Rezension Rezension (4/5*) zu Menschenfischer: Kriminalroman von Helene Henke.

parden

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13. April 2014
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Niederrhein
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Lichterkinder...

Trotz der aufsehenerregenden Geschehnisse im vorherigen Band (Totenmaske) ist die Bestatterin Zoe Lenz in Birkheim geblieben, einem verschlafenen Dorf im Hunsrück, das vor etwa einem Jahr durch einen Dreifachmord plötzlich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerissen worden war. Doch die inzwischen wieder eingekehrte Ruhe währt nicht lange. Im Wald werden bei Forstarbeiten die verwesenden Leichen von zwei Mädchen gefunden. Dank ihrer Kunstfertigkeit bei der Herstellung von Totenmasken wird Zoe zu dem Fall hinzugezogen, denn sie soll den Mädchen ihr Gesicht wiedergeben, damit es möglich wird, sie zu identifizieren. Doch obwohl rasch feststeht, dass die Mädchen ermordet wurden, scheint die Polizei kein allzu großes Interesse an der Auflösung des Falls an den Tag zu legen.

Als die Leichen der beiden Mädchen aus dem Begräbnisinstitut von Zoe gestohlen werden, dazu auch noch ihre Praktikantin Alina spurlos verschwindet, erwacht erneut Zoes Ermittlerinstinkt. Ihr Freund Leon, der als Kriminalbeamter in Mainz arbeitet, hört ihr bei ihren Erkenntnissen und Theorien nur mit halbem Ohr zu, da er selbst in wichtigen Ermittlungen steckt. Doch Zoe wäre nicht Zoe, wenn sie das von ihren Nachforschungen abhalten würde...


Ihr Vorhaben war unvernünftig, irrational und möglicherweise gefährlich, doch im Moment erschien ihr jede Aktion besser, als verschreckt den Kopf in den Sand zu stecken. Einen Plan gab es nicht. Dazu gab es keine Grundlage. Die gesamte Situation, in der sie sich befanden, entzog sich ohnehin jeglichem gesunden Menschenverstand (...) Aber Zoe musste sich nun einfach Klarheit verschaffen.


Die Anknüpfung zum ersten Band sowie die Weiterführung und Vertiefung einzelner Handlungsstränge daraus ist Helene Henke in meinen Augen sehr gut gelungen. Zwar war ich zwischenzeitlich irritiert darüber, dass dem verwickelten Geschehen hier ein ähnliches Thema zugrunde liegt wie in dem vorherigen Band, doch beim Weiterlesen wurde deutlich weshalb - und im Grunde bekamen dadurch die Geschehnisse um den Dreifachmord im vergangenen Jahr noch einmal einen subtiler durchleuchteten Hintergrund. Wirklich geschickt konstruiert. Daraus ergibt sich aber schon zwangsläufig, dass die Bände unbedingt in der richtigen Reihenfolge gelesen werden sollten, da dies nicht nur zum besseren Verständnis beiträgt, sondern weil in 'Menschenfischer' auch viel von dem Fall davor die Rede ist (Spoiler).


Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser? - Zehn Meter tief... - Wie kommen wir hinüber?


Helene Henke entführt den Leser tief in den Hunsrücker Wald und damit in menschliche Abgründe, die so gar nicht zu der so heilen Welt dieser Gegend passen wollen. Dabei arbeitet sie mit der Vorstellungskraft des Lesers: oftmals formuliert sie die Schrecken nicht im Detail aus, sondern deutet sie nur an. Dies reicht allerdings auch aus, um Abscheu und Grauen vor den Perversionen hervorzurufen, denen der Leser hier begegnet.

Es war schön, den bereits bekannten Charakteren wiederzubegegnen. Doch während in 'Totenmaske' noch die Personen und ihre Beziehungen zueinander im Vordergrund standen, ebenso wie einige detailliert beleuchtete Aspekte des Bestatterwesens, liegt in diesem Band der Fokus auf der Geschichte selbst. Die Mischung empfand ich insgesamt aber als gelungen.
Das Verhalten der Charaktere, hier vor allem Zoe und Leon, war für mich nicht an jedem Punkt nachvollziehbar, was aber keinen Abzug in der Sympathienote gibt. Einzig die Alleingänge (jaja, ich weiß, alles im Sinne der Dramaturgie) nervten mich zuweilen.

Alles in allem eine gelungene Fortsetzung der Reihe um die jüngste Bestatterin Deutschlands, und gerne lese ich weiter, wenn es eine neue Folge gibt. Ich freue mich auf ein Wiederlesen mit Zoe!


© Parden

 

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