1. Leseabschnitt: TEIL EINS - Beginn bis Seite 79

Anjuta

Bekanntes Mitglied
8. Januar 2016
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Essen
Das Buch bringt mir viel Freude, diese langsame, aufmerksame Art der Personenzeichnung ist etwas, was ich wirklich liebe. Wir sind doch in diesem gesamten ersten LA im Grunde immer noch in der Einleitung. Jedes Kapitel wird in den Dienst einer der handelnden Figuren gestellt. Dabei erhalten wir einen guten Einblick in Denk- und Handlungsweisen. Fast nebenbei wird dabei dann auch noch die Handlung immer weiter ein Stück vorangetrieben. Eine Handlung, die durch einen fulminanten Beginn (der Brief) herausragend von der Autorin vor uns ausgebreitet wurde und der wir nun langsam aber irgendwie zielsicher (wie es scheint) folgen.
Über die handelnden Personen, ihre Gemütslagen und Motive habt Ihr zuvor schon ausgiebig diskutiert. Ich möchte noch das lebendig Szenische der Schreibweise hervorheben. Ich sehe dieses walisische "Ferienhaus" wirklich quasi vor mir und gehe mit den Figuren den steilen Weg hinunter zum sandigen Strand und kühlen Meer. und sehe darin auch die Figuren wie auf einer Bühne oder in einem Film miteinander agieren. Das Schreibtalent der Autorin tritt für mich wirklich sehr deutlich hervor.
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Betsy will was? Gesehen werden? Geschätzt werden? Die Affären ihres Mannes, die für die meisten der ausschlaggebende Punkt wären, scheinen sie ja nur am Rande zu interessieren.
Bestimmt will sie das, wie so viele Menschen, was ja auch völlig verständlich ist. Dass die Affären sie nicht stören, finde ich sehr merkwürdig.
So richtig kann ich Alecs Mutter, was das angeht noch nicht einschätzen. Aber Alec scheint Angst vor ihr zu haben, oder bilde ich mir das ein?
'Angst' denke ich eher nicht, aber vielleicht ist er bei ihr wieder der kleine Junge, über den bestimmt wird.
 

Bücherfreundin

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6. November 2022
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Ich sehe dieses walisische "Ferienhaus" wirklich quasi vor mir und gehe mit den Figuren den steilen Weg hinunter zum sandigen Strand und kühlen Meer
Stimmt, das geht mir auch so. Schade nur, das die alte Mühle, um die es geht, von einem schlechten Architekten kaputt saniert wurde… auch daraus macht die Autorin kein Geheimnis… :)
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Beim Lesen bekommt man ein genaues Bild von jedem Einzelnen. Durch den Perspektivwechsel noch mehr.
Ja, mir hat das richtig gut gefallen. Kaum meint man, den Charakter erfasst zu haben, kommt eine Ergänzung, die das Gedachte ins Wanken bringt. Wie im richtigen Leben.
Betsy scheint mir die Sorte Mensch zu sein, die nichts wirklich schätzt und genießen kann.
Sie ist völlig ruhelos. Sie muss laufend umherwirbeln, organisieren, bewegen. Dabei hat sie Personal und muss letzten Endes nur Anweisungen geben. Wie schnell hat sie sich den Nachmittag frei geschaufelt, indem Joy alle Aufgaben innerhalb eines kurzen Zeitraumes übernimmt...
Ich kenne solche Leute, die aus einer Mücke einen Elefanten machen, ständig unter Strom stehen und nie Zeit haben. Furchtbar, weil sie sich ja wirklich unzufrieden fühlen und mitunter all ihre Lieben drangsalieren.
Die Ehefrau Betsy kommt mir für die damaligen Zeiten erstaunlich emanzipiert und selbständig vor,
Das hat mich auch überrascht. Sie hat weit höhere Ansprüche ans Leben, als es einer Frau von damals zustand. "Das Leben hatte sie hungrig zurückgelassen, voller Sehnsucht nach etwas, was sie nicht benennen konnte." 34

In dem Zusammenhang möchte ich Elizas Hunger nach besseren Bildungsvoraussetzungen erwähnen. Sie vergleicht die Schule/das Internat ihres Bruders und Marks sehr genau mit ihrer eigenen "Bruchbude mit pseudogotischer Fassade". 69 Eliza scheint die klügere Schwester zu sein, die inhaltlich auch von den Jungen ernst genommen wird.

Kenneth und Mark - könnte Kenneth mehr als freundschaftliche Gefühle für seinen Kameraden hegen? "Schon bei seinem Anblick - wie er dasaß mit seinem Sandwich in der Hand,... - ging ihm das Herz auf. 70
Wenn dem so sein sollte, wird das wunderschön und altersgerecht erzählt. Es wirkt authentisch auf mich und nicht so aufgesetzt wie in manch modernem Roman.
Die anstehende Scheidung würde ihm nun mehr Freiheiten verschaffen, aber plötzlich hat er ein gesteigertes Interesse, dass Betsy sich die Sache überlegt. Sehr sonderbar.
Eine Scheidung war noch nicht alltäglich. Er hat ein bequemes Leben. Er kann tun, was er will. Er kann Saufen, Feiern, Fremdgehen... Die Frau muss es tolerieren. Mann, was willst du mehr?!
Doch ihm kommen Skrupel und er fühlt sich schuldig, weil er sich bisher nicht so richtig um seine Frau gekümmert hat. In dieser Hinsicht will er sich bessern und dann kommt alles wieder ins Lot, denkt er.
Herrlich, wie das konzipiert ist! Erst denkt man, Alec sei doch ganz vernünftig. Gemeinsame Zeit, gemeinsamer Urlaub ohne Kinder - da ist schon manche Beziehung aus der Schieflage wieder rausgekommen...
Ein paar Seiten weiter: "...aber ich werde keine Mätzchen dulden. Ich werde.... Großer Gott, was für eine Plackerei!"73
Da zeigt Alec wieder sein wahres, sein bequemes Gesicht. Auch damals schon musste man sich um eine Ehe kümmern. Von alleine geht da wenig.
Auch Kenneth hält seinen Vater für einen Schürzenjäger. 77

Spannend der allwissende Erzähler auf Seite 75: "Sie (Betsy) fühlte sich seltsam unbeschwert und hoffnungsvoll. Von den Gefahren, die auf sie lauerten, von dem Minenfeld, auf das sie stoßen sollte, ahnte sie nichts." 75
Wir indessen schon, wir kennen ja die Gedanken dieser ganzen Mischpoche im Hintergrund;).

Ich lese gerne weiter, bis jetzt gefällt mir alles.
 

Gina_Lesefuchs

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21. April 2024
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Dass die Affären sie nicht stören, finde ich sehr merkwürdig.
Allerdings, das wundert mich auch sehr. :think
In dem Zusammenhang möchte ich Elizas Hunger nach besseren Bildungsvoraussetzungen erwähnen. Sie vergleicht die Schule/das Internat ihres Bruders und Marks sehr genau mit ihrer eigenen "Bruchbude mit pseudogotischer Fassade". 69 Eliza scheint die klügere Schwester zu sein, die inhaltlich auch von den Jungen ernst genommen wird.
Elizas Ansichten finde ich auch sehr spannend. Sie scheint ihrer Zeit schon weit voraus zu sein.
Kenneth und Mark - könnte Kenneth mehr als freundschaftliche Gefühle für seinen Kameraden hegen?
Der Gedanke hat sich mir auch aufgedrängt.
 
Zuletzt bearbeitet:

Nosimi

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27. März 2024
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Sympathisch finde ich die gar nicht. SIE ist wohl mit allem unzufrieden und undankbar, ER belauscht die Cannings.
Vielleicht tun sie mir auch einfach nur leid. Dass sie alles zurücklassen mussten, als sie geflohen sind und jetzt werden sie auch hier so argwöhnisch beäugt. Und klar ist es keine feine Art, die Gastgeber zu belauschen, aber das größere Problem war ja, dass er so unbedarft Joy mit seinem Wissen konfrontiert hat und sich so auch verdächtig gemacht hat, noch mehr zu wissen. Ich denke sie werden schon nochmal eine Rolle spielen.
Als neidisch empfinde ich das nicht - sie hat Probleme, sich auf Veränderungen einzustellen und weiß nicht, w a s sie will. (Sie sieht deshalb i h n als die Ursache ihres Unglücklichseins. Sie hat auch absolut keinen Blick für die positiven Seiten ihres Lebens!)
Ich finde sie einfach gar nicht reflektiert. Natürlich kann dich das Leben als Mutter auffressen und man fragt sich, was ist denn eigentlich aus mienen Träumen und Wünschen geworden? Aber sie erkennt auch gar nicht, was sie für ein schönes Leben hat und führt und wie undankbar sie ist.
Alec scheint mir ein ziemliches Muttersöhnchen zu sein, der viel auf ihr Wort hält und die Konfrontation mit ihr scheut.
Alec hat sich früher nicht meiner seiner Mutter auseinandersetzen können und jetzt mit seiner Frau nicht. Er möchte keine Konfrontation, sondern stille Akzeptanz. Und letztlich v.a. seine Wünsche durchdrücken.
Ein paar Seiten weiter: "...aber ich werde keine Mätzchen dulden. Ich werde.... Großer Gott, was für eine Plackerei!"73
Die Stelle hat mir auch gefallen, die war für die Situation und den Umgang der Eheleute miteinander erleuchtend!
 

Maesli

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29. März 2024
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Ihr habt alles schon geschrieben und ich hinke jetzt ein wenig hinterher ...:smileeye

Das Buch, und ich musste unbedingt die kurze Vita der Autorin hinten lesen, erinnerte mich sofort an P.G. Wodehouse (mein Mann hat sämtliche Werke zu Hause :eek:) und an die Komödien der 30ger Jahre.

Mich hat sofort der angenehme, sorgfältig ausgewählte Sprachstil eingefangen. Die deutsche Übersetzung ist herausragend, denn sie kann die Stimmung, die das Buch von Anfang an bestimmt, sehr gut ins Deutsche und in unsere Literaturgegenwart transportieren.
Zu den Charakteren, die allesamt interessante Figuren abgeben, kann ich noch nicht viel sagen. Sie ergeben zusammen ein recht stimmiges Bild einer englischen Familie der Mittel- / Oberschicht, die mich an britische TV Serien wie Inspector Barnabie erinnern. Es sind ja doch viele Romanfiguren, mal schauen, wie sich die einzelnen Personen entwickeln.

Das Buch hat das Potential, mir z. Z. meine Tage zu verschönern. Es scheint ein unterhaltender Roman auf sprachlich schönem Niveau zu sein.
 

Literaturhexle

Moderator
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2. April 2017
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Aber sie erkennt auch gar nicht, was sie für ein schönes Leben hat und führt und wie undankbar sie ist.
Das sorgenfreie, mit Dienstpersonal umgebene Leben dürfte für eine Frau ihres Standes selbstverständlich sein. Was selbstverständlich ist, weiß man nicht mehr zu schätzen.
Er möchte keine Konfrontation, sondern stille Akzeptanz. Und letztlich v.a. seine Wünsche durchdrücken.
Herrlich schlüssig: bereits die Mutter war dominant, da hat er gelernt, sich geschickt aus dem Wind zu nehmen und, wenn es nicht wichtig war, sich ihrem Willen zu beugen. Eine ähnliche Strategie fährt er bei seiner Frau: Möglichst wenig Konfrontation und doch machen, was er will.
Ihr habt alles schon geschrieben
Alles ist nie geschrieben;)
Toll, dass das Buch nun doch einigermaßen pünktlich bei dir gelandet ist!
 

Gina_Lesefuchs

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21. April 2024
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Vielleicht tun sie mir auch einfach nur leid. Dass sie alles zurücklassen mussten, als sie geflohen sind und jetzt werden sie auch hier so argwöhnisch beäugt.
Aus heutiger Sicht haben wir bestimmt auch mehr Mitleid als die Autorin es beim Schreiben erahnen konnte.
Aber sie erkennt auch gar nicht, was sie für ein schönes Leben hat und führt und wie undankbar sie ist.
Das habe ich auch so empfunden. Bis auf ihren untreuen Ehemann geht es ihr doch eigentlich bestens. Und wie oben schon geschrieben wurde, scheint die Untreue nicht ihr eigentliches Problem zu sein.
Betsy erscheint mir als eine ewig unzufriedene Nörglerin, die mit ihrem Leben hadert.
Mich hat sofort der angenehme, sorgfältig ausgewählte Sprachstil eingefangen.
Ich finde es auch sehr angenehm zu lesen.
Was für welche waren es denn?
Giotto-Muffins :)
Sind aber leider schon für eine Feier heute Nachmittag verpackt, so dass ich euch keine anbieten kann... ;)
 

otegami

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17. Dezember 2021
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Giotto-Muffins :)
Sind aber leider schon für eine Feier heute Nachmittag verpackt, so dass ich euch keine anbieten kann... ;)
Danke! Sind das die, bei denen ein Giotto zuletzt in die Mitte des Teiges gesteckt wird? (Gesehen habe ich so ein Rezept schon, selbst gebacken jedoch nicht - Nussallergien in der Familie sprechen dagegen! :sad )
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Maesli

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29. März 2024
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Betsy erscheint mir als eine ewig unzufriedene Nörglerin, die mit ihrem Leben hadert.
Da bin ich nicht derselben Meinung. Ich finde Betsy eine ganz solide Person, die einfach die Schnauze voll hat von ihrem Gatten und die weiß, wie sie es anstellen muss, um etwas zu bekommen, das gesellschaftlich nicht so gängig ist.
Er hingegen, typisch Mann (erlaube ich mir hier einfach mal zu schreiben), will den ihm angenehmen Zustand nicht verändern. Für diesen Zeit- und Kraftakt hat er schlicht keine Lust. Für ihn passt ja alles wunderbar.