1. Leseabschnitt: Anfang bis Seite 50

Eulenhaus

Aktives Mitglied
13. Juni 2022
251
1.141
44
Schon der Anfang des Buches ist gelungen! Brooks geht mit offenen Augen durch die Natur/Welt und weiß das kleine Glück zu finden. Für MM sind Löwenzahnblüten „Alltagsedelsteine“. In einer grauen Umgebung aus verfallenen Häusern bilden die kunterbunt gekleideten Kinder in der Schule einen starken Kontrast. Im Halbschlaf sieht sie einen Gorilla im Käfig, vielleicht eine Metapher für die Situation der schwarzen Bevölkerung.
Wieder der Gegensatz: Nach einem Streit der Eltern hört sie, dass diese sich wieder lieben. MM betrachtet das ärmlich eingerichtete Wohnzimmer mit dem angeblich besonderen Geruch von Farbigen. Von der Rassengleichheit waren die USA noch weit entfernt, Aufhebung der Trennung 1964.
MM war die „ganze farbige Rasse“, ihr Schulfreund Charles der Gegenpol in weiß.
 

RuLeka

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30. Januar 2018
5.522
19.890
49
65
Der erste LA hat mich schon mal für das Buch eingenommen. In kleinen Miniaturen erzählt MM ihr Leben.
Was sofort auffällt, ist die poetische Sprache, der Blick für Details.
Im Löwenzahn entdeckt sie die Schönheit des Alltäglichen und hofft, dass das auch auf sie zutrifft.
Wie muss ich mir die gemalte Musik vorstellen?
MM wächst auf in einer ärmlichen Umgebung. Aber immerhin besitzen sie ein eigenes Haus. Auch wenn es heruntergekommen und marode ist. Doch dieser Besitz ist gefährdet, wenn der Vater nicht einen weiteren Kredit bekommt.
Existenzängste, Streit der Eltern, der Tod der Großmutter, alles wird von dem Mädchen beobachtet und beschrieben und hinterlässt Spuren bei ihr.
Und was macht man, wenn die kleinere Schwester die Hübschere und die Beliebtere ist?
MM wird älter, die ersten Verehrer stellen sich ein. Sie hat aber einen sehr kritischen Blick auf den einen.
Am Zweiten werden Klassenunterschiede deutlich. Wie gern gehörte er zu denjenigen, für die Bildung selbstverständlich ist, ein Hintergrund, mit dem man aufwächst. Doch er muss sich das alles mühsam selbst erarbeiten. Seine Eltern waren einfache Leute, er selbst musste von klein auf arbeiten.
Paul ist derjenige, den MM heiraten möchte, Neben ihm fängt ihr ganzer Körper an zu singen. Was für ein schönes Bild!
Allerdings ist er hellhäutiger als die kakaofarbige Maud.
Schönheitsideale werden von Weißen gesetzt. Da wird es für Schwarze schwierig, sich schön zu finden. Je heller die Haut, desto schöner.
Nun machen die Pläne für die eigene Wohnung. Mal sehen, ob das klappt oder ob sie nicht doch Kompromisse machen müssen?
Ich freue mich aufs Weiterlesen.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
2.312
8.059
49
Schön, einfach nur schön!

Kurze Kapitel, die wichtige Lebenspunkte Marthas kurz und intensiv beleuchten. Aber nicht sie selbst steht im Mittelpunkt (bis auf das allererste Kapitel), sondern immer ihre unmittelbare Umgebung.
Das fäng mit 7 Jahren an und läuft über den Tod ihrer Großmutter und des Onkels Tim, ihren jüngeren Geschwistern bis zu ihren Verehrern. Die Beobachtungen, die sie dabei macht sind einfach, aber erstaunlich präzise und maßgeblich, kein Wort ist zuviel, was auch der Besuch im Regal Theatre und die Beschreibung ihres Hauses beweisen.

Das gleiche Geburtsjahr, der gleiche Wohnort lassen vermuten, dass Martha Gwendolyn ist und wir hier einen autobiografischen Roman lesen.

Die kleinen Vignetten der Lebensstationen lesen sich flüssig und unkompliziert. So bleibt viel Zeit, die kleinen, winzigen Hinweise auf Rassismus zu finden, die zumindest im ersten Drittel nicht wirklich das Bild beherrschen.

Auch könnte ich mir vorstellen, dass jedes einzelne Kapitel eine Vorlage für die Lyrikerin Brooks gewesen sein könnte und bestimmt in ihren Gedichten wiederzufinden sind (was ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen kann, da ich sonst nichts von ihr kenne).
 

Emswashed

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9. Mai 2020
2.312
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Allerdings ist er hellhäutiger als die kakaofarbige Maud.
Ich finde es erstaunlich, wie hier die Unterschiede in der schwarzen Community herausgearbeitet werden.
Schon beim Schulbesuch heißt es: "... getragen von zappelnden, kleinen Stängeln, braun, hellbraun oder schwarzbraun..." (S.9)
Hast Du je einen Weißen hören sagen, dass er eine weiße, hellweiße oder schmutzigweiße Bekanntschaft gemacht hat?
Das Ideal der Weißen hat sich tief in die Beurteilung der Schwarzen untereinander eingegraben.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Paul ist derjenige, den MM heiraten möchte, Neben ihm fängt ihr ganzer Körper an zu singen. Was für ein schönes Bild!

Wobei ich bezweifle, ob das wirklich gut gehen kann. Er möchte schließlich hellbraune Kinder haben und eine "umwerfende" Wohnung, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen. Sein gehobener Status fängt erst einmal mit einem Hund an... Männer!:rolleyes:
 

RuLeka

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30. Januar 2018
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Das gleiche Geburtsjahr, der gleiche Wohnort lassen vermuten, dass Martha Gwendolyn ist und wir hier einen autobiografischen Roman lesen.
Davon gehe ich auch aus.
Ich finde es erstaunlich, wie hier die Unterschiede in der schwarzen Community herausgearbeitet werden.
Wobei die schon sehr wichtig waren oder auch noch sind. Ein anderes Kriterium sind die Haare - kraus war unerwünscht. Viele Frauen haben ihre Haare malträtiert, um sie glatter zu bekommen. Deshalb war ein Afro, wie ihn z.B. Angela Davis trug, ein Zeichen für schwarzes Selbstbewusstsein,
Wobei ich bezweifle, ob das wirklich gut gehen kann.
Da bin ich ebenfalls pessimistisch. In Bezug auf ihn und auf die hochfliegenden Pläne, die die beiden haben.
 

Eulenhaus

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13. Juni 2022
251
1.141
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MM wächst in einem von Armut geprägten 5Personen-Haushalt auf. Gerade noch kann der Vater den Hauskredit verlängern. MM: Das „sahnige Safran des Abendhimmels“ gibt es nur über ihrem Haus.
Nach der Highschool arbeiten MM und ihre Schwester Helen in einer Anwaltskanzlei. Helen ist hübsch und anmutig und wird von allen bevorzugt. Sie verdient mehr, ist bei Jungen beliebter, selbst Vater und Bruder ziehen sie vor. Von dieser Konkurrenz, die allgemein bekannt ist, berichtet Brooks wahrscheinlich aus eigener Erfahrung.
Mit 18 ist MM verliebt und heiratet den „Aufschneider“ Paul Philipps. Sie träumt von NY als Inbegriff Ihrer Wünsche.
Sie selbst hat die Farbe von purem Kakao, ihr Mann eher Bronze. Der Rassismus ging und geht so weit, dass selbst der Farbton eine Rolle spielt. Das Thema haben auch Toni Morrison in ihrem Roman Gott hilf dem Kind und Anna Kim in Geschichte eines Kindes (Shortlist Buchpreis 2022) beschrieben.
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Helen ist hübsch und anmutig und wird von allen bevorzugt. Sie verdient mehr,

Wie lakonisch das in nur einem Satz erwähnt wird, fand ich schon sehr beeindruckend. Hier gehts also nicht allein um Rassismus, sondern auch um Feminismus. Nicht das Können einer Frau entscheidet über ihre Karriere, sondern allein ihr Aussehen.
 

Lesehorizont

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29. März 2022
2.075
7.986
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53
Mainz
Soeben habe ich den ersten LA beendet und bin bislang sehr angetan von diesem Buch. Stilistisch gefallen mir die kurzen Abschnitte. Da ist kein Wort zuviel; überhaupt gefällt mir die Sprache sehr gut. Es finden sich sehr schöne Bilder wie z.B. das des singenden Körpers neben Paul.
Gegenstand ist wohl eine subtile Rassismuskritik. Mir ist gleich aufgefallen, wie facettenreich die dunkelhäutige Rasse hier dargestellt wird, wo sie doch durch die Brille der "Weißen" immer als homogene Masse gesehen werden.
Damit verbunden werden Fragen der Schönheit aufgeworfen. Maud Martha hofft auf eine unauffällige Schönheit ähnlich z.B. dem Löwenzahn. Doch muss sie im Leben lernen, dass Schönheit an ganz bestimmtren Aspekten fest gemacht wird - selbst in der Wahrenhmung Pauls verliert sie hier.
Mit Paul stehen, denke ich, keine leichten Zeiten bevor. Unterschiede treten doch bereits jetzt deutlich zutage. Das kann eigentlich nicht gut gehen.
Ich bin sehr gespannt, in welche Richtung dieses Buch sich entwickeln wird und lese sehr gerne und neugierig weiter.
 

Lesehorizont

Bekanntes Mitglied
29. März 2022
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Mainz
Im Halbschlaf sieht sie einen Gorilla im Käfig, vielleicht eine Metapher für die Situation der schwarzen Bevölkerung.
Das könnte sehr gut sein.
Der erste LA hat mich schon mal für das Buch eingenommen. In kleinen Miniaturen erzählt MM ihr Leben.
Was sofort auffällt, ist die poetische Sprache, der Blick für Details.
Da bin ich ganz bei Dir. Jedes Wort sitzt und es steckt viel Poesie in so mancher Formulierung.
Paul ist derjenige, den MM heiraten möchte, Neben ihm fängt ihr ganzer Körper an zu singen. Was für ein schönes Bild!
Allerdings ist er hellhäutiger als die kakaofarbige Maud.
Ich fand das Bild des singenden Körpers auch sehr schön. Aber Paul scheint leider anders zu empfinden. Das könnte noch zu einem größeren Problem finden, da auch sonst bereits jetzt unterschiedliche ANsichten sehr deutlich werden.
Hast Du je einen Weißen hören sagen, dass er eine weiße, hellweiße oder schmutzigweiße Bekanntschaft gemacht hat?
Das Ideal der Weißen hat sich tief in die Beurteilung der Schwarzen untereinander eingegraben.
Das ist mir auch gleich aufgefallen. Wo eigentlich viele Zwischentöne existieren, reduziert der "weiße" Beobachter aufgrund der wahrgenommenen Andersartigkeit auf "schwarz" - wohl auch, um auf Distanz zu gehen.
 

milkysilvermoon

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13. Oktober 2017
1.721
4.719
49
Mich hat dieser Roman auf Anhieb verzaubert. Die Sprache ist sehr poetisch (man merkt, dass die Autorin vor allem Lyrik geschrieben hat) und bildstark. Es imponiert mir auch, wie sie es in wenigen Worten schafft, so viel zu transportieren. Ich empfinde den Stil zudem als ziemlich atmosphärisch.

Ich war etwas überrascht, dass wir Maud Martha bereits im Grundschulalter kennenlernen. Trotz der kurzen Episoden kommt man ihr recht schnell nahe. Die zeitlichen Sprünge tun dem Verständnis keinerlei Abbruch.

Dass es um Rassismus geht, war mir von Anfang an klar. Aber es steckt noch viel mehr darin: Klassenunterschiede, Geschlechts- und Altersdiskriminierung, Ungleichbehandlung aufgrund des Aussehens usw.
 

milkysilvermoon

Bekanntes Mitglied
13. Oktober 2017
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Ich bin sehr gespannt, in welche Richtung dieses Buch sich entwickeln wird und lese sehr gerne und neugierig weiter.

Ich habe da so einen Verdacht, wie sich die Geschichte entwickeln wird. Ich vermute, dass dieser Roman inhaltlich recht vorhersehbar ist. Stört mich aber nicht im Geringsten, wenn er auf diesem Niveau bleibt.
 

GAIA

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27. Dezember 2021
1.996
9.046
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Thüringen
Im Löwenzahn entdeckt sie die Schönheit des Alltäglichen und hofft, dass das auch auf sie zutrifft.
Dieses Bild, generell die erste Seite, hat mir wirklich sehr gut gefallen und ich habe darin auch die Lyrikerin gesehen.
Kurze Kapitel, die wichtige Lebenspunkte Marthas kurz und intensiv beleuchten. Aber nicht sie selbst steht im Mittelpunkt (bis auf das allererste Kapitel), sondern immer ihre unmittelbare Umgebung.
Ich denke, genau das greift noch einmal das im ersten Kapitel Gesagte auf. Eine Löwenzahnblüte wird erst richtig schön, wenn man sich auf sie konzentriert und sie genau anschaut. Gegenüber farblich und von der Form her "lauten" Blüten fällt sie nur wenig auf. MM schaut auf die Umgebung, nur mal kurz auf sich selbst.

Ich stelle fest, das gerade dieses "nicht so richtig auf sich selbst Schauen" und bruchstückhaft in das allgemeine Leben der Protagonistin, mich bisher auf Distanz halten. Bin mir gerade gar nicht so sicher, wie ich das beschreiben soll. Ich fühle mich in die Lebenswelt eingeführt, aber MM nicht wirklich nahe. Das führt bei mir noch zu einer gewissen Zurückhaltung dem Text gegenüber. Ich finde ihn insgesamt gut geschrieben, bin aber noch nicht richtig angekommen. Aber vielleicht kommt das noch im Verlauf.

Was mir aufgefallen ist, ein kleiner Ausrutscher bei der Übersetzung (die ich ansonsten sehr gut finde): MM ist 1917 geboren, wir sind auf Seite 10 noch mit MM in der Grundschule, also in den 1920ern, aber es ist von der "Elvis-Tolle" die Rede. Elvis war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren und begann seine Karriere erst 1954, ein Jahr nachdem Brooks das Buch geschrieben hat! Ich habe gerade mal ins englische Original geschaut, dort heißt der Satz:
"They spoke shrilly of ways to fix curls and pompadours, of "nasty" boys and "sharp" boys, ..."

Bei der Recherche zum Originalbuch bin ich auf dieses Originalcover von 1953 gestoßen:
MM.JPG
Interessanterweise hat der Verlag damals das Cover scheinbar an die Vorlieben der weißen Leserschaft und den innerhalb der Schwarzen Community vorhandenen Ressentiments angepasst. Denn wenn man ehrlich ist, könnten auch beide Personen auf dem Bild südländische Weiße sein. Gerade wie MM beschrieben wird, als sehr dunkel, trifft es so gar nicht. :confused:
 

milkysilvermoon

Bekanntes Mitglied
13. Oktober 2017
1.721
4.719
49
MM ist 1917 geboren, wir sind auf Seite 10 noch mit MM in der Grundschule, also in den 1920ern, aber es ist von der "Elvis-Tolle" die Rede. Elvis war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geboren und begann seine Karriere erst 1954, ein Jahr nachdem Brooks das Buch geschrieben hat!

Der Erzähler/die Erzählerin erzählt retrospektiv. In der Szene nimmt niemand den Namen „Elvis“ in den Mund. Deshalb ist das für mich kein Lapsus. Ich möchte aber nicht abstreiten, dass die Übersetzung an dieser Stelle nicht optimal ist.
 

GAIA

Bekanntes Mitglied
27. Dezember 2021
1.996
9.046
49
Thüringen
Der Erzähler/die Erzählerin erzählt retrospektiv. In der Szene nimmt niemand den Namen „Elvis“ in den Mund.
Das stimmt, es ist keine direkte Rede, aber ich finde schon, dass eine Übersetzerin keinen Begriff verwenden sollte, der als der Text von der Autorin verfasst wurde, noch gar nicht existierte.
Ich glaube, es wäre allen aufgefallen, wenn wir einen Text lesen würden, der 1700 spielt und 1750 verfasst wurde, in dem original der Begriff „Wagen“ vorkam, in der Übersetzung aber „Auto“, statt „Kutsche“ daraus gemacht wurde. ;)
 

milkysilvermoon

Bekanntes Mitglied
13. Oktober 2017
1.721
4.719
49
Das stimmt, es ist keine direkte Rede, aber ich finde schon, dass eine Übersetzerin keinen Begriff verwenden sollte, der als der Text von der Autorin verfasst wurde, noch gar nicht existierte.
Ich glaube, es wäre allen aufgefallen, wenn wir einen Text lesen würden, der 1700 spielt und 1750 verfasst wurde, in dem original der Begriff „Wagen“ vorkam, in der Übersetzung aber „Auto“, statt „Kutsche“ daraus gemacht wurde. ;)

Ja, ja, du hast völlig recht. Aber: Menno, warum machst du mir denn auch diese Übersetzung madig? ;) Die wollte ich mir doch schönreden nach so vielen Fehlgriffen diesbezüglich in der vergangenen Zeit („Lichte Tage“, „Die Bäume“..). :grinning:p Ich traue mich bald nicht mehr, Übersetzungen zu lesen, wenn das so weitergeht. :apenosee
 

parden

Bekanntes Mitglied
13. April 2014
5.629
7.050
49
Niederrhein
www.litterae-artesque.blogspot.de
Ich kann momentan keine Kommentare per PC schreiben, Probleme mit dem Browser, glaube ich. Am Handy finde ich es aber sehr mühsam zu tippen, deshalb nur ein kurzes Statement.

Die schlaglichtartigen Vignetten haben mich überrascht, so wirklich ist das vom Empfinden her kein Roman für mich. Maud kommt auch mir noch nicht nahe, die von euch angerissenen Themen werden aber schon deutlich. Die bildhafte, ausdrucksstarke Sprache gefällt mir, auch ich empfinde die Schilderungen oft als recht atmosphärisch.