Die Elefanten meines Bruders

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Elefanten meines Bruders' von Helmut Pöll
5
5 von 5 (6 Bewertungen)

Billy Hoffmann ist elf und findet es doof, dass zwischen seinem Vor- und Nachnamen kein „Tiee“ steht wie bei einem Amerikaner. „Tiee“ stünde für Trevor oder Timothy, was ziemlich cool wäre.

Sein größter Wunsch ist es, mit seinem großen Bruder Phillipp in den Zirkus zu den Elefanten zu gehen. Das kann er aber nicht, weil der Bruder am Vorabend der Vorstellung überfahren wird.

Mit seinen zehn Jahren leider er an ADHS. Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom. „Das habe ich aber gar nicht“, sagt er. „Ich habe nur viel Energie“. Deshalb rennt er auch zwanzigmal um die Säule vor der Tiefgarageneinfahrt, bis seine Mutter das Auto geholt hat - und muß zwanzigmal in anderer Richtung zurückrennen, bevor er einsteigen kann. Die Welt der Erwachsenen erlebt er als willkürlich und zutiefst verstörend. Auf keinen Fall erstrebenswert.

"Erwachsene haben ja oft Migräne. Das kommt, wenn das Hirn nicht mehr so leistungsfähig ist wie bei einem Kind. Dann warten die Erwachsenen auf schlechtes Wetter und bekommen Migräne."

Von Beruf will er später mal Spaziergänger werden, vielleicht auch Raumkreuzerkommandant. Sein Rüstzeug für den Umgang mit der Realität bezieht Billy haupsächlich aus Filmen. Er ist eine wandelnde Filmdatenbank und antwortet auf Fragen, wenn möglich, mit Filmzitaten seiner Helden. Das gibt ihm Sicherheit. Aber so verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit immer mehr miteinander.

Die Elefanten meines Bruders - Ein Roman über einen Zirkusbesuch, der nie stattgefunden hat.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:224
Verlag:
EAN:

Rezensionen zu "Die Elefanten meines Bruders"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Mär 2016 

    ein Junge mit zuviel Energie, zuviel Fantasie und zuviele Fragen

    Helmut Pöll hat mit "Die Elefanten meines Bruders" einen Roman geschrieben, der einen berührenden Einblick in die Seele eines Kindes gewährt, das zuviel Energie hat.
    Der 11-jährige Billy Hoffmann hat von vielem zuviel: zuviel Energie, zuviel Fantasie, zuviele Fragen. Er ist ein anstrengendes Kind - wie viele Erwachsene meinen. Und er leidet an ADHS... nicht, weil heutzutage viel zu schnell und leichtfertig ADHS diagnostiziert wird. Nein, Billy leidet wirklich an dem Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom.

    Worum geht es in diesem Roman?
    Billy Hoffmann ist elf und findet es doof, dass zwischen seinem Vor- und Nachnamen kein „Tiee“ steht wie bei einem Amerikaner. „Tiee“ stünde für Trevor oder Timothy, was ziemlich cool wäre.
    Sein größter Wunsch ist es, mit seinem großen Bruder Phillipp in den Zirkus zu den Elefanten zu gehen. Das kann er aber nicht, weil der Bruder am Vorabend der Vorstellung überfahren wird....
    Die Elefanten meines Bruders - Ein Roman über ADHS und einen Zirkusbesuch, der nie stattgefunden hat. (Klappentext)

    Billy hat von vielem zuviel. Aber etwas fehlt ihm gewaltig: sein Bruder Phillipp. Im Alter von 6 Jahren musste Billy miterleben, wie sein älterer Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Der Tod von Phillipp hat eine riesige Lücke in seinem bisher kurzen Leben hinterlassen. Heute, 4 Jahre später, hat sich Billys Seele immer noch nicht von dem Verlust erholt. Phillipp fehlt ihm, genauso wie die Elefanten, die die beiden im Zirkus besuchen wollten.

    "Aber vielleicht ist es auch so, dass man einmal im Himmel das wird, was man sich ganz fest wünscht. Wenn ich als Opa sterbe, dann wünsche ich mir, dass ich im Himmel wieder ein kleiner Junge bin. Dann suche ich Phillipp, zeige ihm unsere beiden Eintrittskarten, die ich natürlich bis dahin aufhebe, und gehe endlich mit ihm in den Zirkus." (S. 27)

    Zum Glück ist da Mona, Billys Schulkameradin und beste Freundin. Mit ihr kann Billy über alles sprechen. Ihr schüttet er seine Seele aus, sie versteht ihn. Sie können miteinander lachen, sie können miteinander weinen. Sie bilden ein Gespann, das unzertrennlich ist. Beide sind sich einig: Erwachsene sind merkwürdig, kompliziert und unlogisch. Erwachsene nehmen Kinder nicht ernst und verwenden häufig eigenartige Ausdrücke wie "Jemandem einen Bären aufbinden". Und wenn die Kinder dann versuchen, diese Ausdrücke in die Tat umzusetzen, reagieren die Erwachsenen mit Überheblichkeit, Unverständnis oder verlegenem Lachen, so auch in diesem Fall, als Billy sich einen Stoffbären auf den Rücken bindet und damit durch die Wohnung rennt.

    "Man darf nicht lügen und man darf nicht berechnend sein. Jedenfalls dürfen Kinder das nicht. Später sieht es anders aus. Wenn man arbeitet, dann darf man auch nicht lügen. Aber wer gar nicht lügt und gar nicht berechnend ist, den beißen die Hunde. Das sagt mein Vater manchmal." (S. 137)

    Die Fantasie von Billy ist grenzenlos. Er hängt viel vor dem Fernseher. Seine Helden sind Action- und Krimifiguren. Und dann ist da noch "Star Wars". Die Weltraumsaga hat es ihm angetan. Hier holt er sich Inspirationen für seinen Alltag. Seine Fantasie bewirkt, dass er die Filmwelt in seine Gedankenwelt einfließen lässt - sehr zum Unwillen seiner Eltern, die oft überfordert sind, wenn er mal wieder mit dem Todesstern in der Hand, schreiend durch die Wohnung rast.
    Dies ist für ihn u. a. eine Möglichkeit, seiner Energie ein Ventil zu geben, oder, wie er so schön sagt "seinen Fusionsreaktor" vor dem Explodieren zu bewahren.
    Billy ist aber auch ein Schlitzohr. Natürlich leidet er unter den Energie- und Panikattacken. Aber genauso ist er auch in der Lage, seine "Anfälle" genau dann zu bekommen oder so zu tun, als ob, wenn es die Situation erforderlich macht - also dann, wenn Ärger droht und es brenzlig für ihn werden könnte.

    Der Autor Helmut Pöll hat die Geschichte aus der Sicht von Billy geschrieben. Dabei ist es ihm gelungen, sich auf die Sprache eines 11-Jährigen einzulassen - manchmal altklug, manchmal naiv und immer herzerfrischend ehrlich. Die Logik von Billy ist verblüffend. Und oft stellt man als Leser fest, wie kompliziert die Denkweise von Erwachsenen doch sein kann. Das Leben könnte so einfach sein, wenn man sich ab und zu darauf einlassen würde, die Welt durch die Augen eines Kindes zu betrachten.

    "Ein Dilemma ist, wenn man sich für was entscheiden muss, aber beides kacke ist." (S. 142)

    Ich habe Helmut Pöll als Betreiber der Lesecommunity "Whatchareadin" kennengelernt. Wir haben einen ganz guten Draht zueinander und tauschen uns gern aus, wenn es um Bücher oder das Forumsleben bei Whatchareadin geht. Insofern war es für mich völlig faszinierend ein Buch zu lesen, das mir eine Seite von Helmut Pöll zeigt, die mir bisher nicht bekannt war. Er schafft es, sich in die ADHS-gebeutelte Seele eines Kindes hineinzuversetzen und die Gedanken dieses Kindes absolut authentisch wiederzugeben. Dies geschieht mit einem Humor, der teilweise zum Brüllen komisch ist. Oft habe ich mich gefragt, wie Helmut Pöll nur auf solche Ideen kommt. Er lässt Billy Sätze von sich geben, die einfach nur originell sind. Trotzdem wirkt Billys Geschichte nie klamaukhaft. Helmut setzt den Humor nur dann ein, wenn es Billys Gefühlslage zulässt. Es gibt Situationen, in denen die Verletzlichkeit von Billys Seele zum Vorschein kommt. Denen begegnet Helmut mit viel Respekt und Einfühlungsvermögen.

    Fazit:
    Die Geschichte von Billy hat mich berührt, aber auch zum Lachen gebracht. Ich kann sie nur jedem empfehlen, der Kinder hat und manchmal an diesen verzweifelt (also allen Eltern! ;-))
    Ich könnte mich ärgern, dass ich dieses Buch nicht schon früher gelesen habe. Mal sehen, wahrscheinlich werde ich sie nochmal mit meinem 11-jährigen Sohn lesen. Ich bin mir sicher, er wird die Geschichte von Billy genauso lieben wie ich.
    Klare Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Nov 2015 

    so ergreifend

    Wir haben es hier mit einem sehr ergreifenden Buch zu tun. Ich kenne das Krankheitsbild ADHS durch eine Arbeitskollegin. Deren Tochter ist betroffen und man bekommt am Rande doch das eine oder andere mit. Ich denke Helmut Pöll hat das Erscheinungsbild dieser Krankheit doch sehr gut eingefangen.
    Es ist aber definitiv nicht so, dass dieses Buch nur etwas für Betroffene ist, oder das es keinen Unterhaltungswert hat. Nein dieses Buch ist einfach sehr lesenswert. Ich habe mich Billy sehr nahe gefühlt und konnte viele seiner Aktionen irgendwie nachvollziehen. Auch die Reaktionen der Eltern kann man durchaus verstehen. Oft konnte ich beim Lesen wirklich schmunzeln…die Logik die Billy und seine Freundin Mona an den Tag legen, ist teilweise nicht zu unterschätzen.
    Ich denke dieses Buch geht sehr tief, obwohl es eine spielerische Leichtigkeit an den Tag legt.
    Der Autor hat mich durch die ganze Bandbreite der Gefühle gelotst. In den ersten Seiten war ich oft einfach genervt von Billy, man kann schlecht oder schwer mit dieser Krankheit umgehen. Ich bewundere alle Eltern und Kinder die es schaffen eine Linie für sich zu finden. Dann kamen die Momente im Buch, in denen ich einfach nur traurig wurde. Situationen die Billy nicht versteht, die den “Kurzschluss” bei ihm auslösen…man möchte ihm helfen, ihn einfach nur beschützen. Aber am schönsten waren die Momente in denen Billy zum Beispiel mit Mona die “normale” Welt aushebelt. In denen gezeigt wird, dass es deutlich mehr zu erleben gibt, wenn man sich nur darauf einlässt.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 19. Mai 2015 

    Rasende Fahrt mit dem Billy-Zug

    Helmut Pöll kenne ich seit rund einem Jahr, als ich auf das von ihm gegründete (und aufs Vorbildlichste gepflegte) Leser-Portal watchaReadin aufmerksam wurde. Von Anfang an hat mich der Titel seines ersten Romans, Die Elefanten meines Bruders, fasziniert, und die Leseprobe fing mich sofort ein. Während meiner Athen-Reise vor zwei Wochen fand ich endlich Gelegenheit, den Roman ganz zu lesen. Nun ist so eine Städtereise naturgemäß vollgepackt mit Unternehmungen, ich kann aber an dieser Stelle verraten, dass ich jede Gelegenheit nutzte, ein paar Seiten weiterzulesen. Die Elefanten meines Bruders ist nun kein spannungsgeladener Thriller, dennoch entfaltet die Geschichte vom ersten Moment an einen Sog, dem ich mich gar nicht entziehen wollte.

    Protagonist ist der fast zwölfjährige Billy Hoffmann. Mit sechs Jahren erlebte er mit, wie sein damals großer Bruder, der heute sein kleiner wäre, auf dem Weg zum gemeinsamen Zirkusbesuch von einem Autobus überfahren wurde. Als Leserin erfahre ich nicht, ob dies der alleinige Auslöser für Billys ... Schwierigkeiten ... war, aber das Erlebnis prägt ihn tief und beschäftigt ihn in Gedanken pausenlos auch Jahre später. Nun könnte man fürchten, ein Roman über ein Kind mit ausgeprägtem ADHS, stark neurotischen Zügen und gravierendem psychischem Trauma wäre schwere, kaum verdauliche Kost. Das Gegenteil ist der Fall.

    Ich habe selten so viel bei einem Roman gelacht. Billy, der seinen Namen hasst und seinen Eltern dafür vermutlich nur vergibt, weil sie im Grunde ganz in Ordnung sind, ist ein quirliger, in seinem Ideenreichtum und Unternehmungsgeist kaum zu bremsender Sonnenschein. Nehmen Anspannung und Überforderung überhand -- was häufig vorkommt -- dann löst er das auf unnachahmliche Weise, die ich hier nicht vorwegnehmen will ;)

    Für seine Umgebung ist das nicht eben stressfrei, außer für Mona, Billys beste Freundin, der Billys Gedankenwelt jederzeit einleuchtet. Vor denjenigen Erwachsenen, die mit bewundernswertem Engagement und Fantasie auf Billys mittlere und größere Turbulenzen eingehen, ziehe ich meinen Hut. Der Roman ist durchgehend aus Billys Perspektive geschrieben. Von Anfang an werde ich als Leserin mit all seinem Adrenalin, seinen wilden Assoziationen und Schlussfolgerungen überschüttet, mitgerissen und aufgeputscht, bis ich wie er das dringende Bedürfnis nach einem Ventil habe. Billy macht das dann auf seine Weise, ich lasse eben mal das Buch sinken, denke mir: das gibts doch wohl alles gar nicht, und muss dann aber doch weiterlesen. denn genau wie Billy MUSS ich einfach wissen, was es mit allem auf sich hat. Ich MUSS.

    Bei aller lockeren, bisweilen im besten Sinne komödiantischen Unterhaltung schwingt aber doch in jedem Abschnitt immer wieder das Trauma des Unfalls mit. Das ist es, was Billy nicht loslässt, worum seine Gedanken kreisen, wofür er einfach keine Lösung findet. Und bei aller Trauerarbeit, die ein ADHS-Kind so leisten kann, muss diese tiefe Verletzung sich irgendwann doch Bahn brechen. Es kommt wie es kommen muss, Billy erlebt seine Krise. Als erwachsene Leserin mit Beschützerinstinkt ist das für mich dann nur schwer erträglich. Andererseits enthält jede Krise die Chance auf Heilung und so besteht vielleicht auch für Billy Hoffnung ...

    Ich möchte diese Buch jedem ans Herz legen, der Kinder hat, mit Kindern arbeitet oder an seine eigene Kindheit noch lebhafte Erinnerungen hat. Und auch allen, die sich kaum erinnern können, denn vielleicht haben sie es am dringendsten nötig, sich auf das Innenleben eines in all seiner Besonderheit liebenswerten Jungen einzulassen. 'Normal' sein heißt, durchschnittlich zu sein. Aber Durchschnitt schafft keine neuen Entdeckungen, stellt keine Herausforderungen, die es zu überwinden gilt und an denen wir alle wachsen.

    Kinder mit ADHS sind anstrengend -- nach dieser Lektüre kann ich erst erfassen, wie anstrengend. Mit ihnen zu leben, stellt höchste Anforderungen an die verantwortlichen Erwachsenen. Die sie alleine nicht bewältigen können. Deshalb ist es wichtig, ihr Engagement anzuerkennen und Hilfe zu leisten, wo nötig. Aber bei all dem darf man nie vergessen, dass diese Kinder keine Last sind, sondern eine Bereicherung. Eine, für die wir lethargischen Erwachsenen uns rüsten müssen und können, wenn wir nur wollen.

    Absolute Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Dez 2014 

    Wie man ein Problemthema exzellent in ein Buch verpackt

    Es ist nicht einfach, ein stilistisch in sich stimmiges und gutes Buch zu schreiben. Nicht einmal internationale Bestsellerautoren, die von ihren Verlagen marketingtechnisch perfekt vermarktet werden und (auch) deshalb zig Tausende Bücher verkaufen, sind diesbezüglich unfehlbar. Doch der Autor der „Elefanten“ schafft es, sich sowohl in den Kopf eines Elfjährigen zu versetzen, als auch die – in seiner Krankheit begründete – Konfusion umzusetzen. Wodurch man sich als Leser tatsächlich im Kopf des Kindes wiederfindet, das aufgrund seiner ADHS-Erkrankung nicht so „tickt“ wie andere Menschen.
    Die feinfühlig erzählte Geschichte, die das Alltagsleben einer ganz normalen Familie widerspiegelt. Sicher, ein schicksalhaftes Leben, aber eines, das wir auch in unserem alltäglichen Lebensumfeld erleben. Nachbarn, die ihr 08/15-Leben in streng vorgelegten Bahnen absolvieren und dabei versuchen, den Verlust eines Sohnes zu verstehen und die Erkrankung des anderen Kindes in ihr Leben als vorgegebene Tatsache einzugliedern.
    Und Billy? Er lässt seiner Fantasie freien Lauf, versucht den Verlust seines Bruders zu akzeptieren und in seinem Leben weiterzumachen. Es fehlen weder humorvolle Passagen noch selbstkritische. Vor allem jedoch arbeitet er an seiner langsamen aber kontinuierlichen Integration in der spießigen Familie und der Welt, die beide nicht so ganz seinen Idealvorstellungen entsprechen.
    Ein „Problembuch“? Ja. Der Autor behandelt ein Thema, das wir gerne übersehen – weil es unangenehm ist sich dem zu nähern, was „unangenehm“ und „nicht normal“ ist.
    Empfehlenswert? Ja. Für all diejenigen, die nicht nur im Mainstream der belletristischen Genres lesen und gerne ein wirklich gut geschriebenes Buch lesen wollen.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 20. Mai 2014 

    Grandioser Wurf: Die Elefanten meines Bruders

    Billy Hoffmann will mit seiner Familie zu einer Zirkusvorstellung gehen. Unterwegs erlebt er Schreckliches: Sein älterer Bruder Philipp wird von einem tonnenschweren Reisebus erfasst, der ihn durch die Luft schleudert. Er stirbt. Die entsetzte Mutter, so das Bild, das sich unauslöschlich in das Kind einbrennt, steht schreiend an der Böschung, wo der Tote hingeschleudert liegt. Blut befleckt ihren neuen Mantel.

    Die quälende Erinnerung an diesen grauenvollen Moment, der inzwischen sechs Jahre zurückliegt, belastet den Elfjährigen unentwegt. Die ungenutzten Eintrittskarten für die Veranstaltung erinnern ihn permanent an den Verlust. Die Tickets versteckt er vor dem Zugriff der Erwachsenenwelt. Es handelt sich um wertvolle Reliquien.
    Eines Tages meint Billy zu sehen, dass ihm der Verstorbene als trauriger Engel aus dem Waggon einer U-Bahn winkt. Laut rufend stürzt er dem Zug in den dunklen Schacht hinterher, um ihn aufzuhalten. Er glaubt, erst Frieden finden zu können, wenn er Philipp den Besuch der Zirkusshow ermöglicht, zumal die Karten noch gültig sind. Dort könnte er die von beiden Geschwistern geliebten Elefanten erleben.

    Behutsam erzählt der Autor, wie es dem Jungen dank der Hilfe verständnisvoller Erwachsener gelingt, dem Verstorbenen das Erlebnis des Zirkus zu ermöglichen.

    Die Rüssler spielen im Leben des Elfjährigen eine erhebliche Rolle. Seine Lieblingstiere schaffen es mühelos, apathisch im Zirkusrund zu laufen. Sie fühlen sich dabei offenbar prächtig. Auch Billy muss nämlich zwanghaft um Säulen kreisen, bevor er beispielsweise in ein Auto einsteigt: Er leidet an ADHS.

    Hinter diesen vier Buchstaben verbirgt sich das Wortungetüm »Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung«. Diese Krankheit äußert sich bei dem Jungen in einer fotografisch bis ins Detail präzisen Aufnahme bestimmter Situationen und Informationen. Ansonsten weigert sich sein Festplattenspeicher, Daten, die ihn im Moment langweilen, aufzunehmen. Hypersensibilität auf der einen, Blockaden auf der anderen Seite bilden Wesensmerkmale seines sowohl ihn wie seine Mitmenschen extrem belastenden Leidens.

    In den meisten Fällen wird ein ADHS-Kind mit einem Drogensudel auf der Basis von Ritalin ruhiggestellt. Der als »therapiewürdig« eingestufte Zappelkopf erhält indes eine regelmäßige Gesprächstherapie. Seine geplagten Eltern behalten die Nerven. Selbst wenn sie bemerken, dass der Junge ausflippt, abschaltet oder bewusstlos zu Boden geht, bleiben sie beherrscht.

    Billy spürt, sobald sein« »Fusionsreaktor« in den roten Bereich gerät. Steht sein Rechensystem kurz vor dem Ausstieg, holt er seinen »Todesstern« vom Schrank. Mit dieser Superwaffe aus der Raumschiffsaga »Krieg der Sterne« patrouilliert er auf endlosen Runden durch die Wohnung. Der Pilot lebt in Filmwelten mit Sternenkriegern, Yedi-Rittern, Indiana Jones und Paul Atreides vom »Wüstenplanet«. Vorzugsweise sieht er jedoch Schwarzweiß-Filme, weil ihn das Rauschen betagter Filmkopien beruhigt. Deshalb möchte er auch gern Filmanseher werden, da seine Eltern seinen ursprünglichen Berufswunsch – Spaziergänger – als Schnapsidee ablehnen.

    Billy vermutet, dass es sich bei den meisten Mitmenschen in Wirklichkeit um Androiden handelt. Zur Absicherung versucht er, mit jedermann einen Replikantentest aus »Blade Runner« zu machen, um herauszufinden, ob sie menschlich sind. Als wandelndes Filmlexikon reagiert er auf Fragen bevorzugt mit Filmzitaten, die seine Gesprächspartner verblüffen. Flippt er indes völlig aus, stößt er wie Dustin Hoffman im gleichnamigen Spielfilm den »Rainman«-Schrei aus. Anschließend betätigt er seinen inneren Notausschalter.

    Entsprechend schwer fällt er seiner Therapeutin, die er als langhalsiges Iguanodon-Saurierweibchen aus »Jurassic Park« wahrnimmt, ihn zu verstehen. Die Iguanodondame wird abgelöst durch eine Wissenschaftlerin aus »Andromeda, tödlicher Staub aus dem All«. Sie findet trotz Alienatem-Mundgeruch Zugang zu dem Jungen, weil sie den Replikantentest besteht und von ihrem schläfrigen Kater unterstützt wird. Billy vertritt dabei die Überzeugung, statt der Kinder sollten besser Erwachsene in Therapie geschickt werden, denn sie seien in Wahrheit völlig irre.

    Es könnte en détail berichtet werden von Billys Freundin Mona, die seine Gedanken teilt. Mit ihr kann er abhängen, wenn einem alles scheißegal erscheint und die Jugendlichen sich »carlish« fühlen. Eine entscheidende Rolle spielt auch Herr Serrano, dem Billy nachspioniert, weil er ihn für einen gefährlichen Bombenbauer hält. Später erkennt er in ihm den weisen Yoda, der einen ähnlich herben Verlust erlitt wie er selbst. Die Verbindung der beiden führt letztlich zu einer Lösung des Elefanten-Traumas, mit der diese brillante Story ausklingt.

    Mit »Die Elefanten meines Bruders« schwemmt ein literarisches Kleinod aus der Self-Publishing-Szene an die Oberfläche. Helmut Pöll veröffentlichte den Text als E-Book, das sich über soziale Netzwerke verbreitete. Aus der Perspektive eines Elfjährigen schafft es der Autor, bruchfrei die Geschichte der Bewältigung der Deprivation eines Geschwisterkindes zu erzählen. Er setzt darüber hinaus kongenial die Gedankenwelt und Sprache eines von ADHS betroffenen Kindes um. Diese zwei Stränge, von denen jeder für ein Buch reicht, verknüpft er meisterhaft miteinander.

    In literarischer Hinsicht zählen die »Elefanten« zu den Kleinodien des magischen Realismus. Das Werk erinnert genretechnisch an die fantasievollen Schilderungen des jungen Inders Pi in Yann Martels »Schiffbruch mit Tiger«. Mit »Die Elefanten meines Bruders« gelang Helmut Pöll ein grandioser Wurf, dem eine ähnliche Karriere gewünscht sei.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Apr 2014 

    Berührend und aufregend

    Eine schrecklich traurige Geschichte,
    die mich dennoch zutiefst glücklich gemacht hat.
    Denn Billy Hoffman, seine Familie und Freunde sind von einer Lebendigkeit, wie ich sie selten lesen durfte. Die Art und Weise, wie die Familie, allen voran Billy, einen Weg suchen, mit dem Verlust Philipps, des Bruders und Sohns zurechtzukommen, ist vom Autor unglaublich menschlich und gut vermittelt. Der Leser sitzt mit am Tisch, auf dem kein Salat oder Kräuter stehen dürfen, die direkt auf der Erde wachsen. Denn Billy, der außer mit der Trauer um seinen großen Bruder auch noch mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom zu kämpfen hat, kann nichts sehen, geschweige denn essen, was vielleicht mit „Tier-Pipi“ in Berührung gekommen ist. Dafür liebt er Pistazieneis und natürlich Elefanten, als Erbe seines toten Bruders.

    Der Leser weint und lacht
    während er durch Billy Hoffmans Augen die Welt sieht. Er rast mit dem 11-jährigen Jungen durch die nächtliche Wohnung, bewaffnet mit dem Todesstern, um die Übermotorik abzubauen, wenn sie ihn überfällt. Man liebt Mona mit ihrem Chamäleon, ihrer alternativen Mutter, die Billys beste Freundin ist. Man könnte Serrano, den alten „Bombenleger“, dafür abküssen, wie er mit Billy umgeht, ebenso die wilde Psychotherapeutin mit Mundgeruch und ihren Kater Mr. Tinkle, die den Jungen halbwegs versteht. Denn sowohl Serrano als auch sie sind voll informiert über „Krieg der Sterne“ und können Billy fast alle seine Fragen dazu wunderbar beantworten. Und vor allem liebt man Billy, der in all den Wirrnissen einen zauberhaften Charme versprüht. Ich bin ganz sicher, der Junge wird seinen Weg machen!

    Eine große Kunst und Herausforderung
    für jeden Autor hat Helmut Pöll hier hervorragend bedient. Einen ganzen Roman aus der Perspektive eines ADS-Kindes ohne jegliche Entgleisung in die erwachsene Erzählstimme zu schreiben, ist beachtlich. Die Welt des kleinen Billy tut sich auf, füllt sich mit Freude und Schrecken, mit Abenteuern und tiefen Gedanken zu Leben und Tod. Chapeau!

    Einzigartig nahe bringt
    der Autor einem dieses Thema, einzigartig schön endet die Geschichte. Nun sitz ich da, in Tränen des Mitgefühls und des Glücks aufgelöst und bedanke mich herzlich für diesen Lesegenuss.

    Technische Kleinigkeiten
    an denen das Buch litt, wurden mittlerweile alle bereinigt.
    Dieser meisterliche Roman von Helmut Pöll strahlt nun einwandfrei.