1. Leseabschnitt: Kapitel 1 bis 5 (Beginn bis Seite 76)

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Je länger ich das gelesene sacken lasse, umso entsetzter bin ich. Ich stelle es mir schrecklich vor immer wieder vom eigenen Vater angelogen zu werden. Die Geschichte wandelt er nach Belieben um, und kommt gar nicht auf die Idee, dass andere es bemerken könnten. Erst recht wenn man berücksichtigt, wie alt der Sohn bereits war bei der Lüge, die er ihm nach dem Krankenhausaufenthalt aufgetischt hat. Natürlich konnte er nicht ahnen, dass die Tante die Gefängnisunterlagen aufbewahrt und seinem Sohn zugänglich macht, doch seine Lügen sind ja vorher schon bekannt gewesen. Das schlimmste ist allerdings, dass er nicht einsieht etwas falsch gemacht zu haben, wie es ja bei vielen Menschen dieses Schlages ist. Muss hier zum Beispiel an den Roman über Adolf Eichmann denken, den wir ja auch hier gelesen haben.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Mir war das Maison d'Izieu ehrlich gesagt nicht bekannt. Allein dafür hat sich die Lektüre des Romans schon gelohnt.
Ich wusste davon auch nichts.
Aber wie dieser Mann innerlich seine "Heldentaten" zelebriert, die gar nicht stattgefunden haben.
Das ist richtig widerlich und kennt man so eigentlich nicht. Normalerweise versuchen solche Leute ihre Taten vertuschen, verleugnen oder stehen stolz dazu. Aber sich ständig neue Biographien erfinden, ist unverständlich. Dabei scheint ihm doch was an der Meinung seines Sohnes zu liegen. Ein schwer zu fassender Charakter.
Aber dies ist kein Roman, der uns Historie nahebringen möchte, sondern es geht viel mehr um die Beziehung zum Vater und die Rolle, die darin dessen Vergangenheit spielt.
Genau. Kein Geschichtsbuch, sondern eine besondere Vater- Sohn- Beziehung.
 

luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Nur diese Art von hinterhältigem Hochstapler ist "neu".
Das ist für mich das auf grausame Art "faszinierende" an diesem Roman. Der beständige Versuch, den Vater (re-)konstruieren, recherchieren, entlarven zu wollen und doch immer wieder auf Lügen und Falschheit zu stoßen, erscheint zermürbend, aber irgendwie kann man vielleicht eine Parallele zu der Geschichtsschreibung allgemein ziehen - vieles bleibt doch ungenau, vage und wird (weiterhin)verschwiegen, bestimmt vom Chronisten.
Kurioserweise kenne ich den Namen „Barbie“ in Zusammenhang mit einem Nazi aus einem Film aus Ende der 90er oder Anfang der 00er. Der Titel fällt mir nicht mehr ein. So eine RTL Sonntagmachmittagsposse (könnte Rat Race gewesen sein) von einem wilden Autorennen quer durch die USA.
Ich auch.

Ich bin sehr angetan von dem Roman. Erzählerisch eindrücklich, sehr berührend, sehr bewegend und das auf eine sehr reduzierte Art - das gefällt mir sehr gut und ich finde es erzählerisch stark. Sicherlich ist die Eingangsszene, die Erklärung der Geschehnisse in Izieu, besonders stark - die Schiefertafel mit dem Wort "Apfel" ist für den Erzähler wie die Erkenntnis, dass hier nicht nur irgendwann mal etwas Unbeschreibliches passiert ist, sondern dass es sich um die furchtbaren Schicksale von Kindern handelt, die ihre Spuren an diesem Ort bis in die Gegenwart hinterlassen haben. So zu zeigen, dass die Vergangenheit auf die Gegenwart weiterhin einwirkt, hat mich sehr berührt. Auch die Tatsache, dass er sich dem Heim zu Fuß genähert hat, erscheint mir sehr sinnvoll und wichtig.

Das Verhältnis zu so einem Vater überschattet sicherlich das Leben. Wie oben bereits geschrieben, ist besonders die Tatsache, dass man dem Vater nicht trauen kann und er nicht greifbar ist, bis jetzt zentral. Was davon ist wahr, was davon ausgedacht? Ist er einfach nur unter "Mythomanie"? Sucht und will er Aufmerksamkeit? An seiner politischen Ausrichtung und seinen "Sympathien" hege ich bisher keinen Zweifel, seine Selbstinszenierung gibt mir derweil Rätsel auf...
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Endlich, endlich, bin ich auch da und froh, endlich wieder mal einen Roman zu lesen, der von der ersten Seite an packt und nicht allzu anstrengend für die grauen Zellen ist.
Tatsächlich "kenne" ich die Geschichte der Kinder von Izieu - durch Liedermacher Reinhard Mey. Der Song ist sehr hörenswert:

Der Text nimmt mich ebenso gefangen wie euch. Allerdings fällt es mir immer schwer, dieses tiefe Schuldgefühl eines (erwachsenen) Kindes am Tun seines Vaters nachzuvollziehen. In diesem Fall besonders, da der Vater ein regelrechtes Ekelpaket war, der nicht nur als Lügner und Hochstapler auffiel, sondern seinen Jungen auch von frühester Jugend an verspottete und misshandelte. Dieser Vater ist kein Vorbild, noch nie gewesen. Warum lastet die väterliche Schuld so kolossal auf dem erwachsenen Ich-Erzähler? Ich kenne diese Situation natürlich nicht, insofern darf ich auch nicht darüber richten. Außerdem haben wir schon festgestellt, dass gerade die "kaputte" Familie wie eine Fessel wirkt, während man in der intakten Familie Flügel entwickeln kann.
Trotz aller Betroffenheit ist mir das Schuldgefühl zu groß geraten und warum der Vater mit zum Gerichtsprozess gegen Barbie genommen wird? Keine Ahnung. Einem solchen Vater gegenüber sollte sich das Pflichtgefühl in Grenzen halten. (Sagt eine, die es nicht weiß;))
denn es wirkt wie eine Beleidigung des Kindes und eben nicht des Vaters
In der Tat empfand ich diesen Ausspruch gerade vom Großvater hart. Aber damals war man allgemein noch direkter und verletzender. Im Grunde wollte der Großvater seinen Sohn diskreditieren. Vor lauter Angst hat er aber den Enkel angegriffen. Das muss weh tun.
Sich als Sohn so eines Menschen mit den Taten des Vaters auseinandersetzen zu müssen, stelle ich mir sehr schwer vor.
Wenn man sich nicht davon frei machen kann, ist es das mit Sicherheit.
Das ist für mich das auf grausame Art "faszinierende" an diesem Roman.
Genau. Der Vater ist so ziemlich die unzuverlässigste Instanz dieses Romans. Man kann ihm nicht trauen. Das hat der Sohn durch die Inhalte der Blechdose deutlich gemacht bekommen. Schade, dass er seine Tante nicht mehr besucht hat, sie hätte ihm gewiss einiges dazu sagen können.
 

luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Einem solchen Vater gegenüber sollte sich das Pflichtgefühl in Grenzen halten.
Ich konnte das tatsächlich nachvollziehen. Vielleicht hat man (und hier eben der Erzähler) - egal, wie sich die Beziehung gestaltet oder welches Bild man vom Vater hat - doch immer das Gefühl, das brave Kind sein zu müssen, die Erwartungen zu erfüllen und (so verrückt es klingt), etwas zu "schulden". Es ist trotz allem der Vater...
 

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29. März 2022
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Mainz
Trotz aller Betroffenheit ist mir das Schuldgefühl zu groß geraten
Mmh- ich konnte es an sich gut nachvollziehen. Ich denke, dass wir uns auch über die Eltern definieren, denn daher kommen wir. Wenn da etwas massiv im Argen liegt, denke ich schon, dass das massive Identitätskonflikte auslösen kann.
 

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Geschichte der Kinder von Izieu - durch Liedermacher Reinhard Mey. Der Song ist sehr hörenswert:
Vielen Dank dafür. Das Lied ist wirklich sehr besonders und berührend. Das Bild hat mir in Verbindung mit dem Lied wieder einen Kloß im Hals beschert.
warum der Vater mit zum Gerichtsprozess gegen Barbie genommen wird?
Erst sträubt der Erzähler sich auch dagegen, aber ich denke, er hat wohl auch die Hoffnung, dass dieser Prozess auch einen inneren Prozess beim Vater in Gang setzen könnte.
 

renee

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9. Februar 2019
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Wer bringt es über das Herz Kindern in die Augen zu sehen und sie ins Verderben zu schicken?
Das ist etwas, was ich mich schon oft gefragt habe. Manche Menschen und ihre Taten kann man einfach nicht verstehen und diesen Gedanken bringt dieses Buch zum Glühen. Wenn man sich dann vorstellt, wo die eigene Familie da steht. Das ist hart. Sehr hart!
 

renee

Bekanntes Mitglied
9. Februar 2019
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Der Vater behauptet ja, keine Gewissensbisse zu haben. Sprechen aber nicht die Vertuschung der Vergangenheit und die Lügen doch dafür, dass er eine Schuld/ein Unrecht spürt?
Die Figur des Vaters erscheint sehr ambivalent. Und ja, ich bin auch der Meinung, dass er sich selbst kritisiert, dass er sich durch die Lügen versucht besser darzustellen. Allerdings erscheint er auch irgendwie gestört, ich frage mich ob er dieses Richtig und dieses Falsch überhaupt empfindet, empfinden kann.
 

renee

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9. Februar 2019
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Das ist richtig widerlich und kennt man so eigentlich nicht. Normalerweise versuchen solche Leute ihre Taten vertuschen, verleugnen oder stehen stolz dazu. Aber sich ständig neue Biographien erfinden, ist unverständlich. Dabei scheint ihm doch was an der Meinung seines Sohnes zu liegen. Ein schwer zu fassender Charakter.

Genau. Kein Geschichtsbuch, sondern eine besondere Vater- Sohn- Beziehung.
Dieser Charakter des Vaters ist vollkommen nebulös. Er berichtet von der Vergangenheit und er lügt. Ständig. Der Großvater hat dies dem Enkel ja mitgeteilt. Schonungslos. Ja. Aber verständlich, denn was denkt wohl dieser Vater über seinen Sohn? Also wird in dem Buch zwar die Vater-Sohn-Beziehung zentral gestellt, doch die Großvater-Vater-Beziehung ist vergleichbar zerstörerisch. Solch einen Charakter wünscht sich wahrscheinlich niemand in seiner Familie!
 

renee

Bekanntes Mitglied
9. Februar 2019
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Dabei scheint ihm doch was an der Meinung seines Sohnes zu liegen. Ein schwer zu fassender Charakter.
Ich denke auch, dass dem Vater etwas an den Gedanken seines Sohnes liegt, ihn etwas an seinem Denken und Tun interessiert, er ihn vielleicht auch achtet, für diese Stetigkeit, die dem Vater fehlt. ...
 
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