2. Leseabschnitt: 7. bis 9. Kapitel (Seite 63 bis 115) - Ende Erster Teil

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Tiziano finde ich bislang übrigens bemerkenswert ambivalent. Wir verdächtigen ihn ja alle (?), dass er der spätere Vergewaltiger ist. Und er ist ein hochdekorierter Faschist.

Aber: Er bekennt sich zu seinen Schwächen, in diesem Fall offenbar eine Herzschwäche. Die Figur hätte man in einem schlechteren Roman ganz anders anlegen können.
 

Kwinsu

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2. Oktober 2023
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Salzburg
In der Tat eine ganz schreckliche Szene. Erinnert mich in ihrer Grausamkeit ein wenig an die Szene in "Endstation Malma" von Alex Schulman, als die Eltern offen darüber sprachen, dass niemand mit dem einen der beiden Mädchen zusammenleben wollte.
Oh ja, da gebe ich dir 100%ig recht! Endstation Malma fand ich sehr beeindruckend und diese Szene hat mir auch körperliche Schmerzen bereitet! :sad
Weise, so kommt sie mir auch vor.
Weise trifft es absolut! Sie musste bei der Ablehnung viel zu schnell erwachsen werden und mit ihrer Intelligenz durchschaut sie die Erwachsenen, was wohl zu ihrer Weisheit führt...
Genau. Da keiner mehr so auf sie achtet, kann sie nun endlich das Leben entdecken. Das Leben da draßen, an der Seite von Maddalena, scheint ihr voller Abenteuer...
Da dachte ich mir schon, dass es recht schnell geht, dass sie die Erwachsenen aus den Augen lassen. Im ersten Leseabschnitt hab ich mich ständig gefragt, wie es ihr wohl gelingen mag, dass sie eine Verbindung zur Malnata aufbauen kann, wo sie scheinbar doch so eingesperrt wird von ihrer Mutter... Doch die hat wohl aufgrund ihrer Egozentriertheit schnell das Interesse an ihrer Tochter verloren...
Neben den vielen von euch schon hervorgehobenen Stellen möchte ich noch darauf hinweisen, dass Maddalena sich selbst schuldig fühlt an den Unglücken, die um sie herum passiert sind. Das finde ich unglaublich traurig, kein Kind sollte sich so fühlen.
Da stimme ich dir 100%ig zu - kein Kind sollte sich so fühlen müssen. Wie grausam Erwachsene doch sein können!
Mein Lieblingssatz auf Seite 110: "Ich war lebendig." Was für eine Aussage!
So eine schöne Erkenntnis!
Aber gleichzeitig erkennt sie messerscharf, wo die Erwachsenenwelt ihre Schwächen und blinde Flecken hat.
Genau das ist das geniale an der Figur und zeigt ihre Intelligenz!
Aber: Er bekennt sich zu seinen Schwächen, in diesem Fall offenbar eine Herzschwäche. Die Figur hätte man in einem schlechteren Roman ganz anders anlegen können.
Da bin ich voll und ganz bei dir. Die Autorin hat ein wundervolles Gespür die Charaktere ambivalent zu gestalten, sodass man sich sehr für sie interessiert.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Es geht interessant weiter, allerdings für mich mit etwas weniger Lesesog als im ersten LA.

Das Rennen in Monza dient als Folie für die politische Situation und die menschlichen Verflechtungen. F.´s Mutter scheint mit Signor Colombo fremdzugehen, beide tauchen beim Rennen nicht auf und dann die Szene vor der Haustür...

Beide Mädchen haben ein kaltes Elternhaus, M.´s Mutter verhält sich absolut inakzeptabel ihrer Tochter gegenüber. Die lässt sich davon nicht (mehr) tangieren, aber so ganz gelingt es ihr nicht: Sie hält sich selbst für verhext. Was für eine Hypothek. Zum Glück setzt sich Ernesto für seine Schwester ein.

Sie ist offenbar ganz gut in der Schule gewesen, nur das Benehmen ließ zu wünschen übrig. Die Konstellation erinnert mich an Lila und Manu in Elena Ferrantes neapolitanischer Saga.

Francesca scheint M. sehr zu mögen; ob das mehr ist als die Folge des Sich-lebendig-Fühlens werden wir sehen; ich glaube es eher nicht. Ihre gemischten Gefühle, als auf dem Fahrradlenker von Noé unterwegs ist, deuten darauf hin.

Manche von M.s Aussprüchen kommen mir sehr erwachsen vor, unter anderem die über die Gefährlichkeit von Sprache. Wie alt mögen die Mädchen sein? F. bekommt ihre Periode, furchtbar, so unaufgeklärt, also vermute ich so dreizehn, vierzehn? Heute passiert das schon eher, damals wohl noch nicht.

Der Faschist mit dem Herzfehler - schön symbolisch! - ist evt. F.s Vergewaltiger?
 

alasca

Bekanntes Mitglied
13. Juni 2022
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Tiziano finde ich bislang übrigens bemerkenswert ambivalent. Wir verdächtigen ihn ja alle (?), dass er der spätere Vergewaltiger ist. Und er ist ein hochdekorierter Faschist.

Aber: Er bekennt sich zu seinen Schwächen, in diesem Fall offenbar eine Herzschwäche. Die Figur hätte man in einem schlechteren Roman ganz anders anlegen können.
Die Herzschwäche hat wohl Symbolfunktion.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Erinnert mich in ihrer Grausamkeit ein wenig an die Szene in "Endstation Malma" von Alex Schulman, als die Eltern offen darüber sprachen, dass niemand mit dem einen der beiden Mädchen zusammenleben wollte
Die Assoziation ist mir zwar nicht gekommen, aber sie passt. Beide Verhalten sind so erschreckend herzlos, dass es einem schüttelt.
Das finde ich unglaublich traurig, kein Kind sollte sich so fühlen.
Das auf keinen Fall. Ich denke, viele, die in nächster Nähe so einen furchtbaren Unfall erleben, fühle sich insgeheim mitschuldig und fragen sich , ob sie das nicht hätten verhindern können. Wenn dieses Gefühl dann von außen noch so vehement bestätigt wird, hinterlässt das Folgen.
Aber: Er bekennt sich zu seinen Schwächen, in diesem Fall offenbar eine Herzschwäche. Die Figur hätte man in einem schlechteren Roman ganz anders anlegen können
Ich habe das eher in Richtung „ Großmaul, aber Drückeberger“ interpretiert. Nach außen hin würde er natürlich liebend gern in den Krieg ziehen, aber leider hat er ein schwaches Herz.
Vielleicht ist sein Bedauern aber auch echt.
Die Konstellation erinnert mich an Lila und Manu in Elena Ferrantes neapolitanischer Saga
Mich auch.
Wie alt mögen die Mädchen sein?
Ist schon geklärt worden.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Weise, so kommt sie mir auch vor. Wer hätte das gedacht bei all den Streichen?
Das war mir auch aufgefallen. Maddalena kommt mir viel älter vor. aber ich vermute, die Autorin hat es ihr so 'in den Mund gelegt'.
möchte ich noch darauf hinweisen, dass Maddalena sich selbst schuldig fühlt an den Unglücken, die um sie herum passiert sind. Das finde ich unglaublich traurig, kein Kind sollte sich so fühlen.
Das fand ich auch sehr traurig; sie ist also doch nicht so unbeschwert, wie es anfangs den Eindruck macht.
dass Francesca die Clique erstmals die Malnati nennt. Benannt nach der Anführerin. Und dass erstmals der Name Francesca auftaucht, das ist natürlich auch kein Zufall. Sie nimmt ihre Identität, sich selbst langsam aber sicher an.
Gut gesehen und interpretiert.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Ihr habt schon alles geschrieben, was ich auch erwähnen wollte: diese Verflechtungen von Politik und Kommerz – anscheinend immer und überall – die Gefährlichkeit unbedacht geäußerter Worte u.v.m.

Ganz schrecklich fand ich das Verhalten von Maddalenas Mutter. Dass sie möglicherweise ihrer Tochter die Schuld am Tod des kleinen Bruders gibt, ist eine Sache, aber das dann in Taten umzusetzen – den Tisch für sie nicht mit zu decken – unvorstellbar schrecklich. Arme Maddalena! Am Anfang wirkte sie für mich rebellisch-fröhlich, jetzt denke ich, dass sie im Innersten sehr verletzt und verstört ist. Vielleicht fühlt sie sich auch deshalb so zu F. hingezogen, weil sie da ein wenig Liebe und Anerkennung findet und weil F. versucht, ihr die Schuldgefühle zu nehmen, sie sei 'böse'.
 

Maesli

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29. März 2024
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Signor Colombo und Francescas Mutter haben eine Affäre. Francescas Vater würde alles für ein Florieren der Hutfabrik tun. Er stürzt sich in Arbeit, lässt sich von den Faschisten unterstützen und bekommt weder mit, dass sich seine Frau regelmäßig mit seinem neuen Geschäftspartner trifft noch dass seine Tochter sich mit Maddalena angefreundet hat. Die Abgelenktheit ihrer Eltern kommt Francesca zugute - endlich hat sie die Freiräume, das zu tun, was sie möchte.
Ich habe das ein bisschen anders gelesen. Francescas Vater kämpft mit seinem Hutmacherunternehmen ums Überleben. Ohne den Faschisten Colombo, der ihm den großen Militärauftrag in Aussicht stellt, wird es wohl Konkurs gehen.

Ich glaube zudem, dass er sehr wohl weiß, dass sich zwischen Francesca und Maddalena eine Freundschaft anbahnt und ich bin davon überzeugt, dass er weiß, dass seine Frau eine Affäre mit Colombo hat. Das steht zwar nicht deutlich geschrieben, aber das Mailänder Understatement lässt für mich da keine Zweifel offen. Colombo wird ihm das bei den geschäftlichen Treffen, die im Hintergrund sicherlich stattfanden, sehr deutlich zu verstehen gegeben haben.
Mein Mann (er ist Mailänder und stammt aus einer Unternehmerfamilie) ist ein Meister im Understatement. Ich kann mir das bildlich vorstellen, wie so ein Männergespräch abläuft. Und Francescas Vater ist in der Defensive; er kann nichts machen und muss schlucken.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Am Anfang wirkte sie für mich rebellisch-fröhlich, jetzt denke ich, dass sie im Innersten sehr verletzt und verstört ist. Vielleicht fühlt sie sich auch deshalb so zu F. hingezogen, weil sie da ein wenig Liebe und Anerkennung findet und weil F. versucht, ihr die Schuldgefühle zu nehmen, sie sei 'böse'
Beides ja. Ihr Verhalten ist ein Schutzschild, das sie sich zugelegt hat. Ein Kind, und das ist sie ja noch, braucht Liebe und Anerkennung von außen.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Der Roman liest sich einfach und schnell. Die Atmosphäre der Roten Zora ist allgegenwärtig. ist das gut oder eher nicht so gut?
Zur Abwechslung mal einen leichteren Roman zu lesen, tut eigentlich gut.
Und da haben wir schon das Autorennen. Nett geschildert, hat mich trotzdem nur mäßig interessiert. Es ist auch nichts dabei passiert außer dem Auftritt von Tiziano, der wahrscheinlich der Vergewaltiger sein wird. Nun wissen wir auch, warum man ihn verstecken musste; die Colombos sind eine einflussreiche Faschofamilie.
Die erste Regel. Na ja, ich finds immer grenzwertig, so was zu beschreiben. Ist hier nicht anders. Hätt ich nicht gebraucht.
Der Besuch bei Malnata zuhause. War nett, aber wiederum nicht aufregend.
Dieser Teil ist etwas schwächer, obwohl einige Geheimnisse an den Tag treten, die Mama geht fremd (mit wem?) und die Tochter hat lesbische Gefühle.
 

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
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Brandenburg
Signor Colombo und Francescas Mutter haben eine Affäre.
Man weiss noch nicht, dass es der alte Colombo ist.

Er stürzt sich in Arbeit, lässt sich von den Faschisten unterstützen
Das ging gar nicht anders damals. Es geht ums wirtschaftliche Überleben. Man merkt an dem Agieren des Vaters, wie viel Einfluss die Faschisten schon haben - ohne Beziehungen (zu ihnen) geht gar nichts mehr.

Maddalena - sie ist klug,
Altklug.

Kein Wunder, dass sie dachte, sie müsse sterben.
Halt ich für übertrieben.

besonders weil sich ihre Eltern ja so gar nicht für sie interessieren.
Das würde ich jetzt nicht so unterschreiben. Die Mama interessiert sich im Rahmen des damals Üblichen sehr wohl für ihr Kind. Bringt ihr Benehmen bei und alles, was sie braucht, um in dieser Gesellschaft zu reüssieren.
Aber klar, du hast damit recht, dass ihre individuellen Bedürfnisse keine Rolle spielen. (Sie war doch nur ein Mädchen).

„Worte sind gefährlich“, weiß sie von Ernesto. Diese Sätze sind beeindruckend und passen auch heute.
Stimmt, passen aber nicht zu einem 10jährigen Mädchen. oder 12.

Wobei es natürlich traurig ist, dass der Vater sich nur noch für sein Geschäft interessiert
Ich wiederhole mich: dass der Vater sich fürs Geschäft interessiert, ermöglicht der Famile den Lebensunterhalt. Das weisst du natürlich. Die Zeiten, um die Kinder herumzutänzeln, sind luxuriöse Zeiten.

Es geht in diesem Roman um weibliche Identität, um fragwürdige Rollenmuster und um Selbstermächtigung.
Immanent. Vordergründig um eine Kinderheit.

Matteo ist der Sohn eines Roten, Filippos Vater ist Faschist und Filippo selbst in der Jugendbewegung,
Das ist das Interessante in diesem Roman!

Zuhause ist Clara die einzige, die sie unterstützt.
Na, so viele sind sie da ja nicht ;-).

Problematisch wird es erst, wenn sich Erwachsene einmischen.
Oder der Lauf der Geschichte.
 
Zuletzt bearbeitet:

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
10.346
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Brandenburg
Maddalena sich selbst schuldig fühlt an den Unglücken, die um sie herum passiert sind. Das finde ich unglaublich traurig, kein Kind sollte sich so fühlen.
Schuldgefühle (wegen allem Möglichen) werden auch heute noch gerne vermittelt.
Ihre gemischten Gefühle, als auf dem Fahrradlenker von Noé unterwegs ist, deuten darauf hin.
Man ist noch dabei, zu entdecken, wer man ist. Das Pendel kann in jede Richtung ausschlagen.

Dass sie möglicherweise ihrer Tochter die Schuld am Tod des kleinen Bruders gibt, ist eine Sache, aber das dann in Taten umzusetzen – den Tisch für sie nicht mit zu decken – unvorstellbar schrecklich
Fällt in diesselbe Kategorie, wie behinderte Kinder in einem abgelegenen Zimmer verschwinden zu lassen. Funk und Fern (leichter Zugang zu Bildung und Information) haben viel für die Menschheit getan.
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
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Ich habe das ein bisschen anders gelesen. Francescas Vater kämpft mit seinem Hutmacherunternehmen ums Überleben. Ohne den Faschisten Colombo, der ihm den großen Militärauftrag in Aussicht stellt, wird es wohl Konkurs gehen.

Ich glaube zudem, dass er sehr wohl weiß, dass sich zwischen Francesca und Maddalena eine Freundschaft anbahnt und ich bin davon überzeugt, dass er weiß, dass seine Frau eine Affäre mit Colombo hat. Das steht zwar nicht deutlich geschrieben, aber das Mailänder Understatement lässt für mich da keine Zweifel offen. Colombo wird ihm das bei den geschäftlichen Treffen, die im Hintergrund sicherlich stattfanden, sehr deutlich zu verstehen gegeben haben.
Mein Mann (er ist Mailänder und stammt aus einer Unternehmerfamilie) ist ein Meister im Understatement. Ich kann mir das bildlich vorstellen, wie so ein Männergespräch abläuft. Und Francescas Vater ist in der Defensive; er kann nichts machen und muss schlucken.
Ich finde es ganz toll, dass du hier eine Sichtweise hineinträgst, die wir nicht haben. Eine wunderbare nachdenkenswerte Ergänzung. Da sieht man mal, was man alles nicht weiß und kennt.
 

Irisblatt

Bekanntes Mitglied
15. April 2022
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Man weiss noch nicht, dass es der alte Colombo ist.
Ich finde die Hinweise eindeutig, auch wenn es nicht explizit genannt wird.
Es geht ums wirtschaftliche Überleben. Man merkt an dem Agieren des Vaters, wie viel Einfluss die Faschisten schon haben - ohne Beziehungen (zu ihnen) geht gar nichts mehr.
Das stimmt.
Halt ich für übertrieben.
Ich nicht. Das ist wohl sehr abhängig von der Persönlichkeit. Ich könnte mir bei mir sehr gut vorstellen, dass ich an Ihrer Stelle gedacht hätte, ich würde sterben.
Stimmt, passen aber nicht zu einem 10jährigen Mädchen. oder 12.
Für mich passt es, weil sie so viel Zeit mit Ernesto verbringt, der mit ihr über solche Themen spricht.