Zweckfreie Kuchenanwendungen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Zweckfreie Kuchenanwendungen: Roman' von Yeoh Jo-Ann
5
5 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Zweckfreie Kuchenanwendungen: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:300
EAN:9783520625014

Rezensionen zu "Zweckfreie Kuchenanwendungen: Roman"

  1. Ein Karton voll Singapur

    Nicht nur der Titel weckt Neugier, auch die Finger streichen voller Vorfreude immer wieder über den erhabenen Zuckerguss, der die regenbogenfarbene Torte des Covers ziert. Aber der Kröner Verlag lässt sich auch unter dem Schutzumschlag nicht lumpen, prägte kurzerhand alles noch einmal zweifarbig auf den Deckel und (ich liebe sowas) fügte noch eine Karte Singapurs auf den Innenseiten hinzu.

    Wie bedeutungsschwer die Farbgestaltung ist, erfährt man dann im Buch.
    Denn zunächst sind es die köstlichen Kuchen, die Sukhin, 35, im Schuldienst tätig, das Leben als Single erträglich machen. Seine leicht autistischen Züge erschweren ihm zwar den Kontakt zu seinen Kollegen, seine Vorliebe fürs Alleinsein, macht ihn aber zum fürsorglichen Sohn, der regelmäßig die Kartonsammlung seiner Eltern abstaubt. Und da wirds dann auch schon schräg. Nicht nur, dass Sukhin potentielle Partnerinnen nach ihrer Vorliebe für Kuchen beurteilt, auch seine Eltern sortieren ihre Kartons sorgfältig nach Benutzbarkeit und Schönheit. Sie wegzuwerfen kommt nicht in Frage.
    Keiner ist glücklich, keiner lässt los, weder die Eltern die Pappen, noch Sukhin den ungeliebten Schuldienst, für den er sich einst entschieden hat, um sich dem Berufswunsch seines Vaters zu widersetzen.
    Erst als Sukhin bei Besorgungen im Chinatown-Viertel von Singapur über eine Kartonburg auf der Straße stolpert, wendet sich sein geordnetes Leben. Er kennt die Bewohnerin dieses Provisoriums aus seiner Jugend. Jung, aus gutem Hause, aber seelisch instabil, steht sie nun voller Selbstbewusstsein vor ihm. Irritiert beginnt Sukhin ungefragt Jinn zu helfen, mit Kuchen und Kartons.

    Es sieht aus und schmeckt wie eine Liebesgeschichte, die wir da mit Sukhins detailverliebten aber schüchternen Versuchen, Jinns Leben auf der Straße erträglicher zu gestalten, verfolgen. Aber im Verlauf wird klar, dass es soviel mehr zu entdecken gibt, in diesem auf Leistungsstärke optimierten Land der strengen Regeln und drakonischen Strafen. Das saubere Singapur hat auch seine Schmuddelecken und Heimlichkeiten. Hier und da kann man sie erahnen und mit dem breitgefächerten Personal rund um Sukhin und Jinn, brechen sie in diesem Roman auf skurrile und witzige Weise Bahn.

    Yeoh hat genau den richtigen Ton getroffen, wenn es darum geht, anzuprangern, aber nicht zu jammern, aufzuzeigen, ohne den erhobenen Zeigefinger. Die Nebenfiguren veranschaulichen gut den Gegensatz von Effizienz und Lebensfreude. Jinns Schwester verkörpert das Singapur der Hochglanzmagazine, die unzähligen Kartons in der Geschichte berichten vom Ausstieg und der Sehnsucht nach dem wahren Leben. Sukhins hartnäckiger Lehrerkollege ergänzt diese Komposition noch um Diversität, ein Thema, mit dem sich der Stadtstaat auch nicht identifizieren möchte.

    Die Schwere der Themen bekommen mit diesem tollen Roman eine Leichtigkeit, die den Kopf freipustet und Platz für die eigene Kartonburg schafft.

    Ich bin begeistert und möchte einfach jedem dieses Werk der zu recht ausgezeichneten Autorin an Herz legen.

    Teilen
  1. Großartiger Spaziergang durch das Leben und die Küche

    Eine "Kuchenanwendung" - das klingt nach einem Widerspruch in sich. Als sei ein so vertrauter und heimeliger Luxus wie ein Kuchen etwas, was einer Rechtfertigung bedürfte, als setze man einen Kuchen zur Behebung einer Malaise oder eines Defizits ein. Mit dem Attribut "zweckfrei" wird diese Kuchenbedeutung aber gleich wieder aufgehoben. Man backt, isst oder verschenkt den Kuchen einfach so. Ohne Absicht oder Grund. Ein Kuchen braucht keine Bedeutung.

    Mit dem "einfach so" hat Sukhin Dillon, Mitte dreißig und Lehrer für englische Literatur an einer Schule in Singapur, seine Schwierigkeiten. In seinem Leben gibt es nichts, was unkompliziert oder selbstverständlich läuft. Die Schüler sind desinteressiert, die Kollegen und Vorgesetzten nerven, die Eltern hätte ihn lieber als Arzt gesehen oder wenigstens sollte er längst verheiratet sein und Enkel großziehen. Nur widerwillig (und mehr oder weniger verschusselt) lässt Sukhin sich in Anlässe wie Familienfeste oder Betriebsfeiern einspannen. Sein Selbstverständnis als misslauniger Eigenbrötler hat sich er über lange Zeit erarbeitet. Da begegnet er in einer abgelegenen Gasse einer jungen Frau, die dort obdachlos und mit leichtem Gepäck - in einem Kartonstapel haust: Jinn Hwa, die er von früher kennt. Jinn ist eine ehemalige Schulkameradin. Eine kapriziöse, leicht schrullige, aber liebeswerte Person, so hat er sie in Erinnerung. Warum lebt sie in Kartons? Sie verrät es Sukhin nicht.

    Offiziell gibt es in Singapur keine Obdachlosen. Das Leben in dem dicht bevölkerten Stadtstaat ist durchreglementiert, die Straßen und Parks sind pieksauber, alles und jeder hat seinen Platz. Trotzdem ist Jinn nicht die einzige, die sich ein Zuhause aus Kartons (oder auch einem Zelt) bauen muss oder will. Sukhin sucht Jinns Gesellschaft, hilft ihr bei einem Umzug (von einem "Trebe"-Kiez in einen anderen) und unterstützt sie bei ihrer Tätigkeit in einer Küche für Verarmte und Obdachlose. Essen, gemeinsames Kochen und Backen, gemeinsam verzehrte oder verschenkte Kuchen sind ein Schwerpunkt dieses Romans. In fast jedem Kapitel wird etwas eingekauft, zubereitet oder verspeist. Auch wer nicht unbedingt für die asiatische Küche schwärmt, kann das Behagen nachfühlen, das mit dem gemeinschaftlichen Supperühren und Kuchenschmaus aufgebaut wird. Die Leichtigkeit und Spritzigkeit der Dialoge, Sukhins bissige Kommentare zu Lifestyle-Moden und verordneter Feierlichkeit, die farbigen Schilderungen von Festen und Gemeinschaftsessen machen das Buch zu einem besonderen Lesegenuss.

    "Zweckfreie Kuchenanwendungen" ist jedoch keineswegs ein Feelgood-Buch mit Zuckerguss. Die straff und lebhaft durcherzählten Episoden um Sukhin und Jinn, in denen immer neue Fäden aus der gemeinsamen Vergangenheit aufgenommen und mit eingewebt werden, alternieren mit kurzen, kursiv gesetzten Kapiteln in ruhiger, poetischer Sprache, die anfangs anmuten wie ein zweiter Erzählstrang und erst nach und nach mit dem Hauptstrang verwachsen. Hier tun sich wunderschöne, ruhige Momente auf, die immer wieder dazu anregen, die Geschichte des Hauptstrangs neu zu überdenken. Was ist eigentlich passiert, warum lebt Jinn auf der Straße, warum sucht ihre Familie seit Jahren vergebens nach ihr? Unter dem sinnenfrohen, lebhaften und oft witzigen Geschehen schwingt eine tragische Note mit, die sich erst am Ende ganz erschließt.

    Ich kann nicht genug betonen, wie mich dieses Buch begeistert hat. Es entführt in eine fremde Welt, ist mit großer sprachlicher Meisterschaft geschrieben (dankenswerter Weise ist ein Glossar landestypischer Ausdrücke beigefügt!), es erzählt eine spannende, geheimnisvolle Geschichte, transportiert jede Menge Kulturkritik in bissiger, aber letztlich optimistischer Weise, es behandelt alle vorkommenden Personen (und deren sind viele) mit Respekt und Würde, und es bietet eine sinnenfrohe Erzählweise, die stets ein wunderbares Gleichgewicht zwischen Leichtigkeit und Tiefe einhält. Besser geht es nicht! Ich gebe mindestens sechs von fünf möglichen Punkten.

    Teilen
  1. Nicht lesen, wenn man hungrig ist ;)

    Die Handlung dieses außergewöhnlichen Romans spielt in Singapur, im Mittelpunkt steht der 35-jährige Lehrer Sukhin, der leicht autistische Züge aufweist.

    Eigentlich mag er keine Kinder, unterrichtet jedoch englische Literatur und ist sogar Abteilungsleiter. Grummelnd und wenig zugewandt durchlebt er seine Tage, besucht hin und wieder seine Eltern, deren Wohnzimmer eine Kartonsammelstelle ist - man könnte ja umziehen und einen Karton brauchen. Ganze Türme bauen sich dort auf, enge Gassen zum Durchgehen werden frei gehalten. Während sie dort auf ein weiteres Leben warten, dienen sie Jinn, Sukhins einstiger Freundin, als Wohnstätte mitten in Chinatown, Singapur. Dort entdeckt Sukhin sie zufällig und dieses Treffen wirbelt sein geordnetes Leben gehörig durcheinander.

    Warum lebt sie als Obdachlose mitten auf der Straße? Schließlich kommt sie aus einer wohlhabenden Familie? Was ist zwischen ihr und ihrer Schwester, die sich einst so nahestanden, vorgefallen?

    Sukhin beschäftigt sich immer mehr mit Jinn statt mit seinem Beruf, was seinem Freund Dennis, einem Homosexuellen - immer noch ein Tabuthema in Singapur - auffällt. Er vermutet eine Frau hinter Sukhins Veränderungen und liegt somit nicht falsch.

    Der Titel des Romans spiegelt Sukhins große Leidenschaft für Kuchen wider. Jedes Mal, wenn er Jinn besucht, bringt er ihr einen Kuchen mit und er beginnt sogar für sie zu backen. Eine potentielle Heiratskandidatin, die seine Eltern für ihn ausgewählt hatten, scheiterte daran, dass sie keinen Kuchen mochte. Kuchen und Kartons bilden einen Rahmen um diese wunderbar skurrile, humorvolle und warmherzige Geschichte.

    Eine Besonderheit sind die Zwischenkapitel, die in einer kursiven Schrift gesetzt sind und die man am besten ganz am Ende noch einmal lesen sollte ;) - weil sie die Geschichte der beiden Protagonisten fortsetzen und beleuchten - und aus der Perspektive Jinns verfasst sind.

    Insgesamt hat mir der Roman außerordentlich gut gefallen, weil er so leicht daherkommt, auch sprachlich, und doch hinter die Kulissen schaut und unserer Wegwerfgesellschaft den Spiegel vorhält. So gehört Jinn zu einer Gruppe von Menschen, die Essen von Märkten sammeln, das weggeworfen werden soll, um daraus für Obdachlose und Bedürftige zu kochen. Die kritischen Töne schwingen jedoch eher mit - im Vordergrund stehen die beiden Hauptfiguren und ihre Entwicklung.

    Ein wunderbares Debüt, dem hoffentlich noch viele weitere Romane folgen ;)

    Teilen
  1. Wie backe ich mir einen schmackhaften Roman?

    Sukhin befindet sich mit gerade einmal 35 Jahren in einer Midlife-Crisis. Sein Lehrerjob nervt ihn ebenso wie die Anwesenheit vieler Menschen. Und auch der einzige Freund, sein homosexueller Kollege Dennis, ist oftmals eher Plage denn Unterstützung. Da bleiben ihm nur seine geliebten Bücher als Rückzugsort - und natürlich seine Vorliebe für Kuchen. Als er in Singapurs Straßen im wahrsten Sinne des Wortes über eine Obdachlose stolpert, hat dies nicht nur für ihn ungeahnte Folgen. Denn diese Obdachlose ist niemand Geringeres als Jinn - seine Ex-Freundin, die ihn vor langer Zeit Hals über Kopf verließ....

    "Zweckfreie Kuchenanwendungen" ist der Debütroman von Yeoh Jo-Ann, der jüngst in der deutschen Übersetzung von Gabriele Haefs beim Alfred Kröner Verlag erschienen ist. In Singapur war das Buch ein "Sensationserfolg", wie es auf dem Schutzumschlag heißt, und gewann den Epigram Books Fiction Prize. Es ist dabei tatsächlich so seltsam, wie sein Titel es vermuten lässt. Seltsam im positiven Sinne, denn Yeoh Jo-Ann backt darin eine wunderbare Überraschungstorte aus luftigem Hefeteig in Form eines nicht erdrückenden Plots, einer Prise Liebeszucker, die den Roman aber kaum einmal zu süß werden lässt, sprachlichen Sahnehäubchen und einer bunten Mischung an Figuren, denen der Roman seine Verzierung und somit seine Besonderheit verdankt.

    Spricht man von der Verzierung, kommt man jedoch nicht umhin, zunächst einmal die wirklich schöne Ausgabe des Buches zu loben. Der Schutzumschlag leuchtet nicht nur in den verschiedenen Farbschichten der abgebildeten Torte, sondern der Zuckerguss und der Buchtitel lassen sich sogar erfühlen. Und auf dem Einband findet man die Torte ein zweites Mal. Ein gelungenes Plädoyer des Kröner Verlags für Printexemplare.

    Das große Plus des Romans sind zweifelsfrei die Figuren und die Warmherzigkeit, die das Buch in nahezu jedem Moment ausstrahlt. Sukhin ist trotz seiner überwiegend schlechten Laune ein liebenswerter Protagonist. Man kann seinen Missmut überwiegend sehr gut nachvollziehen, was bei mir für ein hohes Identifikationspotenzial sorgte. Und auch Jinn strahlt in ihrer Eigenheit eine große Faszination aus. Warum lebt diese Frau auf der Straße, obwohl sie doch eigentlich aus einer betuchten Familie stammt? Und was ist damals eigentlich genau vorgefallen und hat zur Trennung der beiden geführt?

    Stück für Stück nähert sich Yeoh dem Geheimnis und beweist dabei große Empathie für ihre Charaktere. Trotz der Fehltritte, die beide begehen, verurteilt sie sie nicht und verzichtet wohltuend auf jede Form von Zynismus. Und so spürt man sukzessive und eindringlich die Veränderungen, die ihr Wiedersehen auf beiden Seiten bewirkt.

    Ferner ermöglicht "Zweckfreie Kuchenanwendungen" der deutschsprachigen Leserschaft die Auseinandersetzung mit einem literarisch bislang noch nicht so häufig in Erscheinung getretenen Land wie Singapur. Gesellschaftliche Themen wie Armut, Homosexualität, Bildung und Essen ermöglichen einen unverstellten Blick auf den Stadtstaat, der in Europa häufig nur mit Dingen wie Urlaub, Luxus, Sauberkeit und unglaublichen Wolkenkratzern in Verbindung gebracht wird. Auch wegen des informativen Glossars bekommt man das Gefühl, Singapur zu riechen und vor allem zu schmecken, denn neben den titelgebenden Kuchen nehmen auch herzhafte Gerichte einen nicht geringen Raum ein.

    Sprachlich gelingt Yeoh Jo-Ann nahezu mühelos der Spagat zwischen Witz und Ernsthaftigkeit, zwischen Schalk und Melancholie. Während ich mich auf den teils recht skurrilen Humor im Haupthandlungsstrang erst einlassen musste, waren es vor allem die kursiv gedruckten kurzen Zwischenparts, die mich sehr berührten und mein Interesse an der Geschichte stets aufrechterhielten. Sie waren für mich die oben genannten sprachlichen Sahnehäubchen, die die Geschichte im Finale kongenial und schmackhaft abrunden.

    So habe ich "Zweckfreie Kuchenanwendungen" mit großem Gewinn gelesen. Thematisch und sprachlich hallt der Roman lange nach und die Figuren bleiben lange in Erinnerung. Doch Vorsicht: Der Appetit auf Süßes und weitere kulinarische Köstlichkeiten wird durch die Lektüre sicherlich nicht kleiner...

    Teilen
  1. 5
    18. Nov 2022 

    Ein warmherziger Roman mit Tiefgang

    Wer dieses wunderbar gestaltete Buch des Kröner Verlags in die Hand nimmt und zum Lesen aufschlägt, kann sich zweier Dinge sicher sein: Dass man währenddessen ständig Appetit bekommen wird und dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis man es bis zur letzten Seite inklusive jeder Anmerkung eingesogen hat. Oder sollte ich besser sagen, weg gefuttert hat?

    Die Singapurische Autorin Yeoh Jo-Ann erschafft in ihrem ersten Roman eine Welt, die die Lesenden fasziniert, überrascht aber vor allem warm hält. Zunächst bekommen wir den grummeligen Sukhin vorgestellt, welcher als 35jähriger Lehrer irgendwie mit sich und der Welt unzufrieden zu sein scheint. Dem tut er manchmal offen verbal, meist aber nur gedanklich kund und wirkt dadurch unwillkürlich in seiner Grantigkeit urkomisch. Schnell schließt man diesen Menschen ins Herz, wie eigentlich jede andere Figur auch in Yeoh Jo-Anns Roman. Die Handlung der Geschichte kommt ins Rollen, als Sukhin vollbeladen mit Schnickschnack für das Chinesische Neujahrsfest quasi in die Wohnung seiner ehemaligen Schulfreundin und großen Liebe Jinn hineintrampelt. Diese besteht nämlich aus einem Haufen Kartons, da Jinn auf der Straße lebt.

    Aus dieser schicksalhaften Begegnung entspinnt sich nun eine über einen längeren Zeitraum hinweg erzählte Geschichte, die sich keineswegs nur um Sukhin und die zaghafte Wiederannäherung an Jinn dreht, sondern ebenso um Themen wie Homosexualität in Singapur, die Ressourcenverschwendung in einer heutigen, modernen Gesellschaft, der Zusammenhalt von Familie oder der selbstgewählten Familie. Mit sehr viel Feingefühl nähert sich die Autorin ihren Figuren durch Rückblicke an und kann dadurch diese facettenreich und wandlungsfähig darstellen. Tiefsinnig beschäftigt sie sich dabei mit ihren Figuren und deren Beziehungen untereinander wie auch den ausgesuchten gesellschaftlichen Themen. Nie wirkt der Roman dabei überfrachtet, immer leicht zu lesen und ausgeglichen. Allein die Darstellung der (offiziell in Singapur nicht vorhandenen) Obdachlosigkeit sowohl selbstgewählt bei Jinn als auch bei anderen auftauchenden Menschen, die auf der Straße leben, erschien mir bisweilen ein klein wenig zu unproblematisch.

    Sprachlich besticht der Text durch seinen auflockernden, trockenen und immer ins Schwarze treffenden Humor. So häufig musste ich während der Lektüre schmunzeln, um seiner wahren aber nie zynischen Einschübe. Den Roman außergewöhnlich machen sporadisch eingefügte, kursiv gesetzte Texteinschübe, in welche eine gewisse Melancholie, die man in der Haupthandlung sonst nicht findet, beinhalten und sich sukzessive in das Wissen, welches man während der Lektüre erwirbt, einweben. Diese Passagen muten im Rahmen des ansonsten eher süffig geschriebenen Romans besonders poetisch an und entwickeln ihren ganz eigenen Sog, der einen großen Anteil am Spannungsbogen des Buches hat.

    Dieser amüsante, einfühlsame, literarische Unterhaltungsroman verströmt meines Erachtens mit jeder Pore die Atmosphäre, die vergleichbar in der deutschsprachigen Literaturwelt Mariana Leky in ihren Romanen um interessante, liebenswerte Charakterköpfe, die vor ihren ganz eigenen Problemen und den Problemen der Welt stehen und gemeinsam irgendwie einen Weg durch die schweren Zeiten finden, heraufbeschwört. Für mich wäre „Zweckfreie Kuchenanwendungen“ ein guter Anwärter auf den Preis „Lieblingsbuch der Unabhängigen“. Eins meiner Lieblingsbücher des Jahres 2022 ist es schon jetzt geworden. Also lest dieses wunderbare Buch und lernt den multikulturellen Stadtstaat Singapur, seine Einwohner und gleich mit den Verlag Kröner kennen! Denn dieser hat nicht nur ein schön anzusehendes Buch entworfen, sondern auch noch für eine großartige Übersetzung durch Gabriele Heafs und deren Anmerkungen zum Text gesorgt.

    4,5/5 Sterne

    Teilen