Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah: Roman' von Cho Nam-Joo
3.5
3.5 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah: Roman"

Die koreanische Bestsellerautorin Cho Nam-Joo widmet sich in diesem Entwicklungsroman einem Frauenleben, das geprägt ist von Armut und der immensen Scham, mit Mitte 30 noch unverheiratet zu sein. Manis Familie lebt in einem der ärmsten Stadtteile von Seoul. Ihr Vater arbeitet in einem Imbiss und ihre Mutter ist erwerbslos. Als kleines Mädchen träumte Mani davon, rhythmische Sportgymnastin zu werden, inspiriert durch Fernsehbilder der Olympischen Spiele 1988 in Seoul. Als Kind fängt sie mit dem Turnen an, muss aber schnell einsehen, dass sie im Vergleich zu anderen kein Talent hat. Sie wird ein einfaches, unerfülltes Leben führen, auch geprägt von der Demütigung, mit Mitte dreißig noch keine eigene Familie zu haben. Die Nachricht von der Stadtteilsanierung lässt die Immobilienpreise in die Höhe schießen, gleichzeitig erfährt Manis Familie zufällig, dass die Sanierung abgeblasen werden solle. Als ein Fremder ihr Haus kaufen will, ist die Familie uneins darüber, ob sie diesem gutmütigen Mann die Wahrheit sagen oder ihn täuschen soll. Ihr ganzes Leben lang haben sie sich an das Prinzip der Ehrlichkeit gehalten. Welche Entscheidung werden sie treffen, wenn sie vor dem größten Dilemma ihres Lebens stehen?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783462005837

Rezensionen zu "Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah: Roman"

  1. Leben und gescheiterte Träume in Seoul

    Wer die beiden bisher in Deutschland erschienenen Bücher von Cho Nam-Joo gelesen hat, dürfte die Autorin als feministische Stimme der koreanischen Literatur wahrgenommen haben. In diesem neuen Roman beschäftigt sie sich mit noch weiterführenden Themen. Go Mani ist Mitte Dreißig. Sie ist unverheiratet, wurde nach über zehn Jahren Bürotätigkeit in ihrer Firma gekündigt und wohnt bei ihren Eltern in noch genau dem heruntergekommenen kleinen Haus im Seouler Mondviertel, in dem sie aufgewachsen ist. Ein Umzug steht jedoch unmittelbar bevor, was Go Mani Gelegenheit gibt, über ihr bisheriges Leben zu resümieren.

    Go Mani hat ihren Wohnort nie gewechselt. Ihr Verdienst reichte nur aus, um zum gemeinsamen Lebensunterhalt beizutragen. Der Vater betreibt einen kleinen, schlecht laufenden Imbiss, die Mutter ist Hausfrau. Go Mani ist in Armut aufgewachsen. Immer war das Geld knapp, ständig unterschied sie sich in Kleidung, Schulausstattung und Ansprüchen von ihren Schulkameradinnen. Von klein auf stand sie im Schatten, hatte Komplexe, wenige Freunde oder Hobbies, fühlte sich minderwertig. Aus einer Laune heraus fängt sie im Alter von neun Jahren an zu turnen. Die rumänische Leistungsturnerin Nadia Comaneci wird zu ihrem heimlichen Vorbild. Eigentlich hat die Familie absolut kein Geld für entsprechende Trainingsstunden oder eine sportfördernde Schule, auch mangelt es Go Mani offensichtlich an Talent. Doch die Mutter macht das Unmögliche möglich, indem sie den Vater überzeugt und entsprechende finanzielle Mittel auftreibt. Sie will ihrer Tochter „wenigstens eine Sache“ ermöglichen.

    Zu einer Turnerinnenkarriere wird es Go Mani nicht bringen. Doch absolviert sie die Hochschulreife und ein Studium. Warum ist es ihr trotzdem nicht möglich, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, einem befriedigenden Beruf nachzugehen oder ein intaktes soziales Umfeld aufzubauen? Damit beschäftigt sich dieser Roman und definiert gleichzeitig große soziale Schieflagen in einem Korea, in dem enorme Klassenunterschiede herrschen. Die Armen kommen trotz Fleiß und großer Anstrengung nicht vorwärts, die Reichen finden über Korruption, Immobilien- oder Finanzspekulationen immer Wege, ihren Reichtum und Einfluss zu erhöhen. Dazu werden Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen benachteiligt und auf tradierte Rollen festgelegt. „Manche Dinge änderten sich nicht in dieser Welt, die sich so rasend schnell veränderte. Fleißige und gewissenhafte Leute blieben weiterhin fleißig und gewissenhaft, und trotzdem blieben sie als arme Leute weiterhin arm.“ (S. 80)

    Der Roman behandelt die kleinen Wünsche und Träume dieser Familie, die wir in ihrem Alltag erleben und kennenlernen. Jeder hat seine Vergangenheit, niemand ist glücklich. Alle fühlen sich im Hamsterrad des (Über-)Lebens gefangen. Diese Geschichte stimmt nachdenklich, sie hat einen latent melancholischen Ton, es gibt nichts zu lachen. Ich-Erzählerin Go Mani schont auch sich selbst nicht, ihre Reflexionen wirken selbstkritisch und ehrlich. Die bedrückende familiäre Stimmung lässt Platz für gegenseitige, wenn auch raue Zuneigung und Wertschätzung. Dialoge und Figurenzeichnung empfinde ich als sehr authentisch vor dem gezeigten Hintergrund. Die Entwicklung der Figuren verläuft sparsam und gerade deshalb glaubwürdig. Zahlreiche Szenen laden zum Nachdenken über das Leben an sich, über Ziele, verpatzte Gelegenheiten, über Kapitalismus und Moral, über Frauenbilder und vieles mehr ein. Man bekommt einen differenzierten Blick auf dieses weit entfernte asiatische Land und seine Gepflogenheiten.

    Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Zeitweise nahmen mir die Rückblicke in Go Manis Kindheit einen etwas zu breiten Raum ein, hier hätte meines Erachtens ein wenig gestrafft werden dürfen. Wer die Autorin bereits schätzen gelernt hat, dem wird auch dieses Buch gefallen. Die beiden anderen Veröffentlichungen habe ich persönlich als noch etwas eindringlicher empfunden. Die flüssige Übersetzung stammt von Jan Henrik Dirks.

    Leseempfehlung!

  1. 3
    20. Jan 2024 

    Ein Frauenleben in Korea

    Wie schon in ihrem international erfolgreichen Roman „ Kim Jiyoung, geboren 1982“ ( das Buch wurde in 19 Sprachen übersetzt und über zwei Millionen mal verkauft ) steht auch hier wieder eine Frau Mitte Dreißig im Zentrum der Geschichte.
    Die Ich- Erzählerin Mani lebt immer noch bei ihren Eltern in einem der ärmsten Viertel von Seoul. Hier hausen dicht an dicht die Menschen in heruntergekommenen Wohnungen, unter primitivsten Bedingungen. Ihr Vater betreibt einen kleinen Imbissladen, die Mutter sitzt freudlos zu Hause. Mani ist gescheitert, ohne Freunde, ohne Mann und Kinder. Dabei waren ihre Ansprüche an einen möglichen Ehepartner nicht hoch: Er sollte vor allem eine Wohnung mit Spültoilette haben.
    Da wird ihr von einem Tag auf den anderen gekündigt und sie kann nicht mehr mit ihrem Verdienst zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Ein weiterer Tiefpunkt in ihrem ohnehin deprimierenden Leben.
    Dabei hatte sie als Kind hochfliegende Träume. Angeregt durch Fernsehbilder von den Olympischen Spielen will sie Kunstturnerin werden, so wie ihr Vorbild, die rumänische Turnerin Nadia Comaneci.
    Unter großen Entbehrungen ermöglichen ihr die Eltern den Besuch einer teuren Turnschule. Doch bald merkt Mani selbst, dass ihr dafür einfach das Talent fehlt und zwischen den reichen Sprößlingen fühlt sie sich fehl am Platz. Desillusioniert und gedemütigt begräbt sie ihren Lebenstraum und die Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg.
    Nun aber scheint sich eine Wende in ihrem Leben anzubahnen. Es tut sich endlich etwas im Viertel. Die Stadtverwaltung hat ein großes Sanierungsprogramm beschlossen und Mani und ihre Familie haben die Chance auf einen Neuanfang. Doch dafür müssen sie ihre Prinzipien hinter sich lassen.
    Die koreanische Autorin Cho Nam-Joo kennt die Verhältnisse, über sie hier schreibt, aus eigenem Erleben. Sie weiß, was es bedeutet, in Armut aufzuwachsen. Das wird an vielen Details sichtbar. „ Jemand, der nie ein Hockklosett benutzt hat, hat kein Anrecht, sich über das Leben zu äußern.“ Sie beschreibt nicht nur das harte und trostlose Leben vieler Menschen, die sich täglich abmühen und trotzdem nie aus ihrer Armut herauskommen. Sondern sie zeigt auch politische Fehlentwicklungen und wie sich große Firmen selbst bereichern.
    Neben der lautstark vorgetragenen Sozialkritik zeichnet der Roman auch das Psychogramm einer Frau, die sich fragen muss, wie sie dahin kommen konnte, wo sie heute ist. In Rückblenden lesen wir von geplatzten Träumen, von peinlichen Erlebnissen und Mobbing. Das alles ist zutiefst deprimierend, trotzdem lässt der Erzählstil keine wirkliche Nähe zu den Figuren zu. Man empfindet Mitleid und gleichzeitig Ärger über ihr Verhalten. Z.B. versinkt Mani nach ihrer Entlassung in völlige Apathie. Antriebslos verschläft sie ihre Tage, nur unterbrochen von den Streitigkeiten mit ihrer Mutter. Auch der Umgangston in der Familie war mir zu ruppig und zu derb.
    Die Autorin beschreibt schonungslos und sehr ausführlich das eintönige und trostlose Dasein, das Vielen in dieser Welt vorbestimmt ist. „ Niemand ist glücklich, doch auch niemand betrübt. Es leben nur alle fleißig ihr Leben.“ heißt es am Ende .
    „ Wo ich wohne, ist der Mond ganz nahe“ ist ein Roman, der ein wenig einnehmendes Bild vom Alltag in Korea vermittelt. Entstanden ist er schon 2016; es ist zu hoffen, dass sich manches seitdem verbessert hat.
    Es ist sicherlich nicht der beste Roman der Autorin. Wer sie noch nicht kennt, dem empfehle ich den schon erwähnten Bestseller „ Kim Jiyoung, geboren 1982“ oder ihren ebenfalls auf Deutsch erschienenen Erzählband „ Miss Kim Bescheid“. Dort kann Cho Nam-Joo auch literarisch überzeugen.

  1. Arm bleibt arm...

    Ich bin großer Fan der Autorin, weil sie eine besondere Art hat Geschichten über Frauen so greifbar und so empathisch zu erzählen, dass ich immer komplett mitgenommen werde. So begann ich voller Freude zu lesen.

    In der Geschichte geht es um die Ich- Erzählerin Mani, die erwerbs- und kinderlos, sowie unverheiratet mit Mitte 30 noch bei ihren Eltern wohnt. Als Kind träumte sie einst davon eine berühmte Turnerin zu werden, doch ihr fehlte das Talent. Warum lebt sie dieses ärmliche Leben? Liegt es an den finanziellen Mitteln der Eltern? Hat sie sich nicht genug angestrengt?

    Im Gegensatz zu ihren anderen Büchern, kostete es mich mehr Mühe zu Lesen und in Fluss zu kommen. Dies lag jedoch nicht am Erzählstil der Autorin, sondern an der für mich großen Traurigkeit der Geschichte.

    Ich denke nicht nur in Korea, sondern auch in Europa gibt es viele Mitdreißiger, die sich fragen ob das jetzt wirklich ihr Leben sein soll. Erwachsensein hat man sich doch als Kind so ganz anders vorgestellt mit Haus, Familie, Ehepartner und nun hat man nichts von alldem, sondern schleicht sich mehr schlecht als recht durchs Leben.

    Besonders gerührt haben mich die Zustände in dem Viertel, in dem die Familie leben muss. Mir ist bewusst, dass viele Menschen auf der Welt kein Spülklosett haben, keinen Herd oder anderen Luxus, aber bei so einem zivilisierten und doch kapitalistisch geprägten Land wie Südkorea und einer Großstadt wie Seoul, geht man doch irgendwie davon aus, dass die Menschen dort würdiger leben. Das Geschilderte hat mich oft hart schlucken lassen.

    Mit jeder Zeile spürt man wie sehr sich Mani ein anderes, ein besseres Leben wünscht, aber gleichzeitig doch auch irgendwie aufgegeben hat, indem sie sich nicht auf die Suche nach einem neuen Job macht oder anderweitig betätigt, um wieder auf die Beine zu kommen. Alles wirkt aussichtslos und als hätte man sich einfach mit der Situation abgefunden. Jede Mühe lohnt ja doch nicht in dieser Tretmühle von Leben.

    Für mich eine starke Gesellschaftskritik, die dem interessierten Leser den Spiegel vorhält. Wie wäre ich in der Situation? Ehrlich oder würde ich auch irgendwann andere beuteln, weil ich stets nur betrogen und belogen worden bin?

    Fazit: Keine leichte Lektüre, die man eben mal zwischendurch liest. Hier darf man sich gern mehr Lesezeit nehmen. Klasse Einblick in die armen Viertel einer Großstadt. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus.

  1. 3
    09. Jan 2024 

    Turnen auf dem Mond

    Die 36jährige Go Mani hat ihr gesamtes Leben in einem „Mondviertel“ Seouls verbracht. Nun könnte man denken, dass „Mondviertel“ für ein besonders exklusives Wohnerlebnis steht, leider ist dem nicht so. Es handelt sich hierbei um Viertel mit kleinen, ärmlichen Häuschen auf steilen Hügeln am Rande von Seoul, die durch die Höhenmeter „dem Mond nahe“ sind. Diese „Nähe zum Mond“ bedeutet aber im Umkehrschluss eine Distanz zum Seouler Stadtkern mit seinem Fortschritt und Wohlstand. So wächst Mani in Armut bei ihren Eltern auf, mit denen sie mit Ende Dreißig immer noch zusammen im verfallenen Elternhaus lebt. Sie gilt (vielleicht nicht nur) für südkoreanische Verhältnisse als gescheiterte Existenz. Aus dem Wunsch einer Karriere als Turnerin ist nicht geworden, nach zehn Jahren Anstellung in einer Firma als „Tippse für alles“ wird sie gefeuert, sie ist weiterhin unverheiratet und das Elternhaus soll abgerissen werden, um der fortschreitenden seouler Stadtentwicklung Platz zu machen.

    An diesem Punkt setzt der Roman von Cho Nam-Joo (Autorin von „Kim Jiyoung, geboren 1982“) ein und erzählt aus der Ich-Perspektive von Mani mithilfe ihren Erinnerungen in Form von Rückblenden deren bisherigen Lebensweg und weiteres Fortkommen. Durch konventionelles Erzählen versucht uns der Roman mit solidem Erzählstil die Geschichte dieser Frau näher zu bringen. Nun ist es aber so, dass ich eher unbeteiligt diesen Roman gelesen habe, die Charaktere blieben mir immer ein bisschen fern und kamen mir eben nicht nahe, jedenfalls nicht im Sinne von Sympathien. Denn der Umgang untereinander ist über weite Strecken sehr herzlos. So wird die Mutter von Mani von ihr als eine Frau beschrieben, die in früher Kindheitsjahren eine Entwicklungsverzögerung hatte und bis zum heutigen Tage geistig eingeschränkt ist. Das wird nicht so vorsichtig formuliert, wie ich dies gerade getan habe, sondern leider eher abfällig und wenig liebevoll. So erscheint mir auch die Personenzeichnung der Mutter inkonsistent. Wird zunächst beschrieben, dass es eine merkliche Entwicklungsverzögerung mit kognitiven wie auch emotionalen Einschränkungen gibt, heißt es nach einem Zusammenbruch der Mutter bei einem für sie überfordernden Elterntreffen in der Schule „Auch die Lehrerin musste gewusst haben, meine Mutter war vollkommen gesund, aber ich schämte mich für sie.“ Die Mutter wird aber eindeutig als nicht gesund im Buch beschrieben. An anderer Stelle geht es um die schlechte finanzielle Situation der Familie, die im Winter nur selten heizt und mitunter wenig Essen auf dem Tisch hat. Mani soll auf eine Schule mit Turnabteilung gehen, die Eltern verzweifeln über die finanzielle Belastung einer Privatschule, der Vater bekommt einen Herzinfarkt, aber im gleichen Absatz heißt es, ohne zu erläutern, wo denn nun das Geld für die Privatschule hergekommen ist: „Das (der Herzinfarkt) hätte wirklich böse enden können. In die neue Schule ging ich aber trotzdem wie geplant.“ So relativ plump werden Fakten häufig einfach proklamiert in diesem Roman. Cho Nam-Joo geht größtenteils nach dem Prinzip „Tell, don‘t show“, statt andersherum, vor. Keine Frage, dabei bekommt man einige Einblicke in die südkoreanische Gesellschaft, vor allem eben in die unterste Schicht dieser, lernt einiges zur Stadtentwicklung Seouls in den 1980er, 90er, 00er Jahren, aber packen konnte mich die Geschichte dadurch nicht so richtig.

    Sprachlich mutet außerdem etwas merkwürdig die zwischenzeitlich kurz auftretende lapidare Umgangssprache. An Stellen der direkten Rede, an denen gezeigt werden soll, dass die sprechende Person eben Umgangssprache spricht, ist das verständlich. Aber im Rahmen der Rückblicke, die und Mani aus ihrer nun Ende Dreißigjährigen Sicht erzählt, wirkt dies vollkommen unpassend, zumal wir wissen, dass sie mittlerweile das College besucht hat, also einen höheren Bildungsweg und Bürotätigkeiten nachgegangen ist. So kommt es wie Sätzen, die wie dieser hier endet: „Der eigenen Not durch Gesetzesvorstöße, Gesetzesumgehung und Tugendlosigkeit entgehen zu wollen, ist normal, den Dornenweg brav und ehrbar beschreiten zu wollen, ist bescheuert.“ oder „Ich sprang auf und zog meine Hose und Unterhose herunter. Ein dunkelbrauner Fleck. Scheiße. Da hatte ich dem beschissenen Gezanke nun also einen Schlusspunkt gesetzt, indem ich mir selbst in die Hose geschissen hatte.“ oder es ist von „beschissenen Schließfächern“ die Rede, etc. Die Übersetzung des vorliegenden Romans stammt von Jan Henrik Dirks, der nach Ki-Hyang Lee (die kongenial „Kim Jiyoung, geboren 1982“ übersetzte) und Inwon Park (Übers. von „Miss Kim weiß Bescheid“) nun schon der dritte Übersetzer ins Deutsche von Cho Nam-Joo Texten ist. Bei drei deutschsprachigen Übersetzungen insgesamt. Ob es nun an der Übersetzung liegt, oder am Originaltext kann ich nicht beurteilen, nur sind mir solche Formulierungen aus den beiden anderen genannten Veröffentlichungen nicht bekannt. Positiv anzumerken ist erstmalig das Nutzen von Fußnoten, die gewisse südkoreanische Begriffe im Anhang erklären. Leider sind diese ab und an obsolet. Steht zum Beispiel im Text (frei zitiert) „wie eine Braut trug ich folgende Kleidungsstücke…“ wird dazu im Anhang erklärt „Traditionelles Erscheinungsbild der koreanischen Braut bei einer Hochzeit“. Das ergibt sich dann durchaus schon aus dem Originaltext heraus. An anderer Stelle fehlt eine genaue Erläuterung, die man sich zum tieferen Verständnis gewünscht hätte.

    Inhaltlich bietet der vorliegende Roman als neue Facette sicherlich das Thema der Stadtentwicklung Seouls und der damit einhergehenden Verdrängung der ärmeren, einheimischen Bevölkerung im Rahmen des rasanten Fortschritts Seoul in den letzten Jahrzehnten. Bezüglich der vielen Beispiele an konservativen, mitunter misogynen, südkoreanischen Konventionen hat meines Erachtens „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ nicht viel Neues zu bieten. Dies kann auch am Veröffentlichungszeitpunkt des Originaltextes liegen und an dem, was wir mittlerweile an Texten aus Südkorea hier in Deutschland lesen konnten. Denn wichtig ist anzumerken: Der Originaltext stammt, wie auch „Kim Jiyoung, geboren 1982“ aus dem Jahre 2016! Nachdem mit „Miss Kim weiß Bescheid“, im Original 2021 erschienen (Dtl. 2022), eine aktuelle Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht wurde, greift bei „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ der Verlag auf einen alten Text zurück. Und im direkten Vergleich, kann dieser Roman einfach nicht mit der Innovation und erzählerischen Raffinesse (wir erinnern uns an die Erzählperspektive!) mithalten. Sicherlich hat diese deutschsprachige Erstveröffentlichung auch ein Existenzrecht, keine Frage, ich wüsste aber im Zweifel, welches Buch der Autorin ich Interessierten empfehlen würde...

    Somit stellt „Wo ich wohne, ist der Mond ganz nah“ einen guten Roman dar, den man lesen kann, aber nicht muss, wenn man schon zwei, drei südkoreanische Romane mit ähnlichen Themenfeldern gelesen hat. Gestalterisch passt er auf jeden Fall sehr schön in die eigene Sammlung der Cho Nam-Joo Romane.

    3/5 Sterne