Wut: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Wut: Roman' von Harald Martenstein
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Wut: Roman"

Frank ist der Wut seiner Mutter ausgeliefert. Sie schlägt ihn, immer wieder. Er steht ihren Träumen im Weg. Erst kam der Krieg, dann das Bordell, wo sie in der Nachkriegszeit Unterschlupf fand, dann die Klosterschule. Und jetzt das Kind. Eines Tages eskaliert ein Streit, und Frank springt aus dem Fenster. Er kehrt nie wieder nach Hause zurück. Aber die Wut seiner Mutter wird er nicht mehr los. Ein Roman darüber, wie schwer es ist, die Wunden der Kindheit zu heilen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
EAN:9783550201202

Rezensionen zu "Wut: Roman"

  1. Vererbte Wut, verkümmerte Liebe

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2021 

    Eine Mutter schlägt ihr Kind. Hart. Wie von Sinnen. Immer wieder. Mit einer Gnadenlosigkeit, die man am liebsten erbrechen würde wie Galle. Sie bespuckt den Sohn, verhöhnt ihn, giert nach einer Reaktion – die er ihr mit kaltem Hass verweigert.⠀

    Da musste ich manchmal eine Pause machen. Tief durchatmen, den Kopf frei bekommen. Aber dem Sog des Romans konnte ich mich nie lange entziehen.⠀

    Unterschwellig vernimmt man auch in friedlicheren Szenen das dumpfe Dröhnen einer mit Verzweiflung gepaarten Wut – der Klang einer Wahrheit, die beim Lesen erschüttert bis ins Mark. Selbst wenn ich rein gar nichts über den Autor wüsste, würde ich die Hand dafür ins Feuer legen: hier schreibt ein Mensch aus persönlichem Erleben, da steckt viel Biographisches im scheinbar Fiktiven.⠀

    Der Autor bestreitet das nicht, sagt im Prolog des Buches jedoch:⠀

    “Und dies ist ein Roman, keine Biographie und keine Reportage. Ein Anderer als ich könnte ihn nicht schreiben, denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen, eigne mir dieses an, verwerfe jenes, erfinde dazu und vergesse. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet.”⠀

    Ihm gelingt der Drahtseilakt zwischen schonungsloser Darstellung dieser von Gewalt geprägten Mutter-Sohn-Beziehung und psychologischem Feingefühl. Seine Charaktere sind im Guten wie im Schlechten komplex und glaubhaft, auch wenn ihre Beziehung eine Katastrophe ist.⠀

    Harald Martenstein beschönigt nichts, aber er dämonisiert die Mutter auch nicht. Stattdessen gibt er den Ursachen Raum: Maria wächst in der Nachkriegszeit ohne Eltern auf – zum Teil im Bordell der Tante, zum Teil ausgerechnet in einer Klosterschule. Sie ist hochintelligent, will Ärztin oder Anwältin werden, scheitert jedoch am Patriarchat.⠀

    Nach Jahren des Frusts, der Erniedrigung und der gescheiterten Träume hat sie ihre Wut nicht mehr im Griff, was später auch ihr Sohn zu spüren bekommt.⠀

    Protagonist Frank ist inzwischen ein Mann in mittleren Jahren, schon lange nicht mehr das geprügelte Kind. Er will verstehen, was geschehen ist und warum, vielleicht sogar verzeihen – begreift aber lange nicht, dass er die Wut seiner Mutter als bitteres Erbe in sich trägt. Er führt ungesunde Beziehungen mit nicht weniger emotional verwundeten Frauen, letztendlich mit fatalen Folgen. Gewalt gebiert Gewalt, über Generationen hinweg.⠀

    Oder doch nicht?⠀

    Das Ende macht einiges, was man als Leser:in für bare Münze genommen hat, wieder ungeschehen, verlegt es ins Reich des Fantastischen – oder der Wahnvorstellung.⠀

    Das tut dem Roman meines Erachtens nicht gut; der Realismus der bis dato ungeschönten Handlung wird dadurch zu sehr beschnitten und damit auch die emotionale Wucht der Geschehnisse geschmälert.⠀

    Fazit⠀

    Als Kind wurde Frank von seiner Mutter regelmäßig verprügelt, verhöhnt und erniedrigt – bis er als Jugendlicher zurückschlug und dann aus dem Fenster sprang. Jetzt ist Frank im mittleren Alter, seine Mutter dement, und er will verstehen, vielleicht sogar verzeihen.⠀

    Harald Martenstein erzählt die Geschichte der Mutter, beleuchtet die Ursachen ihrer unstillbaren Wut. Parallel muss sein Protagonist erkennen, wie sehr er diese Wut selber in sich trägt.⠀

    Der Roman ist harte Kost, dabei aber nicht übertrieben oder effektheischend. Die Charaktere werden lebendig und glaubwürdig beschrieben, die Sprache trifft genau den richtigen Ton zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit. Einzig das Ende stellt in meinen Augen einen unpassenden Bruch dar, da es Elemente der Handlung abseits der Realität wieder rückgängig macht.⠀

  1. Geschichte einer Mutter

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Feb 2021 

    Nun selbst schon in mittleren Lebensjahren hilft Frank seiner Mutter beim Umzug in eine Pflegeeinrichtung. Maria ist nicht mehr ganz auf der Höhe und ihr Zustand wird nicht mehr besser werden. Frank erinnert sich. An die Geschichte seiner Mutter, so wie er sie kennt und auch an seine eigene Geschichte, die durch die der Mutter geprägt wurde. Sie musste den Krieg miterleben, wurde von einer Verwandten großgezogen und ging in eine Klosterschule. Dabei war Maria sich immer bewusst, dass sie intelligent war. Ein Studium war ihr Traum, der jedoch platze, weil es Frauen doch nicht so gegeben wurde. Ihr blieb ein spießig bürgerliches Leben und die Wut.

    Leider ist es häufig so, dass Kinder, die misshandelt wurden, im späteren Leben dazu neigen, ähnlich zu handeln wie ihre Eltern. Und so hat auch Frank mit der Wut zu kämpfen. Jahrelang hat seine Mutter die Kindheit des Jungen vergiftet, bis er soweit ist, dass er versucht, sie mit ihren eigen Mitteln zu schlagen. Wahrscheinlich zum Glück für alle Beteiligten muss Frank dann nicht mehr mit seiner Mutter zusammenwohnen. Sein Leben kommt in ruhige Bahnen, doch richtig feste Beziehungen vermag er lange nicht aufzubauen.

    Die Erlebnisse einer harten Kindheit mit Kriegserlebnissen können über mehrere Generationen nachwirken. Da wird möglicherweise so mancher Leser an seine Eltern oder Großeltern denken, die sicher auch nicht nur schöne Erfahrungen gemacht haben. Viele der Älteren reden nicht häufig über ihre Vergangenheit und dennoch spüren die Nachfolgenden die Auswirkungen und reagieren. Im Buch weiß Frank einiges über seine Mutter, doch irgendwie bleibt die Frage, warum die Mutter bei ihrer Intelligenz ihre Wut gerade gegenüber ihrem Sohn, dem Jüngsten und Schwächsten, gegenüber auslebt. Dennoch berührt dieser Roman und wühlt auf. Nur zum Ende hin scheint etwas der Faden verloren zu gehen, weil nicht mehr eindeutig erkennbar ist, was nur in der Vorstellung des Frank geschieht. Insgesamt jedoch ist diese Geschichte der Wut sehr beeindruckend.