1. Leseabschnitt: Beginn bis Seite 70

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
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Das Ganze hat etwas von einem Film oder Theaterstück, alle marschieren einmal auf, um sich vorzustellen
Daran fühlte ich mich auch erinnert. Unterschiedlichste Figuren in einem Hotel zusammenzuführen ist ja nichts Neues. Das bietet viele verschiedene Konstellationen , da hier Menschen vieler Klassen aufeinandertreffen, vom Personal bis zu den Gästen.
Die Autorin ist eine gute Menschenkennerin und feine Beobachterin.
Unbedingt!
Und was bedeutet "Die ganze Wahrheit wird nie jemand erfahren."? (S. 12
Über diesen Satz bin ich auch gestolpert. Macht noch neugieriger und lässt uns dann Spielraum für Spekulationen.
Gurnsey hatte im 2. Weltkrieg eine "bewegte" Stellung, galt und gilt danach aber als Steueroase.... die Lady sucht kein ruhiges Plätzchen, sondern ein Schlupfloch für ihr Geld.
Danke für diese Information. Ich habe so etwas vermutet, wusste aber nichts darüber.
Sie scheint auf jeden Fall eigenes Geld zu besitzen.
 

dracoma

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16. September 2022
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Ich denke auch, dass diese "Krankheit" vorgeschoben ist, damit die Lady nur das vorgesetzt bekommt, was ihr auch wirklich schmeckt.
... während die anderen, d. h. der Plebs, etwas anderes, weniger Erlesenes bekommt. Schließlich hat ihr das die "ganze Ärzteschaft der Harley Street" (A. 16) geraten, für die ihr Fall sowieso das größte Rätsel ist.
Oh je, ich hinke schon wieder hinterher.
Ich leiste Dir Gesellschaft.

Spannend finde ich die Figur des Hotelbesitzers bzw -anhängsels Dick Siddal, über den sich alle anderen Figuren als einzigen einig zu sein scheinen. Er wirkt wie eine Karikatur und man könnte ihn unterschätzen. Ich frage mich, ob er ein Genie oder ein Idiot ist?
Die Figur finde ich auch spannend. Er befindet sich immer wieder in "seiner Arme-Verwandten-Stimmung" (S. 32), er wird durchgefüttert und trägt offensichtlich wenig zum Durchkommen der Familie bei, aber dann hat er mich verblüfft: mit seiner scharfsichtigen und pointierten Analyse zum Verhältnis seiner Frau zum ältesten Sohn.

Und dass er recht hat, zeigt sich etwas später: Mrs Siddal setzt Gerry Sahne vor. Angeblich fördert Fett die Entwicklung von Pickeln.

Insgesamt finde ich den Roman-Anfang überhaupt nicht heiter. Sommer, Sonne, Küste, Meer - das Ambiente ist lebensfroh. Aber der Prolog mit dem Thema einer Leichenrede tönt das alles deutlich ein.
Die Menschen, die hier versammelt sind, sind nicht heiter. Die Familie Siddal hat bessere Zeiten gesehen und kämpft um die Existenz, Herr Paley und seine Frau sind schwermütig und wie versteinert, Nancibel leidet, die "Hausdame" ist unzufrieden.

Sir Henry leidet unter seiner Frau (wen wundert es...) und deutet Geheimnisvolles über den Aufenthalt seiner Frau auf Guernsey an: Kollaboration (mit den Deutschen)?
Und dann ein erstaunlicher Spruch für einen Mann der Oberschicht:

"Dieser Krieg wurde von den Armen gekämpft, und nun wird er auch von den Armen bezahlt" (S. 39).
 

dracoma

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16. September 2022
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Möglicherweise ist hier ein (sehr richtiger) Gedanke, der Autorin eingeflossen.
Möglich, aber mich wundert es, dass sie diesen Gedanken einem Mitglied der Oberschicht in den Mund legt - aber mal abwarten, wie sich Sir Henry weiterhin zeigt.

Zu Hebe: "Zum ersten Mal schmeckte sie die Bitternis, die keiner Führungsperson erspart bleibt" (S. 57).
Ein wahrer Spruch, auch wenn er hier lustig wirkt.
 

Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Möglich, aber mich wundert es, dass sie diesen Gedanken einem Mitglied der Oberschicht in den Mund legt - aber mal abwarten, wie sich Sir Henry weiterhin zeigt.

Zu Hebe: "Zum ersten Mal schmeckte sie die Bitternis, die keiner Führungsperson erspart bleibt" (S. 57).
Ein wahrer Spruch, auch wenn er hier lustig wirkt.
Ob Margaret hier Johnson oder Churchill vor Augen stand? *neugier*
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Dieser Roman erzeugt direkt eine gewisse Spannung, und ist sehr leicht und locker zu lesen. Obwohl hier viele Personen auftauchen, noch dazu alle mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen oder Schicksalen, verliere ich den Überblick bisher nicht. Manchmal fällt es mir gerade am Anfang eines Buches schwer.
Bei jeder Person drängen sich mir direkt eigene Ansichten auf. Miss Ellis empfiehlt der Bekannten im Brief nicht zu kommen, durch die Schilderung der Hotelchefin gewinnt man aber einen anderen Eindruck dieser Frau. Herrlich, wie man dann selbst direkt geprägt wird, und sie für jemanden hält, der sich gerne für etwas besseres hält und der immer nur rummosert. Prinzipiell ist sie wohl das Opfer, denkt sie. Bin gespannt, ob die Autorin diesen Eindruck beibehält, oder ob sie im weiteren Verlauf noch was ganz anderes mit dieser, und den anderen Figuren vorhat. Denn auch bei allen anderen bin ich mir nicht zu hundert Prozent sicher, ob es da nicht noch etwas gibt, was den ersten Eindruck ändern könnte.
Der Kanonikus und seine Tochter geben mir auch große Rätsel auf. Warum schabt sie an einer Glasscherbe herum und fängt den Staub auf? Die Tochter wirkt sehr verwirrt und unsicher. Eine Reaktion auf das Verhalten des Vaters?

Bisher lese ich den Roman unheimlich gerne!
 

Sassenach123

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27. Dezember 2015
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Ob die Gäste nun vollzählig sind? Ein Doppelzimmer scheint ja noch frei zu sein...
Und bei jedem weiteren Gast habe ich im Hinterkopf, dass sich die Anzahl der Opfer nun erhöhen wird……
Ich finde, es hat fast ein wenig von einem Krimi. Man spürt das drohende Unheil deutlich...
Ja, und das ist es, was mir momentan unheimlich gut gefällt
Die Menschen, die hier versammelt sind, sind nicht heiter. Die Familie Siddal hat bessere Zeiten gesehen und kämpft um die Existenz, Herr Paley und seine Frau sind schwermütig und wie versteinert, Nancibel leidet, die "Hausdame" ist unzufrieden.
Da stimme ich dir voll und ganz zu, dennoch finde ich, dass die Autorin es hinbekommt, es alles recht locker wiederzugeben, so dass es mich beim lesen nicht runterzieht
 

Federfee

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13. Januar 2023
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Raffiniert, wie das Buch geschrieben ist, ein Schmöker ;) Im Prolog erfährt man schon, was passiert ist und der Pfarrer Bott deutet an, dass ihm erstaunliche Dinge von den Überlebenden erzählt worden sind. Das klingt für mich geheimnisvoll.

Im Weiteren lernen wir etliche Personen/Gäste kennen, die Anknüpfungs- und potentielle Konfliktpunkte zwischen ihnen und man fragt sich natürlich bei jeder/m, ob sie oder er zu den Überlebenden gehört. Das macht es spannend. Man muss allerdings höllisch aufpassen, denn alle Informationen sind in den unterschiedlichen Textsorten verstreut: Briefe, Tagebucheinträge, Dialoge, Berichte. Übrigens angenehm kurze Abschnitte bzw. Kapitel.​

Was für Ansprüche diese Lady Gifford hat! Sie verteilt vorab brieflich Arbeiten an die Hotelbesitzer ohne zu fragen (Abholen, Essen, aufs Zimmer bringen) und hat lauter Sonderwünsche. Und obendrein möchte sie noch mit Mrs Siddal über gemeinsame Bekannte plaudern. Die vier Kinder scheinen recht verzogene Gören zu sein- so wie sie sich im Zug benehmen. Dagegen steht die arme Witwe mit den Kindern, die sich aber nichts gefallen lässt. Die Kinder knüpfen erste nicht unfreundliche Kontakte und man darf gespannt sein, denn sie werden sich alle im Hotel wiederfinden.

Durch den Brief der Hausdame Dorothy Ellis und die Tagebucheinträge des Gastes Mr Paley lernen wir das Hotel und seine Besitzer kennen: ein heruntergekommenes Gästehaus weit ab von allem, dilettantische Betreiber, zu wenig Personal. Mr Siddal war mal Rechtsanwalt und wirkt sehr merkwürdig. Er schwafelt von Sozialismus etc.

Positiv erscheint lediglich die hübsche Nancibel, tagsüber allerlei Arbeiten verrichtet, die aber im Hotel von einem ganz unguten Gefühl befallen wird. Oder sind es Vorahnungen? Welche Rolle wird der seltsame Bruce noch spielen?
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
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Reich stoßen aufeinander und verbünden sich sogleich. Sowas schaffen wahrlich nur Kinder in so kurzer Zeit.
Das fand ich auch gut. Mal sehen, ob es so bleibt. Und hier kam ja auch das Wort 'FEST' zum ersten Mal vor.
Die Sprache ist klar und strahlt eine gewisse Eleganz aus, ohne auf besondere literarische Kunstgriffe zurückzugreifen.
Ich finde sie ganz und gar unauffällig und das darf sie auch ruhig sein, denn hier geht es zuerst mal um die Personen und ihr Verhalten.
Ich habe gerade alle noch einmal zusammengetragen, nachdem ich den Abschnitt beendet hatte. Aber Margaret Kennedy schildert sie so anschaulich, dass ich sie schon zu kennen glaube. Das Ganze hat etwas von einem Film oder Theaterstück, alle marschieren einmal auf, um sich vorzustellen.
Wir lernen alle kennen und das hat die Autorin richtig gut gemacht, finde ich.
Anscheinend gab es 1947 bzw. sogar früher schon Zahnspangen?
Das hat mich auch gewundert.
 

dracoma

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16. September 2022
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Warum schabt sie an einer Glasscherbe herum und fängt den Staub auf?
Weil sie diesen Glasstaub eines Tages ihrem Vater ins Essen rühren wird, und er wird langsam daran sterben. Und wenn ich das richtig in Erinnerung habe, kann man Glasstaub nicht nachweisen.
Eine sehr probate Mordmethode! Glas und Feile hat jeder im Haus ;)!
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Oh Leute, ihr habt so vieles kommentiert. Ich bin völlig bei euch! So ein schönes, flüssig, aber keinesfalls seicht geschriebenes Buch. Das tut nach mancher letzten Lektüre mal gut. Wobei man auch aufpassen muss. Das Personal ist üppig. Allerdings glaube ich, dass man es im Zuge der weiteren Geschichte noch besser kennenlernen wird. Und wenn nicht, haben hilfreiche Geister ja oben kleine Beschreibungen hinterlassen. Danke dafür!
Sie denken, sie tun der Welt nur Gutes (angenommene Kinder), überlassen die Schufterei und das "Aushalten" aber gern den anderen.
Einen herrlichen Satz hast du da geschrieben, der - leider - ziemlich zeitlos Verwendung findet.
Ich denke auch, dass diese "Krankheit" vorgeschoben ist, damit die Lady nur das vorgesetzt bekommt, was ihr auch wirklich schmeckt.
Das wird so herrlich herausgearbeitet, wie den einzelnen Kontaktpersonen der Lady Zweifel an ihrem Elend kommen... Da kann man immer wieder schelmisch grinsen. Eine verwöhnte Ziege ist sie.
Auch die Mischung aus verschiedenen literarischen Stilmitteln wie Briefen, Tagebucheinträgen und Erzählpassagen gefällt mir sehr.
Mir auch!
Die Autorin ist eine gute Menschenkennerin und feine Beobachterin.
Jedenfalls schreibt Kennedy sehr anschaulich.
Das gefällt mir auch. Man hat genaue Vorstellungen vom Setting und den verschiedenen Charakteren. Toll!
sondern ein Schlupfloch für ihr Geld.
Jep! So habe ich es auch verstanden. Angst, Vater Staat könnte ihr etwas wegnehmen.
Humor und Ironie, mag ich.
Jaaaa! So herrlich dieses Buch. Die ideale Mischeung aus Leichtigkeit, Tiefe und Humor.
 

luisa_loves-literature

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9. Januar 2022
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Heute schreibe ich erst meinen Leseeindruck und lese gleich erst eure Meinungen.

Großartig ist dieser Roman. Abwechslungsreich, erfrischend, frech - nach vierzig Seiten war mir klar: so sollte man Romane schreiben. Der Ton passt, die Idee der Multiperspektivität gepaart mit klassischem Erzählen funktioniert hier perfekt, macht neugierig und lässt die Figuren in unterschiedlichem Licht erscheinen und erlaubt es der Wahrheit (oder das, was man dafür hält,) näher zu kommen. Endlich mal wieder ein Roman, der glücklich macht, einfach, weil er gut konzipiert und lässig erzählt wird. Die Story ist gut, aber trotz der Handlung liegt der Fokus sehr gekonnt auf den Figuren, die der Roman übrigens alle eigentlich nicht mag, aber dennoch wohlwollend und liebevoll betrachtet. Die Dialoge sind geschliffen auf den Punkt, die Charakterisierung funktioniert einwandfrei: GROSSE LESEFREUDE bei mir!

Und da haben wir auch schon den ersten Gast, Lady Gifford. Sie scheint eine sehr merkwürdige Malese zu haben, wenn sie Fleisch, frisches Gemüse und Fisch mit viel frischer Sahne essen darf, aber Konserven nicht verträgt. Es klingt ein wenig nach Genusssucht, oder Luxusgier?!
Sensationell, wie Lady Gifford innerhalb von drei oder vier Seiten sich selbst schon so demaskiert - ganz ohne es zu bemerken.
Auch die Mischung aus verschiedenen literarischen Stilmitteln wie Briefen, Tagebucheinträgen und Erzählpassagen gefällt mir sehr.
Ja, mir auch. Perfekt, eher ungewöhnlich, aber so gelungen und überzeugend.
Diese Kanalinseln (ist doch eine, oder?) gehören zu meinen Traumzielen.
Kann ich sehr empfehlen. Jersey, Guernsey - alle schön und mit den "German Underground Hospitals" auch creepy.
Die Art, wie die Autorin ihre Figuren einführt, gefällt mir sehr. Nicht herablassend, aber mit einem oft spöttischen Blick auf sie. Humor und Ironie, mag ich.
Genau - wohlwollend, aber mit einem Sinn für ihre Schwächen. So würden wir doch alle gern behandelt werden. Ich sehe da gesundes Mitgefühl.
Wohl eher eine Gemütserkrankung?
Ich denke, sie ist einfach sehr divaesque und legt vermutlich ihrem Arzt nahe, was gut für sie ist und der verschreibt es ihr dann...Sie ist doch eine sehr rücksichtsvolle Person, da sie nicht möchte, dass andere mitansehen müssen, was sie essen "muss"...
Ellis: fühlt sich in ihrer neuen Stellung unwohl. Hier soll sie selbst anpacken, doch das ist unter ihrer Würde.
Sher unsympathisch und sehr ungepflegt. Da wir sie zuerst durch ihren Brief kennengelernt haben, haben wir eigentlich Empathie und können ihre Sichtweise nachvollziehen. Ich finde es sehr gelungen, wie sich das dann völlig relativiert.
Toll, wie die Autorin die wechselnde Stimmung der Mitreisenden einfließen lässt, mal auf der Seite der einen, dann der anderen.
Für mich spiegelt das auch unser Lebeerlebnis - wie z.B. bei Ellis. Erst findet man sie ganz in Ordnung und dann wechselt unsere Stimmung. Oder auch beim Hotel: In Lady Giffords Brief dachte ich: Wow, das hört sich gut an - und dann wird deutlich, dass es eigentlich nicht das erste, sondern eher das letzte Haus am Platz ist.
Komisch, @alle: auf die Idee, ich könnte mich positionieren, wer umkommt und wer nicht, bin ich gar nicht gekommen.
Ich aber auch nicht. Habe da auch keine Präferenz.
 

Bücherfreundin

Aktives Mitglied
6. November 2022
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Eine für mich sehr interessante Sache am Rande: Anscheinend gab es 1947 bzw. sogar früher schon Zahnspangen? Und ich dachte immer, das wäre eine neuere Erfindung, mit der man erst seit etwa den 1970er-Jahren Kinder quält (sorry, ich habe mein Zahnspangentrauma noch immer nicht verarbeitet).
Genau das habe ich auch geglaubt…