1. Leseabschnitt: Beginn bis Seite 80

dracoma

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16. September 2022
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aber es wird doch arg ausgereizt, das Thema ist mir zu präsent, will sagen, es gibt ja überhaupt nichts anders…..
ich habe den Eindruck, dass die sexuelle Ausrichtung der Nachbarn nur eine Art Folie ist, unter der sich andere Dinge verstecken.
Immer wieder kommt nämlich der Hinweis auf Maartens Mutter bzw. seine Familie, die N. offenbar zu verklemmt, zu bürgerlich, zu un-offen etc. ist.
Und die Tatsache, dass N. sich über ihren Mann und dessen Familie erhebt, zeigt schließlich nur, dass sie es nötig hat, andere zu mindern.
ich muss ehrlich sagen, ich bin skeptisch, ob ich dem Roman viel abgewinnen kann.
Geht mir auch so.

Ich bin mir nicht sicher, ob das Ganze komisch oder übel sein soll; vielleicht beides?
N.s Ton finde ich in keiner Weise komisch.
Diese Streitereien sind Machtkämpfe, N. befiehlt und M gehorcht - jedenfalls meistens.

Der Streit läuft immer ähnlich ab:
M. sagt etwas meist Alltägliches. N. nimmt die Botschaft nicht so auf, wie sie gesagt wird, sondern unterstellt der Botschaft andere Inhalte wie Homophobie. Der nächste Schritt ist dann die Generalisierung, die Emotionalisierung und der persönliche Rundumschlag: "Du warst schon immer so!" Und dann kommt eine weitere Generalisierung: "Wie Deine Mutter!"
Die Kommunikation läuft also nicht rund.
Und weil jedes Streitgespräch nach diesem Muster abläuft, langweilen mich die Szenen.

Was M. angeht: er schildert sich selbst als liebevoll, verständnisvoll, duldend, vernünftig. Aber ich traue ihm noch nicht; schließlich ist er es, der erzählt.

Die beiden Männer Peer und Petrus: sie haben dieselben Vornamen, merkwürdig.
Ich finde sie beide sehr übergriffig und hätte, wären es meine Nachbarn, den dringenden Wunsch, Grenzen zu ziehen.
 

Literaturhexle

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Vordergründig wird auf Nachbarn fokussiert, doch für mich geht es bislang um Kern um das Ehepaar und ihre Beziehung zueinander, die sehr schnell aus dem Gleichgewicht gerät.
Das stimmt. Mich hat hier definitiv der Buchtitel irritiert zunächst. Die Nachbarn könnten der Auslöser für anderes sein... Aber sicher bin ich mir noch nicht.
Das wiederholt sich zwar, aber ich fand dieses Gemetzel erheiternd und interessant zu lesen.
Mir fehlt da leider wieder der Humor...
 

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Mainz
M. sagt etwas meist Alltägliches. N. nimmt die Botschaft nicht so auf, wie sie gesagt wird, sondern unterstellt der Botschaft andere Inhalte wie Homophobie. Der nächste Schritt ist dann die Generalisierung, die Emotionalisierung und der persönliche Rundumschlag: "Du warst schon immer so!" Und dann kommt eine weitere Generalisierung: "Wie Deine Mutter!"
Die Kommunikation läuft also nicht rund.
Das ist doch schon sehr interessant. Den Nachbarn gegenüber achtet N. sehr auf Korrektheit, verbietet sich und Anderen Vorurteile, hier - die Beziehung zu irhem Partner betreffend - ist sie selbst voll davon.
Ja, ich denke auch, die Nachbarn und die Themen darum sind nur die Oberfläche, hinter der etwas ganz Anderes brodelt. Darüber werden wir vermutlich noch mehr lesen. Das wäre zumindest meine Erwartung. ;)
Das stimmt. Mich hat hier definitiv der Buchtitel irritiert zunächst. Die Nachbarn könnten der Auslöser für anderes sein.
Das ist zumindest auch mein Verdacht...
Ich beneide dich!!! Ich krieg bei der Frau einfach nur die Krise und mir ist das too much
Haha - ich muss ja auch nicht mit ihr zusammenleben oder mich mit ihr abgeben - da fällt es leicht. Ich beobachte dieses Gemetzel aus der Ferne und da finde ich es bisher stellenweise zumindest sehr erheiternd.
 

dracoma

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16. September 2022
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Ich krieg bei der Frau einfach nur die Krise
Verstehe ich.
Ständig ruft sie ihren Mann bei dessen Arbeit an. Wegen irgendeiner Petitesse. Meine Güte.

Trotzdem muss ich sie ernst nehmen:

Sie wirkt auf mich nicht ausgelastet, sie ist unzufrieden und hat ein sehr geringes Selbstwertgefühl.
Ihre überbordende Sympathie für die schwulen Nachbarn hat weniger mit den Nachbarn zu tun als damit, dass sie damit ihre (vermeintliche) Vorurteilslosigkeit zeigen kann. Insofern nützt ihr deren Homosexualität :helo!
Das finde ich aber eigentlich nicht zum Lachen, weil sie die Nachbarn nur reduziert sieht.
 

Naibenak

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Verstehe ich.
Ständig ruft sie ihren Mann bei dessen Arbeit an. Wegen irgendeiner Petitesse. Meine Güte.

Trotzdem muss ich sie ernst nehmen:

Sie wirkt auf mich nicht ausgelastet, sie ist unzufrieden und hat ein sehr geringes Selbstwertgefühl.
Ihre überbordende Sympathie für die schwulen Nachbarn hat weniger mit den Nachbarn zu tun als damit, dass sie damit ihre (vermeintliche) Vorurteilslosigkeit zeigen kann. Insofern nützt ihr deren Homosexualität :helo!
Das finde ich aber eigentlich nicht zum Lachen, weil sie die Nachbarn nur reduziert sieht.
Ja, das stimmt auf jeden Fall. Sehe ich auch so. Da steckt natürlich ganz viel unter N.`s Oberfläche, wovon wir evt noch erfahren werden. Dass sie so ist wie sie ist hat Ursachen. Ich würde solchen Personen immer dringend raten sich Hilfe zu suchen ;):p
 

Literaturhexle

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Kann ich mir nicht vorstellen! Nicht jeder Autor schreibt Autofiktion. Außerdem hat seine Witwe im Vorwort darauf hingewiesen, dass es ein gutes Buch sei. Würde sie das sagen, wenn sie durch eine dermaßen schlechte, aggressive Figur gespiegelt würde?
Ich lese den Roman als Fiktion mit Parallelen zur real existierenden Nachbarschaft. Autoren sind Jäger und Sammler, wenn es um Geschichten geht.
Darüber hinaus heißt der Erzähler Maarten und nicht J.J.;)
 

Emswashed

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Ihre überbordende Sympathie für die schwulen Nachbarn hat weniger mit den Nachbarn zu tun als damit, dass sie damit ihre (vermeintliche) Vorurteilslosigkeit zeigen kann. Insofern nützt ihr deren Homosexualität
Nicht nur das, sie hat damit auch die Aufgabe der Verteidigung der vermeintlichen Underdogs übernommen.
 
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Emswashed

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Außerdem hat seine Witwe im Vorwort darauf hingewiesen, dass es ein gutes Buch sei. Würde sie das sagen, wenn sie selbst eine dermaßen schlechte, aggressive Figur spiegeln würde?

Darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Wenn Lousje Nicolien ist, in allen Zügen, dann schwankt sie sehr mit ihrer Meinung. Der Mann ist schon ein paar Jahre tot, sie möchte seine Erinnerung aufrechterhalten (und vielleicht auch ein paar Tantiemen).
 

dracoma

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16. September 2022
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Nicht nur das, sie hat damit auch die Aufgabe der Verteidigung der vermeintlichen Underdogs übernommen.
Stimmt - Das heißt, sie generalisiert nicht nur die "Fehler" ihres Mannes, sondern auch ihre Sympathie für Schwule.

Wenn ich mal übertreiben darf: Sie führt also einen Kreuzzug gegen die Diskriminierung von underdogs, und aus diesem Kreuzzug bezieht sie ihr Selbstwertgefühl.

Wobei Svchwule bisher für mich keine "underdogs" waren, aber ich nehme es mal so hin.
 

Sassenach123

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Ja, das stimmt auf jeden Fall. Sehe ich auch so. Da steckt natürlich ganz viel unter N.`s Oberfläche, wovon wir evt noch erfahren werden. Dass sie so ist wie sie ist hat Ursachen. Ich würde solchen Personen immer dringend raten sich Hilfe zu suchen ;):p
Sie erwähnt ja auch immer Mutter und Vater. Das hast du von ihm oder ihr, auch etwas was ich überhaupt nicht mag, diese Vergleiche, sie macht das ständig, fast in jedem Streit fließen diese Vorwürfe mit ein
 

Julea56

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7. Juli 2023
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Also, ich bin durch mit dem ersten Abschnitt und insgesamt finde ich das Buch bislang fast unangenehm, als würde man etwas belauschen, das eigentlich in die Privatsphäre gehört, sodass ein gewisser Effekt des Fremdschämens eintritt. Es herrscht eine beklemmende Atmosphäre und ich wünsche mir sehr, dass sich das ändert, vermute jedoch, dass es das Buch hindurch so bleiben wird bzw. dass sich eine Katastrophe anbahnt.
Zum Beispiel hasst sie "Drecksheteros", die promiskuitiv sind
Mir ist an dieser Stelle aufgefallen, dass beide in der Auseinandersetzung um Petrus und Peer Vorwürfe erheben: Nicolien beklagt die "Drecksheteros" und Promiskuität und Maarten ist genervt von Exhibitionismus und Geltungssucht. Eventuell sind das Aspekte, die sie eigentlich einander vorwerfen, jedoch nicht direkt ansprechen.
Vordergründig wird auf Nachbarn fokussiert, doch für mich geht es bislang um Kern um das Ehepaar und ihre Beziehung zueinander, die sehr schnell aus dem Gleichgewicht gerät.
Ich sehe das ebenso und bezeichne die Auseinandersetzungen um den Umgang mit Petrus und Peer als "Stellvertreterstreit". Es geht gar nicht um die beiden, sondern um die Ehe. Ein sehr schlimmer Vorwurf ihm gegenüber ist anscheinend, dass er - wahlweise - genauso sei wie seine Mutter oder sein Vater. Die klassische "böse Schwiegermutter" also?
Ich frage mich warum sie so verbissen ist? Ist sie einsam?
Sie hat auf jeden Fall Komplexe, was ihre Kinderlosigkeit anbelangt, und sie scheint mir insgesamt ein "desperate housewife" zu sein, das nach Bestätigung sucht. Ihr Mann kann ihr diese offenbar nicht geben und sie versucht sich anders zu profilieren, indem sie sich als besonders tolerant und aufgeschlossen gegenüber "Underdogs" stilisiert im angeblichen Gegensatz zu ihrem Mann.

Was will uns der Autor da für ein Frauenbild verkaufen, das wieder mal mit Hormonschwankungen (Wechseljahre) vage begründet wird?
Ich bin mir auch nicht sicher, was genau das Problem der Frau ist, sie weiß es wohl selbst nicht. Sie selbst vermutet, es könne an den Wechseljahren liegen, und an einer Stelle sagt sie, sie wünsche sich einfach, dass alles "wieder so ist wie früher" (S. 60). Das hört sich für mich eher danach an, als sei die Beziehung einmal harmonischer gewesen und als hätten sich die beiden auseinandergelebt. Das ständige Konsumieren von Alkohol ist für mich ebenfalls ein Hinweis darauf. Und das ist ja auch @Emswashed und @Naibenak schon aufgefallen.

Maarten ist in meinen Augen eigentlich sehr bodenständig mit einer für mich nachvollziehbaren, gesunden Lebenseinstellung.
Die Rolle des Mannes, der ja gleichzeitig der Erzähler ist, würde ich zunehmend hinterfragen. Zum einen lässt er auch manchmal ganz schöne Gemeinheiten und bissige Bemerkungen vom Stapel, sowohl Petrus (den er als "Wichtelmännchen", z.B. S. 71, bezeichnet) und Peer als auch seiner Frau gegenüber. Auf Seite 66 spricht er gar davon, dass der Abend mit Petrus und Peer einen "Blick auf den Bodensatz des Lebens" ermöglicht habe und das ist schon sehr überheblich, auch wenn die beiden und deren Beziehung überaus eigenartig und von einem unangenehmen Machtgefälle zwischen dem jüngeren, chaotischen, lebensunfähigen Peer und dem älteren, dominant wirkenden Petrus sind.
Ich frage mich, ob der Erzähler die Dialoge immer vollständig nacherzählt oder ob er seine Rolle in dem Drama beschönigt, sodass seine Frau sehr negativ, er aber als verständnisvoll und ruhig dasteht. Mal sehen...