1. Leseabschnitt: Kapitel 1 bis 5 (Beginn bis Seite 76)

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Passend zum 1. Kapitel:
Vielen Dank für den Link. Es ist wirklich schrecklich, die Fotos der glücklichen Kinder anzusehen, die zum Teil wenige Wochen vor ihrer Deportation entstanden sind.

Mir war das Maison d'Izieu ehrlich gesagt nicht bekannt. Allein dafür hat sich die Lektüre des Romans schon gelohnt. Es erinnert mich stark an den traurigsten Ort, den ich je besucht habe:

 
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Christian1977

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8. Oktober 2021
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Puh, was für ein Start in den Roman. Das erste Kapitel halte ich schlichtweg für brillant. Wenn auch schwer zu ertragen. Es ist so wahnsinnig eindringlich und intensiv, dass es in meinen Augen die Basis des gesamten Romans sein könnte. Hätte Sorj Chalandon das Buch vielleicht gar nicht geschrieben, wenn er das Maison d'Izieu nicht persönlich besucht hätte? Spekulation. Ich kann es mir dennoch vorstellen. Wenn man an einem solchen Ort war und weiß, dass der eigene Vater "auf der falschen Seite" stand...

Ich hatte jedenfalls mehrfach Gänsehaut. Die Szene mit der Tafel und dem Wort "Apfel". Das Sitzen auf der Böschung. Das eindringliche "Du", das sich direkt an den abwesenden Vater richtet. Das ist alles hervorragend gelungen.

Nun ist das thematisch ja alles nicht neu. "Abrechnungen" mit dem Nazivater gibt es zuhauf. Oder mit dem Vater im Allgemeinen. Allein in diesem Jahr habe ich so viele davon gelesen. Dennoch gefällt mir das Buch bisher sehr, auch wenn die Folgekapitel nicht die Stärke des ersten haben. Weil Chalandon stets authentisch wirkt, weil ich seine Wut spüre. Seine Zerrissenheit.

Allein der Titel "Verräterkind" zeugt von Schmerz, denn es wirkt wie eine Beleidigung des Kindes und eben nicht des Vaters. Dieser Ausdruck des Großvaters setzt sich fest. Dazu die ständigen Lügen, die zur Verwirrung und Verunsicherung des Kindes Sorj und auch des späteren jungen Mannes beitragen.

Ich lese berührt und wütend weiter.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
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Es ist wirklich schrecklich, die Fotos der glücklichen Kinder anzusehen, die zum Teil wenige Wochen vor ihrer Deportation entstanden sind.
Wenn ich den breit lächelnden Georgy Halpern sehe, kommen mir die Tränen. Wenn es nicht "nur" niedergeschrieben steht, sondern man diese Kinder mit eigenen Augen sieht, fragt man sich noch mehr, wie die Ausführenden so kalt sein konnten, diese Kinder dort wegzuverschleppen. Wer bringt es über das Herz Kindern in die Augen zu sehen und sie ins Verderben zu schicken?

Mir fällt es aufgrund der enormen historischen Dichte dieses ersten Abschnitts auch schwer eine "Meinung" zum Roman zu bilden bzw. hier aufzuschreiben. Was ich sagen kann: Der Roman/biografische Roman hat mich gepackt. Ich stelle es mir schrecklich vor, diesen Vater mit in den Gerichtssaal zu lassen. Dort könnte alles passieren.
 
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GAIA

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Nun ist das thematisch ja alles nicht neu. "Abrechnungen" mit dem Nazivater gibt es zuhauf.
Nur diese Art von hinterhältigem Hochstapler ist "neu". Also nicht die Behauptung im Widerstand gewesen zu sein. Gefühlt waren ja auch 80% aller Deutschen angeblich im Widerstand. Aber wie dieser Mann innerlich seine "Heldentaten" zelebriert, die gar nicht stattgefunden haben. Und trotzdem finde ich es gut dargestellt, wie der Sohn, selbst als Anfang 30Jähriger noch dem Vater nichts antworten kann, wenn er mit seiner Vergangenheit prahlt.
 

Sassenach123

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Auch mich lässt der Roman nicht kalt. Die Hintergründe waren mir nicht bekannt, aber der Autor holt den Schrecken ins Wohnzimmer.
Der Apfel, der von einem dieser Kinder auf die Tafel gekrakelt wurde, verleiht Gänsehaut. Ein Relikt aus langer Zeit, das geprägt wird von Leid, ein Leid, dass niemand verdient hat, Kinder schon gar nicht. Es gab überall Menschen die versuchten gegen das System zu arbeiten, doch leider funktionierte es nicht immer. Es gab immer Menschen, die verbissen diesen Wahnsinn umgesetzt haben, ihn als Ideologie verstanden haben. Sich als Sohn so eines Menschen mit den Taten des Vaters auseinandersetzen zu müssen, stelle ich mir sehr schwer vor.
 

Barbara62

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19. März 2020
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mit-büchern-um-die-welt.de
Weil Chalandon stets authentisch wirkt, weil ich seine Wut spüre. Seine Zerrissenheit.

Allein der Titel "Verräterkind" zeugt von Schmerz, denn es wirkt wie eine Beleidigung des Kindes und eben nicht des Vaters.
Ein Pfarrer hat mir mal gesagt, vom Verbrechen eines Menschen wären noch die beiden folgenden Generationen traumatisiert. Obwohl den Ich-Erzähler offensichtlich keinerlei Schuld trifft, hat er beim Besuch von Izieu Skrupel und überlegt, ob er dessen nicht unwürdig ist.

Mir fällt es aufgrund der enormen historischen Dichte dieses ersten Abschnitts auch schwer eine "Meinung" zum Roman zu bilden bzw. hier aufzuschreiben. Was ich sagen kann: Der Roman/biografische Roman hat mich gepackt. Ich stelle es mir schrecklich vor, diesen Vater mit in den Gerichtssaal zu lassen. Dort könnte alles passieren.
Ich habe mir während dieses ersten Leseabschnitts so viele Notizen gemacht, wie sonst zu einem ganzen Buch. Fast jeder Satz hat Gewicht.

Nur diese Art von hinterhältigem Hochstapler ist "neu". Also nicht die Behauptung im Widerstand gewesen zu sein. Gefühlt waren ja auch 80% aller Deutschen angeblich im Widerstand. Aber wie dieser Mann innerlich seine "Heldentaten" zelebriert, die gar nicht stattgefunden haben. Und trotzdem finde ich es gut dargestellt, wie der Sohn, selbst als Anfang 30Jähriger noch dem Vater nichts antworten kann, wenn er mit seiner Vergangenheit prahlt.
Der Vater behauptet ja, keine Gewissensbisse zu haben. Sprechen aber nicht die Vertuschung der Vergangenheit und die Lügen doch dafür, dass er eine Schuld/ein Unrecht spürt?
 

Lesehorizont

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29. März 2022
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Und er zeigt, worum es ihm geht. Nicht in erster Linie um den Vater, sondern wozu dessen Handeln ihn gemacht hat. Der Sohn eines Verräters zu sein, ist eine Last, die man ohne eigenes Verschulden zu tragen hat.
Genau, es ist eine Last, die man ein Leben lang nicht los wird. Die die eigene Identität belastet und beschmutzt.
 

Barbara62

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Ich bin schwer beeindruckt von diesem Romanbeginn. "Am Tag danach" war ein Lesehighlight für mich und obwohl es hier um etwas ganz anderes geht und der Roman von der Betroffenheit lebt, ist der Stil unverkennbar.

Während des Barbie-Prozesses war ich 15 Jahre alt. Ich erinnere mich, den Namen damals gehört zu haben, aber warum wurde das nicht im Geschichts- oder Politikunterricht thematisiert?

Was ich nicht verstanden habe: Der Vater lobt den Sohn, weil er nicht zu den "Anglern" gehört, sondern politisch Stellung bezieht, wenn auch aus seiner Sicht für die falsche Seite. Warum findet der Sohn das so schlimm?
 

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Ein starker Auftakt. Ich weiß jetzt schon, dass mich der Roman lange beschäftigen wird.
Harter Tobak, zu dem man im Laufe der Jahre natürlich schon Einiges gelesen hat. Hier finde ich den Aspekt besonders interessant, wie die Täterschaft auf der Nachfolgegeneration lastet.
Jeder Satz passt, kein Wort zu viel. Bisher: grandios!
 

Anjuta

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8. Januar 2016
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Essen
Ein Journalist ist auf Recherchetour zu Beginn dieses Romans. Aber da ist mehr. Da gibt es auch diese persönliche Ebene der Recherche, die immer wieder durchbricht. Und mit diesem emotional betroffenen Journalisten werfen wir einen Blick in die französische Geschichte des dunklen 20. Jahrhunderts, und sind selbst sehr betroffen.
Die persönliche Betroffenheit wird präsentiert durch die Auseinandersetzung mit dem Vater und dessen Rolle im Leben des Sohnes.
Ich habe geträumt, dass du mit mir dort bist, Papa.
Da ist etwas zu klären in dieser Rolle! Das übermittelt Chalandon offen und permanent auch zwischen den Zeilen und erschafft so die Spannung, die diesen Roman ausmacht. Es ist nicht so sehr das historische Geschehen (das uns trotzdem ohne Zweifel ungemein berührt). Aber dies ist kein Roman, der uns Historie nahebringen möchte, sondern es geht viel mehr um die Beziehung zum Vater und die Rolle, die darin dessen Vergangenheit spielt. Eine Verhältnis voller Bewunderung und - mit zunehmendem Alter - aufbrechender kritischen Distanzierung.
Während meiner gesamten Kindheit hatte ich leidenschaftlich an alles geglaubt, was er mir erzählte, und während meines restlichen Lebens musste ich erkennen, dass nichts von all dem stimmte. Er hatte mich ständig belogen. Und gequält. Also ließ ich sein Leben hinter meinem zurück.
Ich bin gespannt wie es weitergeht!
 

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Sprechen aber nicht die Vertuschung der Vergangenheit und die Lügen doch dafür, dass er eine Schuld/ein Unrecht spürt?
Ich bin mir nicht sicher. Ich hatte eher das Gefühl, er stellt sich halt jeweils auf die Seite, die gerade en vogue ist, um gut dazustehen. Der zweite Abschnitt öffnet sich dieser Thematik noch stärker.
Warum findet der Sohn das so schlimm?
Neben dem von @RuLeka angesprochenen Punkt glaube ich, dass er vor allem damit hadert, Nazis und Widerstand, Rechts und Links in einen Topf zu werfen. Mich erinnerte dies an das Zitat von ??? bzw die damalige Meinung, dass Sozialisten auch nur Faschisten in roten Hemden seien.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
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Sprechen aber nicht die Vertuschung der Vergangenheit und die Lügen doch dafür, dass er eine Schuld/ein Unrecht spürt?
Warte mal die nächsten Leseabschnitte ab! Wie oben schon erwähnt.
Während des Barbie-Prozesses war ich 15 Jahre alt. Ich erinnere mich, den Namen damals gehört zu haben, aber warum wurde das nicht im Geschichts- oder Politikunterricht thematisiert?
Kurioserweise kenne ich den Namen „Barbie“ in Zusammenhang mit einem Nazi aus einem Film aus Ende der 90er oder Anfang der 00er. Der Titel fällt mir nicht mehr ein. So eine RTL Sonntagmachmittagsposse (könnte Rat Race gewesen sein) von einem wilden Autorennen quer durch die USA. Unter den Teilnehmenden eine Familie, deren Tochter am Wegesrand eines Highways das Schild zum „Barbie“-Museum liest und dann nur noch quengelt und dorthin möchte. Der Vater gibt klein bei und es wird (wenn ich mir recht erinnere) nicht nur ein für die Tochter enttäuschender Ausflug dahin gemacht, sondern auf dem Parkplatz tummeln sich lauter Neonazis und die krachen sogar mit dem Auto in das Museum und ziehen dann den Ärger einer Horde Neo-Nazis auf sich, die sie auch noch verfolgen. Warum ich das erzähle: Ehrlich gesagt war bis vor kurzem der Name Barbie für mich nur einer von vielen Nazi-Namen. Mit dem Wissen jetzt, was der Mensch alles konkret zu verantworten hatte, finde ich den Witz aus dem o.g. Film noch geschmackloser als er ohnehin schon war. Der Filmausschnitt verdeutlicht aber auch, dass es in den UsA ohne weiteres möglich ist, einem Nazi-Verbrecher ein „Erlebnismuseum“ zu widmen.
 

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