Thema "Juden".