1. Leseabschnitt: Kapitel 1 bis 6 (S. 9 - 80)

Mikka Liest

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Ich habe die ersten 40 Seiten gelesen und tue mich noch etwas schwer mit dem Buch. Wahrscheinlich, weil ich schwierig finde, nachzuvollziehen, wo die Parallelen zur Vorlage liegen und wer wer ist. Dieser Shylock entspricht nicht dem Shylock bei Shakespeare, von der Bedeutung her, oder? Ich bin verwirrt.

Ich denke, Plurabelle ist Porzia (was soll dieses Eine-Schönheit-ist-eine-ewige-Freude?) und Strulovitch entspricht eigentlich dem Shakespeare-Shylock?
 

MRO1975

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11. August 2018
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Ich habe auch Schwierigkeiten, in den Roman reinzukommen. Ich habe jetzt die ersten 6 Kapitel gelesen und habe den Eindruck, dass dies keine Neuerzählung der bekannten Geschichte wird. Vielmehr scheint sich Jacobson nur bestimmte Themen aus dem Stück herausgegriffen und neu interpretiert zu haben. Einen Schwerpunkt nehmen dabei wohl Fragen rund um das Judentum ein.

Ich habe mich mal an einer Zusammenfassung des bisherigen Geschehens versucht:

Simon Strulovich besucht das Grab deiner Mutter und trifft auf dem Friedhof auf Shylock, der offenbar wie im Stück als einziger keinen Vornamen hat. Simon hat Schwierigkeiten mit seinem Glauben und seiner Identifikation als Jude. In erster Ehe war er mit einer Nichtjüdin verheiratet, weshalb sein Vater sich von ihm lossagte. Die erste Ehe ist gescheitert. In zweiter Ehe hat er eine Jüdin geheiratet, worauf sich sein Vater wieder mit ihm versöhnt hat.

Shylock besucht das Grab seiner Frau und führt Zwiegespräche mit ihr.
Nach meinem Eindruck handelt es sich bei Sherlock um eine Nachbildung des Sherlock aus dem Shakespeare-Stück. Er „findet es schwierig, wohltätig zu sein, wenn ihm gegenüber niemand wohltätig ist, was, wie mancher sagen würde, dem Wesen der Wohltätigkeit etwas nimmt.“ Dies ist auch einer seiner wesentlichen Charakterzüge im Stück. Shylocks Tochter heißt ebenfalls Jessica und hat ihrem Vater einen Ring entwendet, um einen Affen zu kaufen. Außerdem ist sie offenbar mit einem Nichtjuden davongelaufen.

Auch Strulovich hat eine Tochter, um die er sich sorgt und die er gern mit einem Juden verheiratet sähe.

Shylock begleitet Strulovich nach Hause. Sie unterhalten sich darübrt, wie die Juden von den Nicht-Juden gesehen werden und welche Auswirkungen dies auf ihr Selbstverständnis hat. Als Grund für die Distanzierung sieht Shylock: „Das Ganze ist eine Mischung aus Ignoranz und Furcht, die auf die Beschneidung zurückgeht. Wenn wir uns so was antun, was könnten wir dann ihnen antun?«

Im zweiten Handlungsstrang geht es um Plurabelle, die offenbar Portia aus dem Stück entspricht. Sie ist auf der Suche nach dem richtigen Mann/Partner. Im Stück müssen die Freier zwischen einer goldenen, einer silbernen und einer bleiernen Kiste wählen. Im Roman tritt an diese Stelle die Wahl zwischen einem Porsche Carrera, einem BMW Alpina und einem VW Käfer. Plurabelle unterhält zudem eine Restaurant-Show, in der sie den Teilnehmern Ratschläge erteilt. (Diese Neu-Umsetzung des Stücks wirkte auf mich wie eine neumodische Theaterinszenierung - zu gewollt..). Plurabelle ist aus unbekannten Gründen „traurig“ und lernt bei einer Therapie D’Anton kennen. Sie philosophieren über den Grund ihrer Traurigkeit. Sie diskutieren auch darüber, warum die Juden immer traurig sind. Nach Ansicht von D‘Anton handelt es sich um eine politische Traurigkeit, die sich die Juden selbst auferlegt haben, also um Selbstmitleid.
Plurabelle verliebt sich in Barney, der ein alter Freund von D‘Anton ist. D‘Anton hatte Barney den Tipp gegeben, wie er Plurabelle erobern kann. Er verriet ihm, dass er sich für den VW entscheiden/interessieren soll.

Ich habe keine Vorstellung worauf das Alles hinausläuft. Was will Jacobson mit seiner Interpretation?
 

Mikka Liest

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14. Februar 2015
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Hilter am Teutoburger Wald
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Ja, ein paar Sachen habe ich aus dem Stück auch "wiedererkannt", wie die Parallele zwischen den Autos und den Kisten im Stück, oder die Geschichte mit dem Ring und dem Affen. Wie du schon sagtest, manches kam mir da auch zu bemüht vor. Wie modernes Theater, das trifft es genau!

Dann hatte ich aber zwischendurch den Eindruck, dass sich Stulovich und Shylock die Rolle des Shakespeare-Shylocks sozuagen teilen. Wenn ich mir den Klappentext so anschaue, wird Stulovich wohl später den rachsüchtigen, grausamen Teil des Charakters übernehmen.

Ein Unterschied zwischen den beiden Shylocks ist auch, dass dieser Shylock hier offensichtlich nur wenig Geld hat. Ob das ein bewusster Bruch mit dem antisemitischen Vorurteil sein soll?

Plurabelle kommt mir sehr überzogen vor, nicht nur wegen des komischen Zusatzes zu ihrem Namen.

Noch bin ich auch sehr unschlüssig, wo der Autor mit alldem hinwill. Bisher hat mir das Buch noch nichts gegeben, was auf mich wie eine Neuinterpretation oder Umdeutung der Originalgeschichte gewirkt hätte.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Im Gegensatz zu meiner Vorrednern habe ich das Original nie gelesen, weiß nur in groben Zügen worum es geht.....besser macht es das allerdings nicht.
Momentan finde ich alles ein wenig trübsinnig, alle sind emotional angeschlagen, hadern mit sich und ihrem Umfeld. Beziehungen sind aber bisher im Fokus, mal sehen was die restlichen 40 Seiten dies Abschnitts noch ergeben.
Die Namensgebung hat aber was, oder? Anna Livia Plurabelle Cleopatra, sehr speziell aber irgendwie auch originell.
Habe übrigens manchmal das Gefühl, dass Shylock als Person gar nicht präsent ist, teilweise muss ich an eine imaginäre Person denken während des Lesens. Bin ein wenig irritiert....
 

MRO1975

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Ja, ein paar Sachen habe ich aus dem Stück auch "wiedererkannt", wie die Parallele zwischen den Autos und den Kisten im Stück, oder die Geschichte mit dem Ring und dem Affen. Wie du schon sagtest, manches kam mir da auch zu bemüht vor. Wie modernes Theater, das trifft es genau!

Dann hatte ich aber zwischendurch den Eindruck, dass sich Stulovich und Shylock die Rolle des Shakespeare-Shylocks sozuagen teilen. Wenn ich mir den Klappentext so anschaue, wird Stulovich wohl später den rachsüchtigen, grausamen Teil des Charakters übernehmen.

Ein Unterschied zwischen den beiden Shylocks ist auch, dass dieser Shylock hier offensichtlich nur wenig Geld hat. Ob das ein bewusster Bruch mit dem antisemitischen Vorurteil sein soll?

Plurabelle kommt mir sehr überzogen vor, nicht nur wegen des komischen Zusatzes zu ihrem Namen.

Noch bin ich auch sehr unschlüssig, wo der Autor mit alldem hinwill. Bisher hat mir das Buch noch nichts gegeben, was auf mich wie eine Neuinterpretation oder Umdeutung der Originalgeschichte gewirkt hätte.

Den Klappentext hatte ich nicht gelesen. Welche Rolle Strulovich hier übernimmt, ist für mich noch nicht klar. Vielleicht hast du recht und Strulovich und Shylock teilen sich die Rolle des Shakespeare-Shylock. Evtl. spielt auch Strulovich die Shylock-Rolle und Shylock ist nur eine Einbildung und sein Berater? An einer Stelle auf dem Friedhof (S. 16) wird so etwas angedeutet.

Mir ist auch aufgefallen, dass Shylock im Roman wenig Geld hat. Das nährte meinen Verdacht, dass er vllt. der echte Shylock aus der Shakespeare-Tragödie ist und die Tragödie für ihn schon Vergangenheit ist, er die Story also kennt und sein Vermögen schon verloren hat. Strulovich erlebt demgegenüber seine Variante der Tragödie im Roman vor unseren Augen. Vielleicht konstruiere ich da aber auch zu viel hinein, weil ich den Sinn suche und noch nicht gefunden habe.

Abgesehen von der Plurabelle-Geschichte konnte ich hier aber auch keine weiteren Parallelen entdecken. Das wird wohl eine eher schwierige Lektüre.
 

MRO1975

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Das Buchcover kann ich nicht einordnen. Habt ihr eine Idee, was der junge, halbnackte Mann bedeuten soll? Ist das der Fußballspieler?
 
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MRO1975

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Im Gegensatz zu meiner Vorrednern habe ich das Original nie gelesen, weiß nur in groben Zügen worum es geht.....besser macht es das allerdings nicht.
Momentan finde ich alles ein wenig trübsinnig, alle sind emotional angeschlagen, hadern mit sich und ihrem Umfeld. Beziehungen sind aber bisher im Fokus, mal sehen was die restlichen 40 Seiten dies Abschnitts noch ergeben.
Die Namensgebung hat aber was, oder? Anna Livia Plurabelle Cleopatra, sehr speziell aber irgendwie auch originell.
Habe übrigens manchmal das Gefühl, dass Shylock als Person gar nicht präsent ist, teilweise muss ich an eine imaginäre Person denken während des Lesens. Bin ein wenig irritiert....

Das ist interessant, dass dir Shylock auch nicht real vorkommt! Den Verdacht habe ich auch.
 

Sassenach123

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Nun bin ich sicher, dass es sich bei Strulovitch und Shylock um zwei Personen handelt, mein Gefühl, dass Shylock nur imaginär existiert, ist nicht richtig.( Zumindest glaube ich das zum jetzigen Zeitpunkt )
Im weiteren Verlauf kristallisiert sich heraus, dass die beiden recht viele Parallelen in ihrem Leben aufweisen. Verstehen die beiden sich deshalb so gut?
Insgesamt finde ich die Debatte um das jüdisch sein, ganz interessant. Es ist ein zentraler Punkt, der bei fast allem durchschimmert.
 
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Sassenach123

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Das Buchcover kann ich nicht einordnen. Habt ihr eine Idee, was der junge, halbnackte Mann bedeuten soll? Ist das der Fußballspieler?
Da geht es mir wie dir, ich habe auch keine Idee. Seine Pose könnte auch bedeutsam sein, erinnert ein wenig daran als ob er sich schützend wegdreht. Vielleicht ergründen wir das Rätsel ja noch gemeinsam
 
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Mikka Liest

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Sassenach123, MRO1975: auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen, aber es wäre eine sehr interessante Entwicklung, wenn der Shylock in diesem Buch nur imaginär wäre!

Oh stimmt, das ist auch eine gute Idee, dass dieser Shylock hier praktisch doch das Äquivalent des Shakespeare-Shylock sein könnte, aber eben nachdem er sein Vermögen verloren hat. Und Strulovitch könnte einfach jemand sein, der auf dem besten Wege ist, Shylocks Schicksal zu wiederholen.

Wer der halbnackte Mann ist, habe ich mich auch schon gefragt.
 

Sassenach123

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Der Abschnitt ist beendet, meine Zweifel, ob Shylock doch eher als Alter Ego fungiert, wieder da.
Mittlerweile gefällt mir der Roman sogar, werde das gelesene aber trotzdem erstmal verdauen, und mich morgen an den nächsten Abschnitt machen, es strengt doch ein wenig an.
 
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Bibliomarie

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10. September 2015
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Gleich zu Anfang des Abschnitts sind mir die schönen Sprachbilder des Autors aufgefallen. Es ist so eine bewegt-melancholische Sprachmelodie, die mich anspricht. (Ich weiß nicht recht, wie ich sie besser beschreiben könnte)

Natürlich habe ich auch nach Parallelen gesucht, D'Anton ist vielleicht Antonio, Anna Livia Plurabelle wäre dann die Portia, was auch zu dem Kästchenrätsel, bzw dem Äquivalent mit den Autos, passt. Aber warum dann mit der Namenswahl die Anspielung auf James Joyce?

Ich kann mich nicht erinnern, ob wir je den Kaufmann gelesen haben oder ob ich ihn auf der Bühne sah, in Grundzügen ist mir die Geschichte noch präsent, aber ich glaube, ich habe mehr von dem Buch, wenn ich mich davon löse.

Sehr interessant fand ich das abendliche Gespräch mit Shylock,
dieses Hadern mit dem Glauben und dem latenten Antisemitismus, den wohl auch Strulovitch spürt. Man akzeptiert ihn wegen seines Reichtums, aber....

Ich finde auch, dass der Roman sehr viel Aufmerksamkeit fordert, ich werde wohl in kleinen Dosen weiterlesen.
 

Bibliomarie

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In erster Ehe war er mit einer Nichtjüdin verheiratet, weshalb sein Vater sich von ihm lossagte.

Wobei sie sich so sehr bemühte, Verständnis zu zeigen, ja manchmal sogar jüdischer zu agieren, als er. Aber das war nur sehr oberflächlich, Vorurteil mit umgekehrten Vorzeichen, denn alles was nach Schtetl klang, war ihr zuwider und zu grob.
 

Sassenach123

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Wobei sie sich so sehr bemühte, Verständnis zu zeigen, ja manchmal sogar jüdischer zu agieren, als er. Aber das war nur sehr oberflächlich, Vorurteil mit umgekehrten Vorzeichen, denn alles was nach Schtetl klang, war ihr zuwider und zu grob.

Ich hatte das Gefühl, dass beide Parteien froh waren, als es nach so kurzer Zeit bereits vorbei war, bevor es richtig angefangen ist. Er stellte fest, dass sie beide jetzt noch jung sein, und schwups war dieser Lebensabschnitt abgehakt
 

wal.li

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Ich habe die Stücke von Shakespeare vor ewigen Zeiten mal gelesen. Mein Wiedererkennungseffekt ist jedoch auch eher klein. Ich werde nochmal nachlesen, worin es im Original ging. Ich kann mich eigentlich mehr an die Tochter Portia erinnern.
Auf die Idee, dass Shylock nicht echt ist, bin ich nicht gekommen. Ich finde, dazu gibt es auch zu viele Informationen zum Umfeld. Ich habe mich auch gefragt, welche Rolle die jungen Leute haben. Was mich allerdings noch mehr bestärkt, mich nochmal mit dem Stück zu befassen.
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Ich habe keine Vorstellung worauf das Alles hinausläuft. Was will Jacobson mit seiner Interpretation?
Zunächst einmal bin ich sehr dankbar für deine gelungene Zusammenfassung. Die Geschichte ist schon fordernd: schnell treten viele Personen auf und werden vernetzt.
Die Sprache gefällt mir bislang gut, aber der Inhalt.... Ja, man weiß noch nicht, wo es hinführt.
Die Parallele zum Original werde ich vorerst nicht suchen und vertiefen. Die Verwirrung reicht mir so schon.
"Wie ein modernes Theaterstück", trifft es ganz gut. Mit dieser religiösen Nabelschau werde ich noch nicht warm, dazu bin ich vielleicht zu wenig religiös...
Manchmal wirkt mir deŕ Roman auch zu salopp; will sagen, modern um jeden Preis...
Mal schauen, was kommt. Die Einführung müsste ja erledigt sein.
 

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