1. Leseabschnitt: Teil 1 - Kapitel 1 und 2 (Anfang bis S. 53)

Leseglück

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7. Juni 2017
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Der Roman beginnt mit einem starken Satz der sofort eine Sogwirkung entfaltet: "Ich stehe am Fenster dieses prächtigen Hauses in Südfrankreich als die Nacht anbricht, die Nacht, die mich zum schrecklichsten Morgen meines Lebens führen wird."
Auf S.12 dann ein weiterer Schock bzw. die Erklärung des ersten Satzes:"Und Giovanni würde nicht zwischen heute Nacht und morgen früh unter der Guillotine enden."
Von diesem Paukenschlag aus erzählt der Protagonist seine Geschichte.
Er beginnt mit seiner ersten sexuellen Erfahrung mit dem eigenen Geschlecht. Wie tragisch, dass er seine Homosexualität als "entsetzlichen Makel in mir..." empfindet. Er hat Angst seine Männlichkeit zu verlieren.
Alles nachvollziehbar wenn man die Zeit bedenkt in der der Roman spielt.

Hier ist mir aufgefallen, dass "Stille" immer wieder auftaucht. es wird ganz still...usw.

Wir erfahren weiter, dass Davids Mutter gestorben war als er selbst 5 Jahre alt war. Er wuchs mit seinem Vater und seiner Tante zusammen auf.
Er hat kein inneres Bild von seiner Mutter, denn man erzählt ihm nichts von ihr. Sein Vater trinkt und hat viele Affären. Es wird deutlich, dass der Vater dieses Verhalten mit Männlichkeit gleichsetzt....jedenfalls wünscht er sich einen männlichen Sohn.
Das macht es D. sehr schwer offen mit dem Vater über seine Neigungen zu sprechen...er will seinen Vater nicht enttäuschen.
Nach einem Autounfall in betrunkenem Zustand (D. beginnt als Jugendlicher wie der Vater zu trinken) verlässt D. sein Elternhaus.
"Ich floh, ich wollte nicht dass er mich näher kennen lernte."

Nach philosophischen Überlegungen zu freien Entscheidungen und Unschuld (Garten Eden) erzählt D. wie er Giovanni kennengelernt hat.
Die Anziehungskraft zwischen den beiden wird beeindruckend geschildert finde ich. " Gegen die rasende Erregung die in mir losgebrochen war wie ein Sturm kam ich nicht an, das wusste ich."
Alle in der Bar haben nun gesehen, dass er sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt. Bis dahin hatte er das vor anderen und sich selbst verborgen...schließlich hatte er ja eine Freundin, der er einen Heiratsantrag gemacht hatte.

Mir gefallen die scheinbar einfachen Sätze. Sie wirken leicht, haben jedoch Tiefgang.
Der Ich Erzähler versucht zwar seine Umgebung zu täuschen, uns Lesern gegenüber ist er allerdings offen ohne Vorbehalte. Er erzählt genau von seinen Gefühlen: Scham, Verachtung, Angst, Verlangen,Lust usw.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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“Sogwirkung” habe auch ich gerade beim Gespräch über das Buch benutzt, @Leseglück. Der Autor schafft es, dass man sofort und direkt in der Welt ist, die er beschreibt. Klasse!
Ja, so sehe ich das auch. Es beginnt sehr heftig ( der schrecklichste Morgen seines Lebens, , unter der Guillotine enden). Wir wissen also schon zu Beginn, dass die Geschichte von David und Giovanni tragisch enden wird. Wie es dazu kam, erfahren wir aber nicht gleich. Stattdessen erzählt Baldwin von der Jugend seines Ich-Erzähler und wie und wann er entdeckte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Die Sprache Baldwins ist nah an der Gefühlswelt seines Protagonisten. Ich bin gespannt, wie sich die Beziehung der beiden entwickelt.
 

Anjuta

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8. Januar 2016
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Essen
Die in Kapitel 1/Eins geschilderten homosexuellen Erfahrungen Davids sind für mich zunächst einmal ein Ausprobieren. Sie sind noch keine Vorfestlegung zu seiner sexuellen Orientierung. Am allerwenigsten er selbst weiß das wohl wirklich zu diesem Punkt einzuschätzen. Aber er ist in höchsten Maße verunsichert, beschämt und erschreckt (S. 28) und beginnt eine Reise, von der er sich Klarheit erhofft. aber: weit gefehlt:
[zitat]Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, dass das Ich, das ich finden würde, sich als dasselbe Ich entpuppen würde, vor dem ich so lange weggelaufen war, ich glaube, ich wäre zu Hause geblieben.[/zitat]
In Kapitel 1/Zwei ist David dann in Paris ohne richtige Beschäftigung vor allem beschäftigt mit sich selbst. Seine Freundin Hella spielt eine große Rolle für ihn, sie ist aber derzeit nicht anwesend, da allein auf Reisen durch Spanien. In dieser Zeit verkehrt er wie selbstverständlich in homosexuellen Kreisen und ihren Bars und Szenetreffs, und ist wohl auch aktives Mitglied dieser Szene, ohne dass ihn das sonderlich zu berühren scheint. Doch dann, als er Giovanni trifft, merkt er und der Leser sehr schnell: hier geht es um mehr. hier geht es nicht um homosexuelle Kontakte, sondern um homoerotische Liebe, was David große Angst macht.
Das alles wird dem Leser mit einer stilistischen Treffsicherheit und atmosphärischen Tiefe vermittelt, die diese Sogwirkung ausmacht, von der ich gestern schon geschrieben habe. Die Fahrten durch das nächtliche Paris der angetrunkenen, feiernden Gruppe um David und Giovanni sind so realistisch und lebensecht geschildert, dass ich mich wirklich nach Paris versetzt fühlte und die Stadt zu hören, zu riechen, und zu sehen schien.
Die ganze Zeit über wissen wir schon, dass die Geschichte böse enden wird. Der Tod Giovannis steht kurz bevor, das erfahren wir an verschiedenen Stellen. Aber wir erfahren noch nicht, was sich hinter dieser merkwürdigen Situation verbirgt. Das trägt ebenso zum Spannungsbogen der Geschichte in erheblichem Maße bei!
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Ihr habt vieles schon angesprochen. Neben der Handlung beeindruckt mich die Sprache. Leseglück sprach von einfachen Sätzen mit Tiefgang, dem kann ich zustimmen. Es gibt immer wieder Formulierungen, die mich innehalten lassen.

David flieht vor seiner Homosexualität. Nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Geschichte spielt in den 50er Jahren, da wird sie noch unter Strafe gestanden haben. David macht sich selbst und anderen was vor, allen voran seiner Verlobten Hella.

Die Liebesnacht mit Joey war noch relativ unschuldig, ein Ausprobieren, wie Anjuta es nannte. Was jetzt auf David zurollt, ist nicht mehr unschuldig. Wir werden nicht nur durch die Tatsache gewarnt, dass Giovanni seinen gewaltsamen Tod finden wird (Guillotine), sondern finden auch zahlreiche Hinweise im Text, dass Giovanni kein Unschuldslamm ist. Zum einen erwähnt David dessen großen Geldbedarf (interessanterweise hatte Jaques auf S. 37 schon den richtigen Riecher, dass dieser Mann ihn viel Geld kosten würde), die Orgien, Drogen etc. Außerdem fühlt sich David in "tiefe, gefährliche Gewässer geführt". Und dann ist da noch dieses Wesen, dieser Zombie, dieser personifizierte Teufel mit Kreuz um den Hals (!), der sehr plastisch vor der Gefahr, dem Feuer und dem Unglück für David warnt, das von Giovanni ausgeht. Möglicherweise ist auch Eifersucht im Spiel. Dieser Barmann scheint ja allgemeines Interesse auf sich zu ziehen. Aber die Warnungen sind überdeutlich und scheinen sich bewahrheitet zu haben. Baldwin schreibt mit einer virtuosen Symbolik.

Ich kann mich in die Empfindungen des Erzählers sehr gut einfühlen. Dieses Sich-Sträuben gegen die sexuelle Orientierung in Zeiten, wo das noch nötig war. Wie schwer muss es sein, sich selbst zu verleugnen.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Die Geschichte spielt in den 50er Jahren, da wird sie noch unter Strafe gestanden haben.
Bei uns galt der Paragraph 175 , der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, bis 1994. in den USA war das Verbot in manchen Staaten bis 2003 gültig, in Frankreich wurde Homosexualität 1971 legalisiert.
 

Literaturhexle

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Bei uns galt der Paragraph 175 , der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte
Mein Vater sprach daher auch immer von einem "175er", wenn er einen Schwulen meinte. Man muss sich in die soziale Prägung damals hineinversetzen, was es damals für ein "Makel" war, homosexuell zu sein. Nur dann kann man die Verdrängung, die Flucht, das Negieren seiner Neigungen verstehen. David muss unter einem enormen Druck gestanden haben.
 

RuLeka

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Dieses Sich-Sträuben gegen die sexuelle Orientierung in Zeiten, wo das noch nötig war. Wie schwer muss es sein, sich selbst zu verleugnen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass auch heute, wo Homosexualität viel liberaler gesehen wird, junge Menschen in einen ähnlichen Konflikt geraten, wenn sie spüren, dass sie vom eigenen Geschlecht angezogen werden. Gleichgeschlechtliche Paare sind immer noch nicht die Normalität und als Jugendlicher willst du in der Regel dazu gehören und nicht außerhalb stehen.
 

Renie

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Bei der Beschreibung der Bar und ihrem Publikum ist mir bewusst geworden, wie schnell man mit der Bezeichnung "klischeehaft" zur Stelle ist. Wäre dieser Roman in der heutigen Zeit geschrieben worden, hätte man die Darstellung der schwulen Gäste und deren Umgang miteinander als klischeehaft abgewatscht. Aber da dieser Roman in den 50ern geschrieben wurde, wo die Schwulenszene noch nicht das Format hat, das sie heute hat und erst recht nicht gesellschaftsfähig war, kann man auf gar keinen Fall von Klischees sprechen, wenn man wie wir in die damalige Zeit zurückblicken.
Dennoch frage ich mich, wie die Öffentlichkeit damals auf diese Beschreibungen reagiert hat. Hätte man diese Beschreibungen in der damaligen Zeit auch schon als klischeehaft bezeichnet? Ein bestimmtes Bild muss man ja auch damals schon von Schwulen gehabt haben. Dieses tuntige Gehabe, dass ein paar Gäste der Bar an den Tag legen und die entsprechenden Klamotten gehörte mit Sicherheit dazu.
 

Renie

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Und dann ist da noch dieses Wesen, dieser Zombie, dieser personifizierte Teufel mit Kreuz um den Hals (!), der sehr plastisch vor der Gefahr, dem Feuer und dem Unglück für David warnt, das von Giovanni ausgeht. Möglicherweise ist auch Eifersucht im Spiel.
Über diesen Kollegen bin ich auch gestolpert. Er scheint mir jemand zu sein, der sich in Giovanni verguckt hat. Bleibt noch zu klären, ob diese Gefühle erwidert wurden bzw. ob es sich bei dem Zombie um einen (ehemaligen) Liebhaber handelt oder um jemanden, der gern Giovannis Liebhaber wäre.
 

Literaturhexle

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Über diesen Kollegen bin ich auch gestolpert. Er scheint mir jemand zu sein, der sich in Giovanni verguckt hat. Bleibt noch zu klären, ob diese Gefühle erwidert wurden bzw. ob es sich bei dem Zombie um einen (ehemaligen) Liebhaber handelt oder um jemanden, der gern Giovannis Liebhaber wäre.
So, wie der Kerl geschildert wird, ist er sicherlich niemandes (freiwilliger) Liebhaber. Giovanni scheint kein unbeschriebenes Blatt zu sein, vielleicht war/ist er käuflich? Spontan dachte ich an einen Teil vom "Inventar" des Ladens, ähnlich wie Giullome.
 

Leseglück

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7. Juni 2017
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Ich habe diesen Zombie als einen Unheilverkünder gesehen wie @Literaturhexle
Auf S. 35 beschreibt D. die Transvestiten, die in der Bar zu den Gästen gehören. Ich war überrascht wie negativ D. diese Gruppe bewertet...er kann sich nicht vorstellen wer mit denen zusammen sein will und er empfindet Ekel bei der grotesken Erscheinung eines Mannes in Frauenkleidern...wie beim Anblick von Affen die Exkremente essen.
Warum so abwertend. Ist das D.s Meinung oder etwa die von Baldwin?

Wenn damals Homosexualität als abartig galt, dann wohl noch mehr Transvestiten...
Heute sind Transvestiten dank der LGTQ Bewegung in der Öffentlichkeit bekannt und weitgehend akzeptiert

kein Zufall, dass einer der folles der Unheilsverkünder ist
 

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Ich bin noch am Anfang (S. 16), aber das Buch hat mich jetzt schon gepackt mit seiner Sprache, seinem Gefühl, seiner unheilvollen Grundstimmung - sind die anderen Bücher von Baldwin auch so?
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Ich bin noch am Anfang (S. 16), aber das Buch hat mich jetzt schon gepackt mit seiner Sprache, seinem Gefühl, seiner unheilvollen Grundstimmung - sind die anderen Bücher von Baldwin auch so?
Jedes ist anders. Jedes hat ein anderes Thema. Die beiden, die ich bisher las, Beschäftigten sich mit Rassendiskriminierung. Dieses bislang nicht, sondern mit anderen Diffamierten. Aber sprachlich und inhaltlich hat mich jedes überzeugt.
 

Leseglück

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7. Juni 2017
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Ich bin noch am Anfang (S. 16), aber das Buch hat mich jetzt schon gepackt mit seiner Sprache, seinem Gefühl, seiner unheilvollen Grundstimmung - sind die anderen Bücher von Baldwin auch so?
Gleich im ersten Kapitel habe ich mich an "Beale Street Blues" von James Baldwin erinnert gefühlt. Die Sprache, das Gefühl wie du schreibst, sind ähnlich...
Die Sprache in seinem Erstlingsroman "Go tell it on the mountain" ist eher archaischer aber auch packend.
Ich würde mich fast schon als James Baldwin Fan bezeichnen:)
 

Renie

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Ich bin noch am Anfang (S. 16), aber das Buch hat mich jetzt schon gepackt mit seiner Sprache, seinem Gefühl, seiner unheilvollen Grundstimmung - sind die anderen Bücher von Baldwin auch so?
Ich habe bis jetzt einige Bücher von Baldwin gelesen. An die Inhalte kann ich mich gar nicht so sehr erinnern sondern eher an den Sprachstil. Ich sage nur "Sogwirkung" :cool:
 

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