1. Leseabschnitt: Beginn bis 6. Kapitel incl. (Seite 9 bis 62)

Kwinsu

Mitglied
2. Oktober 2023
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Salzburg
Hallo :) Ich mach einmal den Anfang - ich muss ehrlich sagen, dass ich mich schwer zurückhalten konnte das Buch nach Erhalt anzufangen und ich hab schon ein wenig vorgelesen heute (also eigentlich gestern) und passenderweise genau zum Leseabschnitt 1 :)
Mir gefällt Malnata auf den ersten Seiten sehr, sehr gut! Ich muss ehrlich gestehen, dass ich hin und her gerissen bin - mir ist Malnata als Figur bislang eher unsympathisch, aber ich kann die Protagonistin irgendwie verstehen, dass sie so fasziniert ist von diesem Mädchen! Sie scheint ja selbst in einem sehr engen Korsett zu leben, muss sich an ihre zugewiesene Rolle halten und hat nicht viel Spielraum für ein eigenes Leben... ich bin schon sehr gespannt, wie sie sich daraus löst, denn momentan scheint es fast unmöglich, dass sie sich überhaupt Raum verschaffen kann, um Malnata besser kennenzulernen... Was ich sehr erschreckend empfinde, ist die Tatsache dass Maddalena immer "die Malnata" genannt wird, das fühlt sich irgendwie wie eine Beschimpfung an, was vermutlich auch so gemeint ist. (schließlich heißt das auch die Unheilbringende) Und dass sie von den Erwachsenen so abgelehnt und verteufelt wird, ist sehr bitter. Und sie scheint sich in der Rolle ja sehr gut eingefunden zu haben... Ich bin mir aber auch sicher, dass Malnatas Bild auch noch differenzierter dargestellt werden wird. Trotz meiner bislangen Antipathie Malnata gegenüber, finde ich es sehr grausam, dass wohl das ganze Dorf sich gegen sie verschworen hat und es als gegeben ansieht, dass sie Schuld ist für den Tod ihres Bruders und dass das ganze Dorf es mitträgt, dass sie überall wo sie hinkommt, Unheil verbreitet. Das gleicht ja wirklich einer Hexenjagd...
Warum mir Malnata schon ziemlich unsympathisch ist, beruht wahrscheinlich auf der Tatsache, dass ich mit jeglicher Form von Tierquälerei nichts anfangen kann. Die Szene mit den Katzen/Eidechsen find ich einfach nur grausam und ich glaube halt, dass Menschen, die Tiere quälen, auch keine guten Menschen sein können. Aber natürlich muss man das auch im historischen Kontext sehen und vermutlich ist sie auch so hart, weil sie selbst kein leichtes Leben hat...
Spannend wir auch noch das Verhältnis zwischen Francesca und ihrer Mutter. Die Mutter scheint ja auch eine sehr egozentrische und etwas narzisstische Person zu sein. Natürlich hat sie auch ein schweres Schicksal erlitten, mit dem Verlust des Jungen und dem sozialen Abstieg, aber das rechtfertigt m.E. nicht die Ignoranz gegen ihre Tochter und anderen Menschen (wie Carla).
Gespannt bin ich auch darauf, wie die faschistischen Entwicklungen dargestellt werden und was sie für eine Rolle in der Geschichte spielen.
Trotz vieler Ambivalenzen find ich den Spannungsaufbau sehr gut und freue mich schon aufs Weiterlesen! Bin auch schon sehr gespannt auf Eure Meinung zum ersten LA!
 

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
2.829
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Was ich sehr erschreckend empfinde, ist die Tatsache dass Maddalena immer "die Malnata" genannt wird, das fühlt sich irgendwie wie eine Beschimpfung an, was vermutlich auch so gemeint ist.
Es ist so gemeint, doch ich kann mir vorstellen, dass die Malnata diesen Namen mit einem gewissen Stolz trägt. Sie verachtet die meisten der Erwachsenen dort, vermutlich nicht ganz zu Unrecht.
Die Szene mit den Katzen/Eidechsen find ich einfach nur grausam und ich glaube halt, dass Menschen, die Tiere quälen, auch keine guten Menschen sein können.
Grundsätzlich stimme ich dir zu, muss aber die Malnata und Matteo hier etwas in Schutz nehmen. Eidechsen werfen bei Bedrohung ihren Schwanz ja auch von selbst ab, zumindest einmal im Leben. Die Wunde verheilt recht fix und der Schwanz wächst schnell nach. Das mindert das Quälen der Tiere in dieser Szene doch um einiges, wie ich finde.
 

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
2.829
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Auch mir gefällt der Roman bislang sehr gut. Welch schreckliche und dramatische Szene gleich zu Beginn! Offenbar hat die Malnata den Missbrauch der Ich-Erzählerin gerade noch verhindert, wobei der Täter zu Tode gekommen ist. Aufgrund der späteren Beschreibungen vermute ich, dass es sich dabei um Roberto Colombo handelt, Filippos Vater.

Sprachlich gelingt es Beatrice Salvioni in meinen Augen hervorragend, die Atmosphäre im faschistischen und abergläubischen Italien des Jahres 1935 rüberzubringen, ohne dabei die kindliche Perspektive der Protagonistin zu vernachlässigen. Die Faszination der Erzählerin für die Malnata wird überdeutlich und ist für mich nachvollziehbar: Sie verkörpert einerseits alles, was die Ich-Erzählerin nicht ist und andererseits verbindet die beiden der Tod des jüngeren Bruders.

Die Malnata wirkt auf mich wie eine dunkle Pippi Langstrumpf. Von den Erwachsenen geächtet, von vielen Kindern bewundert. Mutig, rau, selbstbewusst. Ich mag zudem die zärtlich-raue Anbahnung der Mädchenfreundschaft.

Besonders ist die Situation der Mutter. Sie möchte den Anschein einer reichen Frau aufrechterhalten, wahrscheinlich weil sie sich als Süditalienerin in Monza ohnehin minderwertig fühlt. Sinnbildlich dafür die Ablehnung ihres eigenen, aber auch des fremden Dialekts von Carla.

Meine bisherige Lieblingsszene ist auf Seite 44, als die Ich-Erzählerin (Kwinsu sagt, sie heißt Francesca? Steht wahrscheinlich im Klappentext) sich im Kleiderschrank versteckt und schreit. Gänsehaut! Auch im Hinblick auf das "verschwindende Leben".

Ich lese mit großem Interesse weiter und bin sehr gespannt, wie sich die Freundschaft bis zum Schrecklichen aus dem Prolog entwickeln wird.

Einziger Kritikpunkt ist, dass das Kinn sprachlich ein wenig zu oft "gereckt" wird - und das Cover! Das abgebildete Mädchen ist doch viel älter als die Malnata oder die "Kirschenprinzessin".
 

Irisblatt

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15. April 2022
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Ich glaube, das ist ein Buch für mich!:)
Die einzelnen Szenen zeigen trotz ihrer Kürze viel von den gesellschaftlichen Normen, dem engen Korsett des Anstandes, der auch religiös definiert ist, in dem sich die Menschen bewegen. Dass die Ich-Erzählerin (wie heißt sie eigentlich?) fasziniert von Malnata und den beiden Jungen ist und davon träumt, auch so frei zu sein, kann ich gut nachvollziehen. Als sie sich traut zu lügen, mit Maddalena zu sprechen und auch das Kirschkernschlucken überlebt, ist sie sich sicher, dass die Erwachsenen lügen, wenn sie sagen, dass dieses Mädchen Unheil bringt und alle „Sünden“ sogleich bestraft werden. Sie fühlt sich magisch von dieser verbotenen Welt angezogen und wird vermutlich immer mutiger werden. Maddalena ist eine Geächtete, wird als Hexe verschrien, man gibt ihr die Schuld für so manches Unheil, das geschehen ist. Sie ist ein Beispiel für einen Sünden bock. Ich bin neugierig auf ihre Geschichte - sie ist immerhin noch ein Kind. Trotzdem stellt sie bereits in diesen jungen Jahren für mich die patriarchalische, faschistische Ordnung auf den Kopf. Sie ist unabhängig, frei, hat ihren eigenen Kopf, sagt ihre Meinung (z.B. dass das Geschäft des Metzgers von Faschisten gestohlen wurde), ist eine Anführerin, für die zwei ältere Jungs (sehr zum Leidwesen ihrer Familie) alles tun würden. Wer ist wohl der Vergewaltiger bzw. es liest sich so als ob Malnata gerade noch rechtzeitig kam, um eine Vergewaltigung zu verhindern? Könnte das vielleicht sogar der Vater von Filippo sein? Wir werden es bestimmt erfahren.
Ich lese nun gleich noch etwas weiter.
 

Irisblatt

Bekanntes Mitglied
15. April 2022
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Die Malnata wirkt auf mich wie eine dunkle Pippi Langstrumpf. Von den Erwachsenen geächtet, von vielen Kindern bewundert. Mutig, rau, selbstbewusst. Ich mag zudem die zärtlich-raue Anbahnung der Mädchenfreundschaft.
Das finde ich auch sehr gelungen und überzeugend. Ich musste beim Lesen nicht an Pippi Langstrumpf, aber an die rote Zora und ihre Bande denken. Diese Fernsehserie habe ich als Kind geliebt, kann mich aber gar nicht mehr gut an die Details erinnern. Trotzdem taucht dieses Bild immer wieder bei mir auf.
Besonders ist die Situation der Mutter. Sie möchte den Anschein einer reichen Frau aufrechterhalten, wahrscheinlich weil sie sich als Süditalienerin in Monza ohnehin minderwertig fühlt. Sinnbildlich dafür die Ablehnung ihres eigenen, aber auch des fremden Dialekts von Carla.
Ich würde noch einen weiteren Aspekt ergänzen wollen. Sie möchte auch den Schein einer zufriedenen Ehefrau aufrecht erhalten. Dabei scheint sie mit ihrem Leben überhaupt nicht glücklich - sie wäre gerne Schauspielerin geworden bzw. hätte diesen Beruf auch nach der Ehe gerne ausgeübt. Stattdessen "vegetiert" sie in ihrem Haus vor sich hin mit ihren Modezeitschriften und versucht den Ehemann bei Laune zu halten. Jedenfalls mit ihrem Verhalten, nicht mit ihrem Aussehen, was der Ehemann als zu modisch/rebellisch ansieht.
Ich lese mit großem Interesse weiter und bin sehr gespannt, wie sich die Freundschaft bis zum Schrecklichen aus dem Prolog entwickeln wird.
dito
Einziger Kritikpunkt ist, dass das Kinn sprachlich ein wenig zu oft "gereckt" wird
Das ist mir nicht aufgefallen - wird es vermutlich aber jetzt, sollten weiterhin Kinne gereckt werden :apenosee
mir ist Malnata als Figur bislang eher unsympathisch
Ich habe gerade überlegt, wie das bei mir ist ... mir sind viele Erwachsene unsympathisch, die Kinder haben etwas Rebellisches (die Ich-Erzählerin bisher nur ganz zart, aber auch sie möchte sich nicht einengen lassen). Außerdem scheint mir ihr Leben weniger von Schein und Gerede bestimmt zu sein. Grundsätzlich nimmt mich das sehr für die Kinder ein.
, aber ich kann die Protagonistin irgendwie verstehen, dass sie so fasziniert ist von diesem Mädchen!
Das kann ich sehr gut nachvollziehen.
Trotz meiner bislangen Antipathie Malnata gegenüber, finde ich es sehr grausam, dass wohl das ganze Dorf sich gegen sie verschworen hat und es als gegeben ansieht, dass sie Schuld ist für den Tod ihres Bruders und dass das ganze Dorf es mitträgt, dass sie überall wo sie hinkommt, Unheil verbreitet. Das gleicht ja wirklich einer Hexenjagd...
Das finde ich auch. Vor allem ist sie wirklich noch ein Kind. Ich wäre auch neugierig zu erfahren, wie ihre Familie damit umgeht bzw. welchen Stand die Familie mit einer solchen Tochter in diesem Ort hat.
Gespannt bin ich auch darauf, wie die faschistischen Entwicklungen dargestellt werden und was sie für eine Rolle in der Geschichte spielen.
Da bin ich auch neugierig drauf.
 

Eulenhaus

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13. Juni 2022
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Wie Christian musste ich auch an Pippi Langstrumpf denken.
Das Buch beginnt mit einer versuchten Vergewaltigung, bei der Maddalena den Peiniger erschlägt. „Weinen war nur etwas für Idioten“, erklärt die unkonventionelle M Francesca. HB
Francesca erzählt rückblickend wie alles ein Jahr zuvor begann. Mussolini regiert in Italien, patriarchale Strukturen, unterstützt von der katholischen Kirche prägen das Land. Der Aberglaube ist weit verbreitet, besonders die „Hexe“ Malnata hat darunter zu leiden. Mädchen haben anständig zu sein, Regeln und Verbote sind zu beachten, „Jesus sieht alles“. Unter Maddalenas Einfluss erkennt Francesca bald die Lügen der Erwachsenen. Sie hat sie schon länger bewundert und schließt sich jetzt, meistens heimlich, den Malnati an. Die Gruppe spielt am Lambro und erschreckt mit ihren Streichen die Bewohner.
 

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Grundsätzlich nimmt mich das sehr für die Kinder ein.
Mich ohnehin immer und in diesem Roman ganz besonders. Die Gruppe um die Malnata scheint eine Art Kontrapunkt zur Scheinwelt der Erwachsenen zu sein. Ich konnte (mit kleiner Ausnahme der Eidechsen-Szene) bislang überhaupt nichts Unsympathisches an ihr finden.
 

Kwinsu

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2. Oktober 2023
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Salzburg
Auch mir gefällt der Roman bislang sehr gut. Welch schreckliche und dramatische Szene gleich zu Beginn! Offenbar hat die Malnata den Missbrauch der Ich-Erzählerin gerade noch verhindert, wobei der Täter zu Tode gekommen ist.
Oje, ich hatte den Prolog schon wieder komplett verdrängt und ihn jetzt noch einmal gelesen... vermutlich wird das das Ende der Geschichte sein... echt heftig!
Sprachlich gelingt es Beatrice Salvioni in meinen Augen hervorragend, die Atmosphäre im faschistischen und abergläubischen Italien des Jahres 1935 rüberzubringen, ohne dabei die kindliche Perspektive der Protagonistin zu vernachlässigen.
Da kann ich dir zu 100 % zustimmen! Außerdem finde ich, dass du das perfekt formuliert hast!
Kwinsu sagt, sie heißt Francesca? Steht wahrscheinlich im Klappentext
Steht auch auf dem Teasertext. Und es wird einmal erwähnt, aber ich glaube erst später im Buch ;)
und das Cover! Das abgebildete Mädchen ist doch viel älter als die Malnata oder die "Kirschenprinzessin".
Hehe, ich finde das Cover wirklich sehr, sehr gelungen, mich hat das Mädchen gleich voll angezogen, wie ich es das erste Mal gesehen habe. Es hat so ein extrem ausdrucksstarkes Gesicht, das mich sofort in einen Bann gezogen hat... Ich finde gar nicht, dass das Mädchen so viel älter aussieht...
Die einzelnen Szenen zeigen trotz ihrer Kürze viel von den gesellschaftlichen Normen, dem engen Korsett des Anstandes, der auch religiös definiert ist, in dem sich die Menschen bewegen.
Ja, die Religiosität finde ich auch sehr speziell, da hat die Autorin den Zeitgeist sehr gut eingefangen!
Trotzdem stellt sie bereits in diesen jungen Jahren für mich die patriarchalische, faschistische Ordnung auf den Kopf. Sie ist unabhängig, frei, hat ihren eigenen Kopf, sagt ihre Meinung (z.B. dass das Geschäft des Metzgers von Faschisten gestohlen wurde), ist eine Anführerin, für die zwei ältere Jungs (sehr zum Leidwesen ihrer Familie) alles tun würden.
Perfekte Zusammenfassung über die Malnata :D
„Jesus sieht alles“
Das find ich soooo spooky! Wie man da versucht Sexualität zu unterdrücken, das grenzt schon an Gewalt!
 

Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Auch mir gefällt der Roman bislang sehr gut. Welch schreckliche und dramatische Szene gleich zu Beginn! Offenbar hat die Malnata den Missbrauch der Ich-Erzählerin gerade noch verhindert, wobei der Täter zu Tode gekommen ist. Aufgrund der späteren Beschreibungen vermute ich, dass es sich dabei um Roberto Colombo handelt, Filippos Vater.
Es ist von einem jungen Faschisten die Rede, also vermutlich einer der Söhne von Roberto. Filippo wird es kaum sein, also der ältere.

Ich wäre auch neugierig zu erfahren, wie ihre Familie damit umgeht bzw. welchen Stand die Familie mit einer solchen Tochter in diesem Ort hat.
Die Mutter begleitet ihre Tochter nirgendwo hin, es ist immer der ältere Bruder Ernesto. Könnte sein, dass auch die eigene Mutter Maddalena die Schuld an Darios Tod gibt.
 

Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
4.284
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Das Bild auf dem Cover spricht mich überhaupt nicht an, ich hätte das Buch vermutlich in der Buchhandlung nicht in die Hand genommen, was sehr schade gewesen wäre. Es scheint Francesca zu sein, denn man sieht kein Angiom. Das Mädchen auf der italienischen Originalausgabe gefällt mir deutlich besser, es sieht auch jünger aus.

Die Eingangsszene ist ein Paukenschlag. Dann der Rückblick auf das Jahr vor der Tat: Francesca wird magisch angezogen von Maddalena trotz aller Warungen der Mutter, die aber wiederum zu schwach/uninteressiert ist, um das Verbot der Annäherung durchzusetzen. Von der Beobachterin wird Francesca zur Komplizin dieser Außenseiterin. Ich bin sehr gespannt, vor allem auf die politische Seite des Romans. Filippo Colombos Vater steht auf Seiten der Faschisten, trotzdem kann er nicht verhindern, dass der Sohn sich mit Maddalena "herumtreibt". Die Eltern scheinen mir wenig durchsetzungsfähig in diesem Roman. Auch Noè agiert hinter dem Rücken seines gewalttätigen Vaters wie er will. Maddalena sieht in den Faschisten den Feind, vielleicht beeinflusst vom älteren Bruder Ernesto? Das verspricht, interessant zu werden.

Ich lese gerne weiter und achte zukünftig auf gereckte Kinne ;).
 

RuLeka

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30. Januar 2018
7.060
26.843
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Nun komme ich auch dazu, meine ersten Eindrücke zu schildern:
“ Auf der einen Seite gab es das Leben, wie ich es kannte, und auf der anderen das Leben, das Malnata mir zeigte.“
“ Ich beobachtete ihre Welt vom Rande aus. Und ich konnte es kaum erwarten, mich ganz hineinfallen zu lassen.“
Die Ich- Erzählerin ist ein Mädchen aus einem rigiden Elternhaus. Die Eltern achten sehr darauf, was man macht und was nicht erlaubt ist. Und die Verhaltensregeln sind streng in diesem Ort in der Lombardei Mitte der 1930er Jahre.
Die wirtschaftliche Situation ist allgemein schlechter geworden. Das hat auch die Familie der Ich- Erzählerin zu spüren bekommen. Sie mussten in eine kleinere Wohnung umziehen und alle Dienstboten, bis auf eine entlassen.
Die Mutter hatte einst den Wunsch, eine berühmte Schauspielerin zu werden. Nun ist sie eine frustrierte Hausfrau mit einem Mann, der sie nicht mehr liebt und einer Tochter. Der Sohn starb mit einem Jahr an Kinderlähmung.
Die Gegenwelt zu dieser biederen Welt verkörpert Malnata, ein wildes Mädchen, das sich oft am Fluss herumtreibt, im Gefolge zwei Jungs, die ihr bedingungslos gehorchen. Trotz der Warnungen von allen drumherum oder vielleicht gerade deswegen fühlt sich die Ich- Erzählerin angezogen von Malnata. Sie bricht Regeln und Gebote, um von Malnata akzeptiert zu werden.
Die Eingangsszene spielt ein Jahr später und sie ist schockierend. Malnata hat einen Mann getötet, der die Ich- Erzählerin vergewaltigt hat oder versucht hat, sie zu vergewaltigen.
Mit dieser Szene hat die Autorin mich sofort gepackt. Aber auch danach, denn sie versteht es sehr gut, die Atmosphäre in diesem Ort einzufangen und die Figuren lebendig werden zu lassen. Ich kann verstehen, dass das Mödchen raus will aus dieser Enge und dass sie Malnata bewundert.
Allerdings hätte ich auf die Szene mit den Eidechsen verzichten können.
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
7.060
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66
aber ich kann die Protagonistin irgendwie verstehen, dass sie so fasziniert ist von diesem Mädchen!
Ja! Das Leben, das Francesca bisher kannte, ist eines voller Regeln und Verbote und hinter allem lauert die Strafe. Da wirkt ein Mädchen , das sich davon nicht beeindrucken lässt, das Regeln in Frage stellt und macht, was sie will, als großes Vorbild.
Die Szene mit den Katzen/Eidechsen find ich einfach nur grausam und
Ging mir beim Lesen auch so, obwohl ich weiß, dass Tiere quälen früher etwas war, das Kinder gemacht haben. Die Einstellung zum Tier war eine völlig andere als unsere heutige.
Gespannt bin ich auch darauf, wie die faschistischen Entwicklungen dargestellt werden und was sie für eine Rolle in der Geschichte spielen.
Bisher schwingt es beständig im Hintergrund mit. Gut gemacht, denn für ein Kind steht das nicht im Vordergrund. Sie beobachtet nur bestimmte Verhaltensweisen .
diesen Namen mit einem gewissen Stolz trägt
Ja, davon bin ich auch überzeugt.
Sprachlich gelingt es Beatrice Salvioni in meinen Augen hervorragend, die Atmosphäre im faschistischen und abergläubischen Italien des Jahres 1935 rüberzubringen, ohne dabei die kindliche Perspektive der Protagonistin zu vernachlässigen
Genau!
Sie ist unabhängig, frei, hat ihren eigenen Kopf, sagt ihre Meinung (z.B. dass das Geschäft des Metzgers von Faschisten gestohlen wurde), ist eine Anführerin, für die zwei ältere Jungs (sehr zum Leidwesen ihrer Familie) alles tun würden
Und entspricht damit so garnicht dem Bild, wie Mädchen oder Frauen sich verhalten sollen.
Es hat so ein extrem ausdrucksstarkes Gesicht, das mich sofort in einen Bann gezogen hat... Ich finde gar nicht, dass das Mädchen so viel älter aussieht...
Es ist ihr Blick, der suggeriert, dass sie reifer und älter ist.
Es ist von einem jungen Faschisten die Rede
Ich hatte da auch nicht einen älteren Familienvater vor Augen.
Könnte sein, dass auch die eigene Mutter Maddalena die Schuld an Darios Tod gibt.
Kann ich mir vorstellen.
 

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29. März 2022
2.697
10.252
49
53
Mainz
Mir gefällt der erste Abschnitt ganz gut.
Francesca dürstet ers nach Leben und Abenteuern. Sie lebt in ihrer Familie - ge- und Verboten ausgesetzt. Ihr kleiner Bruder ist tot; sein Name darf nur an bestimmten Tagen überhaupt erwähnt werden.
Das verbindet sie mit Malnata, deren Lebensweise sie fasziniert. In ihrer Familie wird ihr eingebleut sich von ihr fernzuhalten. Sie bringe Unglück. Außerdem steht sie für alles Verbotene. Ich glaube, irgendwo fiel der Begriff "Hexe", oder?
Doch Malnata ist mutig, schert sich überhaupt nicht um das, was Erwachsene für richtig und gut halten. Bisher wisen wir nichts Genaueres über sie: was ist zum Beispiel mit ihren Eltern? Wir wissen nur, dass sie draußen mit Jungs herumtollt, sich nicht verhält, wie es sich für ein Mädchen gehört, und angstfrei ist, was Regelbrüche betrifft.
Francesca freut sich, dass Malnata ihr Aufmerksamkeit scheint. Nach dem ersten gemeinsamen Abenteuer (Kirschenklau), sucht Malnata sie auf. Francesca findet Wege, ihr zu folgen, zieht aber dadurch den Groll ihrer Mutter auf sich. Denn gleich häufen sich die Regelverstöße.
Das Buch hat stark releigiöse Anklänge, die mir auch gut gefallen. Mal sehen, ob diese Motive weiter eine zentrale Rolle spielen.
Der Prolog lässt erahnen, in welcher Abwärtsspirale Fracesca sich befindet und wohin all dies führen wird.
Ich bin gespannt und lese sehr gerne und gespannt weiter.
 

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Bekanntes Mitglied
29. März 2022
2.697
10.252
49
53
Mainz
Sie scheint ja selbst in einem sehr engen Korsett zu leben, muss sich an ihre zugewiesene Rolle halten und hat nicht viel Spielraum für ein eigenes Leben
Genau das ist es, denke ich. Sie wird viel zu sehr eingegrenzt und sehnt sich nach mehr Lebendigkeit.
Trotz meiner bislangen Antipathie Malnata gegenüber, finde ich es sehr grausam, dass wohl das ganze Dorf sich gegen sie verschworen hat und es als gegeben ansieht, dass sie Schuld ist für den Tod ihres Bruders und dass das ganze Dorf es mitträgt, dass sie überall wo sie hinkommt, Unheil verbreitet. Das gleicht ja wirklich einer Hexenjagd...
Ich vermute, es ist ein sehr gläubiges Dorf mit einem fein gewebten Norm- und Regelsystem. Malnata tritt es mit Füßen. Vermutlich wissen die Dorfbewohner gar nicht so sonderlich viel um sie, und Halbwissen über Gehörtes führt zu entsprechenden überzogenen Reaktionen.
Sie verachtet die meisten der Erwachsenen dort, vermutlich nicht ganz zu Unrecht
Für mich ist sie Inbegriff von Mut und Rebellion gegen die Erwachsenenwelt. Vielleicht auch eine Kämpferin gegen Unrecht, wie das Beispiel der beschlagnahmten Metzgerei zeigt. Antipathie hege ich eigentlich nicht.
Die Faszination der Erzählerin für die Malnata wird überdeutlich und ist für mich nachvollziehbar: Sie verkörpert einerseits alles, was die Ich-Erzählerin nicht ist und andererseits verbindet die beiden der Tod des jüngeren Bruders.
Ganz genauso empfinde ich das auch. Sie haben ein verbindendes Band und Malnata steht für Vieles, was Francesca vorenthalten bleibt.

Die Malnata wirkt auf mich wie eine dunkle Pippi Langstrumpf. Von den Erwachsenen geächtet, von vielen Kindern bewundert. Mutig, rau, selbstbewusst
Den Vergleich finde ich gut. Mir kam ebenfalls diese Assoziation.
Wer ist wohl der Vergewaltiger bzw. es liest sich so als ob Malnata gerade noch rechtzeitig kam, um eine Vergewaltigung zu verhindern? Könnte das vielleicht sogar der Vater von Filippo sein? Wir werden es bestimmt erfahren.
Ich glaube schon, dass es zur Vergewaltigung kam und Malnata intervenierte, um dem ein Ende zu bereiten. Ich selbst hatte noch keine Idee, wer der Täter sein könnte. Aber wir werden sehen. Ich denke, der Roman wird auf dise Szene zulaufen und uns mehr Klarheit bringen.
Bisher schwingt es beständig im Hintergrund mit. Gut gemacht, denn für ein Kind steht das nicht im Vordergrund. Sie beobachtet nur bestimmte Verhaltensweisen .
Neben dem politischen Kontext interessiert mich aber auch das religiöse Setting. Beides finde ich sehr interessant...
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
2.571
10.695
49
Ein Roman, wie ich ihn mag: ein dramatischer Beginn - Francesca wäre fast vergewaltigt worden – hoffentlich nur fast, weil Maddalena ihr zu Hilfe kommt, was allerdings mit einem Toten endet. Trotzdem präsentiert uns die Autorin im Folgenden eine leicht zu lesende Geschichte, in der allerlei versteckt ist, was sich der Leser aus beiläufigen Sätzen erschließen kann:

Monza (nördlich von Mailand) 1935: die Faschisten haben in Italien das Sagen. Die Gesellschaft ist für mich eine katholisch geprägte, heuchlerische Spießergesellschaft mit rigiden Regeln, besonders für Mädchen. Die werden Francesca von ihrer Mutter ständig vor Augen gehalten. Selbst aber macht sie Männern schöne Augen. Die Tochter beobachtet sie und hat durchschaut, wie unglücklich die Mutter in ihrer lieblosen Ehe ist und welches Geltungsbedürfnis sie hat.

Da ist es für mich kein Wunder, dass Francesca sich von Maddalena angezogen fühlt, die so ganz anders ist und das auch lebt. Zwar wird sie von den Nachbarn 'La Malnata' genannt, die Unheilbringerin, wird als Hexe angesehen (Aberglaube), aber es scheint ihr nichts auszumachen. Zwischen ihr und Francesca gibt es eine gegenseitige Anziehung, obwohl Maddalena das Gegenbild zur braven Francesca ist. Aber vielleicht hat die ja auch aufrührerische Gefühle in sich und will sich aus dem starren gesellschaftlichen Korsett befreien. M. Scheint jedenfalls vor nichts Angst zu haben; sie tut was sie will und hat allerlei Tricks auf Lager, um das zu bekommen, was sie haben will.​
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
2.571
10.695
49
dass wohl das ganze Dorf sich gegen sie verschworen hat und es als gegeben ansieht, dass sie Schuld ist für den Tod ihres Bruders
Es kommt mir zwar auch etwas dörflich vor, z.B. die Szene mit dem Kirchgang, aber es ist eine Stadt: Monza, nördlich von Mailand. - Was den Tod des Bruders anbetrifft, das war ein wenig kurz abgehandelt und ich frage mich, ob da noch etwas kommt.
Die Szene mit den Katzen/Eidechsen find ich einfach nur grausam
Grausam fand ich es nicht, wohl aber unnötig und gedankenlos. Christian schreibt es ja auch, dass die Eidechsen ihre Schwänze abwerfen, um entkommen zu können. Maddalena hat sie quasi vor den Katzen gerettet.
Die Mutter scheint ja auch eine sehr egozentrische und etwas narzisstische Person zu sein.
Sie erscheint mir zutiefst unglücklich, vor allem in der Ehe, und geltungsbedürftig. Keiner beachtet sie genug, würdigt sie, schätzt sie.
Sie verachtet die meisten der Erwachsenen dort, vermutlich nicht ganz zu Unrecht.
Da gibt es einige und da bin ich ganz bei Maddalena. Aber es gibt auch nette wie z.B. Carla, die die Schuld mit den zerbrochenen Eiern auf sich nimmt oder Noè, der den Mädchen die Eier schenkt.
 

Federfee

Bekanntes Mitglied
13. Januar 2023
2.571
10.695
49
Sprachlich gelingt es Beatrice Salvioni in meinen Augen hervorragend, die Atmosphäre im faschistischen und abergläubischen Italien des Jahres 1935 rüberzubringen, ohne dabei die kindliche Perspektive der Protagonistin zu vernachlässigen.
Das gefällt mir auch: eine deutlich kindliche Perspektive ohne sprachlich zu einfach zu sein.
Die Malnata wirkt auf mich wie eine dunkle Pippi Langstrumpf.
Guter Vergleich.
Einziger Kritikpunkt ist, dass das Kinn sprachlich ein wenig zu oft "gereckt" wird - und das Cover! Das abgebildete Mädchen ist doch viel älter als die Malnata oder die "Kirschenprinzessin".
Das mit dem Kinn war mir gar nicht aufgefallen ;-)
Das Coverfoto gefiel mir gleich nicht und jetzt schon mal gar nicht mehr.
Wer ist wohl der Vergewaltiger bzw. es liest sich so als ob Malnata gerade noch rechtzeitig kam, um eine Vergewaltigung zu verhindern? Könnte das vielleicht sogar der Vater von Filippo sein?
M. sagte: Ich wollte, dass er aufhört. Da ist natürlich Schlimmstes zu befürchten. Der Vater wird es nicht sein, denn er wird als junger Mann erwähnt.