1. Leseabschnitt// Erster Teil: Die Jahre (S. 11 - 86)

KrimiElse

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26. Januar 2019
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Interessant finde ich in dem Roman auch die Erzählhaltung, in der eine Frau ihrer Tochter ihr Leben und ihre Vergangenheit erzählt/erklärt.
Die Art des Erzählens, das vertraute „Du“, mit der sie ihre Tochter anspricht, zeugt für mich von ganz großer Nähe. Und man spürt von Beginn an, dass etwas unwiderrufliches und schreckliches mit ihrem Mädchen passierte. Ich war geschockt, als die Kleine mit der Familie der Schwägerin weg war - das kam so unverhofft und ist umso deutlicher nachzuempfinden, weil man nur diffus darauf vorbereitet ist.
 

KrimiElse

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26. Januar 2019
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Die Erzählhaltung ist dadurch, dass eine Mutter sich an ihre Tochter richtet, sehr persönlich und ermöglicht, dass man sich angesprochen fühlt und mitleidet, der Schock, dass die Verwandten Marcia mitgenommen haben, ist geradezu körperlich zu spüren - sie spürt es auch bereits vorher.

Dass die Südtiroler Hitler als „Retter“ angesehen haben, ist aus heutiger Perspektive kaum nachzuvollziehen. Allerdings war Südtirol vor dem ersten Weltkrieg ein Teil Österreichs, sie haben sich nie als Italiener gefühlt und das ist teilweise bis heute so. Ich war schon häufiger dort in Urlaub und vor allem in den Tälern und auf den Bergen, fernab der Städte Meran und Bozen sprechen die Südtiroler*innen untereinander deutsch, fühlen sich unabhängig von Italien - sind es ein Stück weit ja auch.
Insofern finde ich den Roman historisch gesehen sehr interessant.
Trina leidet auch unter der Bestrafung Barbaras, die sie liebt - auch wenn sie diese Liebe nicht leben kann. Was verbindet sie mit Erich? Er liebt die Kinder und scheint ein freundlicher Mensch zu sein, der feste Grundsätze hat und Widerstand leisten will.
Du hast den Daumen wieder auf wesentlichen „Nebensächlichkeiten“ danke dafür. Trina gibt mir noch ein paar Rätsel auf - im Hinblick auf ihre Haltung, ihre politische Einstellung, wie konsequent sie das verfolgt, was sie von Kindesbeinen an prägte, und nicht zuletzt bezüglich ihrer Beziehung zu Erich. Sie vertraut ihm - aber was noch? Offenbar brauchte sie nie einen Mann oder die Ehe, sie liebt Barbara, tatsächlich als Freundin oder mit dem Wunsch nach körperlicher Liebe? Sie gibt mir hier zu schnell auf, aber das ist auf jeden Fall den Umständen und ihrer Umgebung geschuldet.
 

KrimiElse

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26. Januar 2019
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Marcia möchte weiter zur Schule gehen und es gefällt ihr nicht, dass sie von den anderen als Dableiber beschimpft werden, insofern könnte es tatsächlich sein, dass sie freiwillig mitgegangen ist, allerdings ist sie zu jung, um das Ausmaß dieser Option zu begreifen. Vielleicht haben Onkel und Tante auch gesagt, deine Eltern kommen nach...
Unglaublich finde ich es jedoch von Lorenz und Anita, das Kind einfach mitzunehmen.
Daran hatte ich auch gedacht, dass Marica das Lernen wichtig ist und sie sich deshalb überreden ließ, ja vielleicht sogar an der Planung beteiligt gewesen ist.
 
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KrimiElse

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26. Januar 2019
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Ich finde das Verhalten von Trinas Eltern "nun iss doch in Ruhe" und auch Erich sehr eigenartig, ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass alle es gewusst haben, nur Trina selbst nicht. Andererseits war sie keine sehr begeisterte Mutter, vielleicht hielten es alle für "das Beste" für Marica.
Ja, da könntest du recht haben. Andererseits hat ihr Vater sie anfangs ermutigt, heimlich Deutsch zu unterrichten...
 
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KrimiElse

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26. Januar 2019
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Ich fand nun wieder gar nicht, dass sie keine begeisterte Mutter war. Sie war doch so glücklich mit ihrer Tochter und hat sie sogar unterrichtet.
Das sehe ich anders. Sie hat ihre Kline geliebt, aber das Unterrichten tat sie aus der Angst heraus, dass ihre Kleine in der Schule sonst verprügeltes wird. und sie (Trina) hätte sich mehr Zeit für sich gewünscht.
 

renee

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9. Februar 2019
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Ich finde den Pfarrer bemerkenswert.
[zitat] »Sagt euren Männern das, wenn ihr heiratet, und denkt auch selber dran: Wenn ihr euch nicht mit der Politik beschäftigt, beschäftigt sich die Politik mit euch!« [/zitat]

und auch sein Engagement für den Katakombenunterricht

Ein sehr weltlicher Geistlicher wie mir scheint.

Dieser Satz ist mir auch aufgefallen. Und ich fand ihn recht treffend!
 

renee

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Ist es nicht absolut grotesk, dass die Südtiroler die Faschisten hassen und sich auf Hitler freuen!

Ja, recht eigenartig. Aber wer weiß wie schon im Hintergrund eine Agitation betrieben wurde.

Auch recht interessant kam mir der Umstand vor, dass ein Österreicher ein Haus in Italien kaufen kann, obwohl deutschstämmige Bewohner ja drangsaliert wurden. Es könnten ja auch zu dieser Zeit schon Absprachen zwischen Hitler und Mussolini stattgefunden haben. ...
 
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renee

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9. Februar 2019
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Interessant finde ich in dem Roman auch die Erzählhaltung, in der eine Frau ihrer Tochter ihr Leben und ihre Vergangenheit erzählt/erklärt.

Ja, es wirkt irgendwie eigen. Einerseits wirkt es distanziert, dann wieder voller Wärme und Herzlichkeit. Wie ein gespaltener Mensch. Hier kommt sicher noch einiges. Trinas Geheimnisse werden sicher ein Grund zu dieser Schreibweise sein. Ich bin neugierig, wie dies alles weiter geht.
 

renee

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9. Februar 2019
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Die Erzählhaltung ist dadurch, dass eine Mutter sich an ihre Tochter richtet, sehr persönlich und ermöglicht, dass man sich angesprochen fühlt und mitleidet, der Schock, dass die Verwandten Marcia mitgenommen haben, ist geradezu körperlich zu spüren - sie spürt es auch bereits vorher.

Dass die Südtiroler Hitler als „Retter“ angesehen haben, ist aus heutiger Perspektive kaum nachzuvollziehen. Allerdings war Südtirol vor dem ersten Weltkrieg ein Teil Österreichs, sie haben sich nie als Italiener gefühlt und das ist teilweise bis heute so. Ich war schon häufiger dort in Urlaub und vor allem in den Tälern und auf den Bergen, fernab der Städte Meran und Bozen sprechen die Südtiroler*innen untereinander deutsch, fühlen sich unabhängig von Italien - sind es ein Stück weit ja auch.
Insofern finde ich den Roman historisch gesehen sehr interessant.
Trina leidet auch unter der Bestrafung Barbaras, die sie liebt - auch wenn sie diese Liebe nicht leben kann. Was verbindet sie mit Erich? Er liebt die Kinder und scheint ein freundlicher Mensch zu sein, der feste Grundsätze hat und Widerstand leisten will.

Historisch ist dieser Roman definitiv interessant. Von diesem Konflikt Südtirol/Italien hatte ich schon gehört. Hier kommen mehr Informationen. Und man sieht, wie es spaltende Zungen schaffen, bisher vereintes zu spalten. Eine starke Gefahr für die Bevölkerung, die dies aber gar nicht richtig wahrnimmt. Wahrnehmen kann??

Trina und Erich, was verbindet sie? Diese Frage stelle ich mir auch. Denn irgendwie eigenartig wirkt das Miteinander der beiden schon. ...
 

renee

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9. Februar 2019
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Marcia möchte weiter zur Schule gehen und es gefällt ihr nicht, dass sie von den anderen als Dableiber beschimpft werden, insofern könnte es tatsächlich sein, dass sie freiwillig mitgegangen ist, allerdings ist sie zu jung, um das Ausmaß dieser Option zu begreifen. Vielleicht haben Onkel und Tante auch gesagt, deine Eltern kommen nach...
Unglaublich finde ich es jedoch von Lorenz und Anita, das Kind einfach mitzunehmen.

Wer weiß, vielleicht werden ja die deutschstämmigen Siedler Italiens von den Deutschstämmigen Österreichs und Deutschlands auch als minderwertig betrachtet? Ein Miteinander und eine Vermischung mit Italienern hat ja vielleicht auch stattgefunden. ...
 

renee

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Ich finde das Verhalten von Trinas Eltern "nun iss doch in Ruhe" und auch Erich sehr eigenartig, ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass alle es gewusst haben, nur Trina selbst nicht. Andererseits war sie keine sehr begeisterte Mutter, vielleicht hielten es alle für "das Beste" für Marica.

Auch das kam mir komisch vor. Allerdings traue ich das ihrem Vater nicht zu, ihrer Mutter schon eher. ...
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Trina und Erich, was verbindet sie? Diese Frage stelle ich mir auch. Denn irgendwie eigenartig wirkt das Miteinander der beiden schon. ...
Es war von Trinas Seite aus möglicherweise keine Liebesheirat. Anfangs gab es ja Andeutungen, dass sie sich mehr zu Frauen hingezogen fühlt. Aber so eine Beziehung ist in einem Bergdorf in jenen Zeiten nicht praktizierbar. Ich denke, Erich gefiel ihr, sowohl von seinem Äußeren her als auch von seiner Art. Später erschien mir die Ehe wie eine gute Kameradschaft.
 

renee

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9. Februar 2019
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Während die Südtiroler am Anfang noch fest zusammenhielten ("Wir gegen sie"), wurde diese Einigkeit mit Hitlers Angebot aufgebrochen. Warum mussten die "Optanten" und die "Dableiber" so militant gegeneinander vorgehen? Warum konnten die einen die Entscheidung der anderen nicht akzeptieren?

Das Wirken der Agitation, die sicher auch der Onkel ausgeführt hat. Zumindest kam es mir so vor. ;)
 
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renee

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9. Februar 2019
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Der Roman liest sich flott weg, und man bekommt einen guten Einblick in die damaligen Zustände in dem kleinen Tiroler Dorf. Ich finde es sehr interessant, welche Informationen hier durch die LR hinzukommen, auch ich wusste bis dato herzlich wenig über die historischen Zusammenhänge. Faschismus vs. Faschismus - der eine verteufelt, der andere ein Hoffnungsträger...

Ich finde es spannend, dass hier ein männlicher Autor aus der Perspektive einer Frau schreibt. Und zwar so, dass ich ganz eng bei der Erzählerin bin, auch wenn vieles nur grob skizziert und angerissen wird. Das Erwachsenwerden in dem Dorf, die Bedrohung durch die Besetzer, die Entfremdung untereinader, die Ansätze von Widerstand, das Weggehen vieler Dorfbewohner und die Anfeindungen untereinander - all dies stand beim Lesen deutlich vor meinen Augen. Die Entführung der Tochter ist harter Tobak, wie man das als Mutter verwinden soll - keine Ahnung. Fast wie die Zwangsadaoptionen in der damaligen DDR...

Die Schreibe von Marco Balzano ist schon interessant und ich nehme sie ihm ab. Gefällt mir sehr.
 

renee

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9. Februar 2019
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Zitat Seite 62 "Auf dich und deinen Bruder aufzupassen war mir bald zu viel. Ich litt, weil mir die Zeit fehlte. Während ich mit euch beschäftigt war, dachte ich, verpasste ich so viele schöne Dinge auf der Welt, die ich später, wenn ihr groß sein würdet, nicht nachholen könnte." Das zu Hause Unterrichtet werden fand Marica nicht so toll, Zitat Seite 75 "Das passte dir nicht, du warfst mir vor, ich sei besitzergreifend ..." Das war ja auch der Grund, warum Marica unbedingt weggehen wollte (allerdings viel lieber mit der eigenen Familie, Mutter, Vater, Bruder, denke ich), sie wollte nicht bleiben, wo sie nicht einmal mehr in die Schule gehen konnte.

Warum soll man nicht als eine begeisterte Mutter Gedanken haben etwas anderes zu verpassen? Trotz solcher Gedanken kann sie doch ihr Kind lieben und das tut sie doch auch. Zumindest in meinen Augen. :);) Ihre Reaktion am Ende des Leseabschnittes spricht doch deutliche Worte in meinen Augen.
 

renee

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9. Februar 2019
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Das fand ich vollkommen schräg, und ich habe das auch nicht gewusst. Ich bin von der Situation, dass Mussolini die Deutschen so sehr ausgrenzte, sowieso äußerst überrascht, auch das war mir nicht wirklich klar.

Klar war mir das bisher auch nicht. Aber nationales Denken ist doch den Faschisten eigen. Also sind für den Einen die Italiener das Gelbe vom Ei und für den Anderen halt die Deutschen. Obwohl beide in ihren Sichten alles andere als sozial sind. ...
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Über dieses Umformulieren in italienische Bezeichnungen ging es schon in
. Bestimmte Menschen finden sicher immer irgendetwas, wo man als normaldenkender und normalempfindender Mensch nur den Kopf schütteln kann!
Über diese Parallelen bin ich auch „ gestolpert“. Immer wieder spannend, wenn sich Bücher gegenseitig berühren.
 

KrimiElse

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26. Januar 2019
2.883
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Ja, recht eigenartig. Aber wer weiß wie schon im Hintergrund eine Agitation betrieben wurde.

Auch recht interessant kam mir der Umstand vor, dass ein Österreicher ein Haus in Italien kaufen kann, obwohl deutschstämmige Bewohner ja drangsaliert wurden. Es könnten ja auch zu dieser Zeit schon Absprachen zwischen Hitler und Mussolini stattgefunden haben. ...
Die beiden trafen sich erstmals 1934 in Venedig, und spätestens ab da gab es garantiert Absprachen. Hitler hat Mussolini immer als Vorbild gesehen und bewundert. Die „Achse“ Rom-Berlin wurde 1936 ausgerufen, also noch vor der Zeit als die Südtiroler abgegrenzt wurden. 1939 gab es den „Stahlpakt“ (Militärbündnis) und ab da gemeinsame Kriegsführung. Zum Schluss der fast zeitgleiche Tod 1945. Die beiden waren mehr als dick... Genau deshalb wunderte ich mich auch ein wenig über die Abgrenzung durch die Italiener. Aber in bestimmten Gebieten wird eben anders gehandelt als es die große Politik vorgibt, und für Südtirol war mir das teilweise neu.