1. Leseabschnitt: Teil Eins 1983 (Beginn bis Seite 124)

Literaturhexle

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2. April 2017
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Wie sehr mich diese Geschichte gefangen nimmt! Fast unspektakulär erzählt uns die Autorin Szenen aus ihrer Kindheit. Sie beginnt im Jahr 1983, als sie 6 Jahre alt ist. Das meiste wird rückblickend aus der Perspektive des Kindes erzählt, trotzdem ist die erwachsene Sichtweise gut erkennbar, indem sie Unverständliches einordnet und erklärt. Manches darf aber auch so stehen bleiben, weil dem Leser selbst die Bedeutung klar ist. Die einzelnen Kapitel werden durch Einschübe in anderer Schriftart ergänzt, die die Autorin aus heutiger Sicht schreibt. Sie hat sich viele Gedanken gemacht um ihre Mutter, den Vater, die beiden Großelternpaare und deren Beziehung untereinander. Daran lässt sie uns teilhaben.

Ich bin 8 Jahre älter als die Ich-Erzählerin (die auch die Autorin sein dürfte, wird sie doch Ela genannt). Ich kenne die geschilderten patriarchalen Strukturen sehr gut. Hier besonders schlimm: Die ständigen Diskussionen um das Gewicht der Mutter. Mir scheint, der Vater hackt extra auf diesem Punkt rum, um wehzutun. Für was das Körpergewicht alles verantwortlich sein soll! Er wird nicht befördert - weil seine Frau zu dick ist! Lächerlich. Schlimm, wie sie vom eigenen Mann permanent kleingehalten und diskriminiert wird, der seine eigenen Minderwertigkeitskomplexe an ihr abarbeitet. Die Mutter bekommt keine Anerkennung für nichts. Ihr Gehalt (das auch noch lächerlich klein geredet wird) braucht die Familie offenbar schon - was Vaters Komplexe allerdings erneut befeuert...
Jeder normale Mann würde sich über das berufliche Fortkommen seiner Frau freuen, ihrer fühlt sich nur in seiner Eitelkeit verletzt. Eine Frau hat sich um ihr Kind zu kümmern. Weitere Ambitionen sind nicht nötig. Punkt. Kein Raum zur Entfaltung. Doch die Mutter ist stark, sie lernt, arbeitet, kocht und sorgt trotzdem. Bekommt eine bessere Stelle in Aussicht... Und dann kommt das zweite Kind und holt sie zurück auf den Boden. (Warum muss sie mit einem Mann schlafen, der ihren Körper dermaßen ablehnt?! Auch das gehörte zu den Aufgaben einer Ehefrau. Empörend!)

Träume geplatzt! Ein Schicksal exemplarisch für viele Frauen dieser Generation, in der "jedes Kind ein Schritt zurück" von eigenen Freiheiten war. Kinderbetreuung gab es keine. Buckeln bei Verwandten war angesagt mit allen Nebenwirkungen. Sehr anschaulich wird das gezeigt.

Dass die Familie im Haus der Schwiegereltern lebt, macht es noch schlimmer. Die Schwiemu ist übergriffig, öffnet Post, die an die Mutter addressiert ist, mischt sich ein, hetzt, übt Kritik, setzt unter Druck - es ist kaum auszuhalten!
Das Verhältnis zu den eigenen Eltern auch angespannt. Sie scheinen mit dem (evangelischen?) Schwiegersohn nicht einverstanden gewesen zu sein. Die Tochter hat unter Stand geheiratet, meinen sie. Sie würden Ela während der Marocco-Zeit betreuen, ihr aber nicht im Fall einer Scheidung helfen. So habe ich es verstanden ("Aber du musst mit deinem Manne leben"). Wahrscheinlich kollidiert das mit ihrem Glauben. Die Mutter schien sich mehr von diesem Treffen erhofft zu haben, warum sonst sollte sie so viel weinen?

Die Mutter hat keine Freundin und keine Vertrauensperson. Dadurch wächst die Tochter in die Rolle der besten Freundin hinein, wie sie es selbst beschreibt. Sie wird dadurch in den Konflikt hineingezogen und bezieht Partei. Manchmal ist sie auch Blitzableiter (Prügel mit dem Kochlöffel).

Interessant, wie die erwachsene Ela die Fokussierung Ihres Vaters auf das Übergewicht der Mutter analysiert hat: Er hadert mit seiner sozialen Stellung. Der Körper der Mutter hat ihn verunsichert und sein Gleichgewicht bedroht. Schizophren oder tiefenpsychologisch fundiert? Wie erniedrigend die Aufforderung, sich täglich in seinem Beisein zu wiegen!

In vielen Szenen dürfen wir erkennen, dass die Mutter insbesondere von ihrem Mann nicht wahrgenommen wird. Keine Zuneigung, keine Liebe, Parfüm als wiederholtes unpersönliches Präsent. Warum haben die beiden je geheiratet? Angeblich wollte es die Mutter. Wollte sie zu Hause raus? Sie ging aufs Gymnasium (keinesfalls selbstverständlich für ein Mädchen dieser Zeit), hätte wahrscheinlich studieren dürfen... Wir werden es gewiss noch erfahren.

Ela bekommt mit Jessy eine Freundin. Hier zeigt sich auch die Mutter von einer empathischen, sozialen Ader her, weil sie das Kind quasi adoptiert.
Kinder passierten damals und warfen die Frauen in ihren Ambitionen zurück. Man musste heiraten, einen Mann haben, der dann als "Herr im Haus" die Richtlinien der Familie vorgab. Überrascht hat mich Tante Lu - ausgerechnet die emanzipierte Schwester des Vaters.

Ich bin sehr angetan von dem ruhigen und doch intensiven Erzählstil der Autorin. Man spürt die Bedeutsamkeit der einzelnen Szenen, die stats noch reflektiert werden. Ich beginne zu verstehen, warum das Buch auf der Longlist des DBP steht. Die Handlung berührt mich sehr - vielleicht, weil mir diese Familienstruktur (sicherlich deutlich abgeschwächt und auch anders) persönlich bekannt ist. Das Schicksal von Elas Mutter ist kein Einzelfall gewesen!
 

Lesehorizont

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29. März 2022
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Mainz
Eine sehr gute Analyse, der man eigentlich kaum noch etwas hinzufügen kann.
Mich hat die Geschichte auch gleich erreicht. Die Autorin nimmt sich erst einmal Zeit, die Grundkonstellation sorgfältig aufzubauen: Zum einen wird die "Unterdrückung der Frau" durch den Vater sehr deutlich. Mutter hat sich um Haushalt und Kinder zu kümmern - fertig. Und wenn etwas nicht läuft, liegt es an ihr und ihrem Übergewicht.
Da gibt es nirmand im Umfeld, auf den sie setzten könnte...
Andererseits sehen wir von der Analge her schon, dass sie sich kümmert und ihre Position sich zukünftig vermutlich stärken wird. Dann hätte sie vielleicht die Möglichkeit, aus eigener Kraft, Grenzen zu setzen: "Bis hierhin, und noch nicht weiter!"
All das erfahren wir durch die Perspektive der Tochter, so dass wir gleichzeitig eine zusätzliche Analyseperspektive haben.
Das gefällt mir insgesamt bisher ganz gut und ich freue mich auf die weitere Lektüre.
 

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29. März 2022
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Träume geplatzt! Ein Schicksal exemplarisch für viele Frauen dieser Generation, in der "jedes Kind ein Schritt zurück" von eigenen Freiheiten war. Kinderbetreuung gab es keine. Buckeln bei Verwandten war angesagt mit allen Nebenwirkungen. Sehr anschaulich wird das gezeig
Du hast es sehr gut auf den Punkt gebracht. Hier geht es also um ein eher trditionelles Frauen (und: Familienbild), das kritisch unter die Lupe genommen wurd.
In vielen Szenen dürfen wir erkennen, dass die Mutter insbesondere von ihrem Mann nicht wahrgenommen wird. Keine Zuneigung, keine Liebe, Parfüm als wiederholtes unpersönliches Präsent. Warum haben die beiden je geheiratet? Angeblich wollte es die Mutter. Wollte sie zu Hause raus? Sie ging aufs Gymnasium (keinesfalls selbstverständlich für ein Mädchen dieser Zeit), hätte wahrscheinlich studieren dürfen... Wir werden es gewiss noch erfahren.
Ich denke auch, dass in diese Richtung noch etwas kommt. Bisher fragt man sich natürlich, wie es überhaupt zur Ehe kam. Aber das waren auch andere Zeiten. Da kann auch nur einne (vielleicht ungewollte?) Schwangerschaft den Ausschlag gegeben haben...
Ich bin sehr angetan von dem ruhigen und doch intensiven Erzählstil der Autorin. Man spürt die Bedeutsamkeit der einzelnen Szenen, die stats noch reflektiert werden.
Ruhig und unaufgeregt - so würde ich den Stil auch besxchreiben. Funktioniert bislang ganz gut, wie ich finde.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Der Text lässt sich sehr gut lesen, was zum Einen der fast tagebuchartigen Erzählung Elas zu verdanken ist, aber zum Anderen auch an der Unmittelbarkeit der Zeit und den Erlebnissen zu mir korrespondiert.

Die Einschübe Dröschers empfinde ich nicht nur als Statement aus heutiger Sicht, sondern gleichzeitig auch als Stütze für den eigentlichen Text.
Die einzelnen Kapitel werden durch Einschübe in anderer Schriftart ergänzt, die die Autorin aus heutiger Sicht schreibt.

... denn gleich zu anfang fordert Danielas Mutter sie auf, die Geschichte so zu erzählen, dass sie geschützt ist.

Ich gehe davon aus, dass vielleicht manches unerwähnt bleibt, oder leicht abgewandelt ist.

Gänzlich gefangengenommen hat mich die Frage, warum angeblich die Mutter auf eine Heirat bestanden hat. Vielleicht war ihr Elternhaus doch ein wenig zu streng für ihren zweifellosen Freiheitsdrang, den man ja auch bei ihrer Tochter sieht.

Elas Mutter hatte jedenfalls mehr drauf, als ihr Mann und wäre dieser missglückte Schwangerschaftsabbruch nicht gewesen, hätte ihre Karriere wahrscheinlich das Sprungbrett in eine Unabhängigkeit von Ehe und Mann sein können.

Die Pille kam damals gerade erst auf den Markt und nur die Mund-zu-Mund-Propaganda von Frau zu Frau machte sie populär. Aber wie Dröscher schon schrieb, ihre Mutter hatte keine vertrauten Freundinnen an ihrer Seite.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Ich bin erst auf S. 68, weswegen ich eure Beiträge erstmal nicht lese. Muss aber schon mal Druck ablassen! Was da geschildert wird, macht mich so wütend!!!

"Sein Gesicht war unser Wetter." Das schiere Grauen, ich weiß nicht, wie die arme Mutter das überhaupt ausgehalten hat. War nicht so einfach damals, aber: Scheidung wäre gegangen. Es gab da noch das Schuldprinzip, beliebter Grund war "seelische Grausamkeit". Das wäre hier wohl der Grund der Wahl. Die Erzählerin rechtfertigt den Vater, spricht von seiner inneren Unsicherheit. Erklären kann man letztlich alles.

Die reflektierenden Einschübe in anderer Schrift - ich weiß nicht, ob das nötig ist. Man könnte deren Inhalt auch erzählend einbinden.

Die Autorin ist Jahrgang 1977, welcher Jahrgang mag ihre Mutter sein?
 

Emswashed

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Die reflektierenden Einschübe in anderer Schrift - ich weiß nicht, ob das nötig ist. Man könnte deren Inhalt auch erzählend einbinden.

Vielleicht. Aber so unterscheidet sich sehr exakt das Faktische zur erzählten Geschichte, quasi die Erinnerung daran, dass Dröscher in der eigentlichen Geschichte ihre Mutter schützen will.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Was hier geschildert wird, ist kaum auszuhalten. Die Gewalt, die ausgeübt wird, sowohl vom Vater, als auch von der Schwiegermutter. Diese ist ein gutes Beispiel für die inexistente Solidarität unter Frauen; sie halten es mit den Machthabern, vor allem diese Generation. Und nicht nur das: Sie sind geleitet von Neid und Missgunst. Wenn ich rechne, ist die Mutter Geburtsjahr 1948 herum, was meint ihr? Ihre Eltern, die ihr die Unterstützung verweigern und sie damit dem Ehemann ausliefern. Zur Strafe! Damit erhalten sie das System der weiblichen Abhängigkeit aufrecht, auch um den Preis des Lebensglücks des eigenen Kindes. So stark wirkt das System.

Der Mann, der seine Frau benutzt, um seine eigenen Defizite nicht anschauen zu müssen. Was er ihr unterstellt, ist so absurd, nicht zu fassen. Sie ist schuld an seiner Nicht-Beförderung? Klar.

Ich finde diese Mechanismen sehr gut geschildert. Die kursiv abgesetzten Texte offenbar Formulierungen, die sie eins zu eins aus dem (phrasenhaften) Wortschatz der Eltern und Großeltern übernommen hat. Daran zeigt sie deren Denkungsart, schönes Stilmittel.

Die Einschübe in anderer Schriftart sollen den erwachsenen Blickwinkel einbringen und haben etwas von einem soziologischen Fachtext. Mag ich nicht so sehr, diesen Erklärbär.

Aber insgesamt gefällt mir der Roman - auch wenn mir "gefallen" irgendwie inadäquat vorkommt für das, was der Text in mir auslöst.
 
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Literaturhexle

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Warum dieses Mal nicht?
Sie hat es doch versucht. Angeblich Ärztepfusch. Oder ein Arzt, der die Flügel stutzen wollte?
Man muss bedenken: Das ganze System war gegen die Frauen. Alle. Die Schwiemu freut sich doch, wenn sie endlich auch drangsalieren kann und jemand unter ihr steht. In anderen Kulturen sehen wir das heute noch und so lange ist es hier auch noch nicht her.
Am Anfang steht es doch. Erst seit 1977 durften Frauen ohne Zustimmung des Ehemanns eine Arbeit aufnehmen.
Bei uns zu Hause hatte es um das Thema auch Zoff gegeben. Wenn nicht genug Geld im Haus war, hatte MUTTER zuviel ausgegeben. Aber als sie wieder arbeiten gehen wollte, gab es Ärger...
 

alasca

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Sie hat es doch versucht. Angeblich Ärztepfusch. Oder ein Arzt, der die Flügel stutzen wollte?
Ich meinte die Schwangerschaft, aus der die Autorin hervorging.

Aber ansonsten, was die missglückte Abtreibung anging, ist mir derselbe Gedanke gekommen wie dir. Ja. ALLE hielten zusammen, gegen die Frauen.
 

Literaturhexle

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sie halten es mit den Machthabern, vor allem diese Generation.
Sie sind so erzogen worden. Die Zeit war noch nicht reif zum Aufbegehren. Vielen Frauen blieb Bildung versagt. Verhütung funktionierte nicht wirklich. Da warst du ruckzuck schwanger und froh, wenn dein Verlobter dich geheiratet und zur ehrbaren Frau gemacht hat. Das waren Riesenängste, wenn man schwanger wurde!

Kinderbetreuung Fehlanzeige. Die Rolle der Frau war die zu Hause. Die Kinder waren eine Fessel.
 

Renie

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renies-lesetagebuch.blogspot.de
Ich bin sprachlos, fassungslos, empört. Selten hat mich ein Buch so in Rage gebracht, wie dieses.
Wir wissen also, dass Daniela Dröscher die Geschichte ihrer Mutter schreibt und damit auch ihre eigene.
Ich habe noch die Hoffnung, dass die Fiktion überwiegt. Denn ich wünsche keinem, in einem derartigen sozialen Umfeld zu leben.
Wir befinden uns im Jahr 1983, Ela ist 7, ihre Familie lebt in Obach, einem Dorf wo auch immer in Deutschland. Baden-Baden kann nicht weit sein.
Die Familie sind ihre Eltern sowie die Großeltern väterlicherseits. Die Großeltern mütterlicherseits leben in sicherer Entfernung. Ela und ihre Eltern wohnen zusammen mit den Großeltern in deren Haus, jede Partei in einer eigenen Wohnung, was aber nicht heißt, dass die Privatsphäre gewahrt wird.
Ich stelle mir diese Konstellation folgendermaßen vor: Schwiegermutter Martha, die ich gefressen habe, ist die tyrannische Herrscherin des Hauses. Ihr Gemahl Ludwig agiert unauffällig im Hintergrund, wo er sich ganz wohl fühlt. Der Vater von Ela ist der verwöhnte und weinerliche Kronprinz. Elas Mutter ist der Prügelknabe der Herrschenden. Und Ela? Vielleicht ein Schoßhündchen auf der Suche nach Streicheleinheiten?
Zusammengefasst: Schwiegermutter und Elas Vater sind verachtenswert. Was Elas Mutter zu erdulden hat, bereitet mir fast schon körperliche Schmerzen. Im Grunde genommen ist sie eine sehr starke Frau - kaum zu glauben, was sie einstecken kann, jede Andere hätte sich schon das Leben genommen. Das wird eine sehr intensive Lektüre.

Für mich noch das größte Rätsel: Wie konnte es zu dieser Ehe kommen?
 

alasca

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Sie sind so erzogen worden. Die Zeit war noch nicht reif zum Aufbegehren. Vielen Frauen blieb Bildung versagt. Verhütung funktionierte nicht wirklich. Da warst du ruckzuck schwanger und froh, wenn dein Verlobter dich geheiratet und zur ehrbaren Frau gemacht hat. Das waren Riesenängste, wenn man schwanger wurde! Kenne ich aus nächster Nähe: Die eigene Mutter (!!!) hat zu meiner Tante gesagt: "Du setzt einen Bankert in die Welt!" Und das, obwohl ein künftiger Ehemann vorhanden war!!!

Kinderbetreuung Fehlanzeige. Die Rolle der Frau war die zu Hause. Die Kinder waren eine Fessel.
Ich weiß. Aus eigener Erfahrung. Unehelich geboren, 1958. Meine Mutter demzufolge das Flittchen der Siedlung. Meine Oma gnadenlos. So war das damals. Macht es nicht besser.
 

alasca

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Ich bin sprachlos, fassungslos, empört. Selten hat mich ein Buch so in Rage gebracht, wie dieses.
Geht mir genauso.
Ich habe noch die Hoffnung, dass die Fiktion überwiegt. Denn ich wünsche keinem, in einem derartigen sozialen Umfeld zu leben.
Ich fürchte, das ist schon die abgemilderte Version.
Elas Mutter ist der Prügelknabe der Herrschenden. Und Ela? Vielleicht ein Schoßhündchen auf der Suche nach Streicheleinheiten?
Leider die von der Mutter als Freundin missbrauchte Tochter. Und Blitzableiter. Siehe Prügel.
Im Grunde genommen ist sie eine sehr starke Frau - kaum zu glauben, was sie einstecken kann, jede Andere hätte sich schon das Leben genommen.
Ja. Unglaublich.
Für mich noch das größte Rätsel: Wie konnte es zu dieser Ehe kommen?
Das wird hoffentlich noch aufgelöst.
 

Renie

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Dadurch wächst die Tochter in die Rolle der besten Freundin hinein, wie sie es selbst beschreibt. Sie wird dadurch in den Konflikt hineingezogen und bezieht Partei.
Zur Freundin wird sie erst viel später - als sie erwachsen ist? Die Mutter ist in Elas Kindheit (zumindest 1983) sehr zurückhaltend, hält ihre Sorgen und Nöte zurück. Ela ist halt noch ein Kind. Und mit Kindern spricht man über solche Dinge nicht.
Ich sehe auch nicht wirklich, dass Ela Partei bezieht. Für mich ist es eher so, dass ein kleines Kind ahnt, dass ihre Familie den Bach runter gehen könnte. Dass sind Verlustängste, die sie hat. Daher versucht sie, ihre kleine Welt und ihre Bezugspersonen zusammenzuhalten. Die Mutter will zur Kur nach Baden-Baden? Vielleicht kommt sie nicht mehr zurück? Der Vater hat ein Schlankheitsideal? Also versucht auch Ela abzunehmen. Elas erste Reaktion, als sie hört, dass ihre Mutter nach Marokko will? Petzen beim Vater, obwohl die Mutter sie gebeten hat, dies nicht zu tun. Nein, eine bestimmte Partei ergreifen tut sie nicht. Sie versucht nur, ihre Welt zu retten.

Warum haben die beiden je geheiratet? Angeblich wollte es die Mutter.
warum angeblich die Mutter auf eine Heirat bestanden hat.
Dass die Mutter es wollte, würde ich nicht ernst nehmen. Die Aussage kommt vom Vater. Und der redet sich die Welt, wie sie ihm gefällt.

Kinder passierten damals und warfen die Frauen in ihren Ambitionen zurück. Man musste heiraten, einen Mann haben, der dann als "Herr im Haus" die Richtlinien der Familie vorgab. Überrascht hat mich Tante Lu - ausgerechnet die emanzipierte Schwester des Vaters
Die Pille kam damals gerade erst auf den Markt und nur die Mund-zu-Mund-Propaganda von Frau zu Frau machte sie populär. Aber wie Dröscher schon schrieb, ihre Mutter hatte keine vertrauten Freundinnen an ihrer Seite.
Wir sind in den 80er Jahren. Die Pille gibt es zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 10 Jahren. Genauso, wie Alice Schwarzer bereits seit den 70ern das Thema Emanzipation vorangetrieben hat. Das Problem liegt für mich nicht so sehr an der Zeit, sondern eher an dem Ort. Obach ist ein Dorf in der die Zeit stehen geblieben ist. Das ist boshaftes Spießbürgertum in Reinkultur. Hier werden sich die Mäuler zerrissen ... über Frauen, die sich schick machen, über Frauen, die sich mit Ausländern rumtreiben.
 

alasca

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Im Grunde genommen ist sie eine sehr starke Frau - kaum zu glauben, was sie einstecken kann, jede Andere hätte sich schon das Leben genommen.
Nein. Da hat sich niemand das Leben genommen. Es war so. Genau so. Zumindest in der gesamten Frauengeneration meiner Mutter/Tante/Schwiegermutter. Das war die Norm. Mädchen hatten zu dienen, sich unterzuordnen. Wenn du in dem Bewusstsein aufwächst, kommst du besser damit klar. Das macht es nicht richtiger. Aber die Empörung empfinden wir deshalb so heftig, weil wir es anders kennen, weil wir anders aufwachsen durften, weil wir Entscheidungsfreiheit haben. Zumindest die meisten unserer Generation.
Meine Mutter demzufolge das Flittchen der Siedlung. Meine Oma gnadenlos. So war das damals. Macht es nicht besser.
Schlimm! Schrecklich! Wahrscheinlich auch für dich - aber das ist dann eine andere Geschichte. Bestimmt auch erzählenswert...
Dass die eigenen Mütter die Töchter nicht gestützt haben!
Leider die von der Mutter als Freundin missbrauchte Tochter. Und Blitzableiter. Siehe Prügel.
Auch das kein Einzelfall!
Zur Freundin wird sie erst viel später - als sie erwachsen ist?
Das habe ich anders verstanden. Ela hat ja durch die Symbiose Mutter/Tochter viel mitbekommen. Die Autorin beschreibt das mit der "besten Freundin" schon sehr kritisch.
Mit Partei ergreifen meinte ich in erster Linie, dass Ela den Körper der Mutter mit den Augen des Vaters sieht. Die laufend geäußerte Kritik an der Mutter wird nicht ohne Folgen bleiben.



Obach ist ein Dorf in der die Zeit stehen geblieben ist. Das ist boshaftes Spießbürgertum in Reinkultur
Da magst du Recht haben. Aber mit Sicherheit gibt es in der Provinz zahlreiche solche Orte! Ich sehe das Leben meiner Mutter gespiegelt. Klar, dass war gut 10 Jahre vorher. Auch heute sind die Städte vielerorts die Vorreiter.
 

Renie

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Das habe ich anders verstanden. Ela hat ja durch die Symbiose Mutter/Tochter viel mitbekommen.
Ich glaube eher, dass Elas Mutter aus der Verzweiflung heraus und mangels Alternativen Ela manches erzählt hat. Denn es gibt keine andere in ihrer Umgebung. Ansonsten hält sie sie auf Distanz, was ihre Sorgen angeht und lässt Ela Kind sein. Mit einer Freundin gehst Du inniger um, nutzt sie, um Deinen Seelenmüll abzuladen. Das passiert hier nicht. Es gibt viele Szenen, da verschließt sich die Mutter vor Ela, ich schätze, weil sie ihr Kind nicht belasten will. Daher sehe ich Ela nicht als beste Freundin, sondern als einzige "Freundin" im Sinne von jemandem, mit dem man ein paar nette Worte wechseln kann.