Worte in meiner Hand: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Worte in meiner Hand: Roman' von Guinevere Glasfurd
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

René Descartes und Helena Jans van der Strom – eine wahre Geschichte Helena Jans van der Strom arbeitet als Magd bei einem Buchhändler in Amsterdam. Ein großes Glück für sie, denn sie liest und schreibt und kann ihrer Leidenschaft heimlich nachgehen. Der neue Hausgast ihres Herrn fasziniert sie: Er arbeitet ununterbrochen, und er zieht viele Besucher an. Sie erfährt seinen Namen: René Descartes. Sie ist zu neugierig, um Distanz zu wahren. Und auch Descartes ist schon bald von ihrem Charme und Wissensdurst eingenommen. Sie verlieben sich, was nicht sein darf. Die Geschichte einer Frau, die mehr vom Leben verlangt, als ihre Zeit ihr bereit ist zu geben.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
EAN:9783471351239

Rezensionen zu "Worte in meiner Hand: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Nov 2017 

    Worte in meiner Hand

    Ich habe mich gefragt, zu welchem Genre dieses Buch passen würde? Ist es ein historischer Roman? Eine Biografie? Eine Romanbiografie? Ein fiktionales Buch? Wenn man dem Klappentext glauben möchte, dann wird der Inhalt des Buches als eine wahre Geschichte deklariert. Und so habe ich mich zum Schluss gefragt, ob der Verlag überhaupt das Nachwort gelesen hat? Wahrscheinlich nicht, denn sonst würde der Verlag das Buch nicht als eine wahre Geschichte verkaufen. Im Nachwort steht nämlich explizit, dass der Roman erfunden sei.

    Ich würde sagen, der Roman hat durchaus auch biografische Züge. Die beiden Protagonisten René Descartes und Helena Jans van der Strom hat es wirklich gegeben. René Descartes ist als französischer Philosoph bekannt, aber wer war Helena van der Strom? Die Antwort darauf liefert ja schon der Klappentext. Allerdings lebten sie Mitte des 17. Jahrhunderts. Descartes wurde 1596 geboren, in einer Zeit, aus der es schwierig sein muss, Material zu diesem Thema zusammenzustellen.

    Deshalb besteht das Buch aus einem Mix von allem. Dort, wo der Autorin Fakten gefehlt haben, füllte sie die Lücken in einer recht kreativen Form.

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:

    "Amsterdam, 1630er Jahre. Helena Jans van der Strom arbeitet als Magd bei einem Buchhändler. Ein großes Glück für sie, denn sie kann lesen und schreiben und geht mit offenen Augen durch die Welt. Der neue Hausgast ihres Herrn fasziniert sie: Er arbeitet ununterbrochen, und Helena ist angewiesen, ihn „Monsieur“ zu nennen. Der Fremde zieht viele Besucher an, und sie erfährt seinen echten Namen: René Descartes. Sie ist zu neugierig, um Distanz zu wahren. Und auch Descartes ist schon bald von ihrem Charme und Wissensdurst eingenommen. Sie verlieben sich, was unmöglich ist: Sie ist Calvinistin, er Katholik. Sie ist nur eine einfache Magd, er Europas aufstrebender Philosoph. Die beiden sind zwei kühne, mitreißende Geister, die sich von dem Standesdünkel des Goldenen Zeitalters in Holland nicht aufhalten lassen."

    Mir hat das Buch gut gefallen. Es liest sich recht flüssig und man kommt schnell und leicht in die Handlung rein.

    Helena war eine sehr mutige Frau, wie sie mit Kind ihr Leben hat einrichten wollen … Mutig, sich überhaupt auf eine Beziehung einzulassen, mit einem Mann, der nicht aus ihrer gesellschaftlichen Stellung stammt …

    Außerdem war sie sehr begabt, konnte sich das Schreiben und Lesen selbst beibringen, sie war darin nur noch nicht geübt.

    Sie war gerade mal 18 Jahre alt, als sie als Magd in Amsterdam gelebt hat, in einem Haus eines Engländers namens Mr. Sergeant, dessen Frau verstorben war. Helena wollte dort gerne ihre Schreibfertigkeit vervollständigen. Aber sie wusste nicht mal, wie eine Schreibfeder zu halten war. Auch Papier war rar. Papier besaßen nur die Gebildeten. Der Engländer schenkte ihr eine Tafel und Kreide, er wusste, dass sie die Buchstaben kannte, sodass sie auf der Tafel ihre zu tätigen Einkäufe festhalten sollte …

    In dem Haus des Engländers lernt sie den viel älteren Descartes kennen, der für eine bestimmte Zeit zusammen mit seinem Diener namens Limousin in diesem Haus logiert.

    Helena und Descartes fühlen sich sexuell zueinander hingezogen, und zwischen ihnen beiden entwickelt sich eine heimliche Beziehung. Descartes erkennt recht schnell, dass Helena nicht irgendeine Magd war, sondern eine junge Frau, die hungrig nach Bildung ist. Er ist es, der ihr zeigt, wie man eine Schreibfeder zu bedienen hat, und lässt ihr reichlich viel Schreibpapier, Tinte und Schreibfedern zum Üben zukommen … Wenn alles verbraucht war, sorgte er immer für Nachschub.

    Die sexuelle Beziehung mit Descartes wird immer komplizierter, denn schon bald erwartet Helena ein Kind von ihm. Es ist Limousin, der zwischen dieser heimlichen Liebe Verdacht schöpft, auch ist er es, der als Erster merkt, dass Helena schwanger ist …

    Sie verlässt das Haus des Engländers und zieht für eine bestimmte Zeit bei einer Hebamme ein, um dort ihr Kind zur Welt zu bringen. Sie sollte dort auch wohnen, Descartes hatte alles arrangiert, damit seine junge Liebe nicht auf der Straße mit dem Kind leben musste. Mit einem kleinen Kind ist die Arbeit als Magd nicht mehr durchzuführen. Nach der Geburt des Kindes, nach ca, einem Jahr, zieht es sie allerdings wieder zurück nach Hause. Sie ist enttäuscht, dass Descartes sie nicht besuchen kommt, nicht mal um nach seinem Kind zu sehen. Descartes ist viel beschäftigt, seine intellektuelle Arbeit steht immer an vorderster Stelle. Das nimmt ihm Helena übel …

    Und so verlässt Helena mit ihrer Tochter heimlich das Haus der Hebamme und macht sich auf nach Leiden, wo ihr Elternhaus steht. Mit Descartes wollte sie nichts mehr zu tun haben, und beschließt, das Kind alleine großzuziehen ...

    Man sieht ihr die gesellschaftliche Stellung an, eine Waschfrau auf der Straße geigt ihr unverblümt die Meinung, als Helena diese bei ihrer Tätigkeit beobachtet und sie sich an die schwere Arbeit als Magd beim Engländer zurückerinnert:

    Zitat:
    >>Weißt du, was ich denke, wenn ich sehe, wie du mit deinem kleinen Mädchen spazieren gehst, das Haar lose, wenn alle anderen hier schwer arbeiten, um grauen Stoff weiß zu bekommen? Zu fein, um eine Magd zu sein, nicht fein genug, um die Ehefrau zu sein, das denke ich. Was bist du, wenn du weder das eine noch das andere bist?<< (2015, 342)

    Sie verheimlicht der Mutter den Namen des Vaters ...

    Zu Hause kann sie aber nicht auf Dauer bleiben. Irgendwann setzt die Mutter ihr eine gewisse Frist, wann sie das Haus wieder verlassen soll, um woanders einen Neuanfang zu starten. Es gäbe genug alleinstehende Männer, Witwer, die Helena trotz des Kindes heiraten würden ...

    Helena versucht, über Jobs für sich und für ihre Tochter Francine zu sorgen. Sie schreibt ein Lehrbuch, aus dem Kinder das Alphabet lernen könnten. Sie stellt ihr Manuskript einem Buchhändler vor, aber er lehnt es ab, da niemand Bücher von einer Frau kaufen würde. Sie versucht es mit Zeichnungen …

    Irgendwann taucht Descartes auf, der in Leiden überall nach ihr gesucht hat, und sie auch im Elternhaus findet. Die Mutter befand sich für mehrere Wochen auf Reisen bei der Schwester. Obwohl sie ein gemeinsames Kind haben, ist Descartes für sie noch immer nur der Monsieur und redet ihn auch mit Monsieur an ...

    Descartes lernt sein kleines Töchterchen kennen und liebt es auch abgöttisch. Aber aufgrund gesellschaftlicher Konventionen schafft er es nicht, sich seiner Familie zu stellen und versteckt sie stattdessen. Francine nennt den Vater Onkel, sie wird nie erfahren, dass der Onkel der Vater ist. Als das Mädchen größer wird, stellt sie Fragen, weshalb Descartes der Onkel sei, und für die Mutter nur der Monsieur …

    Mehr möchte ich nun nicht verraten. Wer mehr wissen möchte, so verweise ich Weiteres auf das Buch. Es gibt in dem Buch noch Vieles zu erleben.

    Mein Fazit?

    Es war für mich nochmals interessant, daran erinnert zu werden, wie schwer es eine Frau vor unserer Zeit hatte. Noch schwerer allerdings hatten es die Frauen, die aus der unteren Schicht kommen und es nicht üblich war, sie zu bilden und sie gezwungen waren, ihre bescheidene Existenz mit schwerer Arbeit zu sichern. Gerade die Arbeit als Magd war ein Rund-um-die-Uhr-Job. Niemand käme auf die Idee, dass eine einfache Frau wie Helena schreiben und lesen konnte. Descartes war anders eingestellt, er hatte sogar dafür gesorgt, dass seine Tochter lesen und schreiben lernt. Aber alles versteckt, niemand sollte dahinterkommen. Helena war eine begabte junge Frau, die es intellektuell hätte weit bringen können, wenn man sie nur gelassen hätte. Wie fest diese gesellschaftlichen Banden sind, wird in diesem Buch deutlich. Selbst die Gebildeten hatten es nicht geschafft, diese Schwellen zu überschreiten. Sie hatten ihren guten Ruf zu wahren. Niemand würde sich mehr für die intellektuelle Arbeit Descartes interessieren, wenn herausgekommen wäre, mit welcher Frau er zusammen war, von welcher Frau er eine Tochter besaß. Obwohl es so schwer war, hoffte Helena insgeheim, er würde zu ihr und zu dem Kind stehen, und sich als Familie zeigen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Sep 2015 

    Die Geschichte einer Liebe

    Die Geborgenheit in der Familie Jans van den Storm hält für Helena nicht lange an. Nachdem der Vater vermisst wurde, gab es kaum Möglichkeiten für die Mutter die Familie zu ernähren und Helena muss sich als Magd verdingen. Sie hat noch Glück, findet eine Stelle in Amsterdam, bei Mr. Sergeant einem Buchhändler. Ihr geht es besser, als vielen Mägden in ähnlicher Stellung, denn ihr Herr lebt allein, sie kann recht selbständig arbeiten, hat genug zu essen und bekommt keine Schläge, wie zum Beispiel Betje, eine Dienstmagd aus der Nachbarschaft mit der sie sich anfreundet. Ein bißchen unterscheidet Helena von den vielen anderen Mägden, sie hat etwas Lesen und Schreiben gelernt, dazu kommt ihr Wissensdurst.
    So gehen die Monate in ihrer neuen Stellung dahin, als eines Tages ein besonderer Gast in des Buchhändlers Haus erwartet wird. Ein junger Franzose, ein Philosoph,noch ganz unbekannt, aber Mr. Sergeant hält viel von ihm. Auch Helena ist fasziniert von „Monsieur“, wie sie den Gast nennen soll, auch wenn er die Dienerin anfangs kaum wahr nimmt. Aber Helenas Wissensdurst fällt Descartes auf – er ist es nämlich, der in diesem Haus zu Gast ist. Es beginnt mit einigen Sätzen, mit kleinen Gesten und bald weiß Helena, dass sie Monsieur liebt und auch er ihre Gefühle erwidert. Descartes ist verzaubert und beeindruckt von Wissbegierde und ihrer Intelligenz und ihrem Liebreiz. Eine unmögliche Situation, Stand, Stellung und Religion trennen die Beiden. Helena wird schwanger und muss allein das Haus des Buchhändlers verlassen und bringt eine Tochter zu Welt. Aber Descartes hält eine schützende Hand über sie und das gemeinsame Kind, Francine, auch wenn es nie zu einer Legitimierung des Verhältnisses und zur Anerkennung der Vaterschaft kommt. Francine stirbt zum großen Kummer Helenas und wohl auch des Vaters mit 5 Jahren an Scharlach.
    Tatsächlich beruht dieser Roman auf Tatsachen und es gibt in den Aufzeichnungen des großen Philosophen Hinweise auf Helena und auch auf das Kind. So ist wohl auch eine generöse Mitgift verbürgt, als Helena später heiratet. Die Briefe, die beide wechselten sind leider nicht erhalten geblieben. Die Autorin schildert das Leben aus der Sicht Helenas und dadurch bekommt der Roman eine ganz besondere Authenzität. Sie baut auf dem Gerüst der wenigen verbürgten Ereignisse ein farbiges und lebendiges Schicksal auf. Es ist ein Zeit – und Sittenbild aus dem 17. Jahrhundert, als Wohlstand durch Handel in Holland ein goldenes Zeitalter einläuten, als Wissenschaft und Künste zu einer ersten Blüte gelangten.
    Ein wunderbar geschriebener historischer Roman, der mich von der ersten bis zu letzten Seite gefesselt hat und den ich nur ungern aus der Hand gelegt habe.