1. Leseabschnitt: Kapitel 1 bis 4 (Beginn bis Seite 70)

Literaturhexle

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2. April 2017
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Ach, das tut gut, eine Autorin zu lesen, die es beherrscht, schon in wenigen Zeilen Atmosphäre zu schaffen! Ihre Beschreibungen der Gegend, des Gartens, der Wohnhäuser - alles sehr bildhaft und plastisch. Zunächst wirkt das alles fast wie eine Idylle: Mary Perrault mit ihrer reichen Kinderschar, die ihre Pflichten auf der kleinen Farm kennen, aber auch Freiheiten haben. Wie nebenbei werden die Kinder charakterisiert. Melanie scheint die temperamentvollste als einzige Tochter zu sein. Mary hat noch Zeit, um sich ehrenamtlich zu betätigen und andere Frauen des Ortes zu treffen. Kurz skizziert wird, wie die Familie überhaupt nach Kalifornien gekommen ist. Mary und ihre Freundin Agnes stammen aus Schottland, Mr Perrault ist Franzose mit hugenottischen Wurzeln. Religion ist kein großes Thema in der Familie.

Aufgehorcht habe ich natürich bei diesem Satz auf S.21:
Diese Felder wurden an den vielen Tagen, die noch vor Mary P. lagen, in der Erinnerung zu Feldern vor einem Sturm, helles, klares Sonnenlicht holt da vor einer düsteren Wolkenwand Vertrautes gestochen scharf hervor. Die Katastrophe ist fürs Erste gebannt und stellt alles, was sie schon bald zerstören wird, noch einmal in ein besonderes Licht.
Wie toll das formuliert ist! Da läuft mir doch eine Gänsehaut über den Rücken. Aber danach wird es zunächst wieder friedlich - bis die Nachricht vom schrecklichen Unfall Kunde macht. Natürlich erkennt Mary, wie knapp sie selbst dem Tod entgangen ist (auch so ein Satz auf S. 43!), der Verlust der Freundin schmerzt. Solche Ereignisse machen jedem Menschen die Vergänglichkeit der eigenen Existenz deutlich...

Trotzdem bricht Mary nicht zusammen. Diese Menschen sind so konditioniert, dass sie stets versuchen zu funktionieren, was auch für Agnes´Mann gilt, der zwar dankbar für die abendliche Gesellschaft ist, sich ansonsten aber mit Arbeit ablenkt. Hier muss ich wieder eine Stelle zitieren, die ohne viel Pathos und Tränendrüsigkeit die Gefühle dieses Mannes abbildet:
Er ging durch die Küche, streckte die Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen über den Tisch....; es war wie ein unbestimmtes Greifen nach Halt. (...) S. 54
Ich liebe Erzähler, die soviel an Stimmung und Empathie mit ihren Figuren erzeugen können!

Im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Jugendfreundin erinnert sich Mary an Geschichten von der Todesfee und andere Legenden rund um gestorbene Menschen. Der Abschnitt endet damit, dass sich Nachbar Lem wieder Gesellschaft ins Haus holen und seine Neffen einladen will. Zunächst mal eine gute Idee.

Erwähnen möchte ich das leerstehende Haus auf dem trockenen Land, das bereits zweimal genannt wurde. Das wird noch bedeutsam sein, vermute ich mal.

Obwohl nicht allzu viel im klassischen Sinn passiert ist, bin ich sehr angetan von der unaufgeregten, präzisen Erzählweise der Autorin. Das Setting erinnert mich ein bisschen an Kent Haruf. Es gibt Dampflokomotiven und laute Automobile. Man bewirtschaftet sein eigenes Land. Zumindest Mr Perrault hat aber noch zusätzlich eine feste Anstellung beim Wasserwerk. Wasser scheint immens wichtig zu sein in dieser Gegend.

Ich bin gefesselt und lese gerne weiter.
 

petraellen

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11. Oktober 2020
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"Die Berghänge waren nur schemenhaft zu erkennen hinter einem silbrigen Dunst von Staub, kein Nebel, sondern derart feiner Staub, ass die Luft vollkommen rein und der Dunst selbst ein Übermaß an Licht zu sein schien." (S. 21)
Sehr atmosphärisch, detailliert und poetisch. Es entsteht ein greifbares Bild alter Meister, friedvoll, verträumt und sanft. Wunderschön geschrieben.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
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Thüringen
Auch mir gefallen die Beschreibungen zur Umgebung und Atmosphäre, den Pflanzen, die Farm an sich. Ich sehe das alles vor mir, oder glaube zumindest ein Bild davon zu haben.
Die sehr langsame Erzählweise wirkt auf mich aber auch ein bisschen zäh. Wie @Literaturhexle schon meinte, ist noch nicht viel passiert. Und dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass schon 70 Seiten gelesen sind. Ich bin gespannt, ob und vor allem wie die Handlung noch an Fahrt aufnehmen wird. Wir haben ja auch noch ein paar Seiten vor uns. Aber wegen mir könnte die Dampflok ein wenig an Fahrt zulegen... Okay, das Bild ist in Anbetracht des Unfalls vielleicht etwas pietätlos, aber es passt in die Zeit. ;)
Leider muss ich sagen, dass ich zur Person Mary und auch zu ihrer Familie bisher noch keine Beziehung aufbauen konnte. Der Unfall ihrer besten Freundin sowie die Auswirkungen auf Mary haben bei mir keinerlei emotionalen Eindruck hinterlassen. Auch kann ich mir die Kinder von ihr nur schwer vorstellen. Ist die Tochter mit ihren 15 Jahren die Älteste von allen? So hätte ich den Kommentar von Mrs. Hardy gedeutet, als es darum ging, dass die Tochter ihr ja vielleicht bald ein Enkelkind schenkt. Wenn sie mit 15 die Älteste ist, dann hätte ich nicht erwartet, dass Mary schon 50 Jahre alt ist, wie gegen Ende erwähnt. Die Personen bleiben für mich also noch wenig greifbar. Ich hoffe das kommt noch.
 

petraellen

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11. Oktober 2020
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Der Roman spielt im Süden Kaliforniens.
Nicht in Los Angeles oder in Francisco, sondern in einem kleinem Ort und dort wird vielleicht auch nicht auf den ersten Blick so viel passieren.
Zeitlich ist die Handlung ungefähr 1930 zuzuordnen. Der Ort ist fiktiv. Das Leben scheint dort stillzustehen. Wir werden eingeführt in die Familiensituation von Mary Perrault. 4 Kinder, ihr Mann arbeitet als Kaninchenzüchter. Das Leben ist mittelmäßig. Vor diesem Hintergrund ist bisher der ruhige und auch sehr ausführliche Schreibstil in epischer Langsamkeit zu erklären.
Der englische Originaltitel „Darkening Sky“ bedeutet „verdunkelnder Himmel“, könnte andeuten, dass es nicht so friedlich bleibt. Bereits wenige Seiten später wird die Idylle gestört.
Mary Perrault trifft ihre Freundin Agnes Hardy, und genau ihre Freundin ist es, die bei einem Autounfall mit einem Zug bei einem Bahnübergang ums Leben kommt. (S.41) Im Auto saßen auch ihre Enkelkinder, die den Unfall ebenfalls nicht überlebten.
Hier zeigt sich schon der erste Riss. Ausführlich und ruhig wird der Hergang und auch die Reaktionen beschrieben. Was mir gefällt, es wird nicht reisserisch berichtet, sondern ruhig und sachlich, aber nicht emotionslos. Die Ausführlichkeit der einzelnen detailreichen Beschreibungen, lässt das bisherige Geschehen, wie in einem Film vorüberziehen.
Wie wird es weitergehen?
 

petraellen

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11. Oktober 2020
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Aufgehorcht habe ich natürich bei diesem Satz auf S.21:

Diese Felder wurden an den vielen Tagen, die noch vor Mary P. lagen, in der Erinnerung zu Feldern vor einem Sturm, helles, klares Sonnenlicht holt da vor einer düsteren Wolkenwand Vertrautes gestochen scharf hervor. Die Katastrophe ist fürs Erste gebannt und stellt alles, was sie schon bald zerstören wird, noch einmal in ein besonderes Licht.


Es geht dann ja noch weiter : "Am Fuße der aufstrebenden Hänge des Küstengebirges fuhr ein Zug in Richtung Süden und zog eine lange weiße Dampffahne hinter sich her." (S.22) Hier wird bereits der Zug genannt, der zum Unglück führt. Das wissen wir aber erst einige Seiten später (S.41) Sehr gut gemacht.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Das erste Kapitel, wie die Autorin das Setting anlegt, wie sie die Landschaft beschreibt, in der sich alles ereignen wird - das hat etwas Pastorales, so wie ein Bild von Constable oder David Cox. Dort wird auch direkt der Bezug zum Originaltitel erklärt. S. 21 Ich sehe alles vor mir, auch das Haus und den Ort, das verlassene Haus ...

Der Stil ist sehr kleinteilig, die Autorin nimmt sich Zeit für das Setting. Ich finde auch die Figuren gut charakterisiert; vom verträumten James bis zur charmanten Selbstsicherheit von Melanie und habe durchaus ein Gefühl von Nähe. Ich mag die einfachen Menschen, die hier beschrieben werden. Seltsam, dass Mary immer wieder als Mrs. Perrault und ihr Mann grundsätzlich nur als Perrault benannt wird.

Eine heile Welt, in der die männlich–weibliche Rollenverteilung noch nicht in Zweifel gezogen wurde. Alle Frauen scheinen völlig damit zufrieden zu sein, hinter ihren Männern herzuputzen, siehe "Katzenwäsche" im Vereinshaus, und die ewiggleiche Routine abzuarbeiten. Mary setzt sich in der Küche so hin, dass sie ihre Männer "bedienen" kann. Bei mir entsteht bei solchen Sätzen Unbehagen, aber so ist es damals wohl noch gewesen. Einzige Frau, die raushaut, ist die Vogelexpertin - die die Haare trägt "wie ein Mann" und sich bei Vorträgen so zu Hause fühlt wie Mary sich "in ihrer eigenen Küche."

Der schreckliche Unfall erschüttert diese heile Welt. Ich hab die ganze Zeit nur gedacht, hoffentlich überlebt Marys Freundin den Unfall nicht, sie würde sonst nicht mehr froh - schuld zu sein am Tod von 2 Enkelsöhnen und noch einem weiteren Menschen, darüber kommt man nicht hinweg.

Sehr anrührend die Szene, in der Lem über seine Begegnung mit den Toten spricht, "... du kannst dir nicht vorstellen, wie kaputt Fleisch und Knochen sein können, wie kaputt." Marys Exkurs in die schottische Welt der Geister.

Ich hatte etwas Schwierigkeiten, mich in das Erzähltempo einzubremsen, aber am Ende des LA war ich soweit - mir gefällt der Roman bis jetzt.
 

alasca

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13. Juni 2022
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Es geht dann ja noch weiter : "Am Fuße der aufstrebenden Hänge des Küstengebirges fuhr ein Zug in Richtung Süden und zog eine lange weiße Dampffahne hinter sich her." (S.22) Hier wird bereits der Zug genannt, der zum Unglück führt. Das wissen wir aber erst einige Seiten später (S.41) Sehr gut gemacht.
Sehr gut aufgepasst, guter Gedanke!
 

Anjuta

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8. Januar 2016
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Essen
Ich hatte den folgenden Beitrag an falscher Stelle postiert und kopiere ihn deshalb hier nochmal richtig rein.

Sie schreibt wirklich schön. Ich gebe Euch da ganz recht. Aber es geht wirklich die ganze Zeit irgendwie um Selbstverständlichkeiten. Der pure und bloße Alltag tritt uns hier literarisch entgegen. Das kann schon gehörig langweilig und eintönig sein, oder? Ich versuche mich wie ihr an der schönen Sprache zu erfreuen und das klappt auch immer wieder ganz gut. Aber dann freue ich mich auch tierisch, wenn mal tatsächlich was passiert. Wie etwa der Unfall der Freundin. Jetzt möchte ich nicht sagen, dass ich mich gefreut habe, dass sie diesen Unfall hatte. Aber dass die Handlung ein bisschen Fahrt aufgenommen hat, das war schon sehr erfreulich.
Ich bin also - um es zusammenzufassen - bisher mäßig begeistert. Das Buch könnte nach meinem Interesse, doch ein bisschen mehr abheben und Fahrt aufnehmen.
 

Querleserin

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30. Dezember 2015
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Wadern
querleserin.blogspot.com
@petraellen: Woraus liest du ab, dass der Roman 1930 spielt? Wegen des Settings, der Lokomotive? Oder gibt es einen weiteren Hinweis, würde mich interessieren ;)
Ich schwanke noch, ob mich der Stil fasziniert, wie einige von euch, oder ob mir die Langsamkeit, fast schon Betulichkeit zu viel ist.
Die Autorin versteht es Atmosphäre zu schaffen, Bilder vor dem geistigen Auge erscheinen zu lassen, jedes kleinste Detail wird beschrieben.
Mrs. Hardy schaute von der leicht erhöhten Böschung über den Graben und die unbebauten Felder hinweg zu einem kleinen Haus, das mittlerweile schon ein paar Jahre lang leer stand und von ausgeblichenem Fuchsschwanzgras und Flughafer umwuchert war, die wie Wellen an den Hauswänden emporleckten, und dann wieder in den staubbedeckten Reichtum der Obstbäume und Gartenbeete ihrer Freundin.
Ganz viele Details, Adjektive, Metaphern, so dass man das Haus, das vielleicht noch bedeutsam wird, sehen kann. Aber wie gesagt, mir sind es manchmal zu viel der Adjektive, der Metaphern, der Details...
Die Figuren hingegen werden gut gezeichnet und wirken in ihrem Handeln auch authentisch. Dass Mary versucht, Lem zu trösten, indem sie ihm Tee kocht, alltägliche Dinge verrichtet, um einen Anschein von Normalität zu wahren. Auch dass sie sich um ihn kümmert, macht sie zu einer liebenswerten Persönlichkeit.
Leider muss ich sagen, dass ich zur Person Mary und auch zu ihrer Familie bisher noch keine Beziehung aufbauen konnte. Der Unfall ihrer besten Freundin sowie die Auswirkungen auf Mary haben bei mir keinerlei emotionalen Eindruck hinterlassen.
Insofern kann ich dem, was GAIA geschrieben hat, nicht zustimmen. Unter der Fassade, die Mary aufrecht erhält, spürt man ihre Verzweiflung, ihre Trauer, die sich im Verlauf der Handlung noch Bahn brechen werden. Angedeutet wird im 4.Kapitel, dass sie mehr über ihre Heimat spricht, auch weil sie diese mit ihrer Freundin Agnes verbindet. Trotz des langsamen Tempos lese ich gern weiter.
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Der schreckliche Unfall erschüttert diese heile Welt. Ich hab die ganze Zeit nur gedacht, hoffentlich überlebt Marys Freundin den Unfall nicht, sie würde sonst nicht mehr froh - schuld zu sein am Tod von 2 Enkelsöhnen und noch einem weiteren Menschen, darüber kommt man nicht hinweg.
Ich habe es mir genauso gewünscht wie du und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Mary hat so gehofft, dass die Freundin überlebt, also hatte sie das Gefühl, Agnes könnte darüber hinwegkommen. Für mich selbst würde ich mir in diesem Fall den Tod wünschen.
 
Zuletzt bearbeitet:

petraellen

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11. Oktober 2020
490
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Woraus liest du ab, dass der Roman 1930 spielt? Wegen des Settings, der Lokomotive? Oder gibt es einen weiteren Hinweis, würde mich interessieren ;)
Steht auf dem Buchrücken. "Aber am Horizont ziehen Wolken auf, als der Bankencrash von 1929 sich auch in ihrem Alltag und in dem zunehmend egoistischen Verhalten der Menschen in ihrer Umgebenen bemerkbar machen. " Ich habe geschrieben: Zeitlich ist die Handlung ungefähr 1930 zuzuordnen.
 

Barbara62

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19. März 2020
4.164
15.997
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Ich schwelge bisher in diesem Buch und der Vergleich zu Kent Haruf kam mir zwar nicht in den Sinn, aber er ist sehr passend. Nach dem wütenden Furor in "Kathedralen" bin ich mit "Draußen die Welt" buchstäblich heruntergekommen und die Differenz zwischen der zerstückelten Leiche auf der Müllhalde und Marys Familienglück hätte nicht größer sein können. Für mich muss das Tempo nicht zulegen, es ist genau so, wie ich es bei meinem derzeitig umtriebigen Alltag brauche.

Was mir besonders gefällt und wohltut, ist die Zufriedenheit, in der Mary lebt. Sie hadert nicht mit ihrer Rolle, fühlt sich nicht eingeengt, sondern nimmt alle Aufgaben mit Freude an. Innerhalb gewisser Grenzen - das Essen muss natürlich pünktlich auf dem Tisch stehen ;) - ist sie frei in ihrem Tun.

Bis zum Unglück liegt auf Marys Welt ein beneidenswerter Segen. Der Garten gedeiht unter ihrer Pflege, die Ehe scheint gut, die Kinder machen keine größeren Sorgen, mit den Nachbarinnen und Nachbarn herrscht Eintracht und obwohl nicht viel Geld da ist, lebt die Familie auskömmlich. Trotz dieser an sich idyllischen Schilderung gibt es den ein oder anderen Hinweis auf Probleme: Wasserknappheit, das leerstehende, verfallende Haus, alles schlechte Anzeichen.

Ich freue mich ausgesprochen aufs Weiterlesen.
 
Zuletzt bearbeitet:

alasca

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13. Juni 2022
3.328
10.680
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Ich schwelge bisher in diesem Buch und der Vergleich zu Kent Haruf kam mir zwar nicht in den Sinn, aber er ist sehr passend.
In der Tat! Und Haruf mag ich sehr! Die Atmosphäre ist ganz ähnlich, wenn Haruf auch deutlich dichter schreibt.
die Differenz zwischen der zerstückelten Leiche auf der Müllhalde und Marys Familienglück hätte nicht größer sein können.
Deswegen lese ich derzeit auch nicht mein anderes LR-Buch, "Lapvona", sondern dieses.
Was mir besonders gefällt und wohltut, ist die Zufriedenheit, in der Mary lebt. Sie hadert nicht mit ihrer Rolle, fühlt sich nicht eingeengt, sondern nimmt alle Aufgaben mit Freude an. Innerhalb gewisser Grenzen - das Essen muss natürlich pünktlich auf dem Tisch stehen ;) - ist sie frei in ihrem Tun.
Die Bescheidenheit der Ansprüche aller Figuren finde ich sehr charakteristisch für den Roman. Melanie sucht sich einen Job in einer Eisdiele (oder Süßwarenladen?), hat keinerlei Ehrgeiz, "mehr" zu werden - wozu sie das Potential hätte. Aber so hat damals offenbar niemand gedacht, jedenfalls nicht in dieser Schicht.
Bis zum Unglück liegt auf Marys Welt ein beneidenswerter Segen. Der Garten gedeiht unter ihrer Pflege, die Ehe scheint gut, die Kinder machen keine größeren Sorgen, mit den Nachbarinnen und Nachbarn herrscht Eintracht und obwohl nicht viel Geld da ist, lebt die Familie auskömmlich. Trotz dieser an sich idyllischen Schilderung gibt es den ein oder anderen Hinweis auf Probleme: Wasserknappheit,
Besonders übel: das versalzende Brunnenwasser durch die übermäßige Ausbeutung des Grundwassers.
 

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
10.163
23.477
49
Brandenburg
Ich bin nun auch so weit und habe den ersten LA beendet.
Man merkt der Sprache gleich an, dass es sich um einen älteren Roman handeln muss - flugs sah ich die Lebensdaten der Autorin nach, indeed.
Deshalb haben wir auch eine gemütlich-idyllische gemächliche Sprache ohne Sprachexperimente. Sehr erholsam.
Inhalt: Ländliche Idylle, sehr viel Arbeit, aber dennoch bescheidenes Glück.
Es ist wirklich bemerkenswert, wie die Autorin die Hitze schildert. (Ringlotten mag ich nicht besonders). Bei den Landschaftsschilderungen bin ich zurückhaltend, weil ich gelernt habe, Landschaft, vor allem säuselnde Pappelblätter etc. ohne Bezug zur Handlung bedeuten Kitsch. Andererseits kann Landschaftsbeschreibung große Kunst sein. Was ist es hier? Ein Mix? Wird sich herausstellen.
Wer wunderbar Landschaft konnte, ist John Williams in Butcher's Crossing.
Die Autorin baut Distanz zu ihren Figuren auf, indem sie sie selbst ständig mit dem Nachnamen anredet. Ist das schade? Hm, wenigstens ist man dann nicht so mitgenommen als das Unglück geschieht. Absicht?
Die Menschen untereinander sind sehr miteinander verbunden. Die klaren Rollenverteilungen sind der Art des Lebens geschuldet, die Frauen machen alles Häusliche, die Männers die schwere Arbeit. Es gibt immerhin Zeitungen. Die Kinder lernen etwas. Leben an der Grenze zur Moderne.
Dass Lem Hardy sich so gehen lässt und quasi bei der Familie einzieht, finde ich befremdlich. Hier geht mir die Rollenverteilung zu weit; lässt sich einfach von Mary mitverpflegen.
Der Stil wirkt empathisch; die Menschen sympathisch.
Aber dass das Leben kein Honigschlecken ist, merkt man von der ersten Zeile an. Religion wird gelernt, in den Grundzügen von den Frauen pflichtgemäß weitergegeben, aber ausser einem bisschen Aberglauben und praktischem Verhalten ist nichts erhalten geblieben. Man hat auch keine Zeit, in den Gottesdienst zu gehen. Wie der Todesengel und die Taube einzuordnen sind, die beim Sterben erscheinen, ist mir noch unklar. Wahrscheinlich sollen beide die Seele symbolisieren.
 

Wandablue

Bekanntes Mitglied
18. September 2019
10.163
23.477
49
Brandenburg
Wasser scheint immens wichtig zu sein in dieser Gegend.
Könnte ein größeres Problem werden.
"Das Problem ist, die großen Pumpen im Tal senken den Wasserstand ständig, und wenn der Stand des Süßwassers unter den Stand des Buchtwassers fällt, dann kommt das Buchtwasser herein und wir haben Salz in den Brunnen."
Ich vermute, dass das bald passieren wird.

Obwohl nicht allzu viel im klassischen Sinn passiert
Mir passiert genug. Es wird das Leben geschildert, die Menschen werden vorgestellt und charakterisiert, man wird damit konfrontiert, dass man sich unter keinen Umständen gehen lässt, wenn man Verantwortung trägt, etc. etc.
Und dass das Leben so genommen wird, wie es kommt: keine großartige Jammerei und Klagen: Trauer ist etwas Privates und wird nicht an die große Glocke gehängt.

Nicht in Los Angeles oder in Francisco
Aber weit weg von F ist es nicht - man kann die Bucht riechen.

Das Leben scheint dort stillzustehen.
Oh nein, man arbeitet von Sonne bis Sonne. Also von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Da gibt es keinen Stillstand.

Hier zeigt sich schon der erste Riss.
In der Idylle?
In der Story?
Ich frage mich, ob die Menschen ihr Leben als Idylle aufgefasst haben. Wahrscheinlich nicht. Sie sind ziemlich pragmatisch unterwegs. Aber ich weiß natürlich, was du meinst. Der Roman verlässt den Boden einer gemütlichen Erzählung.

Aber dass die Handlung ein bisschen Fahrt aufgenommen hat, das war schon sehr erfreulich.
Natürlich!

Für mich selbst würde ich mir in diesem Fall den Tod wünschen.

Sehr erfreulich und spricht für Qualität, dass wir quasi nebenher ein ethisches Problem serviert bekommen. Es steht ausser Frage, dass der Unfall durch Agnes verursacht wurde. Ich kann mir allerdings nicht so richtig vorstellen, dass man einen Zug nicht sieht.
Dass die Mutter der Kinder nicht zum Begräbnis kommt, finde ich auch schwer vorstellbar. Selbst mit Schock - würde man doch alles daransetzen, dorthin zu fahren. Oder?
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
19.869
51.404
49
Ich kann mir allerdings nicht so richtig vorstellen, dass man einen Zug nicht sieht.
Doch, wenn man sich intensiv mit der Freundin unterhält und dazu ein lebhaftes Kind im Auto hat, das vielleicht ablenkt... Gerade auf einer Strecke, die man kennen müsste, ist schon viel passiert. Ein Moment unaufmerksam - und rumms!
Selbst mit Schock - würde man doch alles daransetzen, dorthin zu fahren. Oder?
Um allen möglichen Leuten die Hände zu schütteln? Dazu war sie vielleicht einfach nicht in der Lage. Der Umgang mit Trauer und Schmerz ist individuell sehr verschieden.
Mir passiert genug. Es wird das Leben geschildert, die Menschen werden vorgestellt und charakterisiert,
Mir passiert auch genug. Aber es ist nicht das, was man "im klassischen Sinn" als Handlung bezeichnet. Beklagen ja manche auch.