1. Leseabschnitt: Erster Teil Buch I. (Beginn bis Seite 90)

tinderness

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Wien und Wil
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Sprache des Verfalls. Eine kalte, neutrale und deshalb umso schrecklichere Sprache umgibt uns von Anfang an: schnörkellos, geradlinig, von jedweder Empathie befreit. Eine Sprache, die von der menschlichen Conditio Humana wie von einem Warenlager spricht; eine Sprache, die den Uterus und die Fortpflanzungsfertigkeit im globalisierten Supermarkt ohne jedes moralische Zögern verkauft; eine Sprache die das entschlossene Opfer in Null Komma Nichts zur kühl kalkulierenden Täterin verwandelt. Viel braucht nicht erklärt und beschrieben zu werden: nicht mehr als 90 Seiten und die Hölle gesellschaftlichen Verfalls ist Realität geworden. Denn die Verhältnisse sind eben so.

Zwei Dinge verstören noch zusätzlich zur Kälte der Beschreibung:
Einmal, mit wieviel Energie und Einfallsreichtum sowohl die Körper als auch die persönlichen Geschichte der identifizierten "Eizellen - Produzentinnen" manipuliert werden müssen, bevor sie konkurrenzfähig sind. Ein guter Konsument hat eben hohe Ansprüche und der Markt reagiert entsprechend. So weit haben die Warenbeziehungen die menschlichen Beziehungen degeneriert, dass der Mensch kaum mehr unterscheidbar ist, von der Ware, zu der er geworden ist. Dass wissen wir schon lange, hier wird es mit literarischen Mitteln auf die Spitze getrieben.

Zum Zweiten der Satz folgender Satz: "Nur wenige Männer kapierten, dass der Zustand einer Spenderin kurz vor der Punktion ganz und gar nicht zum Ablaichen geeignet war." (S.90)

Was wird da noch auf uns zukommen?
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Das Thema ist auch hier wieder, wie meist bei Sofi Oksanen, die Frau als Ware.
Es ist wirklich erschütternd, was das konkret bedeutet, Eizellen zu spenden. Es klingt zuerst ja mal weniger belastend wie Organe zu spenden oder als Leihmutter zu arbeiten. Doch eine Eizelle spenden ist ein weitaus größerer Eingriff als eine Samenspende.
Doch genauso erschütternd sind die Umstände, die diese Frauen „ zwingen“, einen solchen Schritt zu gehen. Es gibt in der Ukraine und in den umliegenden Staaten kaum Arbeitsmöglchkeiten, die nicht mit einem Risiko verbunden sind. Einblick in diese Strukturen zu bekommen ist schon ein Verdienst dieses Romans.
Sprache des Verfalls. Eine kalte, neutrale und deshalb umso schrecklichere Sprache umgibt uns von Anfang an: schnörkellos, geradlinig, von jedweder Empathie befreit. Eine Sprache, die von der menschlichen Conditio Humana wie von einem Warenlager spricht; eine Sprache, die den Uterus und die Fortpflanzungsfertigkeit im globalisierten Supermarkt ohne jedes moralische Zögern verkauft; eine Sprache die das entschlossene Opfer in Null Komma Nichts zur kühl kalkulierenden Täterin verwandelt. Viel braucht nicht erklärt und beschrieben zu werden: nicht mehr als 90 Seiten und die Hölle gesellschaftlichen Verfalls ist Realität geworden. Denn die Verhältnisse sind eben so.
Die Sprache ist dem Thema mehr als angemessen. Gefühle dürfen hier keine Rolle spielen, sonst wird es unerträglich.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Die Autorin versteht es von Anfang an, Spannung zu erzeugen.
Sie erzählt in zwei Erzählsträngen, auf zwei Zeitebenen:
2016 in Helsinki ( Gegenwartsebene)
2006 ein ukrainisches Dorf
In beiden Fällen haben wir eine Ich- Erzählerin , Olenka.
Zwei Frauen treffen in einem Hundepark in Helsinki aufeinander. Nach und nach wird aufgeblättert, was die beiden Frauen verbindet, in welchem Verhältnis sie stehen.
Olenka, in der Ukraine aufgewachsen, versuchte ihr Glück als Model in Paris. Erfolglos kehrt sie zurück und lebt nun wieder bei Mutter und Tante ( beides Witwen). Diese versuchen ihren Lebensunterhalt mit dem illegalen Anbau von Mohn zu bestreiten. Olenka sucht nun Arbeit. Es gibt anscheinend keine „ normale“ Möglichkeit, genug Geld zu verdienen. Sie erwägt sogar , Organe zu spenden.
Ein Jahr später ist sie schon „ leitende Angestellte“ in einer Agentur, die Frauen sucht, die sich für eine Eizellenspende eignen. Hier trifft sie auf Daria, jene Frau, die sie in besagtem Hundepark getroffen hat.
Beide Frauen sind anscheinend nicht reich geworden, sondern wirken ziemlich am Ende. Olenka ist auf der Flucht ( Vor wem? Wen spricht sie mit Du an?)
Ich bin neugierig, schockiert, nachdenklich. Keine schlechten Vorraussetzungen zum Weiterlesen.
 

otegami

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Sprache des Verfalls. Eine kalte, neutrale und deshalb umso schrecklichere Sprache umgibt uns von Anfang an: schnörkellos, geradlinig, von jedweder Empathie befreit.
Och, manche Beschreibungen gefallen mir sehr gut: z.B. schon auf S. 9 'aus Zeitungen ausgeschnittene Werbeanzeigen, in den alles angepriesen wurde, was man mit weiblichen Kurven verkaufen kann - von Fleckentfernern bis zu Autoersatzteilen.' :cool:
S 28: 'Ihr Lächeln war wolkenlos gewesen wie der Himmel über Texas und ihr Kinn wie ein perlmuttschimmernder Kaviarlöffel.'
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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@RuLeka ´s Inhaltsangabe möchte ich mich anschließen. Daria ist ein Mädchen, dass Olenka aus ihrem Dorf schon kennt, scheut wahrscheinlich deshalb, sich mit ihr zu treffen, nimmt sie dann aber doch in ihre Kartei auf, weil sie mit all ihren Attributen überzeugen kann.
Deutlich wird die kalte Geschäftsmäßigkeit der "Abwicklung", als Daria von ihrer ersten Kundin betrachtet wird. Es war auch Olenkas Kundin und so vermute ich, dass die beiden Kinder im Park wohl Olenkas UND Darias Eizellenspenden sind.
Apropos Eizellenspende. Ich bin erstaunt, dass gleich 40 Eizellen abgesaugt werden konnten. Ist das normal? Was müssen die Frauen für Hammerhormone nehmen, um so produktiv zu sein?
Olenka ist eine sehr intelligente Frau, die sich in kurzer Zeit hochgearbeitet hat. Was ist passiert, dass sie jetzt Putzen gehen muss?
Und warum hat Daria sie in Finnland aufgesucht? Sehr spannend !

Ich finde es erholsam, dass die verschiedenen Zeitebenen deutlich gekennzeichnet sind und mag Oksanens geballte Fülle an Informationen, die man so ganz nebenbei serviert bekommt. Mohnanbau, illegale Bergwerke, Reisefreiheit.... würde ich von jetzt auf gleich in ein solches Land versetzt, ich würde erbarmungslos untergehen.
 

RuLeka

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sind und mag Oksanens geballte Fülle an Informationen, die man so ganz nebenbei serviert bekommt. Mohnanbau, illegale Bergwerke, Reisefreiheit.
Ja, es ist schon einiges, was wir hier gleich im ersten Abschnitt, so en passent mitgeliefert bekommen.
Nachvollziehbar und trotzdem erschreckend sind auch die Auswahlkriterien, die einzelne Regionen betreffen. Nicht nur Tschernobyl, sondern viele Gebiete sind dort verseucht.
 

otegami

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Äußerst interessant fand ich auch das 'Schönen' der Familiengeschichte (Seiten 67 und 68). Und ich frage mich mit meinem kaufmännischen Denken, wie viel nach den ganzen Ausgaben für Daria (Handgeld) und Darias Familie (z.B. neue Arbeitsplätze für ihre Brüder mit 1000 Dollar?), dem Gehalt für Olenka + das Büro dann von der Kundschaft verlangt wird. (Vielleicht erfahren wir das noch!) Es muss sich ja schließlich rechnen - was 'übrigbleiben'!
 

tinderness

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Wien und Wil
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Wahrscheinlich war es missverständlich. Mein Versuch, die "Sprache des Verfalls" bei Oksanen zu beschreiben, sollte weniger eine Wertung evozieren als ein Stilmittel beschreiben. Die Innenwelt der handelnden Personen entspricht der Sprache als Stilmittel - das sollte mein Punkt sein. Ob einem diese Sprache gefällt oder nicht, ob sie Gefühle evoziert oder nicht - das steht meines Erachtens auf einem anderen Blatt.
 

otegami

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Mohnanbau, illegale Bergwerke, Reisefreiheit.... würde ich von jetzt auf gleich in ein solches Land versetzt, ich würde erbarmungslos untergehen.
Wir philosophieren auch gerne darüber: wie viel Freiheitswillen in Menschen steckt? Nehmen wir an, ein Land, das keinerlei Kontakt zur Außenwelt hat (ja, in der heutigen Zeit mit Internet schwer vorstellbar ;) ). Würde da die Bevölkerung einen Einschnitt ihrer Freiheit hinnehmen, weil sie es ja nicht anders kennen? Oder gäbe es trotzdem welche, weil das einfach ein Urbedürfnis ist?
 

otegami

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Ich war wohl noch nie auf einem Pferdemarkt (werde ich auf Grund meiner Tierhaar-Allergie auch nicht aufsuchen *gg*), aber die Prüfung der Tiere stelle ich mir auch nicht viel anders vor als die der Kandidatinnen im Buch (ab S. 80)! Fingernägel ins Zahnfleisch stechen? Gesicht scheuern und Haut dehnen? Kopfhaut und Qualität der Haare prüfen? Ausziehen lassen? Wo bleibt die Würde des Menschen? *Kopf schüttel*

@tinderness, auch ich musste den Satz auf S 90 (' Nur wenige Männer kapierten, dass der Zustand einer Spenderin kurz vor der Punktion ganz und gar nicht zum Ablaichen geeignet war.") mehrmals lesen, weil ich ihn beim 1. Mal nicht glauben konnte. :oops:
(Auch mein Mann musste 'dran glauben' :D und bekam ihn von mir vorgelesen! Er reagierte - genau wie ich - sehr ungläubig!) Kann man sich noch menschenverachtender ausdrücken? Na, ich bin gespannt! ;)
 

otegami

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Schau nach Nordkorea. Hast Du jemals von Demonstrationen dort gehört? Und das Internet kann man für einen Großteil der nicht technikaffinen Bevölkerung auch abschalten - siehe China.
Ja, ist mir klar! (Zum Thema 'Nordkorea' empfehle ich übrigens gerne das Buch von Marcus S. Theis 'Schatten ohne Licht' - ufffff! Sehr bewegend und aufwühlend!)
Mir geht es darum, ob ohne Vorbild von außen Menschen nach Freiheit lechzen? Und wenn ja, wie viele? Wie hoch ist da der Prozentsatz?
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Äußerst interessant fand ich auch das 'Schönen' der Familiengeschichte

Haha, genau! Nicht nur ein Herabwürdigung der Frauen, die vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort geboren wurden, sondern auch eine deutliche Warnung an die reichen Kundinnen, dass auch sie auf jeden Fall beschissen werden. Wer zu hohe Ansprüche stellt und dafür bezahlen kann, muss sich nicht wundern wenn "der Vater noch vor dem Gefängnisaufenthalt gestorben ist".
All das hat Olenka ziemlich schnell durchschaut und das Spiel perfektioniert.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
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So ihr Lieben. Ich würde jetzt einfach meine ersten Eindrücke runterschreiben, ohne vorher eure Kommentare gelesen zu haben, damit ich ungefiltert meine Gedanken erst einmal loswerde. Mit der Gefahr, dass sich vielleicht einige Eindrücke mit dem schon von euch Geschriebenen doppeln. Ist das hier im Forum okay?

Zunächst: Wie konnte ich von dieser Autorin bisher noch kein Buch gelesen haben? Ich finde ihren Schreibstil klasse. Sowohl die flüssige Art als auch der Aufbau des Inhalts gefällt mir sehr. Der Spannungsaufbau durch Andeutungen in 2016 mit Blick auf die Vergangenheit, sodass man das Buch am liebsten sofort ganz einsaugen möchte, um alle Zusammenhänge greifen zu können. Toll! Auch wird die Frage ganz stark in mir, wer denn in den Texten immer mal wieder direkt angesprochen wird. Da taucht ja hier und da mal ein "Du" auf. z.B. S. 39: "Dich habe ich nicht absichtlich belogen."...
Genauso gut finde ich, wie Oksanen politische und gesellschaftliche Themen in den Plot einbaut. Die Erwähnung der Grubenunglücke, der Urkrainekrieg, dass "die Separatisten" eben auch nicht schwarz/weiß darzustellen sind, sondern eher aus eigenen Nöten heraus dazu geworden sind. Das wirkt nicht belehrend, sondern schmiegt sich gekonnt in den Plot ein.
Inhaltlich ist es natürlich unvorstellbar, wie diese Industrie der Eizell-Spende aufgebaut ist. Wie die Korruptheit der Länder dem in die Hände spielt. Und wie auch jeder jeden belügt (siehe Ärzte, die für das zwielichtige Unternehmen arbeiten aber selbst ihre Approbation gekauft haben und die Agentur darüber belogen haben). Das staatliche Funktionieren mit gekauften Demonstrationsteilnehmern usw. usf. Hier scheint es keine ehrlichen Parteien (im Sinne von Personengruppen, nicht allein politische Parteien) zu geben. Nur die Mädchen sind "unschuldig" (wie stark auch immer) bevor sie zu Brutmaschinen oder Eierproduzentinnen werden.

Exkurs:
Übrigens beschreibt Deborah Feldman entweder in "Unorthodox" oder "Überbitten" ganz genau, wie die Eier angereichert werden und wie es dabei den Spenderinnen geht. Sie hat das nach der Flucht aus ihrer Religionsgemeinschaft selbst machen müssen, um ihren Sohn und sich durchzubringen. Nach dem (oder sie brauch diesen sogar schon an, weiß ich nicht mehr) erstem Durchgang hat sie dies aufgrund der schweren Komplikationen jedoch (zum Glück) nie mehr gemacht. Die Eierstöcke schwellen dabei wohl auf eine Größe von Orangen (ja, Apfelsinen!) an, weil so viele Eizellen angereichert werden. Das muss wirklich Quälerei sein und ist natürlich in keinster Weise mit der Samenspende eines Mannes vergleichbar.

Ich bin also hellauf begeistert zu Beginn. Nur finde ich (zumindest bisher) das Glossar obsolet. Die russischen Begrifflichkeiten erklären sich vollkommen aus dem Zusammenhang und hätten in vielen anderen Roman kein extra Glossar bekommen. Braucht es meines Erachtens nicht.

Und zuletzt mit Bezug auf meinen Beitrag in der Vorstellungsrunde: Zumindest am Anfang kam ein Hund vor... immerhin. Und dann auch noch ein untypischer Zwergschnauzer. ;)
 

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