1. Leseabschnitt: Kapitel 1-6 (Anfang bis S. 75)

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Ich muss gestehen, dass ich vor Beginn der Leserunde ein wenig Zweifel im Hinblick auf meine Anmeldung bekam, weil ich hier doch ein paar kritische Stimmen um Bemerkungen gelesen hatte. Doch bisher bin ich sehr angetan.

Mir gefällt die Sprache und der Umgang mit ihr. Mr. Lockwood ist ein unterhaltsamer Erzähler, der kein Fettnäpfchen auslässt. So fand ich beispielsweise die Szene mit den Hunden auf S. 11 wahnsinnig komisch. Die gehobene Sprache konterkariert herrlich sein bengelhaftes Verhalten. Witzig auch, wie er die toten Kaninchen für lebendige Katzen hält.

Auch die Beschreibung der Wuthering Heights ist sehr gelungen. "Der wahre Himmel für einen Menschenfeind" (S. 5) ist durchaus ein Ort, an dem ich mich auch wohlfühlen würde. Sturm, Moor, Heide und keine Menschen - was gibt es Schöneres?

Recht komplex finde ich die Erzählstruktur. Bei der Verschachtelung der verschiedenen Stimmen muss ich manchmal überlegen, wer gerade spricht. Das hebt den Roman ab von anderen Werken, wo ich es oft ein wenig öde finde, wenn eine Figur die gesamte Vorgeschichte erzählt oder in einem Tagebuch liest. Doch Emily Brontë verknüpft und kombiniert geschickt.

Stark auch die Szene, in der Lockwood in dieser Kammer sitzt, liest und anschließend träumt. Hier fließen verschiedene Elemente wunderbar ineinander. Auch thematisch zwischen Liebesdrama und Schauergeschichte.
Gespannt bin ich, ob wir verschiedene Wahrnehmungen der Charaktere präsentiert bekommen werden. So würde Heathcliff seine Kindheit und sein Verhalten sicherlich anders schildern als Mrs. Dean.

Ich bin jedenfalls sehr angetan und lese sehr gern weiter.
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Mir gefällt der Schreibstil sehr gut, es wirkt nicht gestelzt, das gefällt mir.

Die Leidensgeschichte des Jungen Heathcliff am Ende dieses Abschnitts hat mir sehr geholfen einiges, was zuvor beschrieben wurde, besser zu verstehen. Wobei ich nicht nur Mitleid mit ihm empfinden kann, wenn man bedenkt, wie er sich nun verhält.

Als Mr Lockwood bei Heathcliff einkehrt, wird ihm schnell bewusst wie unwirtlich und unpersönlich der Hausherr ist. Sein Missgeschick, dass er ihn für den Ehemann hält, er aber der Schwiegervater der jungen Dame ist, ist nur eins der Fettnäpfchen in die er tritt. Trotz des Unwetters wäre es dem Hausherrn definitiv lieber gewesen, er wäre sofort wieder gegangen. Doch der Umstand, dass die Haushälterin Mr Lockwood in ein bestimmtes Zimmer führt, zeigt dem Leser ein wenig von dem Leid Heathcliffs.

Alles in allem habe ich ein wenig gebraucht um alles in den richtigen Zusammenhang zu bringen. Ich hoffe, dass mir nichts entgangen ist.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Mir fiel der Einstieg ebenfalls sehr leicht, nach der ersten Irritation mit der Erzählstimme. Ich habe eher einen auktorialen Erzähler erwartet, der mir die Geschichte chronologisch erzählt. Außerdem konnte ich einen Mr.Lockwood nicht im Stammbaum finden.
Aber, wie gesagt, meine Irritation war sehr kurz.
Ich mochte diesen Mr. Lockwood sehr, dem es in dieser Einöde gefällt. Da ging es mir wie Christian, nur Natur und keine Menschen, da würde ich mich ebenfalls wohlfühlen.
Was natürlich auffällt, ist das völlig ungastliche Verhalten von allen Bewohnern. Nicht nur der Gutsherr verhält sich unmöglich, auch Joseph und die Schwiegertochter. Da fragt man sich, ob die wohl immer schon so waren oder was sie so menschenfeindlich werden ließ.
Richtig gruselig war die Nacht für Lockwood. Gibt es hier Geister und wenn ja, wessen Geist spukt hier herum?
Dann der Wechsel der Erzählstimme und mit ihr geht es in die Vergangenheit.
Es war zwar löblich, dass Mr. Earnshaw Mitleid mit dem verwahrlosten Jungen hatte und ihm ein Heim geboten hat. Doch sein weiteres Verhalten seinen eigenen Kindern gegenüber war sehr unklug und musste zu Rivalitäten zwischen den Jungen führen.
Heathcliff wurde gleich als komplexer Charakter eingeführt. Er ist nicht einfach dankbar, sondern berechnend, weiß, wie er seinen Ziehvater manipulieren kann.
Cathy entspricht nicht den Vorstellungen von einem braven Mädchen. Sie ist wild und lebenshungrig. Und schon als Kind vernarrt in Heathcliff.

Die Naturbeschreibungen sind ein weiterer Pluspunkt.
 

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Hier ist er. Da kann man auch sehen, wie jung die Protagonisten sind. Das erklärt auch ihr z.T. kindisches Verhalten.
Danke, der ist durchaus hilfreich. Gerade beim Alter hatte ich mich das schon gefragt, bevor in der Szene mit Isabella erstmals darauf eingegangen wird. Andererseits verrät der Stammbaum auch ein bisschen was hinsichtlich der Todesdaten und Heathcliffs Hochzeit mit Isabella. Ist aber nicht so gravierend.

Du hast auch eine andere Übersetzung habe ich gesehen, unsere ist von Siegfried Lang.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Andererseits verrät der Stammbaum auch ein bisschen was hinsichtlich der Todesdaten und Heathcliffs Hochzeit mit Isabella.
Ich habe leider erst im Nachhinein bemerkt, dass ich damit spoilere.
Mich stört das nicht, weil ich Klassiker eh nicht auf Spannung hin lese.

Ja, meine Übersetzung ist von Michaela Messner. Deshalb vermeide ich Zitate.
 
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Reaktionen: Christian1977

Die Häsin

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11. Dezember 2019
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Rhönrand bei Fulda
Wie bereits erwähnt, habe ich eine uralte Ausgabe, die bereits Zerfallstendenzen zeigt. Nun hat sich vorgestern im Buchladen ein hübsches neues Büchlein, übersetzt von Grete Rambach, in mein Blickfeld geschoben. Ich habe vorhin den ersten Leseabschnitt noch mal nachgeholt.
Ich kenne das Buch ja bereits, bin aber bei jedem Lesen aufs Neue erstaunt von dieser unglaublichen Unhöflichkeit und dem pampigen Ton, der in Heathcliffs Haushalt herrscht, und dass der Erzähler dort überhaupt ein zweites Mal hinwandert, habe ich nie verstehen können. Dass er (wie er gleich am Anfang verrät) Heathcliff für seine abweisende Art auch noch bewundert, wäre eher ein Grund mehr, ihn in Zukunft in Ruhe zu lassen.
 

milkysilvermoon

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13. Oktober 2017
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Als Mr Lockwood bei Heathcliff einkehrt, wird ihm schnell bewusst wie unwirtlich und unpersönlich der Hausherr ist. Sein Missgeschick, dass er ihn für den Ehemann hält, er aber der Schwiegervater der jungen Dame ist, ist nur eins der Fettnäpfchen in die er tritt. Trotz des Unwetters wäre es dem Hausherrn definitiv lieber gewesen, er wäre sofort wieder gegangen.

Was natürlich auffällt, ist das völlig ungastliche Verhalten von allen Bewohnern. Nicht nur der Gutsherr verhält sich unmöglich, auch Joseph und die Schwiegertochter. Da fragt man sich, ob die wohl immer schon so waren oder was sie so menschenfeindlich werden ließ.

Mr. Lockwood verhält sich meiner Meinung nach allerdings auch etwas unverschämt. Er drängt sich auf, sogar zweimal. Er lässt die Hunde nicht in Ruhe, obwohl er darum gebeten wird…

und dass der Erzähler dort überhaupt ein zweites Mal hinwandert, habe ich nie verstehen können. Dass er (wie er gleich am Anfang verrät) Heathcliff für seine abweisende Art auch noch bewundert, wäre eher ein Grund mehr, ihn in Zukunft in Ruhe zu lassen.

Ja, genau! Exakt mein Gedanke. Was will er dort, wenn er doch angeblich auch die Ruhe sucht?
 

milkysilvermoon

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13. Oktober 2017
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Ich habe leider erst im Nachhinein bemerkt, dass ich damit spoilere.
Mich stört das nicht, weil ich Klassiker eh nicht auf Spannung hin lese.

Ich bin über den ersten Abschnitt noch nicht hinaus. Es ist auch das erste Mal, dass ich diesen Klassiker lese. Aber ich habe den Eindruck, dass in den ersten Kapiteln ohnehin schon viel vorweggenommen wird. Kann mich natürlich täuschen. Fühle mich daher kaum gespoilert.
 

milkysilvermoon

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13. Oktober 2017
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Ich wollte im Wartezimmer nur mal ein wenig reinlesen und war schnell schon mit dem ersten Abschnitt fertig. Daher kann ich nur unterschreiben, dass dieser Klassiker bis jetzt sehr gut lesbar ist.

Ich habe mich am Anfang etwas schwergetan mit den Verbindungen der Personen. Die Konstellationen werden dann beim Weiterlesen jedoch klar. Und warum soll es uns anders gehen als dem unbedarften (?) Lockwood? ;)

Ich muss sagen, dass ich den Roman bisher sehr atmosphärisch finde. Die unheimliche Stimmung des Schneesturms, die eisige Atmosphäre im Innern, die gruselige Geistererscheinung im Traum…

Ich habe zu Beginn den Teil mit den Anmerkungen gesucht, weil ich welche erwartet hatte, dann aber gemerkt, dass diese tatsächlich gar nicht notwendig sind.
 

Die Häsin

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11. Dezember 2019
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Rhönrand bei Fulda
Lockwoods Verhalten, dass er dort sogar ein zweites Mal einkehrt, obwohl ihn niemand willkommen heißt, ist wohl nur aus einer alten Tradition der Gastlichkeit erklärbar. Wo das Wetter unberechenbar ist und die Häuser weit auseinander liegen, besteht eine gewisse Pflicht, Obdach zu gewähren, auch wenn man eigentlich in Ruhe gelassen werden möchte.

Mir ist bei der Lektüre dieses Buches wieder "Stolz und Vorurteil" in den Sinn gekommen. Wenn ich mich richtig erinnere, wird da eine junge Frau ernsthaft krank, weil sie sich bei einem bloßen Gesellschaftsbesuch erkältet hat. Und dann bleibt sie im Hause dieser Leute, denen sie bloß guten Tag sagen wollte, wochenlang, bis sie sich wieder ganz erholt hat.

Das Lockwood sich aufführt wie ein Stoffel mit seinen Komplimenten, steht auf einem anderen Blatt. Das mit der liebenswürdigen Hausfrau und den Lieblingen, die sich als tote Karnickel entpuppen, ist Komödie pur.
 

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Wir schließen uns hier im Allgemeinen nicht leicht an Fremde an...(S. 66)
Schöne "Charakterstudie" wie ich finde und passend zur bisherigen Atmosphäre. Ich kann mich den bisherigen Kommentaren bzgl. der guten Lesbarkeit, der großartig eingefangenen sprachlich formulierten und Kopfkino auslösenden atmosphärischen Beschreibungen der Landschaft, der Gebäude, der Personen usw. hier nur anschließen. Je weiter ich lese, umso begeisterter bin ich. Auch wenn es gewisse Zeit braucht, um sich einzulesen. :cool: