Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

Buchseite und Rezensionen zu 'Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben' von Matt Haig
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Authentisch und anrührend


Ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn mit 24 Jahren wird Matt Haig von einer lebensbedrohlichen Krankheit überfallen, von der er bis dahin kaum etwas wusste: einer Depression. Es geschieht auf eine physisch dramatische Art und Weise, die ihn buchstäblich an den Abgrund bringt. Dieses Buch beschreibt, wie er allmählich die zerstörerische Krankheit besiegt und ins Leben zurückfindet. Eine bewegende, witzige und mitreißende Hymne an das Leben und das Menschsein – ebenso unterhaltsam wie berührend.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783423280716

Rezensionen zu "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Sep 2019 

    Gibt Mut und macht Hoffnung

    Matt Haig kennt man üblicherweise als Autor von (Fantasy)Romanen sowohl für jugendliche-, als auch erwachsene Leser. Mit "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" hat er diesmal ein genreübergreifendes Buch geschaffen, welches sowohl biografische Elemente aufweist, als auch als Ratgeber und Sachbuch dient.

    Im Alter von 24 Jahren erkrankte er ziemlich massiv an Depressionen und Angststörungen. Im Buch beschreibt er sympathisch und authentisch seinen persönlichen Weg und Umgang mit seinen inneren Dämonen und möchte damit anderen Betroffenen einen kleinen Mutmacher mit auf deren eigenen Weg geben.

    Er beschreibt anhand seiner Symptome, wie es ihm in seinen dunkelsten Zeiten gegangen ist und wie er sich gefühlt hat. Diese sehr gefühlvollen und anschaulichen Beschreibungen finde ich gerade für Menschen die noch nie selber eine Depression hatten und die deshalb nicht wissen können, wie sich eine solche anfühlt, sehr wichtig und hilfreich.

    Matt Haig lässt den Leser teilhaben an seinem eigenen Entwicklungsprozess. Denn genau darum geht es: Zu lernen, mit dieser Erkrankung umzugehen und leben zu lernen.

    Er beschreibt, wie er im Laufe der Zeit erkannt hat, was gut und hilfreich für ihn ist, und welche Dinge ihm schaden und belasten. Selbstverständlich erkennt man dabei - trotz der ernsten Thematik - definitiv seine Handschrift und den ihm eigenen Humor deutlich wieder. Er ist einfach ein begnadeter Schreiber und gerade deswegen bin ich ihm sehr dankbar dafür, dass er den Mut hatte, dieses Buch zu veröffentlichen.

    Denn wie Matt Haig anhand von aktuellen Zahlen verdeutlicht, sind Depressionen und Angststörungen ein riesiges Problem, von dem weltweit erschreckend viele Menschen betroffen sind. Direkt als Erkrankte, oder indirekt, weil sie einen betroffenen Familienangehörigen / Freund / Arbeitskollegen oder Bekannten haben. In der breiten Öffentlichkeit wird jedoch so gut wie nie über diese Themen gesprochen, haften ihnen doch vermeintliche Makel an. Erst wenn mal wieder eine prominente Perönlichkeit Selbstmord begannen hat, geht eine Erschütterung durch die sonst schweigende Menge und man ist sich (zumindest für kurze Zeit) einig darüber, dass man diese Thematik viel mehr (oder überhaupt mal) in den gesellschaftlichen Mittelpunkt stellen müsste, anstatt sie sprichwörtlich tot zu schweigen.

    Darum ist es so ungemein wichtig, dass es Menschen wie Matt Haig gibt, die offen und ehrlich mit ihrer Erkrankung - die im Übrigen JEDEN im Laufe seines Lebens treffen kann - umgehen und sich auch nicht davor scheuen, dies in der Öffentlichkeit zu tun. Alleine die Tatsache, dass "man darüber spricht", kann Betroffenen bereits eine große Hilfe sein, weil sie dadurch erkennen können, dass sie eben NICHT die vermeintlich einzigen Menschen sind, die davon betroffen sind.

    Mein Fazit: Dieses Buch macht Mut und gibt Hoffnung. Nicht nur den Betroffenen, sondern auch ihren Angehörigen. Denn es zeigt auf, dass es durchaus Wege aus der Dunkelheit geben kann. Wie diese Wege für jeden einzelnen aussehen, ist jedoch ebenso unterschiedlich, wie es die Menschen nun mal selber auch sind. Jede Depression, jede Angststörung, ist sehr individuell, weswegen es gar keinen alleinigen und einzigen Universalweg für alle Erkrankten geben KANN. Und genau darauf weist Matt Haig auch mehrfach hin: Dass es sich bei seinem Bericht eben um genau SEINEN und sehr persönlichen Weg handelt.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Apr 2016 

    Depression: Ein Überlebensbericht...

    Ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn mit gerade mal 24 Jahren wird Matt Haig von einer lebensbedrohlichen Krankheit überfallen, von der er bis dahin kaum etwas wusste: einer schweren Depression. Es geschieht auf eine physisch dramatische Art und Weise, die ihn buchstäblich an den Rand des Abgrunds bringt. Dieses Buch beschreibt, wie er allmählich die zerstörerische Krankheit besiegt und langsam ins Leben zurückfindet. Eine bewegende, witzige und mitreißende Hymne an das Leben und an das Menschsein – ebenso unterhaltsam wie berührend.

    'Ich habe dieses Buch geschrieben, weil letztendlich doch etwas dran ist an den uralten Klischees: Die Zeit heilt alle Wunden, und es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn wir es zunächst nicht sehen können. Und manchmal können Worte einen Menschen tatsächlich befreien.' Matt Haig

    Ich hatte also zwei Ziele mit diesem Buch. Gegen die Stigmatisierung zu kämpfen und - vielleicht die größere Herausforderung - andere Menschen davon zu überzeugen, dass wir am tiefsten Punkt des Tals einfach nicht die klarste Aussicht haben. (S. 7)

    Fallen - Landen - Aufstehen - Leben - Sein. Das sind die großen Abschnitte, in die Matt Haig sein Buch unterteilt hat und die einen Prozess andeuten. Seinen eigenen Prozess im Kampf gegen die Depression. Oder vielmehr in seinem Lebenlernen mit der Depression. Denn diese Krankheit ist nicht einfach plötzlich weg. Sie ist immer da, zumindest latent im Hintergrund - und kann jederzeit wieder zuschlagen...

    "Und wenn der Sandsturm vorüber ist, wirst du dich kaum erinnern, wie du ihn durchquert, ihn überlebt hast. Du wirst nicht einmal sicher sein, ob er wirklich vorüber ist. Nur eins ist sicher. Wenn du aus dem Sandsturm kommst, bist du nicht mehr derselbe Mensch, der in ihn hineingeraten ist. Darin liegt der Sinn dieses Sturms." (Haruki Murakami, Kafka am Strand) (S. 89)

    Was ist das eigentlich für ein Buch? Das fragte ich mich nach einigen Seiten der Lektüre. Erwartet hatte ich einen hoffnungsvoll gestimmten, von leichtem Humor durchsetzten Roman im Stile des vorherigen Buches von Matt Haig: 'Ich und die Menschen', von dem ich so überaus angetan war. Aber: dieses Buch ist anders. Ganz anders.

    Hoffnungsvoll gestimmt? Ja, unbedingt. Auch. Von leichtem Humor durchsetzt? Auch dies, stellenweise. Aber: eben kein Roman. Wirklich zuordnen lässt sich dieses Buch keinem Genre so richtig; es ist im Grunde eine Mischung aus Erfahrungsbericht, Sachbuch und Ratgeber. Und diese Erkenntnis war für mich: ernüchternd.

    Hat man eine Depression, versinkt man in einem Sumpf und verliert jeglichen Antrieb. Mischt man Angst in den Cocktail, bleibt der Sumpf zwar ein Sumpf, doch der Sumpf hat jetzt Strudel (...) Du bist konstant im Alarmzustand. Du bist angespannt bis zum Kollaps, in jedem einzelnen Augenblick, während du verzweifelt versuchst, dich über Wasser zu halten... (S. 62)

    Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, bin ich der Meinung, dass mir persönlich ein Roman mit dieser Thematik deutlich besser gefallen hätte, zumal darin dann vermutlich mehr Anteile von Haigs eigener Erfahrung mit der Depression verarbeitet worden wären. Aber hätte, könnte, wäre - ist eben nicht, und so musste ich mich mit dem gewählten Stil arrangieren. Natürlich gelingt es Matt Haig auf diese Art, viel Wissenswertes rund um das Thema Depression zu vermitteln und den Leser - ob nun Betroffener oder nicht - für die Thematik zu senisibilisieren. Aber für mich persönlich muss ich gestehen, dass ich wenig Neues erfahren habe. Am berührtesten war ich letztlich bei der Danksagung - und das will wirklich etwas heißen.

    Die Depression, das bist nicht D U. Sie ist etwas, das dir passiert. Etwas, das häufig durch Reden besser wird. Durch Worte. Trost. Unterstützung. Ich habe über ein Jahrzehnt gebraucht, um offen über meine Erfahrungen zu reden, richtig zu reden, mit jedem. Und mir wurde schnell klar, dass Reden an sich schon eine Therapie ist. Wo man reden kann, ist Hoffnung. (S. 85 f.)

    Dennoch denke ich, dass es ein wertvolles Buch ist. Ich glaube, dass das Buch für Betroffene gut sein kann. Man macht hier die Erfahrung: man ist nicht alleine damit, man ist nicht 'unnormal', weil man an dieser Krankheit leidet, es ist nicht hoffnungslos - es gibt immer auch wieder einen Weg aus dem Tal hinaus, auch wenn dieser für jeden anders ausschaut, da es keine Patentrezepte gibt gegen die 'Depression'.

    Aber auch für Leser, die sich mit der Thematik bislang wenig auseinanderegestzt haben, kann es hilfreich sein, dieses Buch zu lesen. Wann sonst erhält man derart authentische Einblicke in das Innenleben (und die Lösungen) eines Betroffenen? Viele werden zumindest in ihrem Umfeld (Freunde, Familie, Kollegen) jemanden kennen, der depressiv ist - und wie hilflos reagiert man oft im Umgang mit ihnen? Das Buch kann hier m.E. dazu beitragen, mehr Verständnis für Erkrankte zu entwickeln.

    Wenn möglich, gib dem Depressiven nicht das Gefühl, noch seltsamer zu sein, als er sich sowieso schon fühlt. Drei Tage auf dem Sofa? Nicht die Vorhänge aufgezogen? Tränen wegen schwieriger Etnscheidungen wie zum Beispiel, welche Socken anziehen? Na und? Kleinigkeit. Einen Normalzustand gibt es nicht. Normal ist subjektiv. Auf unserem Planeten gibt es sieben Milliarden Versionen von normal. (S. 151)

    Es gibt hier also keine zusammenhängende Geschichte, sondern aufeinanderfolgende kleine Kapitel, in denen in meist kurzen, flüssig zu lesenden Sätzen entweder von Matt Haigs Erfahrungen berichtet wird, oder in denen er Wissenswertes zur Krankheit 'Depression' vorstellt, gerne auch in Form von Listen und Aufzählungen, wie z.B. von Dingen, die ihm gut tun und anderen Dingen, die die Symptomatik eher verschlechtern.

    Keine Depression ist wie die andere, das Erleben ist immer individuell, jeder muss für sich herausfinden, was ihm gegen den 'schwarzen Hund' hilft, ob Medikamente beispielsweise eine Option sind oder nicht. Neurowissenschaftlich ist viel weniger erforscht, als Medizin und Pharmaindustrie uns weis machen wollen, und Matt Haig beispielsweise verzichtet ganz auf Medikamente. Bei ihm sind es andere Dinge, die ihm helfen: Sonne, Luft, Reisen, Laufen, Yoga, Meditation - und Bücher.

    "Das Ziel der Kunst ist es, dem Leben Form zu geben", sagte Shakespeare. Und mein Leben - das Chaos in meinem Kopf - brauchte Form. Ich hatte den Faden verloren. Ich hatte keinen einheitlichen Erzählstrang mehr. Es war nur Chaos und Unordnung da. Also liebte ich Geschichten, weil sie mir Hoffnung gaben. (...) Es gibt das Klischee, dass Leute, die viel lesen, einsam sind, aber für mich waren Bücher der Weg aus der Einsamkeit heraus. Wenn man zu den Leuten gehört, die zu viel nachdenken, gibt es nichts Einsameres auf der Welt, als von Leuten umgeben zu sein, die eine völlig andere Wellenlänge haben." (S. 151 f.)

    Matt Haig schaut bei all seinen Schilderungen auch über den Tellerrand der eigenen Betroffenheit hinaus. So listet er beispielsweise eine stattliche Anzahl von Berühmtheiten auf, die ebenfalls an Depression leiden/litten - und nicht an ihr gestorben sind. Neben der Erkenntnis, dass auch Geld und Ruhm vor dieser Erkrankung nicht schützen, sondern dass eine Depression wirklich jeden ereilen kann, wird auch eines deutlich: man kann die Krankheit überleben. Und dies ist eine ganz wesentliche Botschaft des Buches.

    Die Intention des Buches habe ich verstanden und ich kann nur meinen Hut ziehen vor dem Mut, den Matt Haig hier mit seiner Offenlegung bewies. Bestimmte Aspekte - wie beispielsweise die Kritik an der Konsumgesellschaft (fragwürdige Werte, Schüren von Ängsten, Überforderung durch ständige Reizsetzungen) oder aber auch das 'Abwatschen' von Schopenhauer, dem 'Lieblingsphilosophen der Depressiven' - haben mir richtig gut gefallen. Anderes dagegen wie z.B. zahlreiche Wiederholungen und nahezu mantraartiges Auflisten von positiven Aspekten des Lebens ließen mich die entsprechenden Seiten eher überfliegen. Noch einmal: für Betroffene mag dies der richtige Weg sein. Mich persönlich sprach dieses Vorgehen einfach nicht an.

    Die Menschen legen so viel Wert auf das Denken, aber das Fühlen ist genauso wichtig. Ich will Bücher lesen, die mich zum Lachen und zum Weinen bringen, die mir Angst und Hoffnung machen und mich triumphieren lassen. Ich will, dass ein Buch mich umarmt oder am Kragen packt. Ich habe auch nichts dagegen, wenn es mir einen Schlag in den Magen versetzt. Denn wir sind hier, um zu fühlen. Ich will das Leben. (S. 265)

    Die Leserunde zu dem Buch hat gezeigt, dass ich eine der wenigen war, denen es nicht so zusagte. Ich kann hier aber nur meinen individuellen Eindruck schildern - und will damit weder die Bedeutung des Geschriebenen schmälern noch dessen mögliche Wirkung verneinen auf diejenigen, die zu dem Thema einen anderen Zugang haben oder bekommen möchten. Insofern: ein beeindruckendes Buch. Nur eben nicht so sehr für mich.

    © Parden