1. Leseabschnitt: Kapitel 1 bis 5 (Beginn bis Seite 71)

Eulenhaus

Aktives Mitglied
13. Juni 2022
346
1.642
44
Martha, die zweitjüngste von sechs Kindern, wächst in sehr ärmlichen Verhältnissen im Berner Umland auf. Als der Vater stirbt, werden die Geschwister von den Behörden als Verdingkinder auf Bauernhöfen in der Umgebung verteilt und von der Fürsorge betreut. Anstatt die Restfamilie finanziell zu unterstützen, müssen Mutter und Kinder unter mehr oder weniger günstigen Umständen arbeiten.
Von einem ähnlichen grausamen Schicksal erzählt auch die Geschichte von Elmar Bereuter DIE SCHWABENKINDER , auch verfilmt mit Tobias Moretti und Katja Riemann.
Die 8jährige scheue, freundliche Martha ist geschickt und intelligent, Schule und Arbeit gehen ihr leicht von der Hand. Sie wird lieblos behandelt, in einem Verschlag untergebracht, muss hungern und ist in der Hackordnung die Letzte. In der unterkühlten Familien-Atmosphäre spielen Gefühle keine Rolle. ER, der Dunkle, der Unsichtbare, ist die Angst die sie immer begleitet.
Mit der Betreuung des älteren behinderten Severin ist Martha überfordert. Sie schlägt ihn, eine damals übliche Bestrafung, die sie vom Vater kennt, er fügt ihr böse Verletzungen zu. Elsbeth sieht es, greift aber nicht ein. Erst der ihr zugetane Lehrer informiert die Fürsorge und Severin kommt in ein Heim. Offiziell ist er unbekannt, wurde versteckt, wie es früher nicht selten war. Sie wird jetzt besser behandelt, zieht sich aber den Unmut der Familie zu. Sie gehört nicht dazu und bleibt eine Fremde. Ihre Familie gerät in Vergessenheit, nur die verbitterte Mutter sieht sie noch gelegentlich.
 

Nosimi

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27. März 2024
118
559
39
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Mit der Betreuung des älteren behinderten Severin ist Martha überfordert. Sie schlägt ihn, eine damals übliche Bestrafung, die sie vom Vater kennt, er fügt ihr böse Verletzungen zu.
Ich fand es sehr gut beschrieben, mit wievielen widersprüchlichen Gefühlen Martha im Umgang mit Severin kämpft. Auf der einen Seite führt sie ihre Aufgabe aus, führt ihn am Geschirr, sorgt dafür, dass er Bewegung hat, aber nicht ausbrechen kann. Sie hat die Kontrolle über ihn, will ihn aber zunächst nur führen, nicht dominieren. Erst als der deutlich stärkere und ältere Junge ausbrechen und sich mit Martha und deren Willen messen will, greift Martha härter durch und wendet letztlich auch Gewalt gegen ihn an. Damit fühlt sie sich aber nicht wohl, es widerspricht ihr und trotzdem bleibt ihr nichts anderes übrig, um ihn im Griff zu behalten. Beide tragen Wunden davon und letztlich wird Severin in ein Heim gebracht. Such das setzt Martha und ihrem Gewissen zu.
 

Nosimi

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27. März 2024
118
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Erstmal bin ich sehr gut in das Buch hinein gekommen, es liest sich flüssig und zügig. Der Schreibstil ist wenig poetisch, wenig ausgeklügelt, aber gut zu lesen. Marthas Geschichte ist traurig ohne sentimental zu sein: nach dem Tod des Vaters kann die Mutter die Familie nicht mehr alleine über Wasser halten, die Kinder werden von der Fürsorge in andere Familien gegeben und Martha kommt zu den Bürgis. Dort wird sie leider nicht in die Familie integriert, sondern bleibt das "Verdingkind", das sich seine Kost und Logis erarbeiten muss. Martha ist fleißig und klug, aber eher klein und zart für ihr Alter. An der Aufgabe, den behinderten Severin zu "beaufsichtigen" zerbricht sie fast. Am Ende der Schullaufbahn beginnt Martha in der Strickfabrik zu arbeiten und ist auch da fleißig und sparsam..Sie gibt die Hälfte ihres Geldes bei den Bürgis ab und schafft es dennoch auf ein Fahrrad zu sparen. Als sich der junge Schuhmacher für Martha interessiert, verloben sich beide bald und Martha sieht darin auch keine schlechte Wahl. Freilich die große Liebe ist es nicht, aber viel Liebe und Zuneigung hat sie ja auch in den letzten Jahren nicht erfahren.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
4.414
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49
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Ich fand es sehr gut beschrieben, mit wievielen widersprüchlichen Gefühlen Martha im Umgang mit Severin kämpft. Auf der einen Seite führt sie ihre Aufgabe aus, führt ihn am Geschirr, sorgt dafür, dass er Bewegung hat, aber nicht ausbrechen kann. Sie hat die Kontrolle über ihn, will ihn aber zunächst nur führen, nicht dominieren. Erst als der deutlich stärkere und ältere Junge ausbrechen und sich mit Martha und deren Willen messen will, greift Martha härter durch und wendet letztlich auch Gewalt gegen ihn an. Damit fühlt sie sich aber nicht wohl, es widerspricht ihr und trotzdem bleibt ihr nichts anderes übrig, um ihn im Griff zu behalten. Beide tragen Wunden davon und letztlich wird Severin in ein Heim gebracht. Such das setzt Martha und ihrem Gewissen zu.
Eine schlimme Sache! Die Familie hatte immer zu kämpfen, mit einem behinderten Kind ist es sicher nicht leicht. Die Möglichkeiten, die man heute hat, das Wissen usw war wohl noch nicht vorhanden. Die Mutter musste ihre Arbeit verrichten, die eigenen Kinder wollten irgendwann nicht mehr, und dann bekommt Martha diese Bürde. Alle wussten es, dass ihre Wunden von Severin und den gemeinsamen Kämpfen kam, auch der Junge trug solche Wunden davon. Lediglich der Vater gibt ihr einen Tipp, einen Tipp, der in unseren Augen nicht bestehen kann, doch ich bezweifle, dass die Art Heim damals humane Maßnahmen ergriffen hat.
Martha hat ein schlechtes Gewissen, was sehr für sie und ihren Charakter spricht wie ich finde.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
19.860
51.368
49
Sie wird lieblos behandelt, in einem Verschlag untergebracht, muss hungern und ist in der Hackordnung die Letzte.
Interessant, wie duldsam das Mädchen all diese Benachteiligungen erträgt. Sofort gliedert sie sich in die Rangfolge ohne Murren ein. Man nimmt das Leben, wie es ist. Egoismen sind fehl am Platz. Wie sehr unterscheidet sich diese Haltung von der heutigen, in der es nur um Selbstbestätigung, Glück, Wellness und Ähnliches geht. Zudem ist Martha klar, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können.

Die Sprache ist lakonisch, beschreibend. Emotionen sind völlig zurückgenommen. Selbst, als der Kummer Martha übermannt und sie beim Lehrer weint, empfinde ich die Szene seltsam distanziert.
Erst der ihr zugetane Lehrer informiert die Fürsorge und Severin kommt in ein Heim.
Der Lehrer ist ein kleiner Lichtblick in Marthas Leben. Ich finde es seltsam, dass sich ihre leibliche Mutter so aus Marthas Leben zurückgezogen hat. Selbstschutz? Oder ist dieses Verhalten ein Resultat aus der benachteiligten Rolle der Frauen? Die Kinder purzelten sprichwörtlich in den Schoß, vielleicht gehörten sie zum Los. Vielleicht blieb auch in der Beziehung kein Platz für Liebe - zuviel Arbeit und tägliche Sorgen. Jedes Kind ein Esser mehr.

Sämtliche Figuren im Buch sind bislang sehr duldsam. Das fällt mir auf. Ob es da noch einen Umbruch geben wird? (Die nächste Kapitelüberschrift deutet Streik an.) Auch der Erste Weltkrieg findet sehr im Hintergrund statt. Man lebt auf dem Land. Politik ist Männersache.
doch ich bezweifle, dass die Art Heim damals humane Maßnahmen ergriffen hat.
Was galt damals schon Humanität? Die Sozialfürsorge war schwach aufgestellt, Heimkosten kaum zu bezahlen. Erschreckend, dass niemand Severin in der Anstalt besucht hat. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Von einer Last befreit. Der Junge wäre ja immer stärker und unberechenbarer geworden, hätte immer mehr Essen beansprucht. In dieser gefühlsreduzierten Welt stellte man sich dem Faktischen, für Emotion war kein Platz. Es ist unglaublich, was nur 100 Jahre verändert haben.
 

Literaturhexle

Moderator
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2. April 2017
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Man wünscht Martha ein bisschen Glück. Der Schuhmacher scheint zumindest ein ehrlicher Mann zu sein. Dadurch, dass seine Eltern so früh sterben, hat er keine Verpflichtungen mehr ihnen gegenüber, aber auch keine Hilfe beim Aufziehen der Kinder. Wieder wird Martha einer Bezugsperson beraubt. Das Verhältnis zur Schwiegermutter ließ sich ja ganz gut an.
Die Männer rund um Martha scheinen weitgehend anständig zu sein. Bislang hat sich ihr niemand unsittlich genähert. Angesichts ihrer minderen Rolle als Verdingkind ist das schon mal was.

Es gibt noch einiges zu sagen, aber ihr seid ja auch noch dran;)

Ich lese das Buch recht gern. Es ist wohltuend einfach nach mehreren zähen Lektüren. Euphorie empfinde ich allerdings auch noch keine. Der Hartmann-Sound ist gewöhnungsbedürftig.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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„ Die Kinder werden verdingt, …. Später wird sie denken, dass das Wort ja stimmt, sie sind zu Dingen geworden.“
„ sich verdingen“ ist ein altertümliches Wort für „ einen Dienst annehmen“ -hier bei Lukas Hartmann bekommt es eine andere Bedeutung, eine, die das Wort „ Verdingkinder“ zurechtrückt. Diese Kinder sind eine Ware geworden.

Bevor ich Eure Kommentare lesen, kurz mein Eindruck:
Ich genieße den Roman sehr, obwohl es kein Wohlfühlbuch ist. Lukas Hartmann erzählt ohne literarische Raffinessen, dafür in einer klaren und passenden Sprache von einem unspektakulären Leben, das es trotzdem wert ist, aufgeschrieben zu werden. Ein Leben in bitterer Armut ohne große Chancen, wie es für viele Menschen in dieser Zeit gilt.
Er erzählt aus Marthas Perspektive und ich war sofort eingenommen von dieser Figur. ( Endlich wieder ein Charakter, mit dem man mitfühlt und dessen Schicksal den Leser berührt.)
Martha ist eine starke Persönlichkeit, das merkt man, auch wenn sie zurückhaltend und schüchtern ist. Sie hat ein gutes Gespür für sich und die Welt um sich herum. Sie ist klug und interessiert. Was hätte aus ihr werden können mit der entsprechenden Förderung? Obwohl sie lang Dinge erträgt, kann sie sich auch zur Wehr setzen, sich Hilfe holen oder sich für ihre Ziele einsetzen ( Rad kaufen und radfahren lernen z.B.)
“ Die aufbegehrende Seite in ihr kämpft manchmal, nachts vor dem Einschlafen, heftig gegen die duldsame, die ihr Dankbarkeit abverlangt. Ja, sie ist oft im Streit mit sich selbst und kann mit niemandem darüber reden, oder will es nicht.“
Sie reflektiert ihre Situation, hat aber wenig Möglichkeiten, sie zu verändern. Die, die sie bekommt, nutzt sie.
Dass ihre Verbindung zur Herkunftsfamilie gerissen ist, bedauert sie zwar, hat auch ein schlechtes Gewissen, weil sie sich nicht um ihre Mutter kümmert. Doch ihr Leben ist schon schwer genug, mehr tragen kann sie nicht.
Der Erste Weltkrieg hat auch Folgen für die Schweiz. Für die Armen wird es noch schwieriger ( Reiche werden Gewinne machen, aber das nur am Rande, davon schreibt Hartmann nicht).
Auch wenn es keine wirkliche Liebesheirat war, scheint die Ehe Marthas Los verbessert zu haben. Endlich gibt es Menschen, denen etwas an Martha liegt. Wie sehr sie an der Lieblosigkeit gelitten hat, wird schon deutlich. Auch wenn die Bauernfamilie sich um Martha gekümmert hat. Aber immer nur das Notwendigste, und Liebe und Zuwendung gab es dort nicht. Sie war tatsächlich nur ein nützliches „ Ding“.
Von den beginnenden Arbeitsunruhen in der Strickerei hält sie vorerst nichts. „ Alle haben doch ihren Platz im Leben, es ist gefährlich, ihn verlassen zu wollen.“ Mal sehen, ob sich an dieser Einstellung etwas ändert.
Zunächst wird Martha erstmal Mutter.
Ich freue mich aufs Weiterlesen.
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
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DIE SCHWABENKINDER ,
Das Buch habe ich nicht gelesen, aber den Film gesehen. Sehenswert und sehr berührend!
Letztes Jahr habe ich zu diesem Thema eine Ausstellung in einem Vorarlberger Museum besucht.
ER, der Dunkle, der Unsichtbare, ist die Angst die sie immer begleitet.
Dieses Bild drückt sehr schön ihre Gefühle aus.
mit wievielen widersprüchlichen Gefühlen Martha im Umgang mit Severin kämpft
Auch das wird sehr schön gezeigt. Sie registriert auch , dass das Gefühl ihrer Macht ihr , wenn auch nur kurz, gefällt.
Such das setzt Martha und ihrem Gewissen zu.
Denn sie war verantwortlich dafür, dass Severin ins Heim kam. Doch ob daheim oder in der Anstalt, schön war es nirgends für Severin. An Förderung für Behinderte dachte man damals kaum oder garnicht.
Der Schreibstil ist wenig poetisch, wenig ausgeklügelt, aber gut zu lesen
Einfach erzählt, ja und trotzdem packt es mich. Hier berührt das Los der Protagonistin, das reicht. Für Schnörkel oder Poesie gibt es im Leben von Martha keinen Platz . Deshalb empfinde ich den Schreibstil als passend.
Martha hat ein schlechtes Gewissen, was sehr für sie und ihren Charakter spricht wie ich finde.
Ihr Charakter wird sehr differenziert dargestellt. Lukas Hartmann kann sich sehr gut in seine Figur einfühlen.
Interessant, wie duldsam das Mädchen all diese Benachteiligungen erträgt. Sofort gliedert sie sich in die Rangfolge ohne Murren ein. Man nimmt das Leben, wie es ist. Egoismen sind fehl am Platz. Wie sehr unterscheidet sich diese Haltung von der heutigen, in der es nur um Selbstbestätigung, Glück, Wellness und Ähnliches geht. Zudem ist Martha klar, dass es noch viel schlimmer hätte kommen können.
Diesen Gegensatz zu unserem Leben empfinde ich auch ganz stark. Doch ich kann hier sehr viel nachempfinden. Manches erinnert mich an Geschichten, die mein Vater erlebt und erzählt hat. Er hatte zwar kein solches Los wie Martha, ist aber auch in bitterer Not aufgewachsen.
Mich nerven auch oft die Geschichten von heute, die vielen eingebildeten oder scheinbaren Probleme unserer satten Gesellschaft.
empfinde ich die Szene seltsam distanziert.
Habe ich so garnicht empfunden. Martha ist ein Kind, das gelernt hat, seine Gefühle zu verstecken. Da wäre ein emotionaler Ausbruch unglaubwürdig gewesen.
Oder ist dieses Verhalten ein Resultat aus der benachteiligten Rolle der Frauen
Nein. Die Familie wurde auseinandergerissen, Kontakt zu halten war schwierig. Jeder war voll mit seinem Alltag beschäftigt. Und jede Begegnung hat wieder an den Verlust gerührt. Da trennt man lieber seine Gefühle von sich ab.
Die Mutter will nicht mehr so genannt werden. „ Mutter sei sie nicht mehr, könne es nicht mehr sein, sie hätte auch nicht die Kraft dazu.“ Da höre ich sehr viel Schmerz, viele Selbstvorwürfe heraus.
Aus dem Auge, aus dem Sinn. Von einer Last befreit.
Glaube ich nicht. Die Gedanken, v.a. der Mutter, werden bei ihm sein. Aber sie sah keine Möglichkeit, etwas zu verändern. Und eine Last weniger war es trotzdem. Zwiespältige Gefühle werden es sein.
 

Eulenhaus

Aktives Mitglied
13. Juni 2022
346
1.642
44
Ich finde den Schreibstil genau richtig, er ist einfach, sachlich aber auch berührend.
Die politischen Geschehnisse erwähnt Hartmann kurz, um Marthas Leben der Zeit zuzuordnen. Das passt, denn Martha interessiert sich wenig für politische und gesellschaftliche Ereignisse/Umbrüche. Sie lebt in ihrer von Arbeit geprägten Welt.
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
2.397
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49
Was für ein ärmliches Leben von Anfang an. Aber die Männer kennen da nix: 6!! Kinder zeugen, die man vielleicht nicht ernähren kann. Und hier kommt es ganz schlimm: der Vater verunglückt und stirbt am Ende. Tragisch, dass die Familie jetzt ganz auseinanderbricht. Anscheinend mochten sich die kleine Martha und ihr Vater am liebsten. Mit der Mutter hat sie dann später kaum und dann gar keinen Kontakt mehr und mit den Geschwistern auch nicht. Überhaupt ist alles ziemlich gefühlsarm, was sich hier auch in einer distanzierten, schlichten, emotionslosen Sprache ausdrückt.

Auch die spätere 'Familie', wo die arme kleine Martha als 'Verdingkind' – ein Ding! - leben muss, ist für sie keine Heimat; sie gehört nie richtig dazu und kommt mir ziemlich einsam vor. Sie kriegt nicht mal genug zu essen, erst, als sie danach fragt, wird es besser. Überhaupt scheint die kleine Martha ein besonderes Kind zu sein mit frühem Lesen und Schreiben und den Gedanken, die sie sich macht. Sie ist intelligent und auch handwerklich geschickt, was ihr zuerst einmal wenig nützt – Arbeit in der Fabrik. Aber sie ist zielstrebig, was sich bei der Sache mit dem Fahrrad zeigt.

Und dann eine frühe Heirat mit einem zehn Jahre älteren Mann. Der scheint aber 'in Ordnung' zu sein: schüchtern, ziemlich unerfahren, aber als Schuhmacher auch nicht gerade rosig gebettet. Und nun ist sie schwanger … Bis jetzt hat Martha noch nichts aus dem in ihr schlummernden Potenzial machen können. Mit Kindern wird es dann auch nicht einfacher. Ich lese gerne weiter, eine Erholung nach fordernder problematischer Lektüre.​
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
2.397
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49
Ich fand es sehr gut beschrieben, mit wievielen widersprüchlichen Gefühlen Martha im Umgang mit Severin kämpft.
Das war mir auch aufgefallen. Einerseits will sie nicht über ihn 'herrschen', hat Mitleid, andererseits muss sich klar kommen und Gewalt anwenden, weil sie sonst selber untergeht. Ein kleines Gefühl von Macht verspürt sie auch.
Freilich die große Liebe ist es nicht
Das war in der damaligen Zeit wahrscheinlich auch nicht zu erwarten.
Die Sprache ist lakonisch, beschreibend. Emotionen sind völlig zurückgenommen. Selbst, als der Kummer Martha übermannt und sie beim Lehrer weint, empfinde ich die Szene seltsam distanziert.
Das passt gut zu Martha, zur Situation, zur Zeit. Und doch schimmert da etwas durch.
Ich finde es seltsam, dass sich ihre leibliche Mutter so aus Marthas Leben zurückgezogen hat
Ich glaube, sie ist gebrochen und vegetiert nur noch dahin. Sie kann nicht mehr, kann nicht mal mehr einen Rest Liebe für ihre Kinder aufbringen.
Bislang hat sich ihr niemand unsittlich genähert. Angesichts ihrer minderen Rolle als Verdingkind ist das schon mal was.
Das ist mir auch aufgefallen, da hat Martha Glück gehabt.
Martha ist eine starke Persönlichkeit, das merkt man, auch wenn sie zurückhaltend und schüchtern ist. Sie hat ein gutes Gespür für sich und die Welt um sich herum. Sie ist klug und interessiert. Was hätte aus ihr werden können mit der entsprechenden Förderung? Obwohl sie lang Dinge erträgt, kann sie sich auch zur Wehr setzen, sich Hilfe holen oder sich für ihre Ziele einsetzen ( Rad kaufen und radfahren lernen z.B.)
Eine sehr schöne zusammenfassende Charakterisierung. Man würde Martha wünschen, dass sie wenigstens ein bisschen von ihrem Potential entfalten könnte. Aber noch sehe ich das nicht.
 

Bücherfreundin

Aktives Mitglied
6. November 2022
521
2.531
44
58
Erst als der deutlich stärkere und ältere Junge ausbrechen und sich mit Martha und deren Willen messen will, greift Martha härter durch und wendet letztlich auch Gewalt gegen ihn an. Damit fühlt sie sich aber nicht wohl, es widerspricht ihr und trotzdem bleibt ihr nichts anderes übrig, um ihn im Griff zu behalten
Was mich so bedrückt hat - euch vermutlich ebenfalls- ist die Tatsache, dass die Eltern von Severin diese Entwicklung doch vorhersehen mussten. Sie kennen ihren Sohn, haben mit Blick auf den Umgang mit ihm Erfahrungen. Sie halten sich für derart gläubige Menschen und dann das - aber wahrscheinlich war es üblich damals, man hatte mit Blick auf solche Situationen wenig Schuldbewusstsein, denke ich mal…
 

Bücherfreundin

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6. November 2022
521
2.531
44
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Aus dem Auge, aus dem Sinn. Von einer Last befreit. Der Junge wäre ja immer stärker und unberechenbarer geworden, hätte immer mehr Essen beansprucht. In
So ist es oder besser, so war es wohl: „Wer arbeitet, darf auch essen“ - umgekehrt gilt das natürlich genauso. Wie oft habe ich diesen Spruch noch von meiner Großmutter gehört? Sie besaß einen kleinen Hof in Meckpomm seinerzeit…
 

Bücherfreundin

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6. November 2022
521
2.531
44
58
Der Hartmann-Sound ist gewöhnungsbedürftig.
Warte, warte nur ein Weilchen… am Ende unserer Reise durch Marthas Leben wirst vielleicht das Gefühl haben, sehr gut und sehr intensiv an dieser Geschichte beteiligt gewesen zu sein. Ja, Hartmann schreibt sachlich, fast ein bisschen kühl. Und doch hatte ich nach jeder seiner Geschichten das Gefühl, den Charakteren sehr nahe gekommen zu sein und sie wirklich ein Stück begleitet zu haben.
 

Bücherfreundin

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6. November 2022
521
2.531
44
58
Die Auswahl der Ehepartners, die Magda hier trifft, hat mich noch eine le beschäftigt. Um Emotionen geht es dabei nicht, der Mann muss „anständig“ sein und Arbeit haben - wir können es uns heute leisten, unseren Gefühlen Raum zu geben. Was für ein Privileg…
 

Bajo

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16. Juni 2023
681
3.400
44
Ich bin recht angetan von diesem Roman. Die kurzen Sätze gefallen mir. Auch die beinahe sachliche, distanzierte Sprache. Sie passt sehr gut zu der Zeit, in der der Romam spielt: eine andere, harte Zeit. Martha wächst in Armut auf und kommt als Verdingkind bei sehr frommen Menschen unter, die sie nicht wirklich schlecht, aber auch nicht angemessen behandeln. Immerhin "darf" sie zur Schule gehen und ihr Leben bessert sich etwas, nachdem sie mit ihrem Lehrer Räber spricht, der ihr hilft.
Die Sprache ist lakonisch, beschreibend. Emotionen sind völlig zurückgenommen. Selbst, als der Kummer Martha übermannt und sie beim Lehrer weint, empfinde ich die Szene seltsam distanziert.
Gerade diese Szene habe ich gar nicht distanziert wahrgenommen. Im Gegenteil, ich hatte einen Kloss im Hals und fühlte mich wie Martha, die bei Ausformulierung ihrer Nöte kurz davor ist, in Tränen auszubrechen. Insofern finde ich, dass der nüchterne Sprachstil die Härte ihres Lebens gut spiegelt. Ihre zwischengeschobenen eigenen Gedanken in der Nacht lassen in ihre Seele blicken.
Ich glaube, dieses zarte, intelligente, für ihr Alter kleines Mädchen, wird noch eine starke Frau werden, bin gespannt !
Vieles an den hier beschriebenen Menschen erinnert mich sehr an meine Eltern und Großeltern. Besonders die Annäherung zwischen Jakob und Martha, "grosse Liebe" ?, oh je, diese Menschen hatten andere Sorgen, über Gefühle, so wie wir das heute tun, sprach man nicht und ich kenne das auch nicht von meinen Eltern, beide kurz vor dem 2. Weltkrieg geboren. Dennoch sehr anrührend, wie Jakob Martha über die Wange streicht, obwohl so sachlich geschrieben, als äusserstes Zeichen seiner Zärtlichkeit.
 

Bajo

Aktives Mitglied
16. Juni 2023
681
3.400
44
Ich finde es seltsam, dass sich ihre leibliche Mutter so aus Marthas Leben zurückgezogen
Ich glaube auch, dass es für die Mutter Selbstschutz war, so zu reagieren. Anders war es für sie nicht zu ertragen.
Einfach erzählt, ja und trotzdem packt es mich. Hier berührt das Los der Protagonistin, das reicht. Für Schnörkel oder Poesie gibt es im Leben von Martha keinen Platz . Deshalb empfinde ich den Schreibstil als passend.
Sehr schön auf den Punkt gebracht! So sehe ich es auch.
Die Mutter will nicht mehr so genannt werden. „ Mutter sei sie nicht mehr, könne es nicht mehr sein, sie hätte auch nicht die Kraft dazu.“ Da höre ich sehr viel Schmerz, viele Selbstvorwürfe heraus.
Ja genau. Die Mutter ist am Ende ihrer Kräfte, das nehme ich auch so wahr.
Zu behinderten Menschen/Kindern hatte man damals wohl noch ein ganz anderes Verhältnis, ein sehr schambehaftetes, vlt. nicht unbedingt liebloses, aber dafür hilfloses . Auch das kommt hier sehr gut rüber: nach dem Besuch des Lehrers reden die Eltern sehr laut, niemand schien vorher richtig bescheid über Severin zu wissen, den Eltern fällt es wohl schwer, ihn abzugeben.
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
19.860
51.368
49
Was hätte aus ihr werden können mit der entsprechenden Förderung?
Ja, die Frage stellt man sich unwillkürlich.
mit Blick auf solche Situationen wenig Schuldbewusstsein, denke ich mal…
Die Aufgabe war maßlos unbeliebt. Das schwächste Glied bekommt sie. Man kann ja schon froh sein, dass Martha Tipps bekommt, die zumindest anfangs helfen.
wir können es uns heute leisten, unseren Gefühlen Raum zu geben. Was für ein Privileg…
Völlig andere Zeit. Es würde manchem gut tun, mal wieder zu verinnerlichen, was schwere Zeiten wirklich sind.
 

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